Medien: Live-Übertragung von Bord während der Hochseeregatten – ein „Muss“?

Live im Fokus

Best of – Zusammenschnitt täglich von Bord gelieferter Videos

Auf Ultim-Trimaranen segeln Mediamänner mit, von den IMOCA wird live via Satellit berichtet und sogar beim Golden Globe Race werden Drohnen und Filmübertragungen erlaubt! 

Es geht nicht mehr ohne! Die Organisatoren der großen (und kleinen) Hochseeregatten und die Kampagnen ihrer Teilnehmer sind ohne Medienaufmerksamkeit und entsprechende Public Relations nicht mehr überlebensfähig. Im Gegenteil: Der Hochseesegelsport ist an einem Punkt angekommen, bei dem der Wettkampf als solcher nicht mehr unangefochten im Mittelpunkt steht. Viel wichtiger erscheint den Sponsoren, Klassen und Veranstaltern der mediale Rücklauf in Form von zählbaren Werbeauftritten, Public Relations und direkten Kontakten mit den Fans respektive Konsumenten. 

Irgendwie live – bitteschön!

Nun ist das keine neue Erkenntnis. Seit den revolutionären technischen Verbesserungen und Vereinfachungen in der Handhabung bei Videokameras oder Fotoapparaten versucht man in nahezu allen Sportarten, die Zuschauer – ganz egal ob zuhause vor den TV- oder Computer-Bildschirmen oder im unmittelbaren Umfeld der Veranstaltung auf großen Leinwänden – so nah wie möglich ans oder sogar mitten ins Geschehen zu bringen. Wenn’s irgendwie geht „live“ – bitteschön! 

Längst Kult – Tanguy de Lamotte bei der Vendée Globe im Southern Ocean

Wasserdichte Actionkameras und die Übertragungsmöglichkeiten über Satellit haben hier auch die vermeintlich „einsamen“ Sportarten wie Einhand- oder Shorthanded-Segeln den Fans näher gebracht. 

Aufnahmen von heulenden Helden mitten im Sturm auf Hoher See, die via Internet den chipsknabbernden Trainingsweltmeistern in die Wohnzimmer gesendet werden, sind heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Und werden explizit von den Geldgebern eingefordert.

Sei es auf den Minis, Figaros, Class 40, IMOCA oder Ultims – wer eine Hochseekampagne anpeilt, sollte beim Medienzirkus einsteigen. Es sei denn, er oder sie haben das nötige Kleingeld, um sich ohne Sponsoren bei Regatten wie Mini-Transat, Transat Jacques Vabre, Transat Bakerly, Vendée Globe oder Brest Atlantiques einzuklinken. 

Dies gilt auch für die Organisatoren solcher Regatten. Wer seinen Teilnehmern nicht die technischen Möglichkeiten für eine Live- oder zumindest „zeitnahe“ Übertragung zur Verfügung stellt oder zumindest deren Einsatz erlaubt, wird in Zukunft kleinere Brötchen backen müssen. 

Jede Minute unter Beobachtung

Als vorläufiger Höhepunkt in dieser Entwicklung kann die kürzlich beendete Ultim-Regatta Brest Atlantiques bezeichnet werden. Vier von fünf derzeit regattafähigen Trimaranen der spektakulären und nicht minder teuren Monster-Klasse (13 Millionen Euro Baukosten) segelten im Short-Handed-Modus um den Atlantik. Die Regatta galt als der ultimative Test für die Klasse, ob in Zukunft weitere Rennen dieser Art ausgerichtet werden können. Es gab in den letzten Jahren zuviel kostspieligen Bruch auf hoher See, das Image hatte gelitten (SR-Berichte). Doch nicht der Verlauf der Regatta, die mehr oder weniger genialen strategischen „Schachzüge“ auf See waren für den Erfolg der Veranstaltung ausschlaggebend, sondern deren marktwirtschaftliche Resultate. 

Die schönsten und übelsten Momente während der Mini Transat 2019 – von den Seglern selbst gefilmt

Denn der eigentliche Clou dieser Regatta waren vier Mediamänner, die ganz offiziell die Zweierteams auf ihrer shorthanded-Regatta begleiteten und auf jedem Boot im Prinzip jede Geste, jeden gesprochenen oder gekeuchten Satz dokumentierten und mehrmals täglich, meist schon fertig geschnitten, via Satellit in die Kommandozentrale nach Brest und zu den Sponsoren schickten. 

So entstanden genial gefilmte, höchst authentische Eindrücke von Bord, die Millionen Fans begeisterten. Dass etwa Actual, als ältestes Boot, grundsätzlich ein paar Knoten langsamer unterwegs war, geriet völlig in den Hintergrund. Macif und Baron de Rothschild mussten einen Pit-Stop einlegen? Völlig egal! Die nagelneue Sodebo fuhr mit angezogener Handbremse, weil es noch keine Erfahrungswerte mit dem Boot gab? Schnuppe! Alle vier Boot sammelten sich im südlichen Atlantik in einem Sturm, um das Rennen nach den Pit-Stops im Prinzip wieder von vorne zu beginnen? Macht doch nix! 

Amateur-Crew auf Iskareen im Video, das via Satellit übermittelt wurde 

Viel wichtiger erschienen den Feiernden im Ziel der Umstand, dass es diesmal keine Totalschäden gab und vor allem, die Medienaufmerksamkeit dank der heimlichen Helden des Rennens – den Kameraleuten – glänzte. Aufgrund des verschobenen Starts (Wetterunbilden) fehlten zwar zwei Stunden TV-Übertragung in der Bilanz, aber mit zwei Millionen unique usern, die sich die Videos im Internet angeschaut haben, war man dann doch zufrieden. Die Bilanz der jeweiligen Hauptsponsoren steht zwar noch aus, doch lächelt man heute in den Ultim-Rennställen schon befriedigt vor sich hin, wenn das Thema „Medienresonanz“ angesprochen wird.

Quotenrenner Vendée Globe

Auch wenn solche Veranstaltungen per se (noch nicht) die Ergebnisse beispielsweise einer Vendée Globe einfahren können, zeigen sie doch nachhaltig, wie wichtig die Medienpräsenz an Bord, also mitten im Geschehen geworden ist. 

Bei der Vendée Globe 2017 wurde „von außen“ und mit Videos von Bord, die per Satellit übertragen wurden, 1.274 Stunden lang auf 97 Kanälen über die Vendée Globe berichtet. 33 TV-Sender haben den Start live übertragen, der wiederum von 10 Millionen Zuschauern vor den Bildschirmen verfolgt wurde.

Die Facebook-Seite der Vendée Globe zählte 264 000 Fans, bei Twitter gab es 54.000 Follower und 23.800 waren über Instagramm dabei. 71 Millionen mal wurden Vendée Globe-Videos im Internet angeschaut – die Vendée Globe-Seite generierte 260 Millionen Seitenaufrufe, die Mobil-App zusätzliche 85 Millionen. Allein Banque Populaire – Sponsor des Siegers Armel le Cleac’h – zählte einen Gegenwert an Werbefläche in Höhe von 55 Millionen Euro. 

Drohnen bei der Retro-Regatta

Wie gesagt, man kommt nicht mehr drumherum. Das hat auch Don MacIntyre erkannt, Organisator des Golden Globe Jubiläum-Rennens. Bei der Veranstaltung, die sich pur „Vintage“ gibt, bei der die Teilnehmer auf Booten im Retro-Stil alleine ohne Landgang um die Welt segeln, bei der keine elektronischen Navigationsmittel erlaubt sind und nur die Sonne mit dem Sextant „geschossen“ werden darf, sind für die nächsten Ausgabe Drohnen zugelassen! 

Mediamann Yann Riou während des Volvo Ocean Race © VOR

Außerdem dürfen die Teilnehmer über Satellit Fotos und Filme verschicken. Allerdings will man ein System erarbeiten, mit dem es den Seglern NICHT möglich sein soll, sich die GPS-Position oder etwa Wetter-Daten mal eben schnell aus dem Internet zu ziehen. Hinter den Kulissen munkelt man, dass MacIntyre mangels williger Sponsoren zu derartigen Maßnahmen gegriffen habe. Er hofft so auf mehr Unterstützung aus der Wirtschaft und eine höhere Attraktivität für die Kampagnen seiner Teilnehmer. Vorbei die Zeiten, da golden Globe Kult-Teilnehmer Bernard Moitessier seine Film- und Fotomaterialien noch in einer Büchse mit der Steinschleuder auf vorbeifahrende Handelsschiffe schoss. 

Videos NACH dem Rennen – reicht das noch?

Da mag es fast schon anachronistisch erscheinen, wenn sich eine derart charismatische Klasse wie die Mini-Segler bei ihrem alle zwei Jahre gestarteten Regatta Höhepunkt Mini-Transat darauf beschränkt, nach dem Rennen das Filmmaterial ihrer Protagonisten nett zu schneiden um es in einem – jedoch nicht minder spannenden und sympathischen – 10-Minuten-Video zu präsentieren. Denn während der Regatta ist ein Senden des Materials nicht möglich, da einer der wichtigsten Aspekte dieser Einhand-Transatlantik-Regatta die Navigation mit Karte und GPS-Position ist. Kontakt mit der Außenwelt via Satellit ist verboten. Doch auch hier munkelt man schon von maßgeblichen Änderungen im Regelwerk und einer „Anpassung an ein modernes Medienverhalten“.

Zusätzliche Aufgabe

überhaupt, kann man heutzutage überhaupt noch eine anständige Kampagne starten, ohne das ganze von Bord-Live-Übertragungs-Gedöns? Von dem wir Daheimgebliebenen zugegebenermaßen ein Maximum profitieren? Wahrscheinlich nicht. Selbst bei per se medienträchtigen Ausflügen wie Boris Herrmanns Törn mit Greta Thunberg nach New York werden Videos von allen möglichen und unmöglichen Situationen an Bord täglich, wenn nicht sogar stündlich geliefert. Und auch Amateur-Kamapgnen, wie etwa die deutsche Iskareen-Teilnahme bei der Transat Jacques Vabre, kommt nicht mehr ohne aus.

Selbstinszenierung an Bord – schön fürs Fotoalbum und gut für die Kasse! © ppl

 Stellt sich nur die Frage, wann die Konsumenten dessen überdrüssig werden. Schon jetzt werden erste nölende Stimmen in den Foren und Kommentarleisten laut, die von „“ewig gleichen Drohnen-Aufnahmen auf Hoher See“ die „Faxen dicke haben“. Bleibt nur zu hoffen, dass es hier nicht zu einem Wettkampf im Wettkampf kommt, bei dem sich etwa die einhand segelnden Protagonisten für besonders spektakuläre Bilder beim Selfie-Filmen allzusehr in Gefahr begeben. Denn wie ein Solist über Bord fällt, weil er den Medienkasperl gibt – das will nun wirklich kein Segler sehen! 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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