Mini 6.50: Vierzig Boote verpassen Zeitlimit nach vier Tagen – Führender Witzmann ärgert sich

"Unfähige Wettfahrtleitung"

duo concarneau, Mini 6.50, Riechers, Witzmann

Beim Start war noch alles “cool” © duo cc

Es fing alles so schön an für die Deutschen: Riechers und Witzmann bei Protos und Serienbooten in Führung – doch dann konnte sich die Regattaleitung nicht zu einer Bahnverkürzung herablassen. 

Vom 6. bis 9.September lieferten sich die Mini-Segler vor den Küsten des bretonischen Finisterre bis in die südliche Bretagne erneut ein nervenaufreibendes Zweihand-Rennen. Beim „Duo Concarneau“ zeigte sich Windgott Aiolos gelinde gesagt launisch und bot den 29 Serien-Ministen und 15 Prototypen-Crews einen „bunten Strauß“ an Fiesigkeiten – drehende, schwache bis sehr schwache Winde wechselten sich mit Flauten ab. 

Duo Concarneau, Mini 6.50, Riechers, Witzmann

Riechers “geht fremd” und segelt das Zweihand-Rennen mit seinem stärksten Widersacher der letzten Saison © duo cc

Aus deutscher Sicht war die Regatta in zweierlei Hinsicht interessant. Zunächst, weil Offshore-Team-Germany-Champ Jörg Riechers nun doch nicht (wie zunächst angekündigt) gemeinsam mit dem neuen OTG-Teamsegler Morten Bogacki auf „Lilienthal“ an den Start ging. Sondern sich mit seinem stärksten Konkurrenten der vergangenen Saison Francois Jambaud auf dessen „Marée Haute“ zusammentat. Eine vielversprechende Konstellation, die eindeutig auf Sieg in der Prototypenklasse ausgerichtet war. Wäre da nicht die unberechenbare Laune der Windgötter gewesen.

Alles fing klasse an

Bei den Serien-Minis ging mit Hendrik Witzmann und Simon Koster ein mittlerweile schon bewährtes, deutsch-schweizerisches Team auf der Pogo 3 „Sunovation“ an den Start (Siehe SR-Berichte Mini-Fastnet und Witzmann-Qualifier). Zudem zeigte Chris Lükermann auf seiner „Orafol“ gemeinsam mit Sven Vagt „Flagge“. 

Duo Concarneau, Mini 6.50, Riechers, Witzmann

Die schnelle Pogo 3 “Sunovation” hat mal wieder gezeigt, wieviel Potential in ihr steckt. Oder lag’s an den Skippern Witzmann/Koster? © duo cc

Beide deutsche Teams boten klasse Leistungen. Witzmann/Koster führten über nahezu 90 Prozent der Strecke und zeigten selbst dem italienischen Überflieger Ambrogio Beccaaria auf „Geomag“, der (einhand) die vergangene Saison dominierte, dass der Hammer in Zukunft woanders hängen könnte.

Auch Lükermann/Vagt positionierten sich von Anfang an bestens in der stark besetzten Flotte, segelten lange Strecken Top Five bzw. blieben immer in Schlagweite zu den Top-Rängen. 

“Ist das hier eine Cruising-Veranstaltung?”

Und dann das: Nach vier Tagen und drei Nächten auf See, nach einer wahren Nervenschlacht in Strömungen, Flauten und Winddrehern, wird das Rennen von der Regattaleitung am Sonntag Mittag abgebrochen und die Ziellinie „geschlossen“. Zu diesem Zeitpunkt waren erst vier Prototypen im Ziel – alle Serienboote und die restlichen Protos wurden nicht gewertet, obwohl die führenden Serienboote gerade mal 15 Seemeilen vom Ziel entfernt waren.  Nach der Regatta-Ausschreibung eine legitime Angelegenheit, sportlich betrachtet ein echter Faux-Pas.

Duo Concarneau, Mini 6.50, Riechers, Witzmann

Kurz nach dem Start wehte sogar ein richtiges Lüftchen © duo cc

Zumal die Regattaleitung die Möglichkeit gehabt hätte, gemäß der Ausschreibung das Rennen etwa an der südlichen Boje „Le Boeuf“ zu verkürzen und dort eine Wertung vorzunehmen.

Hendrik Witzmann: „Für mich ist das alles eine Farce. Ich bereite mich doch nicht professionell auf ein Rennen vor, gebe viel Geld für die Anreise aus, um dann von einer unfähigen Regattaleitung um eine Wertung gebracht zu werden. Das ist ja wie auf einer Cruising-Veranstaltung – da hätte ich deutlich mehr Entscheidungsfähigkeiten von den Ministen erwartet!“ 

Kürzung wäre möglich und fair gewesen 

Der Berliner zeigte sich vor allem stinksauer über den Umstand, dass man trotz vorhersehbarer Wetterlage nicht am südlichsten Punkt das Rennen abgekürzt habe. Schon dort sei völlig klar gewesen, dass ein Großteil der Flotte das Zeitlimit nicht schaffen würde.  Auch die bei solchen Rennen als besonders wichtig erachteten Qualifikationsmeilen für die nächste Mini Transat hätte man dort zumindest in gekürzter Form gutschreiben können.

Duo Concarneau, Mini 6.50, Riechers, Witzmann

Bahnverkürzung wäre angesagt gewesen © duo cc

So reagierten Lükermann/Vagt wohl etwas zu prompt und drehten nach der Abbruch-Mitteilung über Funk lieber ab, um ihr Boot gleich in den Heimathafen Lorient zu bringen. Dabei hatte Lükermann allerdings nicht berechnet, dass nur mit einem Überfahren der Ziellinie (trotz Regattaabruch) die Quali-Seemeilen bei der Classe Mini gezählt werden.

Kurz nach dem Anlegen in „La Base“ zeigte sich Lükermann jedoch nur wenig enttäuscht:“ Wir haben gesehen, dass wir mit den neuen Segeln gut vorne mithalten können. Auf eine Platzierung oder eben keine Platzierung kommt es mir ehrlich gesagt gar nicht so sehr an. Dafür haben wir eine tolle Zeit und vor allem wunderbare Nächte auf See erlebt – dieser Sternenhimmel ist immer wieder  großartig!“ 

40 Sekunden Rückstand für Riechers/Jambaud

Jörg Riechers und Francois Jambaud waren zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 15 Stunden im Ziel und hatten ihren ersten Schönheitsschlaf schon hinter sich. Doch obwohl sie einen Großteil des Rennens souverän in Führung bestritten, war ihnen letztendlich der Sieg doch nicht vergönnt.

Auf den letzten Seemeilen „schlich“ sich Konkurrent „Tartine cherche du beurre“ (Brotscheibe sucht Butter) mit Axel Trehin und Julien Bourgeois an die Führenden heran und profitierte von einer fiesen Winddrehung auf den letzten Metern. Um vierzig Sekunden verpassten Riechers und sein französischer Kollege den Sieg – nach 330 eher gedümpelten als gesegelten Seemeilen. 

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Riechers und Jambou – Zweite mit vierzig Sekunden Rückstand . Aber eindeutige Sieger im Duo-Grinsen! © duo cc

Die Reaktionen der Segler auf die Entscheidung der Regattaleitung, das Rennen nach vier Tagen und drei Nächten nicht zu werten, fiel ausgesprochen zwiespältig aus. Ein Großteil tobte, um es vorsichtig auszudrücken, andere zeigten wiederum Verständnis (Regel ist Regel).  Auch die Kommentare auf Facebook zeigen: Nicht in allen Situationen bleiben die Ministen cool.

zum nachsegeln: Tracker

 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Mini 6.50: Vierzig Boote verpassen Zeitlimit nach vier Tagen – Führender Witzmann ärgert sich“

  1. avatar ChrisL sagt:

    Kleine Korrektur von mir: ich habe keine „Abbruch-Mitteilung“ bekommen sondern bekam nicht, wie einige andere Boote, die „Verlängerungsmitteilung“.
    Wir gingen also davon aus, dass wir ohnehin keine Meilen gutgeschrieben bekämen, da es ja keine Ziellinie mehr gäbe wenn wir zurück in Concarneau sind. Wie dem auch sei, Spaß hat‘s trotzdem gemacht.

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  2. avatar breizh sagt:

    Jörg Riechers hat halt eine stärkere Beziehungen zu Booten mit dem Namen “mare” im Namen als zum OTG :).
    Aber interessant wäre es schon zu wissen, mit welchem Miniisten (Robert Stanjek oder Morten Bogacki oder beiden) man jetzt was vorhat.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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