Mini Transat: Erwan Le Draoulec (20) ist Favorit im Serien-Mini – Porträt eines Ausnahmetalents

Erwan im Glück

Schönes Video von Erwans 1.000-Seemeilen-Qualifikationstörn, nonstop, einhand… Seekrankheit, Glitsch, Flaute… und wen trifft er am Wendepunkt? Genau: Clarisse Cremer!

Eine Geschichte von Piraten, Töpfen und Pfannen, Kerben im Baum und Stress, manchmal zuviel Stress. Der junge Franzose Erwan le Draoulec könnte die Serienwertung der Mini Transat gewinnen. 

Kann man(n) schon im zarten Alter von 15 Jahren eine Karriere als Hochseesegler anpeilen? Ist dafür der Wille allein schon ausreichend? Und überhaupt, braucht man nicht eine Menge „Schwein“, um sich in so einer Szene als sehr junger Mann sportlich zu etablieren? 

Erwan le Draoulec sitzt lässig auf seinem Pogo 3 Serien-Mini und sortiert im Cockpit den Maxi-Spinnaker, der wohl bei der Trainingsausfahrt eben etwas allzu hektisch verstaut wurde. 

Er hat seinen „Ich-kann-kein-Wässerchen-trüben“-Gesichtsausdruck aufgesetzt, der mittlerweile in der Mini-Szene sozusagen als sein Markenzeichen gilt. „Um ganz ehrlich zu sein: solche Fragen stelle ich mir auch häufig,“ sagt er in zurückhaltendem, für ihn so typischen höflichen Tonfall. „Im gewissen Sinne bin ich aber der personifizierte Beweis dafür, dass dies klappen kann. Ich antworte also: oui, oui und nochmals oui!“ 

“Normale” Kindheit

Tatsächlich ist die Geschichte des Erwan le Draoulec auf den ersten Blick gar nicht mal so ungewöhnlich, zumindest für die französische Hochsee-Szene. Unter den Mini-, Figaro und sogar IMOCA-Seglern finden sich einige Karrieren, die bereits in sehr jungen Jahren auf hoher See begonnen haben und an denen konsequent und erfolgreich weiter gebastelt wurde und wird. Das sind jedoch meistens Segler, die schon als Kind mit ihren Eltern um die Welt geschippert sind, ihre Kindheit segelnd in der Südsee verbracht haben oder jede karibische Insel aus dem Effeff kennen. Der jüngste Vendée Globe-Teilnehmer Alan Roura, ist hierfür ein passendes Beispiel. 

Mini Transat, Erwan Le Draoulec, Porträt

Erwan im Glitsch mit seinem verdammt schnellen Pogo 3 © le Draoulec

Erwans Kindheit und Jugend war jedoch viel „normaler“: Als braves, wohlbehütetes Kind zunächst in der Bretagne, später in der Bourgogne aufgewachsen, spielten sich seine frühen  Abenteuer größtenteils im Kopf ab. „Ich las Bücher über Piraten, hängte Film-Poster auf, hüpfte auf dem Bett rum und enterte dabei feindliche Schiffe,“ erinnert er sich, jetzt immer breiter grinsend. „Daran muss ich heute oft denken, wenn ich alleine auf See unterwegs bin. Früher habe ich von den „Schwarzen Piraten“ geträumt und heute segle ich tatsächlich mit einem schwarzen Großsegel…“ 

Erwans Eltern waren zwar gelegentlich als Fahrten-Segler unterwegs, nahmen das aber mit dem sportlichen Aspekt nicht allzu ernst. Erst als der Vater merkte, dass sich sein Sohnemann für Navigation, Segeln in der Welle, Trimm, Autopiloten etc. Ernsthaft interessierte, begann er über ein Vater-Sohn Projekt nachzudenken. Erwan hatte die (auch in Frankreich üblichen) Jahre auf dem Opti bereits hinter sich und er „begann mehr und mehr von der Hochseesegelei zu träumen“. Er sammelte Artikel, las alles, was ihm dazu unter die Finger kam und „schoss sich auf das Thema ein“, wie er das heute umschreibt. „Natürlich waren das weiterhin alles nur Träumereien, aber es formte sich ein Wille,“ sagt er heute. „ Ich hielt stur an dem Gedanken fest: Du machst das, irgendwann, irgendwie!“ 

Erste Einhandregatta mit 16

Der Vater klinkte sich in die Träume seines Sohnes ein und kaufte schließlich eine ältere Pogo1. „Die Mini-Klasse ist nun mal der perfekt Einstieg in die Hochseeszene. Und budgetär war das auch überschaubar,“ sagt Erwan heute. „Als ich nach einjährigem Training die erste Regatta mit meinem Vater segelte, war ich 15, meine erste Einhandregatta folgte dann mit 16!“ 

Mini Transat, Erwan Le Draoulec, Porträt

Hat allen Grund zur Zufriedenheit – auch wenn die Mini Transat erst noch ansteht: Der 20-jährige Erwan Le Draoulec © miku

Viele Ministen der Lorient-Szene erinnern sich heute noch daran, wie es rund um Erwan bei seinen ersten Solo-Regatten zuging. Die Großeltern stellten meistens einen Campingcar am Start- oder Zielort auf, baten die erwachsenen Ministen, doch einen Blick auf ihren Enkel zu werfen und fuhren dann mit dem Zug wieder nach Hause. „Bei diesem Campingcar war dann abends immer Party angesagt, schließlich sollten die Älteren ja auf mich aufpassen!“ 

In dieser Zeit bildete sich Erwans „fester Wille“ weiter aus. „Dass in so einem Umfeld immer und wirklich immer nur von der Mini Transat gesprochen wird, kann man sich vorstellen. Logisch, dass ich so schnell wie möglich dabei sein wollte.“ 

Der Vater hatte in der Zwischenzeit kapiert, dass er nur noch Staffage war und überließ seinem Sohn den Mini fürs Training und Träumen. 

Doch mit einem etwas ramponierten Pogo 1 eine Mini-Transat anzugehen, „das war schon eine echte Herausforderung,“ erinnert sich Erwan heute. Außerdem ließen die Eltern in einem Punkt nicht mit sich spaßen: Das Abitur muss geschafft sein, bevor Du auch nur an solche Projekte denken darfst!“ 

Sponsorensuche? Mach ich selbst!

Also büffelte der vor allem naturwissenschaftlich und technisch begabte junge Mann in der Schule weiter, kümmerte sich aber zeitgleich um – ja tatsächlich – Sponsorensuche für die Transat. „Ich wollte einfach mal sehen, ob da auch was für Typen wie mich „drin“ ist.“ 

17 Jahre war er damals jung, als er Klinken putzen ging und sich eine Abfuhr nach der anderen einholte.

Bis  er einen Tipp aus dem familiären Umfeld bekam. Da gebe es Frankreichs größten Küchenkeramik-Hersteller „Emile Henry“, ansässig im tiefsten und meeresentfernten Burgund, dessen beide Bosse offenbar begeisterte Segler seien. „Ich wurde dort wirklich bis in die oberste Etage vorgelassen, durfte von meinen Träumereien und Spinnereien erzählen… und stieß auf ein gewisses Interesse!“ 

Mini Transat, Erwan Le Draoulec, Porträt

Kann auch anders, sieht nur so harmlos aus… © miku

Zunächst musste jedoch das Schicksal auf seine ganz besondere Weise eingreifen: Nur wenige Tage später fiel Erwans Pogo 1 vom Haken! 

„Ein Gurtring hatte sich aus dem Deck gelöst, das Boot war Totalschaden, nichts mehr zu machen. Für mich platzten damit alle Träume wie Seifenblasen.“ Denn soviel wusste der junge Seesegler schon: Versicherungen zahlen, wenn überhaupt, eher schleppend. Und für weitere Investitionen waren kaum noch Gelder vorhanden. 

Doch nur wenige Tage später meldeten sich die beiden Emile Henry-Bosse. Sie hatten von Erwans Malheur erfahren und machten einen traumhaften Vorschlag: „Wir reden mal mit Deiner Versicherung, lassen dir aber in jedem Fall schon mal einen neuen Pogo 3 bauen. Du stehst ab sofort bei uns unter Vertrag!“ 

„Nach dem vielleicht traurigsten Moment in meinem Leben folgte gleich der glücklichste,“ sinniert Erwan heute. „Ich war mit den Nerven völlig am Ende!“ 

“Eigenbau” Pogo 3

Der Rest ist Geschichte. Oder zumindest eine in der Mini-Gemeinde sehr bekannte Geschichte. Erwan war bereits in den Abitur-Vorbereitungen (in Frankreich meistens mit 17 Jahren), als er ein Praktikum in einem Betrieb machen sollte. Fragen kostet ja bekanntlich nichts, sagte sich Erwan, und er hakte frech bei der Pogo-Werft Structure nach, ob er nicht… 

Prompt erhielt er die Gelegenheit an „seinem“ Mini selbst Hand anzulegen. Und die Bootsbauer waren so begeistert von seiner Arbeit und Hingabe, dass sie ihm ermöglichten, später beim Bau, sozusagen nach der Schule, Schritt für Schritt weiter mitzuwirken. „Ich war gerade 18 Jahre alt geworden, als mein nagelneuer Pogo 3 mit den bunten Emile-Henri-Töpfen auf dem Rumpf, zu Wasser gelassen wurde!“  

Mini Transat, Erwan Le Draoulec, Porträt

Als jüngster Teilnehmer der kommenden Mini Transat und als Führender im Serien-Classement, ist Erwan einer der meistfotografierten Ministen dieser Saison © Simon Jourdan

Dass sich Erwan danach nicht nur als technisches und wirtschaftliches Talent bewies, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Seit seinen ersten Trainingseinheiten auf dem neuen Boot segelt er wie entfesselt. 

Letztes Jahr schaffte er es auf Rang 5 in der heiß umkämpften Mini-Serienwertung, dieses Jahr führt er dieselbe jetzt, einen Monat vor dem Start zu seiner ersten Mini Transat, sogar an. Er gewann allein in diesem Jahr die Regatten Bretagne Sud, Mini en Mai und Mini Fastnet, bei Agners Peron und bei der Transgascogne wurde er Zweiter. 

Doch er winkt ab. „Bei der Zweihandregatta Mini Fastnet war ich zusammen mit Clarisse Cremer unterwegs. Und die Transgascogne habe ich gegen… Clarisse Cremer verloren!“ Vor allem Letzteres zeichnet ihm Sorgenfalten auf die Stirn. 

Steigender Stresspegel

„Wirklich, Clarisse ist eine gute Freundin und wir segeln ja jetzt schon ein paar Jahre gegeneinander und gemeinsam, arbeiten viel miteinander an den Booten. Aber… “ sagt er wieder mit diesem braven Lächeln im Gesicht, wendet kurz den Kopf und meint etwas verlegen. „…Clarisse ist mittlerweile verantwortlich für einige Kerben in meinem Boot!“ 

Mini Transat, Erwan Le Draoulec, Porträt

Erwan will später den klassischen Hochsee-Aufstieg gehen: Nach dem Mini in die Figaro-Klasse und dann… © favreau

Kerben im Boot? Kollisionen? Nein, dieser immer so ruhig, höflich, zuvorkommend und vor allem beherrscht wirkende Sympath wird „zum Tier, wenn etwas an Bord nicht klappt oder wenn andere besser segeln“ als er. Dann kommt es vor, dass er kurz, aber heftig die Nerven verliert und mit der Winschkurbel auf den Baum einschlägt oder den Rumpf malträtiert. Ein rundes Dutzend Einschlagkerben sind somit der Beweis für einige gestresste Minuten in der Vergangenheit. 

„Und ich denke mir, dass noch weitere hinzu kommen,“ macht der jüngste Teilnehmer der kommenden Transat deutlich. „Denn bei mir steigt gerade der Stresspegel. Diese ganzen Vorschusslorbeeren, gleichzeitig aber auch die ganzen Unwägbarkeiten während der Transat, der Respekt vor dem Meer, die Sorgen um das Wetter… und ich weiß jetzt schon, dass ich wieder hundsmiserabel starten werde, weil ich bisher immer schlecht gestartet bin. Dieser Stress bis ich dann wieder vorne bin…“ Erwan echauffiert sich etwas, um dann abrupt auszuatmen, zur Ruhe zu kommen und lächelnd zu sagen. „Aber es gibt schlimmere Schicksale, oder?“ 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Mini Transat: Erwan Le Draoulec (20) ist Favorit im Serien-Mini – Porträt eines Ausnahmetalents“

  1. avatar addi sagt:

    Toller Bericht, miku, danke!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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