Mini-Transat: Bogacki mit Autopilot-Problemen? – Schwachwindzonen lauern schon

Einbiegen auf die Zielgerade

Klasse Performance: Derzeit Rang 3 für den Foiler-Pogo-Prototypen. Ein Boot, das erst vier Monate vor dem Start ins Wasser kam! © mini-transat

Beccharia segelt wie entfesselt, Jambou setzt deutliche Akzente und die lang auseinander gezogene Flotte könnte sich bald wieder näher kommen. Pechvogel des Tages: Morten Bogacki. 

Seit unserem letzten Update (SR-Bericht) war reichlich was los bei der Mini-Transat. Der angekündigte und letztendlich von den meisten Teilnehmern auch erhoffte Reachkurs unter kernigen Bedingungen entlang Portugal sorgte für packende Speed-Duelle. Vor allem die Skipper der ersten drei Prototypen Jambou, Trehin und Brouellec lieferten sich harte Positionskämpfe, bei denen es um Zehntelknoten Geschwindigkeitsunterschiede ging. Letztendlich schaffte es Jambou auf dem Sieger-Boot der Mini-Transat 2017 mit konstantem Maximalspeed, einen vorerst entscheidenden Vorsprung von bis zu 40, zuletzt jedoch schrumpfenden 30 Seemeilen auf seinen direkten Verfolger Trehin heraus zu fahren (Stand Freitag, 10 Uhr). 

Jambou im Inneren seines Überflieger-Prototypen © Breschi/mini-transat

Der zunächst stark und aussichtsreich auf Rang 4 positionierte Deutsche Morten Bogacki musste ganz offensichtlich den harten Bedingungen auf See Tribut zollen. Seit mehr als 24 Stunden dümpelt immer mal wieder stundenlang mit ein bis 2 Knoten im Atlantik, während seine Konkurrenten mit deutlich über 10 Knoten Geschwindigkeit auf und davon eilen. 

Handbremse gezogen

Oliver Tessloff, der für und mit SR das Rennen verfolgt, erklärt: „Das Allerwichtigste ist, dass Morten den Button auf dem Tracker gedrückt hat und damit der Wettfahrtleitung signalisiert, er ist an Bord. Da konnte man sich gestern, als er mit zwei Knoten driftete, nicht absolut sicher sein. Was das Problem an Bord ist, ist völlig unklar und wäre reine Spekulation. Behoben ist das Problem aber definitiv nicht, denn aktuell ist er wieder sehr langsam unterwegs. Bleibt zu hoffen, dass er körperlich unversehr ist. Egal was an Bord der „Lilienthal“ passiert ist – für Morten, der sich so stark unterwegs war, super ärgerlich. Mittlerweile hat er einen Rückstand von ca. 150 Seemeilen. “

Die Regattaleitung hat auch Stunden später keine näheren Informationen zu Morten Bogackis Problemen, tippt jedoch auf ein Problem mit dem Autopiloten.

Ab in den Hubschrauber

Andere Teilnehmer hatten noch viel mehr Pech. Wie etwa der Tscheche Pavel Roubal, der 50 Seemeilen querab Nordportugal mit einem UFO kollidierte und dabei schwere Schäden am Heck seiner Pogo 3 erlitt. Er schaffte es nicht, den Wassereinbruch zu stoppen und gab schließlich einen Mayday-Ruf ab. Pavel wurde von der portugiesischen Küstenwache mit einem Helikopter unverletzt abgeborgen. 

Morten Bogacki – was ist auf seinem Boot nur los? © brschi/mini-transat

Sportlich betrachtet ist vor allem der Speed an der Spitze der Serienflotte bemerkenswert. Dort sorgt erneut der Italiener Ambrogio Beccaria für Furore, nachdem er sich noch vor zwei Tagen einen kleinen Faux-Pas geleistet hatte und zeitweilig auf Rang 5 zurück fiel. Oliver Tessloff: Der Bursche segelt wie entfesselt. Teilweise bringt er seine Pogo 3 auf Durchschnittsgeschwindigkeiten, die sogar über dem Speed der besten Prototypen liegen. Ambrogio zeigt, was man aus so einem Boot heraus holen kann. Mittwoch und Donnerstag schaffte er sagenhafte 275,75(!) Seemeilen in 24 Stunden, das sind 11,5 Knoten im Durchschnitt! Hier wird also deutlich, dass man selbst mit einem Serienboot durch die richtige Technik, richtiges Abwägen von Risikobereitschaft und möglicher Boots-Perfomance wirklich Herausragendes abliefern kann! Es ist beeindruckend welche Performance-Reserven in der P3 stecken“

Bleibt jedoch abzuwarten, ob Ambrogio für die sicherlich enorme Materialbelastung nicht irgendwann mit Bruch „bezahlen“ muss.

Apropos Boots-Performance. Oliver Tessloff, der nicht zuletzt seit seinem Klassensieg bei der Baltic 500 auf einem Vector-Scow die neuen Serien-Plattbug-Minis ausgesprochen wohlwollend beobachtet, zeigt sich enttäuscht über das bisherige Abschneiden der zwei Scow-Serienmarken Vector und Maxi. Insbesondere bei den hohen Erwartungen. Nur ein Scow segelt  in den Top Ten. Ansonsten nur P3s. Keni, ein sehr guter Segler und 4. der Proto-Wertung beim letzten MT, im Moment “nur” auf Platz 15. Paul Cloarec auf Rang 14, ebenfalls ein Top-Mann. Grundsätzliches wird sich daran auf der ersten Etappe nicht mehr ändern. Bleibt die 2. Etappe für die Maxi und Vector um zu zeigen, dass sie es besser können. Ansonsten freue ich mich auf die Pogo 4.”

Hat Hendrik Witzmann mittlerweile seinen Frieden mit Rang 16 gemacht? © miku

Gleich hinter Keni Piperol wird übrigens Hendrik Witzmann auf Rang 16 aufgeführt. Tessloff: „Hendrik scheint seinen Rythmus gefunden zu haben und holt ganz offensichtlich Optimales aus seinem Boot heraus. Zwar sind seine Speed-Werte nicht mit dem führenden Italiener zu vergleichen, doch macht er im direkten Vergleich zur umliegenden Konkurrenz einen konstanten Eindruck. Hier sind vielleicht doch noch ein paar Plätze nach oben möglich!“

Ohr am Weltempfänger

In den kommenden Stunden wird sich ein Hochdruckkeil den Ministen auf ihrem Weg gen Gran Canaria regelrecht in den Weg stellen. Hier erwarten die sowieso schon gestressten Teilnehmer nervenaufreibende Stunden, vor allem, wenn es um die Bewertung der aktuellen Wettersituation und -daten geht. Tessloff erinnert sich: „Wir waren 2017 in einer ähnlichen Situation und wurden auf der Zielgeraden von Schwachwindzonen eingebremst. Für die Ministen ist das besonders anstrengend, weil durch Schlafmangel die Nerven sowieso schon blank liegen. Und jetzt kommt es dann auch noch auf die richtige Wetteranalyse an. Man muss sich das so vorstellen: Die Segler sitzen eingeklemmt zwischen Spi-Säcken in ihren „Höhlen“ und horchen angestrengt auf die knarzenden und knarrenden Durchsagen aus einem Weltempfänger. Die Organisatoren stellen den Teilnehmern ein Mal am Tag spärliche Informationen zur Verfügung, mit denen sich die Ministen ihre persönliche Wetterkarte malen müssen. Zunächst gibt es grobe Info, etwa wo sich eine Hochdruckzone gerade ausbreitet. Danach gibt es dann die Wind-Vorhersagen für bestimmte Gebiete. Daraus müssen die Ministen ihre Schlüsse ziehen, was alles andere als einfach ist! So kommen manchmal strategische Entscheidungen zustande, über die man sich hinterher nur wundern kann!“ 

Pavel Roubal wurde per Helikopter von seinem Boot abgeborgen © breschi/mini-transat

Da haben wir es als Internet-Segler deutlich einfacher, weil wir unterschiedliche Wettervorhersagen mit Windrichtungen etc. auf verschiedenen Modellen im Internet begutachten können. Und was man dort derzeit sieht, ist teilweise ölige Flaute, auf die das Mini-Transat-Feld zusegelt. Oliver Tessloff: „„Selbst von Land aus mit all’ unseren Hilfsmitteln kann man nur äußerst vorsichtige und vage Tipps abgeben. Es sieht so aus, dass mal wieder der Westen die Wahl der Dinge ist, wo ab Samstag eine Front von Nordwesten kommend durchzieht und dort der Wind zuerst wieder einsetzt!“ Andererseits liegt die Zielinsel Gran Canaria in den nächsten Tagen in extremen Schwachwindzonen, die sich teilweise sogar zu völliger Flaute abschwächen.“ Tessloff: „Die Wettersituation ist sehr instabil. Es wird tricky und spannend!

Also: dranbleiben!

Tracker 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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