Mini-Transat: Bogacki und Witzmann in Las Palmas – Pech mit Autopiloten und Wetterrouting

Die Wunden lecken

Morten Bogacki an der Pinne – hier noch beim Start. Hätte er wohl nicht gedacht, dass er die meiste Zeit der 1. Etappe rudergehen muss © breschi/mini-transat

Von rosa Flüssigkeiten im Boot, herausgerissenen Travellerschienen, akustischen Halluzinationen, Würfelhusten, 18-Knoten-Glitsch und ziemlich zufriedenen Gesichtern im Ziel der ersten Etappe.

Wie lautet noch der alte Salzbuckel-Spruch? „Das Schönste an der Seefahrt ist die Ankunft im Hafen!“ Wenn auch solche altväterlichen Weisheiten im modernen Hochsee-Regattasport nur noch selten Anwendung finden, kommen sie einem doch in den Sinn, wenn man in die Gesichter der Ministen blickt, die gerade die 1. Etappe vor Las Palmas/Gran Canaria beendet haben. Nach mehr als neun Tagen auf See steht jedem Einzelnen von ihnen das Glück ins Gesicht geschrieben, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu verspüren. 

Morten Bogacki im Ziel der 1. Etappe – etwas fertig © breschi

Aufregung, körperliche Erschöpfung, vor allem aber extremer Schlafmangel bilden einen Cocktail, der eigentlich unbeschreiblich ist. Man muss es zumindest im Ansatz einmal selbst gespürt haben, um zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man tage- und nächtelang alleine auf See unterwegs ist. Ganz zu schweigen von der Herausforderung, so viel wie möglich in allen nur denkbaren Wettersituationen aus seinem Boot heraus zu holen. 

Entsprechend kann man jedem Einzelnen unter den Finishern dieser 1.Mini-Transat-Etappe das Glück abnehmen, das sie auf dem Steg des Yachtclub von Las Palmas  verspüren und ausstrahlen. „Endlich angekommen,“ dürfte aktuell jedenfalls der meistzitierte Spruch in der Ministen-Runde sein.

Vollkatastrophe!

Nach dem ersten Glücksstrahlen macht sich jedoch bei manchen Finishern auch die eine oder andere Sorgenfalte auf der Stirn breit. So sind einige Ministen noch ziemlich weit von ihrer angepeilten Platzierung entfernt. Und müssen sich in den kommenden Tagen um die Gründe kümmern, die dazu führten. 

Keni Piperol auf seinem Serien-Scow © breschi

Allen voran Morten Bogacki. Der Deutsche Prototyp-Segler war auf der Scow „Lilienthal“ auf Rang 4 vielversprechend aus der Biskaya heraus gekommen und gen Süden abgebogen. Auf Höhe Portugal wurden dann jedoch erste Probleme auf dem Tracker ersichtlich. 

Nach seiner Zielankunft auf Rang 11 (9 Tage :10 Std.) bestätigte er die Vermutung der Regattaleitung, dass er massive Probleme mit dem Autopiloten gehabt habe. 

Oliver Tessloff, Mini-Transat-Beobachter für SR, konnte Morten nach der ersten Mütze Schlaf telefonisch erreichen: „Mortens Probleme fingen offenbar damit an, dass der Regatta-Kompass in einer Leichtwindphase kurz nach der Biskaya plötzlich nicht mehr richtig funktionierte. Auf seinem Kurs außen um die Verkehrstrennungszone hatte Morten zwar das bessere Wellenbild und musste nicht in einer derart chaotischen See segeln, wie die anderen, die größtenteils östlich des VTG blieben. 

Leichte Enttäuschung bei Keni Piperol im Ziel © brschi

Doch vom Elend blieb Morten nicht verschont, weil ihm in den starken Nordwestwinden ein Teil der Travellerschiene heraus brach. Dabei entstanden Löcher im Deck, durch die Wasser ins Boot drang. Bei der notdürftigen Reparatur wurde jedenfalls reichlich Sica verbaut! Nach der Traveller-Reparatur fing die Problematik mit dem Autopiloten an. Der ließ sich zwar einschalten, brachte aber keine Kraftübertragung aufs Ruder. Morten hat kurz darauf eine rosa Flüssigkeit im Boot gefunden, weiß aber bis heute nicht, woher die kam. Dies könnte ein Zeichen sein, dass der Autopilot-Drive völlig zerstört ist. Dafür spricht auch, dass die klassische Notfall-Maßnahme in so einem Fall nichts mehr half: Morten setzte den Pinnenpiloten (also den Ersatz-Autopiloten) an, der funktionierte zunächst etwa eine Stunde, bis auch der die Arbeit verweigerte. Vollkatastrophe!“ 

Akustische Halluzinationen 

Auf Tessloffs Frage, wie man denn fünf Tage ohne Autopiloten auf einem Mini segelt, antwortete Bogacki: „Ganz einfach – das geht gar nicht! Man kann auf diesen Booten ja nicht einfach die Pinne festlaschen! Du sitzst stunden- und tagelang an der Pinne, schlafen klappte nur, wenn man mit Fock back beidrehte. Irgendwann fingen dann die Halluzinationen an. Die waren bei mir eher akustischer Natur, wohl „inspiriert“ von dem ewigen französischen Gequassel der Ministen untereinander über Funk. Zum Glück konnte ich mit meinem MP3-Player gegenhalten!“

Violette Dorange war mit den Nerven ziemlich fertig, als sie letztendlich in las Palmas auf dem Steg stand. War wohl doch alles ein bisschen viel für eine 18-Jährige © breschi

Allein das Essen ist in solchen Situationen ein Abenteuer. Man kann nur kurz die Pinne loslassen, muss runter unter Deck sprinten, schnell was Essbares in die Plicht werfen und dann gleich wieder ran an die Pinne. Etwas Warmes zuzubereiten war mit Sicherheit eine echte Herausforderung!“ 

Erst am Montag kam Bogacki wohl wieder in den Regattamodus, als er sich ernsthaft Gedanken machte, wie er denn Las Palmas anzusteuern habe.“ Tessloffs Einschätzung aus der Ferne über die Schäden an Bord: „In 14 Tagen die Schäden an und unter der Travellerschiene reparieren plus das gesamte Steuersystem austauschen – das wird abenteuerlich!“ 

Doch nicht nur Morten Bogacki musste sich unterwegs mit technischen Problemen herumschlagen. So segelte etwa Keni Piperol auf seinem Vector-Scow, durchaus ein Top Five-Aspirant bei den Serienbooten, auf einen für ihn enttäuschenden 14. Rang.

Witzmann auf seiner Pogo3 © breschi

Als Grund dafür gab er „trotz hervorragender Leistung seines Scows“ u.a. ein Problem mit der Energieversorgung an. Oder Violette Dorange.Bei der 18-Jährigen (Rang 22) luden die Solar-Panels die Batterie nur unzureichend auf! „Nachts fuhr ich im totalen Blackout über die See. Es war zum Fürchten!“ 

Zwei Tage seekrank

Wer jedoch seinen Frieden mit seiner Platzierung gemacht hatte, war Hendrik Witzmann. Der zweite Deutsche im Ministen-Feld äußerste sich auf dem Steg direkt nach der Zielankunft zufrieden bis selbstkritisch über seinen Rang 16: 

„Ganz ehrlich, das war eine wirklich klasse Erfahrung. Ich wäre zwar gerne besser platziert hier angekommen, aber ich glaube, ich habe einfach zu viele Fehler gemacht. Das Boot lief wirklich schnell, fast alles klappte an Bord, also lag es wohl an gewissen strategischen Entscheidungen von mir. Die ersten zwei Tage war ich seekrank und ich fragte mich dauernd: „Verdammt, was mache ich hier?“ Doch nach dieser Zeit war ich wirklich glücklich, auf dem Meer zu sein. Wir hatten ja die unterschiedlichsten meteorologischen Situationen, das war schon echt verrückt. Hätte nie gedacht, dass ich mich nach acht oder neun Tagen auf See noch so wohl fühlen würde!“ 

Hendrik Witzmann: “Ich weiß jetzt erst, was Hochseesegeln wirklich ist!” © breschi

Nach einigen Stunden Schlaf präzisierte er im Telefongespräch mit SR: “Es war ein unglaubliches Abenteuer. Ich habe jetzt erst festgestellt, was Hochseesegeln wirklich bedeutet. Klar, ich hab’ ja immer gesagt, dass ich stolz darauf bin, mein Boot wirklich schnell segeln zu können. Aber jetzt weiß ich aus eigener Erfahrung, dass dies nur einer von vielen Aspekten einer Mini-Transat ist. Zum Beispiel die komplexe meteorologische Lage hat mich einfach überfordert. Ich habe bestimmte Situationen völlig falsch eingeschätzt – da hilft dir dann auch kein Bootsspeed mehr! Außerdem lag das Routing meines Wetter-Beraters ziemlich daneben, aber das hätte ich dann eben selbst unter den gegebenen Umständen korrigieren müssen. Wenn ich das gekonnt hätte! Außerdem fiel gleich zu Beginn mein AIS aus. Ich segelte quasi sieben Tage und acht Nächte ohne eine Ahnung, wo die anderen unterwegs sind. Dennoch – was für ein Erlebnis! Monduntergänge auf Hoher See, 4-5 Meter hohe Wellen, Glitschfahrten bis zu 18 Knoten, aber auch Stecker, bei denen ich quer durchs Boot geflogen bin und mir den Rücken geprellt habe. Dabei habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu meinem Boot aufgebaut. Und die letzten Tage war mir dann meine Platzierung völlig egal geworden. Ich war schlicht  froh, dabei zu sein. Nur die Zielanfahrt Richtung Las Palmas, die hätte ich mir etwas anders gewünscht: Es war stockdunkel und plötzlich sehe ich eine Lichterkette, vermeintlich am Horizont. Ich denke: Das muss die Stadt sei. Bis dann die Lichterkette stramm auf mich zufährt! Es war ein Kreuzfahrtschiff, das weiter auf mich zuhielt. Erst im letzten Moment, nachdem ich über Funk Kontakt mit der Brücke des Schiffs bekam, bogen sie ab. Das hätte ein böses Ende eines tollen Abenteuers gegeben! ”

Ergebnisse, Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Mini-Transat: Bogacki und Witzmann in Las Palmas – Pech mit Autopiloten und Wetterrouting“

  1. avatar jorgo sagt:

    Miku, Du bist der wahre Reporter unter dem Segel! Immer wieder toll und interessant zu lesen und präzise, mit hohem Sachverstand geschrieben!
    (Vllt. kannst Du Deinem Kollegen mal Nachhilfe geben – er kann z.B. eine Beneteau nicht von einer Bavaria unterscheiden …. u.a.)

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 3

  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Respekt an Morten Bogacki! Krass, die ganze Zeit am Lenker hocken zu müssen.
    Ich drücke ganz fest die Daumen, dass er seinen Traveller und den Autopiloten wieder flott bekommt.
    Selbstverständlich auch ein dickes Lob an Hendrik Witzmann! Sich selbst an die eigenen Grenzen führen ist immer ein dickes Ding. Toll, dass er so selbstkritisch ist. Warten wir mal ab, wenn er auch noch so eine klasse Strategie entwickelt, wie er schnell segelt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 1

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