Mini Transat: Erste echte Flugbilder vom Kraken-Proto – ein Einschüchterungsversuch?

Vollständig abgehoben

 

So richtig auf den Foils sah man den Mini-Prototypen von Tanguy Bouroullec eigentlich nie. Deshalb ist diese erste Flugshow besonders spektakulär. Will Tanguy damit seine Gegner einschüchtern?

Bilder, die für Aufmerksamkeit sorgen: Nicht nur Mini- oder Foil-Enthusiasten (und solche, die sich für beides begeistern können) haben bei den jetzt veröffentlichten Fotografien vom „fliegenden“ Pogo-Prototyp-Mini entzückt die Augenbrauen hochgezogen. Denn irgendwie waren solche „Flugbeweise“ längst überfällig – obwohl oder gerade weil der mit Kraken-Foils bestückte Prototyp aus dem Hause „Structures“ bereits die gesamte Saison über mit sehr guten Regattaerfolgen Flagge zeigt. 

Hoch genug für die lang gezogene Tradewind-Welle? © riou/stichelbaut

Seitdem der Prototyp mit seinem Kraken-Foil-Design, wie es ähnlich auch im America’s Cup verwendet wird, zumindest optisch für Furore sorgt, ist die Diskussion im Gange, ob die 6,50 m kurze Kiste sich auch vollständig auf die Anhänge stellen kann. Und ob dies überhaupt gewünscht sei. 

969 kann auch anders!

Skipper Tanguy Bouroullec hielt sich mit entsprechenden Aussagen wohlweislich zurück. Denn nichts ist doofer, als vollmundige Versprechungen, die dann doch nicht erfüllt werden können. So beschränkte sich der 25-jährige Sohn des Structure-Werftgründers in dieser Saison aufs Segeln, Segeln und nochmals Segeln. Nicht zuletzt, weil er für die diesjährige Mini-Transat noch 1.000 Qualifikations- und reichlich Regattameilen mit seinem Prototypen sammeln musste.

Mit Ergebnissen, die sich sehen lassen können: Ein dritter Prototypen-Platz bei der Mini Fastnet in diesem Jahr war schon mal durchaus vorzeigbar. Wie oft das Boot dabei auf seinen Kraken-Foils unterwegs gewesen sei, beantwortete Tanguy allerdings mit mildem Lächeln und einem „kein Kommentar“. 

Bei allen veröffentlichten Fotografien sah man die 969 „nur“ in leicht angehobener Flugphase – so richtig auf die Kraken hatte sich das Boot offenbar über längere Strecken noch nicht gestellt. Oder die Fotografen waren dann einfach nicht in der Nähe. Was etwa mitten auf dem Ärmelkanal ja durchaus verzeihlich ist. 

Daraus entstand die Annahme, dass Konstrukteur Verdier das Boot „vernünftig“ mit Foils bestückt habe. Soll heißen: auf langen Strecken und besonders auf Hoher See visiert man sowieso keine vollständige Flugphase an, sondern rechnet eher mit einem anhebenden Moment. 

Das sieht Oliver Tessloff etwas anders. Der bestplatzierte Deutsche in der Serienwertung bei der letzten Mini Transat stellt klar: „”Build by Structures” “Designed by Verdier” – was kann da schief gehen? Es würde mich sehr wundern, wenn Structures keinen Plan hätte, wie die Foils zumindest phasenweise beim Transat in Aktion versetzt werden können. Wenn das Boot hält und zuverlässig ist, wird das ein ganz heißes Eisen!“ 

Foilbar in Tradewinds

Entsprechend entzückt zeigt sich die Mini-Gemeinde nun von den Bildern der vollständig angehobenen 969. Die allerdings noch nicht das Problem mit der Welle lösen. Denn bei einem kurzen Boot sind die Foils entsprechend kurz angelegt. Die „Flughöhe“ ist, wie deutlich auf den Fotografien sichtbar, also nicht mal oberhalb moderater Wellen. Was dann den Einsatz von Foils bei entsprechenden Windstärken etwa in der Biskaya oder rund Kap Finisterre per se unmöglich macht.

Oliver Tessloff sieht aber dennoch gewisse Chancen für einen optimalen Foil-Einsatz während der Mini Transat: „Keine Ahnung, ab welchem Speed sich das Boot auf die Foils hebt. Bei moderaten Tradewinds von um die 20 Knoten, könnte das doch durchaus machbar sein. Die Welle ist dabei ja tendenziell eher lang. Dann stellt sich die Frage welchen TWA das Boot mag und wie sich die VMG Downwind Performance im Vergleich zu den anderen verhält. Wie das allerdings alles nachts, bei mehr Wind und in Squalls funktionieren soll, ist mir ein Mysterium. Aber: Tanguy wird das schon machen!“

Mini Transat, Foil, Prototyp

Das Thema Foils an Minis ist noch längst nicht “durch” © riou/stichelbaut

Überhaupt gibt die Ministen-Szene „ihrem“ Tanguy Bouroullec reichlich Vorschusslorbeeren mit auf den Weg. Denn er gilt nicht nur aufgrund seiner hervorragenden Platzierung in der Serienwertung bei der letzten Mini Transat (Rang 4 mit 23 Jahren) als großer Hoffnungsträger in der Classe Mini. Sondern auch sein unermüdlicher Einsatz während des Baus des neuen 969-Prototypen und seine Absprachen mit Foil- und Bootsdesigner Verdier zeigen, dass er mit Leib und Seele an an dem Projekt „fliegender Mini“ hängt. Dass ihm dafür in der väterlichen Werft beste Voraussetzungen geschaffen wurden, kommt noch hinzu. 

Bremst kaum bei leichten Winden

Doch in der Mini-Szene kursiert noch eine andere Antwort auf die Frage, ob sich Tanguy Bouroullec und sein Kraken-Foiler wirklich auf der Transat bewähren werden.  Denn letztendlich werden solche Regatten auch in leichten Winden entschieden – bisher grundsätzlich ein Problem für Foiler, die gegen Nicht-Foiler segelten. Nicht so bei Tanguy: Er schaffte bei der Transgascogne, die dieses Jahr von sehr leichten und drehenden Winden geprägt war, einen hervorragenden 2.Rang in der Gesamtwertung der beiden Etappen. Nach mehr als 4 Tagen reiner Segelzeit kassierte er nur 41 Minuten Rückstand zum Erstplatzierten. 

Wer weiß also, vielleicht sieht die diesjährige Mini Transat zum ersten Mal einen Sieger auf Foils? Es wäre nur „ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein riesiger Sprung für die Ministen!“

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Michael Kunst

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