Mini Transat: Erste Etappe in Lanzarote beendet – Plattbug dominant

Wenn es läuft, dann läuft's

Mini Transat, Sieger, erste Etappe

Davy Beaudart dankt den Meeresgöttern für seinen Etappensieg © vapillon

In einem Punkt sind sich alle „Ministen“, die mittlerweile im Ziel der ersten Etappe angekommen sind, völlig einig: Dieses „Warm up“ zwischen der Bretagne und den Kanaren war gleichermaßen chaotisch wie faszinierend.

Chaotisch, weil vor allem im ersten Viertel des Rennens wegen der schwierigen Leichtwindverhältnisse das Feld „dauernd neu aufgemischt wurde“. Und faszinierend, weil etwa ab Höhe Kap Finisterre die „Schussfahrt Richtung Süden“ für viele erklärtermaßen zum „bisher schönsten Segelerlebnis“ ihrer Karriere wurde.

Mehr als die Hälfte der beiden getrennt gewerteten Flotten aus Prototypen und Serien-Minis lag heute Morgen bereits am Steg von Arecife auf der Kanareninsel Lanzarote. In den Cafés und Bodegas, an der Mole oder einfach nur ein wenig flanierend in den Gassen treffen sich immer wieder kleine Gruppen Mini-Segler, die mit dem irren Blick der Übernächtigten im Prinzip nur ein Bedürfnis haben: Sich auszutauschen, einander zu erzählen, was sie erlebten und empfanden während dieser ersten Etappe der Mini Transat.

„Hast Du überhaupt geschlafen? Hattest du auch manchmal Halluzinationen? Hat dich zwischendurch auch die Seekrankheit erwischt?“ Vor allem aber dreht sich bei den Seglern alles um ein zentrales Thema: Wie sich ihre Boote „geschlagen“ haben, wie es ihren Mini 6.50-„Schätzchen“ auf der 1.270 Seemeilen langen Strecke vom bretonischen Douarnenez bis zum ersten Etappenziel auf Lanzarote denn ergangen ist.

Minis während der ersten Etappe: Bilder vom Begleitschiff aus geschossen

“Jeden Tag aufs Neue erstaunt”

Tatsächlich werden die Mini-Segler wegen ihrer fast schon intimen Zuneigung zu den Booten oft belächelt. Wer sich auf sechseinhalb Metern Bootslänge ziemlich nah am Wasser über die Meere kämpft, hat eben ein anderes Verhältnis zu seinem schwimmenden Untersatz, als die Skipper anderer Bootsklassen. „Das ist wahre Liebe!“ sagen die einen. „Hassliebe“, präzisieren die anderen.

So war es fast schon typisch, dass vor allem die führenden Mini-Segler direkt nach dem Anlegen in Arecife zunächst einmal ein Loblied auf ihr Boot sangen. Es begann mit Davy Beaudart, dem Sieger bei den Protoypen (6 Tage, 19 Stunden), der mit seinem Plattbug-Mini „Flexirub“ nahezu die gesamte erste Etappe dominierte und sich vor allem mit den richtigen taktischen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt an die Spitze gesetzt hatte.

Dann nutzte er das Potential seines im Vergleich zu herkömmlichen Rumpfformen ca 0,5- 1,5 Knoten schnelleren Bootes voll aus. Doch statt sich selbst ein wenig in den Mittelpunkt zu stellen, lobte er – logisch! – sein Boot: „Dieses Schiffchen erstaunt mich jeden Tag aufs Neue! Ein toller Entwurf, auch wenn es manchmal ein wenig fordernd ist. Es kann verdammt laut sein, gibt dann aber auch wieder alles, wenn es drauf ankommt. Ich brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich es bei 30-40 Knoten Windstärke voll ans Limit brachte!“

Mini Transat, Sieger, erste Etappe

Im vollen Glitsch auf hoher See © vapillon

Oder der zweitplatzierte Proto-Segler Axel Tréhin (7 Tage, 4 Stunden): „Sie war überhaupt nicht zickig, ich habe mich wunderbar mit meinem Boot verstanden. Sie ist vielleicht nicht ganz so schnell wie die Siegerin, aber sie gibt sich Mühe. Und wird ihr wahres Können sowieso erst auf der langen Strecke über den Atlantik zeigen. Das fühle ich!“

Nur sechs Minuten trennten Tréhin vom Dritten, Fredéric Denis. Nach sieben Tagen alleine auf See, meinte der nur im Ziel: „Was für ein Rennen, was für ein knappes Finish! Ein Glück, dass ich mich total auf mein Boot verlassen kann – für mich ist das die längste Strecke gewesen, die ich jemals solo gesegelt bin. Und dann gleich so weit vorne im Feld! Irres wie wir beide das geschafft haben!“

Betrübt – himmelhochjauchzend!

Auch Ian Lipinski, Sieger bei den Serien Minis, ließ nach 7 Tagen 14 Stunden im Ziel erstmal eine Lobeshymne auf sein nagelneues Ofcet-Serienboot los. „Klasse, wie die Kiste läuft. In jeder Wetterlage, einfach super. Dabei haben wir uns noch gar nicht richtig aneinander gewöhnen können – was das wohl erst geben wird, wenn wir zusammen über den Atlantik heizen!“

Lipinski konnte sich allerdings ein bisschen „Herzschmerz“ nicht verkneifen. Der für seine emotionalen Erzählungen (zum Beispiel seine Havarie bei der letzten Transat, die er nur knapp überlebte) bekannte Franzose machte offenbar im ersten Viertel des Rennens einige „Tiefs“ durch.

Mini Transat, Sieger, erste Etappe

Simon Koster auf Eight Cube: Wenn es läuft, dann läuft es © vapillon

„Ich konnte es einfach nicht verkraften, dass ich zu Beginn während der langen Leichtwindphasen als einer der Favoriten im hinteren Feld herumgurkte. Ich saß wirklich heulend auf meinem Boot. Doch dann richtete mich mein direkter Konkurrent und guter Kumpel Tanguy le Turquais über Funk wieder moralisch auf!“ Zwei taktische Entscheidungen später setzte sich Lipinski kurz vor dem Kap Finisterre wieder an die Spitze der Serien-Flotte. Und blieb dort bis Arecife.

Noch weit entfernt von der Hassliebe, aber doch mit einem leicht bedauernden Unterton berichtet der Schweizer Simon Koster von seiner ersten Etappe. Er kam auf Rang acht im Feld der Protoypen nach 7 Tagen 12 Stunden im Etappenziel an und gab morgens um halb Vier Uhr zu Protokoll: „Wenn es mal läuft, dann läuft es. Falls ich die richtigen Einstellungen finde! Ich habe ja gerade die Anzahl der Seemeilen, die ich vor dem Start mit dem Boot gesegelt bin, verdoppelt!“

Ein wenig bedauernd spricht Koster von erneuten Schwierigkeiten mit der Ruderanlage, durch die er weniger Risiken eingehen wollte. „Noch eine „Acht“,“ sagt der Schweizer Segler, dessen Boot „Eight Cube 888“ heißt. Es hört sich enttäuscht an. Aber vielleicht klang da auch einfach nur Übermüdung durch.

Mini Transat, Sieger, erste Etappe

Mini-Idylle auf Hochsee © vapillon

Das Boot ist meistens unschuldig

Während der letzen 24 Stunden war die „Mini-Einflugschneise“ vor den Kanaren mitunter regelrecht überlastet. Wie an einer Kette aufgereiht kam ein Mini nach dem anderen vor Lanzarote an. Und je tiefer das Klassement, desto häufiger wurde offensichtlich, dass die Liebe zu den kleinen „rasenden Kisten“ durchaus in Hassliebe umschlagen kann. Dann ist häufiger die Rede von „enorm viel Kleinkram, der während der Dümpelei in der Biskaya kaputt gegangen ist!“

Von ewig „langen Listen mit Reparaturen, die noch vor der Atlantiküberquerung erledigt werden müssen!“ Ja, sogar von Befürchtungen „was das alles erst mitten auf dem Atlantik geben soll!“

Doch kaum haben die Ministen ihren meist kleinen Ärger zum Besten gegeben, drehen sie sich schon wieder wie entschuldigend zu ihren Booten um und legen Hand auf. Wie etwa Radoslaw Kowalczyk, der mit seinem Prototypen als 15ter in Ziel kam. „Ich lebe noch! Bin mehr oder weniger in einem Stück hier angekommen. Wahrscheinlich habe ich uns beide nicht richtig vorbereitet – aber da kann das Boot ja schließlich nichts für!“

Der Deutsche Chris Lükermann wird auf seinem Serienmini in Kürze auf Rang 30 in Arecife erwartet. Kollege Jan Heinze war auf Rang 38 heute Morgen noch 110 Seemeilen hinter ihm. Und Dominik Lenk, der auf seinem Prototypen in Spanien einen Pitstopp wegen Elektronik-Problemen einlegen musste, hat sich respektabel wieder ins Rennen eingereiht und wird in ca. 20-24 Stunden auf Proto-Rang 19 im Etappenziel ankommen.

67 der 72 gestarteten Minis sind noch im Rennen. Ein Monat lang werden sie an dem für sie reservierten Steg in Arecife liegen, bis sie planmäßig am 30. Oktober auf große Fahrt über den Atlantik geschickt werden.

Tracker und Resultate der ersten Etappe

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *