Mini Transat: Fast alle im Ziel – Chris Lükermann bester Deutscher auf Rang 30

„Ich fühlte mich nie einsam!“

Mini Transat, Mini 6.50

Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man nach 20 Tagen alleine auf einem 6.50-Boot endlich wieder Land sieht. oder will man doch lieber an Bord bleiben, weil es so schön war? © vapillon

Die Mini Transat 2015 ist fast Geschichte. Nur noch sechs Boote sind unterwegs – der Deutsche Dominik Lenk passierte als letzter Prototyp-Segler die Ziellinie und Jan Heinze wird als vorletzter Serien-Minist erwartet.

Es ist wie immer nach einer Mini Transat: Überall herrscht Feierstimmung, viele liegen sich in den Armen, noch mehr stehen in kleinen Gruppen zusammen und erzählen, erzählen, erzählen… Doch es gibt auch die Nachdenklichen und Zurückhaltenden, die es noch gar nicht so richtig fassen können, dass sie wieder festen Boden unter den Füßen und mehr „Spielraum“ als 6.50m Bootlänge und drei Meter Breite haben. Die sich trotz ohnmachtsähnlichem Schlaf Stunden nach ihrer Ankunft – die meisten in einem „richtigen“ Bett irgendwo im Hotel oder einer Pension – immer noch nicht daran gewöhnen können, dass nicht alle 20 Minuten der Wecker schrillt, das Wetter beobachtet oder eine manchmal endlos erscheinende Liste von Reparaturen auf hoher See abgearbeitet werden muss.

Typische Einhandsegler-Schädigungen, die schnell wieder vorbei gehen.

Mini Transat, Mini 6.50

Ian Lipinski nach seinem zweiten Etappenrang, der ihn zum Gesamtsieg bei den Serien-Minis brachte © mini transat vapillon

Die Prototypen-Klasse wie auch die Serien-Ministen haben ihre würdigen Sieger längst mit vielen kleinen oder großen Partys gefeiert: Fréderic Denis, der auf seinem Prototypen mit 19 Tagen und 23 Stunden die schnellste Mini Transat schaffte, die jemals gesegelt wurde (8,40 Knoten Durchschnitt) und Ian Lipinski (Serie), der bei der zweiten Etappe „nur“ Zweiter wurde, aber dank seines ordentlichen Vorsprungs beim Sieg in der ersten Etappe nach Lanzarote zum Gesamtsieger ausgerufen wurde.

Die mit dem irren Blick

„Sie tröpfeln ins Ziel“ beschreiben es die französischen Organisatoren treffend, wenn zu allen Tages- und Nachtzeiten die Ministen einer nach dem anderen über die Ziellinie vor Pointe-a-Pitre segeln. Alle EinhandseglerInnen mit dem gleichen, irgendwie irren, aber dennoch gelassenen Blick des Einsamen, der wochenlang alleine über eine Wasserwüste segelte, ausschließlich auf sich gestellt und ein sprichwörtlicher Spielball der Elemente gewesen ist. Der mit einem ziemlich ruppigen Starkwind-Start vor Lanzarote klar gekommen ist, mit nervtötenden Flauten- und Böensituationen in den Doldrums fertig werden musste, aber in dieser Transat-Ausgabe auch ungewöhnlich lang anhaltende, gleichmäßige Passatwinde genießen durfte.

Mini Transat, Mini 6.50

Chris Lükermann beim obligatorischen Ziel-Bad © mini transat

Und (fast) alle haben sie dieses typische Mitteilungsbedürfnis, entweder direkt nach der Zieldurchfahrt oder beim ersten Interview auf dem Steg, wenn die Girls von der PR-Abteilung vorbei schauen und wissen wollen, wie’s denn so war, da draußen…

Kann man mehr erwarten?

Und dann kommt immer dieser Glanz in die Augen der Glücklichen. Wenn sie vom „Abenteuer ihres Lebens“ sprechen, von den kleinen und großen „Wehwehchen“ ihres Bootes reden, halbstundenlang über Probleme mit dem Verklicker monologisieren, dem Autopiloten, der tage- und nächtelanges Selbststeuern nötig machte, der Stromversorgung, die mitunter alle Geräte ausfallen ließ, der Funke, die ausgerechnet dann nicht funktionieren wollte, als plötzlich in Sichtweite Konkurrenten segelten. Aber was ist das schon, im Vergleich zu den Glücksmomenten. Wenn die Ministen allein in dieser grandiosen Natur genau das erleben, was sie sich vorher erträumt haben. Im Einklang mit dem Atlantik auf einem irrwitzig kleinen Renner über den Atlantik heizen – kann ein Segler eigentlich mehr erwarten?

Chris Lükermann gab kurz nach seiner Ankunft der Mini Transat-Presseabteilung ein Interview, das die zuständigen Damen uns mit einem „der Typ ist genial“ schickten. Einige Auszüge:

Was war wirklich frustrierend? „Dass ich den Code 5 und dann den großen Spi zerrissen habe. Die andere fuhren mit 15 Knoten, und ich mit neun…

Einsamkeit: „Was mich wirklich gewundert hat: So richtig einsam habe ich mich nie gefühlt. Wenn ich in die Kamera geredet habe, sprach ich immer von „wir“, also von meinem Boot und mir. Man kann zwar mit keinem anderen reden, aber man kann sich Audio-Bücher vorlesen lassen, zum Beispiel. Nein, das Alleinsein hat mich nie belastet.

Mini Transat, Mini 6.50

Der Deutsche auf seinem Serienmini “Scaprat” © mini transat

Ich habe bei dieser Mini Transat gelernt, nicht aufzugeben. Während der ersten Etappe musste ich nachts in den Mast klettern und meinen Spi vom Vorstag wickeln. Danach war ich völlig fertig, aber ich habe mich gezwungen, den Spi gleich wieder zu setzen. Ich war schließlich in einem Rennen! Und als mir in der zweiten Etappe der große Spi explodierte, hab ich keine Krise bekommen sondern bin ruhig geblieben, habe das akzeptiert. Ich reagierte viel positiver, als ich es von mir gedacht hätte.“

Tolle Aufholjagd

Glücklicherweise kam diese Mini Transat ohne größere Dramen aus. Es gab zwar, vor allem in der Protoypen-Klasse, überproportional viele Aufgaben wegen technischer Probleme, doch verlief alles ziemlich glimpflich. Lediglich der Pole Kowalczyk musste von seinem sinkenden Prototypen durch ein Begleitboot abgeborgen werden.

Die meisten anderen Pechvögel segelten einen Nothafen an.

Mini Transat, Mini 6.50

Dominik Lenk auf dem ältesten Prototypen der Regattaflotte © vapillon mini transat

So wie Dominik Lenk, der heute Nachmittag nach 19 Tagen und 23 Stunden zwar als letzter Prototypen-Minist die Ziellinie passierte, aber sich eines tiefen Respektes seiner Konkurrenten sicher sein kann: Lenk musste in der ersten wie auch in der zweiten Etappe für Reparaturen einen Pit-Stop-Hafen in Spanien und auf den Kapverden anlaufen. Sein Rückstand gegenüber den führenden Protos betrug teilweise über 1.000 Seemeilen.

Wer dann noch mit dem deutlich ältesten Boot der ganzen Flotte so weit aufholt, dass er immerhin noch einige Serien-Minis hinter sich lässt, zeigt echten Hochsee-Biss, ist ein würdiger Repräsentant seiner Bootsklasse und wahrer Minist. Hut ab!

Website Mini Transat

Ergebnisse

Website Chris Lükermann

Website Dominik Lenk

 

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Michael Kunst

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