Mini-Transat: Nach dem Start zur 2. Etappe formiert sich das Feld – Bogacki fällt zurück

Solidarität der Mini-Segler

Für den letzten im Mini-Transat-Feld verbliebenen Deutschen Morten Bogacki – Hendrik Witzmann hat die Segel gestrichen – begann die 2. Etappe hervorragend. Teils segelte er auf Rang 1. Doch dann begann das Glücksspiel um den richtigen Kurs. 

Am Anfang war alles in Butter: Morten Bogacki kurz nach dem Start © mini-transat

Es war ein kerniger Start, den sich Samstag um 15:30 Uhr MEZ 82 Minis (Prototypen und Serienboote) vor Gran Canaria gönnten. Bei 20 bis teilweise über 30 Knoten Windstärke flogen die Teilnehmer förmlich über die Startlinie vor Las Palmas. Später wehte es entlang der Gran Canarischen Küste sogar in Spitzen bis 35 Knoten.  

Die meisten Segler waren mit Code 5-Gennaker unterwegs, einige hatten den Medium-Spi mit gereffter Fock gesetzt. Andere wiederum wollten zu Beginn kein Risiko eingehen und flutschten „nur“ mit Genua und zwei Reffs im Groß, dennoch in Gleitfahrt hinaus auf den offenen Atlantik. 

Gelassen nach dem Start: Ambrogio Beccaria hat sein Boot im Griff © mini-transat

„Bruch-Wetter“ wird sowas unter Ministen genannt. Denn bekanntlich gilt auf den 6,50 m kurzen Booten Murphys Law (was schiefgehen kann, geht schief!) im besonderen Maße. Deshalb war man nur wenig erstaunt darüber, dass bereits bei der Fahrt zur Startlinie Autopiloten ausfielen, Blöcke brachen oder Backstagen den Dienst verweigerten. Und so beinahe schon vor dem Startschuss der erste Mast gebrochen wäre. 

Zwei Frauen im Pech

In den darauf folgenden Stunden ging es mit kleinen „Wehwehchen“ weiter: Das eine oder andere Fall der asymmetrischen Spinnaker rauschte aus, ein Minist suchte Schutz in einer Bucht, um in den Mast zu klettern und seine Windanlage zu reparieren, die offenbar aus ihrer Halterung gebrochen war.

Amelie Grassi, eine der Favoritinnen bei den Serienbooten, kam kurz nach dem Start schon wieder in den Hafen von Las Palmas zurück. Der gusseiserne Beschlag, an dem Vorstag und Gennakerbaum befestigt sind, hatte sich aus dem Bug gelöst und war offenbar gebrochen.

Fürs Auge war’s erste Sahne – an Bord wurde es manchmal knifflig © mini-transat

Auch die stärkste Prototypen-Pilotin Marie Gendron „humpelte“ kurz nach Kollegin Grassi wieder an den Steg. Sie war auf einen treibenden Gegenstand gefahren und hatte sich beim Aufprall einen Schaden am Pendel-Kiel zugezogen.

Beides Fälle für die viel beschworene Solidarität unter Ministen. Alle, die jemals schon mal an einem Mini gebastelt hatten und gerade vor Ort verfügbar waren, fanden sich zur Schadenaufnahme und zum sofortigen Reparaturbeginn ein. Das Boot von Gendron wurde im Hafen kurzerhand „gekentert“, also auf die Seite gebunden und der entstandene Schaden mit „reparierbar“ bewertet. 

Bastel- und Reparatur-Meister

Mit tatsächlich vereinten Kräften – u.a. mit Hilfe von Hendrik Witzmann und seinem Preparateur/Bootsbauer „Porki“ gelangen die Reparaturen bei den Booten beider Frauen in erstaunlich kurzer Zeit. Grassi segelt seit Sonntag Morgen um 4 Uhr schon wieder dem Feld hinterher und hatte 24 Stunden später bereits die Schwächsten in der Flotte hinter sich gelassen. 

“Porki”, immer zur Stelle, wenn’s ans Eingemachte geht © mini-transat

Beim auf die Seite gelegten Prototypen von Marie Gendron gestaltete sich die Reparatur etwas schwieriger, war aber ebenfalls nach einer erstaunlich kurzen Zeit erledigt. Gendron segelte in der Nacht von Sonntag auf Montag um 23:30 Uhr los, mit bitteren 350 Seemeilen Rückstand im Gepäck. Adieu Top-Five-Platzierung! 

Vorteil für die beiden Frauen: Sie konnten sich informieren, ob sie bald nach Gran Canaria gen Westen abbiegen oder doch besser einen Schlag nach Süden wagen können. Denn genau diese Entscheidung war essentiell für den Verlauf der ersten Stunden und Tage dieser zweiten Etappe der Mini-Transat nach Martinique. 

Die Situation beim Mini Transat zwei Tage nach dem Start vor Gran Canaria.

Oliver Tessloff, bestplatzierter Serien-Minist bei der MTA 2017, analysiert:

„Seit unserem letzten Artikel hatte sich die Wetterlage dahingehend verändert, dass sich das Azorenhoch stabiler zeigt, als zunächst vermutet. So gaben neue Wetterrouting-Berechnungen der Variante „erst südlich, dann gen Westen abbiegen“ den Vorzug. 

Saubere Leistung von Beccaria

Sehr beeindruckend finde ich den Speed, den einige Serien-Minis im Vergleich zu den per se schnelleren Prototypen auf die Beine stellen. So kann der führende Prototyp mit Francois Jambou an der Pinne bei 12,0 und 12,1 kn Geschwindigkeit kaum den besten Serien-Ministen Ambrogio Beccaria abhängen. 

Ambrogio ist als einer der Ersten aus einer Bananen-Route, die vom Großteil der Flotte beibehalten wurde, heraus gehalst und gen Süden gefahren (siehe auch Tracker-Verlauf). Womit er mal wieder Näschen für außergewöhnliche Situationen gezeigt hat, denn er konnte wohl nur ahnen, dass weiter südlich tatsächlich mehr Wind zu erwarten ist. Jedenfalls saubere Leistung!

Mal eben schnell den Kiel im Wasser reparieren © mini-transat

Der einzige im Rennen verbliebene Deutsche Morten Bogacki hatte in der Anfangsphase dieser zweiten Etappe auf seinem Proto-Scow „Lilienthal“ reichlich Stärke gezeigt. Er segelte zeitweise auf Rang 1, begab sich allerdings zu weit nach Westen. Dort ließ der Wind nach, Morten reagierte und „mogelte“ sich mit mehreren Halsen nach Südwesten. Derzeit liegt er immer noch höher als der führende Proto-Minist Francois Jambou und hat bereits einen rechnerischen Rückstand von 60 Seemeilen auf die Führenden. 

Bei Jambou, Bouroullec und Trehin zeichnet sich jetzt schon ab, dass sie ihre Prognosen wahr machen. Schon während der ersten Etappe schenkten sie sich nichts und regelten die endgültige Platzierung im Ziel auf Gran Canaria erst auf den allerletzten Seemeilen. Diese Matchrace-Attitüde setzt sich beim Schock-Trio nun fort: Mit nahezu gleichem Speed segeln sie mit minimalen Abständen (zwischen 1 und 4 Seemeilen) nahezu gleichauf. Das ist und bleibt spannend!

Minis und Ministen in ihrem Element © mini-transat

Interessant ist auch der Kurs den Bouroullec auf seinem Proto-Foiler gerade einschlägt. Ausgerechnet der Foiler richtet sich nun auf einem deutlich höheren Kurs ein. Bleibt abzuwarten, was er damit bezweckt.

Süd ist Trumpf

Allgemein sieht die Wetterlage so aus, als würde die Etappe wie bereits vermutet sehr schnell werden. 20 – 25 Knoten Windstärke könnten sich über nahezu die gesamte Strecke hinweg halten. Momentan zeigen die Wetterroutings an, dass „Süd“ Trumpf bleiben wird. Die Flotte müsste also bald wieder in Richtung Süd halsen. Tendenz ist derzeit eindeutig: Im Süden wartet mehr Wind!

Könnte eine richtig schnelle Etappe werden! © breschi/mini-transat

Natürlich muss diesmal nicht bis zu den Kapverden hinunter gefahren werden. Die Tradewinds sind schon voll etabliert, es geht jetzt nur noch um Richtungsnuancen, da das Azorenhoch im Norden stabil erscheint und sich südlich dieses Hochs noch keine Tiefs aufbauen. Was unterm Strich bedeutet: Die Ministen bleiben weiterhin stramm unterwegs. Mit dem Wind aus der richtigen Richtung ist das flottes Segeln vom Feinsten!“ 

Mini Transat Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „Mini-Transat: Nach dem Start zur 2. Etappe formiert sich das Feld – Bogacki fällt zurück“

  1. avatar Martin H. sagt:

    Klasse Bericht! Bitte auch die Berichterstattung für die TJV übernehmen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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