Mini Transat: Nach langer Flaute kommt Bewegung in die Flotte – wer zieht die Glückslose?

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

 

Wird von Fortuna derzeit nicht gerade geknutscht: Jörg Riechers © mini transat

Faites vos jeux – es geht dem Ende dieser ersten Mini Transat Etappe zu. Jörg Riechers ist auf Platz acht zurückgefallen. Bleibt nur zu hoffen, dass das Stegbier gut gekühlt wurde!

„Was mache ich hier? Womit habe ich das verdient? Welchem Wettergott habe ich die falschen Opfer dargebracht? Kann spanisches Bier eigentlich schlecht werden?“ Mit diesen oder ähnlichen tiefenphilosophischen Fragen dürften sich die meisten Teilnehmer dieser ersten Mini Transat-Etappe während der letzten 48 Stunden beschäftigt haben. 

Man kann es ihnen nicht verdenken, denn das Finale zieht sich weiterhin wie Gummi Arabicum. 

Mini Transat, Etappe 1

Simon Koster hat bisher die besseren Glückslose gezogen © mini transat

Bis heute Nacht regierten extrem schwache Winde nahezu die gesamte Mini-Flotte. Die Skipper hangelten sich von einem Windstrich zum nächsten, die Nerven waren gespannt wie Wanten und überhaupt: Reicht das Essen überhaupt noch, oder muss schon rationiert werden? 

Westwind? Passat?

Es war zum Mäusemelken. Alle klassischen Schwachwind-Tricks und Atlantik-Regeln wollten nicht so richtig greifen. Wie zum Beispiel „Im Zweifel immer nach Westen, denn von dort kommt das Wetter!“ Klar, mag ja stimmen… meistens. Nur eben nicht vor den Kanaren, zumindest nicht in diesen Tagen.

Oder der Blick rüber gen Marokko: Der klare, leergefegte Himmel müsste eigentlich ein untrügliches Zeichen für einen beginnenden Passatwind sein. Was ja durchaus stimmen mag… nur, bof, will dieser Passat sich diesmal nicht so richtig in der Breite durchsetzen und reicht (noch) nicht bis zu den Ministen (siehe Karte). 

Mini Transat, Etappe 1

Mitten im “Loch”, weit entfernt von den netten Winden (in grün) © mini transat

Entsprechend glich die Positionierung eines jeden Teilnehmers während der letzten zwei Tage einem Glücksspiel. Mal zog man in einem privaten Windstrich für ein halbes oder sogar ganzes Stündchen mit ein paar Knoten Fahrt los, um kurz darauf wieder einzuparken, während die anderen nun mit ihrem höchstpersönlichen Windchen auf und davon zwitscherten und – verdammt –  deren Wind hält ja viel länger an! 

Insofern ist es müßig, wenn nicht sogar sinnlos, über die Gründe für einzelne Platzierungen nachzudenken. So hat ein derzeit achter Rang von Jörg Riechers möglicherweise auch viel mit Pech zu tun. Ein Quentchen mehr Glück hatte beispielsweise Simon Koster, der noch vor zwei Tagen gleichauf mit Riechers unterwegs war, jetzt aber neun Seemeilen näher am Ziel liegt.

Mini Transat, Etappe 1

Dümpeln, dümpeln © mini transat

Das mit dem „Glück und Pech“ gilt auch für Oliver Tessloff. Er war zurück gefallen, aber mitten im Serienboote-Verfolgerrudel positionierte er sich im Laufe der letzten 36 Stunden wieder unter die Top Twenty, auf Rang 17. Von Position 12, dem Anführer dieser Gruppe, ist Tessloff nur 1,6 sm entfernt. 

Nach der Flaute die Kreuz

Oder Andreas Deubel. Bei ihm ist klar erkennbar, dass er sich in den vergangenen Tagen im gewissen Sinne von Marokko und der sich hoffentlich dort entwickelnden Passatwindwinde angezogen fühlte. Zwar wagte er keinen Extremschlag nach Osten (wie auch, mit 1,2 kn Fahrt?), hielt sich aber doch auffällig „backbord“ von der Ideallinie.

Derzeit müssen er und seine Mitstreiter sogar gegen den Leichtwind kreuzen! Nur so richtig glücklich wird ihn das nicht gemacht haben – Rang 48, immerhin wieder gleichauf mit Dauer-Gegner Francois Denis – wird dem Deutschen keine Freudentränen in die Augen treiben. Doch wahrscheinlich sieht er seine Situation mittlerweile fatalistisch und will nur noch eines: Ankommen, egal wie! 

Mini Transat, Etappe 1

Lina Rixgens konnte fast wieder aufs Feld aufschließen © mini transat

Lina Rixgens konnte hingegen von der Dümpelei des Hauptfeldes profitieren. Die 23-jährige schloss bis auf 50 Seemeilen auf und konnte ihren Abstand deutlich verringern. 

Wie chaotisch die Zustände während der letzten Tage dieser ersten Etappe der Mini Transat 2017 waren, zeigte sich letztendlich auch in der Tatsache, dass sich die meist deutlich schwereren Serienboote munter unter die Prototypen mischten. Zwischen den beiden Klassen liegen normalerweise Welten, vorausgesetzt, man vergleicht die jeweiligen Jahrgänge miteinander. 

Was müssen Skipper wie Simon Koster oder Jörg Riechers froh gewesen sein, dass sie zumindest vor dem Start die im Leichtwind besonders bremsenden Foils abgebaut haben! Quentin Vlamyk kann davon ein Lied singen, wenn nicht sogar eine ganze Arie! Er gurkt auf seiner hochgepriesenen „Arkema“, dem innovativen Foiler-Boot, neunzig Seemeilen hinter den führenden Prototypen her.

Es wird Zeit

Nur an der Spitze des Feldes kommt so langsam, gegen Ende dieser wahrscheinlich längsten Etappe der letzten drei Mini-Jahrzehnte so etwas  wie „echtes Regattafeeling“ auf. Ian Lipinski hat bei den Prototypen mit einem grandiosen Endspurt wieder die Führung übernommen (Stand 8:30 h) und liegt (virtuell) nahezu gleichauf mit Arthur Leopold Léger, der jedoch weiter westlich unterwegs ist. In den vergangenen 24 Stunden „der Chef“ mit 99 Meilen gleich 30 Meilen mehr als der direkte Konkurrent.

Bei den Serienbooten hat mittlerweile Valentin Gautier die Führung übernommen. 15 sm hinter ihm kämpft sich Rémi Aubrun auf Rang 2 und die beiden Jungspunde Erwan le Draoulec und Clarisse Cremer dürften sich – fast kann man schon sagen „wie immer” – um einen Podiumsplatz streiten. 

Mini Transat, Etappe 1

Tom Dolan im Öl, vom Begleitboot aus fotografiert © mini transat

Doch wie gesagt: Es kann und wird noch viel passieren auf den letzten Seemeilen. Bei einem derzeitigen durchschnittlichen. Speed von sechs Knoten werden die ersten Protoypen im Laufe des Nachmittags über die Ziellinie rutschen, für die ersten Serienboote wird es wohl Abend werden. Sicher ist nur Eines: Es wird höchste Zeit, dass diese Etappe zu Ende geht.

Mini Transat Tracker

 

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Mini Transat: Nach langer Flaute kommt Bewegung in die Flotte – wer zieht die Glückslose?“

  1. avatar Yachtie sagt:

    Ich mag gar nicht mehr hinsehen: Katastrophale Wendewinkel bei zwei deutschen Teilnehmern, vermutlich infolge Übermüdung.

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  2. avatar breizh sagt:

    Wieder ein toller Bericht. Mittlerweile hat der Unbesiegbare ja wieder zugeschlagen und die ersten Serien-Minis sind auch schon da. Das Serien-Minis fast “zeitgleich” mit den Protos ankommen, ist auch sehr selten. Ich bin gespannt auf die ersten Berichte von den Skippern. Mittlere

    Ich habe jetzt schon mehrfach von den Begleitbooten gelesen. Sind ja wahrscheinlich andere Segelboote. Aber wie viele und wie teilen die sich bspw. das gesamte Mini-Feld, um als Sicherungsschiff auch helfen zu können?

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    • avatar Yachtie sagt:

      Die Berichte werden grausam sein, denn Flaute kann belastender als Sturm sein.

      Angeblich schlafen die Teilnehmer am Stück nur ca. 15 – 20 min., obwohl ja AIS-Transceiver (Sender / Empfänger) an Bord vorgeschrieben sind.

      Am 22. Oktober geht es mit dem Prolog zu Leg 2 weiter.

      Am 30 Oktober – 12:00 – ist der Start für Leg 2

      Man hat also Zeit sich bis dahin zu erholen.

      “Support Boats

      Without support boats, the mini-transat should simply not exist.

      They will be 7 support boats, cruisers from 40 to 60 foot, crossing the ocean with the mini transat.

      As the minis have only a vhf radio to communicate boat to boat, support boats job is to relay any information from the sea to the race management. On another hand, they are under the race management orders to go and check if any competitor is in trouble.”

      http://www.minitransat.fr/en/mini-transat-2017/support-boats

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