Mini-Transat: Spannende Duelle – Bogacki wieder auf Schlagdistanz zum Podium

Risiko: Squalls und Gewitter!

Derzeit fahren drei Scow-Serien-Boote unter den Top Ten © breschi/mini-transat

Man gönnt sich ja sonst nichts: Halbe-Stunde-Schlafrhythmus, tolle Etmale, spannende Duelle.  Noch 80 Boote im Rennen. Wie die Sqalls über einen herfallen.

Etwas mehr als eine Woche sind die Ministen jetzt während ihrer zweiten Mini-Transat-Etappe unterwegs. Schon in der Nacht von Donnerstag auf Freitag könnten die ersten Boote im Ziel vor Martinique sein. Und wie prognostiziert, ist ein Großteil der 6.50-Meter-Flotte richtig schnell unterwegs beim Sprung über den Großen Teich. 

Natürlich hatte auch in den vergangenen Tagen das Wetter eine maßgebliche Rolle bei dieser Einhand-Langstrecken-Regatta gespielt. So gab es zum Beispiel in den eher nördlichen Bereichen der Route eine Schwachwind-Zone, mit der wohl kaum jemand gerechnet hatte und die Favoriten wie den Serien-Ministen Matthieu Vincent buchstäblich ausbremste.

Naturgemäß profitieren andere von solchen Schikanen der Natur, die – aus welchen Gründen auch immer – eine etwas südlichere Position entlang der Ideallinie eingenommen hatten.

Status Quo heute Morgen: Francois Jambou fährt mit seinem Scow-Prototypen, der auch schon die letzte Mini-Transat gewann, weiterhin ein sauberes Rennen. 98 Seemeilen Abstand zum zweitplatzierten Axel Trehin sind ein beruhigendes Polster, wenn auch noch keine Garantie für einen Sieg.

Denn Havarien oder Wetterüberraschungen, wie etwa eine ziemlich sicher zu erwartende Schwachwindzone vor Martinique, können selbst den aufmerksamsten Seglern den Garaus machen. Ähnlich der Abstand zwischen Rang 2 und Rang 3, auf dem derzeit Erwan le Mené segelt, gefolgt von Morten Bogacki.

Tanguy Bouroullec geht mit seinen Foils an seinem Pogo-Proto-Foiler durchaus kreativ um © pogo structures

Der Deutsche hat in den letzten Tagen eine klasse Aufholjagd angesetzt, bei der er sich eher nördlich positionierte und so mit gutem Speed auf seinem Scow „Lilienthal“ von teilweise Rang 7 auf Platz 4 in Schlagdistanz zu einem Podiumsplatz vorrückte. Sein Vorsprung zum nächsten Konkurrenten Tanguy Bouroullec auf Platz fünf,  beträgt zehn Seemeilen. 

Was macht nur der Pogo-Foiler?

Bei diesem Bouroullec handelt es sich um den Skipper des Pogo Foiler-Prototypen “Cerfrance”, und die Szene machte sich in den vergangenen Tagen einige Gedanken, wenn nicht sogar Sorgen um ihn. Denn der während Etappe 1 erwartungsgemäß stark segelnde Sohn des „Structure-Pogo“-Werftgründers fuhr plötzlich seltsame Kurse.

Der Mini-Foiler-Pogo-Prototyp “Cerfrance in Aktion. Ein Schaden behindert sein Atlantik-Rennen. © mini-transat

Mal segelte er deutlich langsamer und extrem tief, dann steuerte er bei eher schwächeren Winden wiederum deutlich höher als die unmittelbare Konkurrenz. Ob das mit jeweils besseren Foil-Bedingungen zusammenhängen könnte, war die am häufigsten gestellte Frage.

Die Antwort darauf ist jedoch banal: Funk-Nachrichten, die bei den Ministen traditionell von Boot zu Boot nach hinten zu den begleitenden Besen-Yachten weitergesendet werden, machten deutlich, dass Bouroullec mit einer Havarie zu kämpfen hat.

Stimmung kurz nach dem Start. Bei vielen dürfte sich mittlerweile schon Vorfreude auf das Ziel einstellen © breschi/mini-transat

Auf seinem Boot ist offenbar der Beschlag beschädigt, an dem das Vorstag und der fürs Segeln der asymmetrischen Spis so wichtige Gennakerbaum angeschlagen sind, . Entsprechend segelte Bouroullec sehr tief bzw. platt vor dem Wind, um auf einer zwar langsameren, aber kürzeren Strecke zu bleiben. Oder er setzte bei leichteren Winden dann doch den Spinnaker und fuhr – foilend? – etwas höher als die Konkurrenz. Weil er seinen Bugbeschlag zwischenzeitlich notdürftig repariert hatte, demselben aber bei mehr Wind nicht so richtig traut? Die Situation ist nicht so richtig klar.

Bogacki kämpft sich konsequent Richtung Podium

Oliver Tessloff, SR-Kommentator in Sachen Mini-Transat und bestplatzierter deutscher Serien-Minist bei der letzten Ausgabe der Regatta, zeigt sich von Bogackis starker Leistung tief beeindruckt. „Der segelt konsequent sein Ding und das auch noch richtig gut!“

Mini im Glitsch © breschi/mini-transat

Aber besonders die Perfomance der führenden Serien-Minis hat es ihm angetan. Die permanenten Vorwind-Bedingungen lassen den fehlenden Neigekiel im Vergleich zu den Protos kaum eine Rolle spielen. Zurzeit segeln gleich sechs Sereienboote vor “Lilienthal”.

„Es erstaunt mich immer wieder, wie konsequent der Italiener Ambrogio Beccaria auf seiner Pogo 3 vorne segelt. Wer genau auf den Tracker schaut wird rasch erkennen, dass Ambrogio nicht nur das Feld der Serien-Minis anführt, sondern häufig auch unter den Top Drei der Prototypen zu finden ist.

Gerade im Spitzenbereich sind jedoch die Leistungspotentiale der Prototypen so enorm viel höher, dass man Ambrogios Etmalen und taktischen Entscheidungen höchsten Respekt zollen muss.

Aber auch der Fight um die weiteren Podiumsplätze ist richtig spannend. Niocolas d’Estais und Benjamin Ferré liefern sich Duelle mit virtuellen Abständen von nicht mal einer Seemeile, Pierre LeRoy lauert auf seine Chancen mit nicht mal sieben Meilen Rückstand. Da lohnt sich ein Blick auf den Tracker alle paar Stunden wirklich.

Lasst es krachen – aber bitte nur sinnbildlich verstehen! © breschi/mini-transat

Jedes Mal eine spannende Sache! Der Knaller der letzten Tage ist für mich jedoch die Aufholjagd von Amélie Grassi. Die Pogo 3-Skipperin musste ja nach ihrer tollen 1. Etappe gleich nach dem Start zur 2. Etappe wegen einer Havarie zurück in den Hafen von Las Palmas. Erst nachts konnte sie wieder weiter segeln und hinter dem Feld herhetzen. Jetzt liegt sie auf Rang 15 von 60 noch im Rennen befindlichen Serienminis – und das bitteschön in einem besonders stark besetzten Serien-Feld. Große Klasse!“

„Eingegroovt“

Zurzeit nehmen die gefürchteten Squalls wieder großen Einfluss auf den Verlauf der Regatta, vor allem aber auf den Gemütszustand so mancher Skipper. Tessloff beschreibt, was sich abspielt, wenn sich so eine Böenwalze über einen Mini herfällt: 

Abheben – geht auch ohne Foils! breschi/mini transat

„Die meisten Teilnehmer dürften sich nach über einer Woche einhandsegeln in einen guten Wach-Schlaf-Rhythmus „eingegroovt“ haben. Viele werden sich erstaunlich fit fühlen, nicht zuletzt, weil ja auf hoher See, mitten auf dem Atlantik, deutlich weniger los ist als etwa bei Etappe 1, entlang der Küsten. Es gibt kaum Fischerboote, die Handelsschifffahrt ist zwar ein wichtiger, zu beobachtender Faktor, aber reduzierter präsent.

Natürlich darf man sich auch hier nicht sechs Stunden lang aufs Ohr hauen, das wäre nun wirklich keine gute Idee. Aber zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde Schlaf kann man sich schon gönnen. Und übrigens auch aneinander reihen. Das sieht dann so aus: Dein Wecker rasselt, du schaust, ob dein AIS-Bildschirm leer ist, machst eine Sichtkontrolle rund ums Boot und dann wird gecheckt, ob das Boot 100 Prozent gut unterwegs ist bei den gegebenen Bedingungen.

Alle halbe Stunde Ausguck! © breschi mini-transat

In den Squalls wird die Situation jedoch deutlich schwieriger. Vor allem die verdammt langen Nächte – 12 Stunden lang ist es dunkel! – haben es in sich. Alles ist anders, sobald das Tageslicht schwindet. Dann weht der Wind mindestens drei bis vier Knoten stärker und eine Wolkenbeobachtung fällt mangels Licht meistens flach. In den Squall-Gebieten formen sich dann dunkle Wolken, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit und mit hoher Wahrscheinlichkeit genau auf Dich zukommen. 

Squalls, in denen 35-Knoten-Böen stecken!

Dann folgt so etwas wie „atlantisches Roulette“: Man kann kaum einschätzen, ob nun mit der Wolke Böen um die 20-25 Knoten oder 35 Knoten auf das Boot treffen werden. Lass’ ich also den Spi stehen, oder nehm’ ich ihn lieber weg?

Besonders penibel sind solche Entscheidungen natürlich nachts, wenn man gerade aus der Koje geklettert ist. Spi stehen lassen? Oder bergen? Dann fallen die ersten Regentropfen, die Böen feuern los und du hast noch 30 Sekunden Zeit, deinen Spi zu bergen! Zweite Option: Du ziehst die Sache durch und gewinnst vielleicht ein paar Meter gegenüber der Konkurrenz. Wieviele Spis in den Squalls schon kaputt gefahren wurden, kann keiner sagen. 

Irina Gracheva verlor heute Morgen ihren Mast. Die Begleitboote sind auf dem Weg zu ihr © breschi/mini-transat

Mir ist damals passiert, dass ich unter Spi bei 35 Knoten einen Sonnenschuss fuhr und auf dem Wasser lag. Andere haben sich nach einem Stecker überschlagen und dabei Knochenbrüche, Platzwunden und mehr zugezogen. Für mich zählen die Squalls zum Schwierigsten, was bei einer Transatlantik-Regatta zu überwinden ist.

Eine weitere Herausforderung in diesen Breitengraden: Gewitter! Die sind vor allem bei ihrer Entstehung von kurzfristigen Squalls nur schwer zu unterscheiden. Erst recht nachts! Einmal habe ich nachts den Kopf aus der Luke gesteckt und dachte, ich bin im falschen Film: Um mich herum blitzte es überall, ich fühlte mich regelrecht umzingelt. Bis heute frage ich mich, wie ich es geschafft habe, mit einer Halse diesem Inferno zu entkommen!“ 

Tracker Mini-Transat

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *