Mini Transat: Start im Dunst – Riechers und Tessloff weit vorne – erster Mastbruch

Hinterm Grau wartet die Sonne

Mini Transat, Start

Hinterm Grau wartet die Sonne © breschi

81 Einhand-Piloten sind zur Mini-Transat gestartet und segeln mittlerweile mitten in der Biskaya. Noch ist die Wetterlage moderat, doch alle schauen besorgt Richtung Kap Finisterre. 

Ein französisches Sprichwort besagt „Wer zur Sonne will, muss sie sich verdienen.“ Bezogen auf die Ministen, die die 21. Ausgabe der Mini Transat in Angriff genommen haben, kann dies nur eines bedeuten: Auftakt bei suboptimaler Wetterlage.

Unter tief hängenden Wolken, leichtem Nieselregen der sich mitunter zu frischen Schauern steigerte, starteten bei 10 bis 15 Knoten Windstärke 71 Männer und 10 Frauen auf ihren 56 Serien-Minis und 25 Prototypen zu ihrem großen Einhand-Abenteuer über den Atlantik. Die See vor dem französischen Starthafen La Rochelle war nur leicht aufgewühlt und eigentlich wären die Bedingungen ideal gewesen, wenn eben nicht die Sicht teilweise unter 100 Meter „gerutscht“ wäre. 

Typisch Biskaya

Doch für die 81 Einhandsegler, die sich größtenteils seit mehr als zwei Jahren auf dieses Zwei-Etappen-Rennen über den Großen Teich vorbereitet haben, dürfte es mehr oder weniger Standard gewesen sein. Denn ein Großteil unter ihnen hat sich zumindest im Laufe des letzten Jahres sowieso vor der französischen Atlantikküste auf diese Hochseeregatta vorbereitet – nicht zuletzt, weil die meisten Qualifikationsregatten und die 1.000-Solo-Seemeilen-Qualifikation genau dort stattfinden. 

Mini Transat, Start

Noch sind sie nicht ganz alleine unterwegs, auch ind er ersten Nacht bleiben die meisten noch in Funkweite © breschi

So nahmen die meisten Protagonisten die buchstäblich schauerliche Wetterlage dann eher gelassen. Proto-Favorit Ian Lipinski äußerte sich mit einem „Bof, so ist sie eben, die Biskaya“ und der junge Serien-Favorit Erwan le Draoulec sah das Glas eher halbvoll: „Eh bien, besser als gleich bei sieben Windstärken starten, oder?“

Entsprechend bot sich ein eher gespenstisches Bild, als die Flotte in Richtung Etappenstopp auf Gran Canaria losgeschickt wurde: Graues Licht, vermummte Gestalten, mitunter bange Gesichter oder übertrieben wirkende Jubelrufe. Na ja, wer kann schon wissen, was da noch so alles auf sie zukommt! 

Woher wird der Wind wehen?

Denn die Prognosen für die nächsten Tage sehen nicht gerade berauschend aus. Die berüchtigte Biskaya wird sich aller Voraussicht nach zwar nicht mit den so gerne zitierten abnormen Windstärken profilieren, dafür stehen jedoch lange Schläge gegen den Wind, bei seitlicher, aus Südwesten heranrollender Welle an. Soll heißen: Kotzwetter. 

Für den Bereich um das spanische Kap Finisterre sind sich die Wetter-Gurus mit ihren Vorhersagen nicht ganz so einig. Die offiziellen Wetter-„Schamanen“ der Rennleitung prophezeien nach wie vor bis zu 35 Knoten durchschnittlicher Windstärke aus der eigentlich favorablen Richtung Nordwest auf Höhe des Kaps und in einem etwa 100 Seemeilen breiten Korridor bis hinunter vor die portugiesische Küste. Dort dürften sich dann der Wind deutlich reduzieren, die Brise jedoch weiterhin aus der richtigen Richtung wehen. 

Mini Transat, Start

Andreas Deubel kurz nach dem Start © breschi

Andere Wetterprognosen sprechen von weniger Wind an den neuralgischen Punkten, jedoch länger anhaltend aus südwestlicher Richtung. In diesem Fall muss bei ausgesprochen hoher Atlantik-Welle weiterhin gegenan gebolzt werden. Für beide Fälle gilt: Kein richtiges Segelvergnügen. 

Doch da die Biskaya und die spanischen Westküste bekanntlich immer für – gerne plötzlich auftretende – Überraschungen gut sind, wird es hier in den nächsten 48 Stunden mit Sicherheit noch einige Wendungen geben. 

Doppelt vorsichtig

Die erste Nacht auf See war für die meisten Ministen eher unruhig. Relativ hoch am Wind verhalten sich vor allem die neueren Mini-Modelle – ganz egal ob Prototyp oder Serienboot – ausgesprochen bockig. Die typische Biskaya-Welle dürfte zudem ihren Anteil beigetragen haben, um den Damen und Herren Ministen die Vorfreude auf südlichere Breitengrade zu befeuern. Da die Flotte noch eng beieinander segelt, war doppelte Vorsicht angesagt: Zu einer richtigen Mütze Schlaf sind wohl nur die Allerwenigsten gekommen. Außerdem ist die Gegend für größere Fischereiflotten bekannt. 

Mini Transat, Start

Ian Lipinski lässt von Anfang an nichts anbrennen und positioniert sich an der Spitze des Feldes. Doch Jörg Riechers lauert… © breschi

Nachdem es vor und kurz nach dem Start bereits drei zeitweilige Ausfälle gegeben hat – zwei Boote kollidierten, ein Boot musste wegen gebrochenem Vorstag in den Hafen von La Rochelle zurück – meldete die Regattaleitung in den frühen Morgenstunden, dass mittlerweile wieder (fast) alle Boote auf dem Weg Richtung Gran Canaria segeln. 

Ausgesprochenes Pech ereilte heute Nacht den Italiener Matteo Rusticali. Auf seinem Prototypen brach der Mast! Nachdem er über Funk einen Notruf abgesetzt hatte, schickte die Regattaleitung eines der begleitenden „Sicherheits-Boote“ zu ihm. Doch Rusticali hatte bereits selbst ein (rustikales) Notrigg gesetzt und trieb nun vor dem Wind Richtung Festland, wahrscheinlich sogar wieder zurück nach La Rochelle. 

Wo wir sind, ist vorne

Der deutsche Segelprofi Jörg Riechers segelt dagegen auf seinem Scow-Bug-Prototypen „Lilienthal“ (wie gesagt: mit gestutzten Flügeln, ohne Foils) nach Plan. Seine Devise lautet: Dem großen Favoriten Ian Lipinski sportlich das Leben so schwer wie möglich machen! Derzeit segelt der Deutsche jedenfalls hervorragend an der Spitze des Feldes und wird um 10:30 Uhr auf Rang 2 gelistet, aber immerhin schon rechnerisch 2,9 Seemeilen hinter seinem französischen Konkurrenten Lipinski. 

Bei den Serien-Minis läuft es an der Spitze ebenfalls alles programmgemäß. Erwan Le Draoulec hat sich nach einem angekündigten, sehr verhaltenen Start („Ich lass mich doch nicht am Start rammen!“) mittlerweile an der Spitze etabliert. Mit-Favoritin Clarisse Kremer sorgt 1,3 Seemeilen hinter dem Führenden für erste Spannungsmomente, nachdem sie sich im Laufe der Nacht noch mit reichlich Understatement im Mittelfeld zurückgehalten hatte. 

Mini Transat, Start

Erwan le Draoulec führt erwartungsgemäß bei den Serienbooten. Doch Oliver Tessloff ist nicht weit… © breschi

Gleichauf mit der jungen Französin liegt der Deutsche Oliver Tessloff auf einem hervorragenden Rang Fünf . Eigentlich eine erstaunlich gute Position, denn Tessloff gab noch kurz vor dem Start an, dass er zunächst besonnen und in aller Ruhe das Kap Finisterre schaffen wolle, bevor er aus dem Sicherheitsmodus in den Rennmodus schalten werde. Das kann ja was geben, wenn er dann den „Hebel auf den Tisch legt!“ 

Heute Morgen segelte Andreas Deubel in dem homogenen und sehr leistungsstarken Feld der Serienminis fast neun (rechnerische) Seemeilen (Rang 43) hinter dem führenden Serien-Mini und Lina Rixgens 2 Seemeilen weiter hinten auf Rang 47. 

Doch das ist alles Anfangsgeplänkel. Richtig in Fahrt kommen die Helden auf ihren 6.50 Meter kurzen „Rennkisten“ erfahrungsgemäß erst nach drei bis vier Tagen. Wenn die Anfangs-Nervosität einer ersten Routine Platz gemacht hat, wenn erste Probleme erfolgreich gemeistert wurden (was das Selbstvertrauen ungemein stärkt) und endlich, endlich die langen Schläge unter Spi genau das halten, was die Minis per se versprechen: stundenlanger Glitsch Richtung Sonne!

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Michael Kunst

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9 Kommentare zu „Mini Transat: Start im Dunst – Riechers und Tessloff weit vorne – erster Mastbruch“

  1. avatar Christian sagt:

    Schöner Bericht. Schade, dass die offizielle Seite absolut Smartphone und Tablet untauglich ist.

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  2. avatar Yachtie sagt:

    Schön, dass im letzten Abschnitt des Berichts wider Erwarten doch noch die deutschen Teilnehmer erwähnt werden 🙂

    Bei den Serien-Minis ist übrigens nur Oliver Tessloff (Bootsnummer 893) mit einem Mini der dritten Generation konkurrenzfähig. Andreas Deubel – 819 und Lina Rixgens – 732 segeln Boote der 2. Generation, deren Bootsnummern im Bereich von 450 bis ungefähr 860 liegen.

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  3. avatar breizh sagt:

    Jetzt sind sie die verrückten wieder unterwegs in die Karibik. Allen Teilnehmern gehört mein höchster Respekt und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel.

    Wer noch mehr zu den Bootsnummern erfahren will, kann auch direkt bei Andreas Deubel auf der Homepage vorbei schauen http://andreasdeubel.com.

    Bei den Protos taucht ein Name auf, der hier bisher wenig Beachtung fand Erwan le Mené (Nr. 800). Danach folgen Ian Lipinski und Jörg Riechers. Es könnte ein spannendes Rennen werden. Dann wollen wir einmal sehen, wann Ian seinen Gashebel auf den Tisch legt und wie das weiter geht.
    Oliver Tessloff ist auch noch vorne dabei. Klasse.

    Dann warten wir auf die nächsten Berichte …

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  4. avatar Yachtie sagt:

    Mittwoch 8:00 Uhr

    Riechers ist nach schwerem taktischen Fehler (zu weit nördlich gesegelt) auf Rang 6 zurückgefallen.

    Tessloff hat die Annäherung an das Kap besser hinbekommen und sich auf Rang 6 vorgeschoben.

    Deubel 36. Lina Rixgens hat nur noch 3 Boote hinter sich.

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    • avatar Yachtie sagt:

      Riechers schlug am Kap einen Nord-West-Haken und blieb 1 1/3 Std länger als Lipinski und Co auf diesem Kurs, der ja nicht in Richtung des Zieles sondern fast schon in die entgegengesetzte Richtung führte.

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      • avatar Yachtie sagt:

        Mi, 10:00
        Inzwischen liegen sogar einige Serien-Minis vor Riechers.
        Hoffentlich läufts nach dem Passieren des Kaps besser.

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        • avatar Andreas Borrink sagt:

          Jörg halt. Immer gut für ein paar Extrameilen………Motto: go extreme, gain (loose) extreme! Hat er schon im Laser immer so gemacht. Das holt er wieder auf beim Reachen, wenn er sich nicht zerlegt.

          Keep up the spirit, Jörg!

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          • avatar Yachtie sagt:

            Riechers segelt ja den Mini mit der höchsten Bootsnummer. Das Schiff sollte daher eigentlich schnell sein.
            Allerdings ist es fraglich, ob er richtig Gas geben kann, da “Lilienthal” aufgrund der U-Boot-Nase zum Unterschneiden neigt.

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  5. avatar Yachtie sagt:

    Funktionieren hier iframes ?

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