Mini Transat: Überführung auf Hendrik Witzmanns Pogo 3 – 140 Seemeilen in 13 h

Im Dauer-Glitsch

Ist das Segeln? Das IST Segeln!

Mit bis zu 15 Knoten surfend in der Biskaya – für den Skipper ein simpler Überführungstörn, für miku ein Saison-Highlight. Vom Gleiten in andere Sphären, Segelkonfigurationen, Algen am Kiel und unsittlichen Wasserkanistern.

Um ganz ehrlich zu sein: Der Autor dieser Zeilen fühlte sich durchaus etwas gebauchpinselt, als ihn Hendrik Witzmann neulich in einem Nebensatz fragte, ob man nicht gemeinsam seine Pogo 3 „Sunovation“ von Lorient nach La Rochelle überführen wolle. Schließlich hängen kurz vor dem Start der Mini Transat auf den Stegen der einschlägigen Regattahäfen wie etwa „la Base“ genügend Typen herum, die genau solche Gelegenheiten herbeisehnen. Und die meist schon selbst seit Jahren auf den kleinen Rennern durch die Gegend flitzen, sportlicher und durchtrainierter sind und letztendlich mehr Know-how in so einen Törn einbringen können. 

Mini Transat, Mini 6.50, Pogo 3, Hendrik Witzmann

Im Glitsch auf der “Sunovation” – coolstes Segeln entlang der Bretagne und Vendée © miku

Doch Hendrik meinte es durchaus ernst, als wir uns in der lorientesischen Jazzkneipe zwischen zwei Saxophon-Soli für den 140-Seemeilen-Törn verabredeten. Abfahrt Freitag, vielleicht auch erst Samstag, das käme aufs Wetter und die anderen an. 

Best-pimped Pogo 3

Die anderen? Dazu muss man wissen, dass Mini-Segler – erst recht vor Regatta-Highlights wie der anstehenden Mini Transat – erstaunlich viel Zeit damit verbringen, flötend und in die Luft schauend auf genau den Stegen herumzuschlendern, auf denen die Minis der Konkurrenz im Päckchen liegen. Um dann, rein zufällig und ohne jeglichen Hintergedanken, einen Blick auf die technischen Details der Anderen zu werfen, sich genau anzuschauen, wie auf deren Booten die allgegenwärtigen Probleme und Problemchen gelöst wurden. 

Natürlich waren die Wellen in der Realität viel höher, die Böen spektakulärer und überhaupt alles viel besser, als auf einem Video gezeigt werden kann 

Bei dieser Bootsschau der besonderen Art stand Hendrik Witzmanns Pogo 3 seit jeher im Mittelpunkt. Oder um es anders auszudrücken: Die „Sunovation“ gilt als die „best-pimped“ Pogo 3 und erntet selbst unter den ausgebufften französischen Champions immer wieder anerkennend hochgezogene Augenbrauen. 

Außerdem hat sich herumgesprochen, dass dieser Deutsche mit dem (für Franzosen) schlicht unaussprechlichen Namen durchaus „was drauf“ haben muss. Zumindest, was den Bootsspeed anbelangt. Denn langjähriges Soling-Segeln auf höchstem Niveau, ein Vize-EM-Titel auf dem Drachen und viele Jahre Matchracen lassen sich nicht einfach so ignorieren. Jedenfalls ist mittlerweile den Top-Seglern klar geworden: Dieser „Eoandrigg“ kann schnell segeln. Vorausgesetzt, die Bedingungen stimmen. 

Mini Transat, Mini 6.50, Pogo 3, Hendrik Witzmann

Mal eben checken, wie die anderen das machen © miku

Entsprechend schnell willigte Mathieu Vincent, Solo-Sieger der letzten Trans Gascogne bei den Serienbooten und einer der Titelaspiranten für die Mini Transat 2019 auf den Vorschlag ein, gemeinsam mit Hendrik während der ersten Überführungsstunden ein paar Segelkonfigurationen unter Transat-Bedingungen auszuprobieren. Beide Skipper hatte dabei das Gleiche im Sinn: 100 Prozent sicher sein, dass Bootsspeed als Entschuldigung für suboptimales Abschneiden bei der kommenden Atlantiküberquerung auszuschließen ist. 

Perfektes Glitschwetter

Als wir nachmittags unter Segeln vom Steg ablegten, zählten wir zu den ersten Ministen, die sich aus Lorient Richtung La Rochelle auf den Weg machen. Die Mini-Transat beginnt zwar erst in zwei Wochen, doch schon am kommenden Mittwoch, also in vier Tagen müssen alle 90 Boote der Regatta im Hafen von la Rochelle liegen – Sicherheitskontrollen, Vermessungen etc. warten auf die Teilnehmer. 

Das Wetterfenster sollte sich für unseren kleinen Törn als ideal erweisen. Stetiger Wind aus NNO, der gegen Mitternacht auf NO drehen wird. Zwischen 13 und in Peaks 22 Knoten Windstärke waren zu erwarten. „Perfektes Glitschwetter,“ sah Hendrik voraus, „ideal, um die Spis zu testen.“ 

Mini Transat, Mini 6.50, Pogo 3, Hendrik Witzmann

Stimmt der Schnitt des neuen Spis? © miku

Nun könnte man meinen, nach monatelanger, intensiver Vorbereitung sollten insbesondere die Segelkonfigurationen in den jeweiligen Windstärken und Windeinfallswinkeln geklärt sein. Doch Hendrik schlug sich mit einem anderen Gedankengang herum: „Wir dürfen ja nur sieben Segel mitnehmen. Und wenn ich mir die Bedingungen bei den letzten Transats so anschaue, dann frage ich mich, ob ein Code 5 wirklich notwendig ist.“ Hendriks Idee: Lieber zwei unterschiedliche geschnittene, asymmetrische Max-Spi einsetzen – einen aus etwas stärkerem Material mit entsprechendem Schnitt für den oberen Windstärken-Grenzbereich der Spi-Max-Skala und einen Max Spi aus extrem leichtem Tuch, für die lauen Lüftchen. Statt Code 5 will er dann einen reffbaren Medium Spi einsetzen. Der sei zwar gerefft nicht ganz so klein wie der Code 5, könne aber vor allem auf raumen Kursen, die größtenteils auf der Transat zu erwarten sind, ordentlich Wind vertragen. 

Vor allem die beiden Maxi-Spi wollte Hendrik im direkten Vergleich mit Mathieu Vincent testen. Den nagelneuen Medium-Spi hatten wir schon zwei Tage zuvor bei einem Schlag vor Lorient ausgiebig begutachtet und Hendrik befand ihn für „gut bis sehr gut“. 

Algen? Aufs Ohr legen! 

Kaum aus dem Vorhafenwasser raus, erwartete uns bereits Mathieu auf seinem Pogo 3. Und sofort ging eine – zumindest für französische Verhältnisse – ungewohnt genaue Testserie los. Die beiden Boote, durchaus ebenbürtig von den beiden Skippern gesteuert, fuhren in etwa 100-200-Meter-Abständen und wurden von Autopilot oder vom Skipper geführt. Kurs, Segelstellung, Segelauswahl etc. wurden über Stunden hinweg bei guten Bedingungen direkt über Funk vorgegeben und der Franzose zog jeweils nach. So konnten optimale Vergleiche gezogen werden – für den Dreiecks-Kurs-Regatta-Segler Hendrik eine ganz normale Sache, für seinen französischen Mitspieler „ein in diesem Maße eher selten geführter Vergleich“, wie er sich später vorsichtig ausdrückte.

Mini Transat, Mini 6.50, Pogo 3, Hendrik Witzmann

Abendbrot kurz vorm Abendrot – Witzmann und sein Diner aus dem sensationellen  Schnellkochtopf © miku

Dabei lernte der wissbegierige Mitsegler von Henrik Witzmann auch durchaus Neues. Wie etwa, als Hendrik durch seine Optik im Kajütboden feststellen musste, dass er Algen am Kiel hat.  „Rückwärts fahren is’ unter Spi schlecht,“ sagte er nur lapidar, übernahm die Pinne, luvte an und legte sein Boot aufs Ohr. Der mitgeführte lebende Ballast krallte sich derweil überrascht in die Reling und suchte verzweifelt mit den Füßen nach Halt auf dem eben noch schrägen, jetzt nahezu vertikalen Cockpitboden. „Dann fällt das Gemüse ab und wir verlieren kaum Zeit auf die da vorne!“

Bis zum Einbruch der Nacht bleiben die beiden Boote nebeneinander und tauschten ihre Werte über Funk aus. Als es dunkel wurde, verabschiedete sich der junge Franzose, um einen etwas östlicheren Kurs einzuschlagen. Er wolle „die Nacht ruhiger angehen lassen“.

Nicht so Hendrik. Der Wind drehte wie vorhergesagt östlich und auf der „Sunovation“ wurde – ausgerechnet – der Code 5 gesetzt. Bei gereffter Fock, einem Reff im Groß flutschen wir ins Dunkel mit Speed-Peaks um die 16 Knoten. Durchaus begeisternde Aussichten für die nächsten Stunden. 

„Ick mach’ det alleene!“

Hier wird es Zeit für einige Zwischenbemerkungen. Denn auch der Autor hatte sich ja so seine Hoffnungen gemacht und sich seine Rolle auf Witzmanns Pogo 3 ausgemalt. Schon sah er sich heroisch im Glitsch steuernd die Wellenberge hinunter surfen, während Hendrik an seinen Vorsegeln rumzupft und begeistert das eine oder andere „gut gemacht“ oder „genau erwischt, die Welle“ nach hinten ruft.

Mini Transat, Mini 6.50, Pogo 3, Hendrik Witzmann

Kann richtig kalt werden auf dem Ozean © miku

Doch schon beim Setzen des ersten Spis wurde klar, dass dieser Törn ganz anders verlaufen sollte. Miku: „Also wie is’ das jetzt? Ich steuer, während Du den Spi Deiner Wahl setzst und trimmst? Oder umgekehrt?“ Witzmann berlinernd: „Nee, lass’ ma’, ick muss üben, ick mach’ det alleene!“ Miku: „Aber dann kann ich doch wenigstens steuern. Das musst Du ja nicht mehr üben!“ Witzmann: „Hör zu: Auch der Autopilot muss getestet werden. Du begibst dich jetzt ganz hinten nach Luv, damit die Kiste vorne hochkommt!“ 

Na toll, lebender Ballst, meine Traumrolle! Nun ist es so, dass auf der Pogo 3 an den äußeren Enden des Heckbereichs kleine, offene Kammern vorgesehen sind, in die beispielsweise – wie auf der „Sunovation“ – bei Lage im Boot die vollen Wasserkanister in Luv als Ballast verstaut werden. Das kam zwar meiner Sitzhöhe zugute, jedoch fühlten sich die Schraubverschlüsse selbst durch das Ölzeug hindurch eher unsittlich an. Aber mehr als 40 Jahre Yoga-Erfahrung werden auch mit solchen Kleinigkeiten fertig

Sind wir wirklich alleine?

Die folgende Nacht hüllte uns in einen Kokon aus Emotionen ein. Wir rasten weiter im Glitsch durch die Fluten, es klatschte reichlich Atlantikwasser übers Deck, aber die vielgerühmte Taucherbrille, die Ministen bei allzu nassen Strecken aufsetzen, war noch nicht nötig. Hendrik, der Mann, der vorher noch erklärt hatte, er fühle sich bei der kommenden Transat in erster Linie für Bootsspeed und kaum was anderes zuständig und all’ dieses Gedöns um den Ozean, Blauwasser, Einsamkeit und „hinterm Horizont geht’s weiter“ sei nun mal gar nicht sein Ding, dieser Mann wurde plötzlich ganz rührig. Als die letzten Sonnenstrahlen den Himmel in dunkelstes Bordeaux-Rot tauchten, war zum ersten Mal ein begeistertes „wow“ von ihm zu vernehmen.

Mini Transat, Mini 6.50, Pogo 3, Hendrik Witzmann

Nächtlicher Auftakt © miku

Und als weiter nach Mitternacht der fast volle Mond mit einem zarten roten Schimmer hinterm Horizont verschwand, war Nachdenkliches zu vernehmen: „Mann, wir glitschen hier mit 13 Knoten durch die Nacht, außer uns nichts als ein paar Fischerboote. Das fühlt sich an wie nicht von dieser Welt!“ Als wir später im Stockdunklen die Milchstraßensterne über uns zählten, murmelte Witzmann plötzlich unerwartet ein „und da will man mir erzählen, wir seien die Einzigen im Universum!“

Später, als sich der angehende Transat-Segler zu einem Trainings-Nickerchen in der Kajüte verbarrikadiert hatte, kam dann doch des Autors große Stunde. Nachdem ich zwischendurch sogar das Großsegel fieren durfte, wenn das Boot zu sehr krängte und ein Abfallen wegen zuviel Druck im Groß kaum noch möglich war, nahm ich nun die Gunst des Moments wahr, rutschte ein paar Zentimeter nach vorn auf die nun erstaunlich bequeme Sitzfläche, schaltete den Autopiloten aus und steuerte die glitschende „Sunovation“.

Mini Transat, Mini 6.50, Pogo 3, Hendrik Witzmann

Und dann geht die Sonne wunderbarerweise, aber verlässlich wieder auf © miku

Logisch, dass Witzmann das alles unter Deck bemerkt haben musste und wohl nur grinsend abwinkte. Aber ich lachte mir ins Fäustchen und raste – Rock’n Roll! – unter der Milchstraße ins Dunkel der Nacht.

Epilog

Mit dem ersten Morgengrauen kamen wir vor La Rochelle an. Für 140 Seemeilen hatten wir 13 Stunden auf nahezu direktem Weg gebraucht. Eine Wende wurde erst vor der Hafeneinfahrt notwendig. Später, als wir von einem der größten Freizeithäfen Frankreichs in den beschaulichen alten Hafen von „La Roche’“ geschleppt wurden, gab es dann eine kurze, nüchterne Bilanz vom Skipper: „Beide großen Spis haben sich bewährt, keine Frage.Obwohl – Code 5 ist auch ein tolles Segel. Was ich aber nicht verstehe: Warum hast Du Dich die ganze Nacht auf die Wasserkanister gesetzt? Die sind jetzt verbeult, Mann! Drück die Dellen nachher bloß wieder raus!“ 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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3 Kommentare zu „Mini Transat: Überführung auf Hendrik Witzmanns Pogo 3 – 140 Seemeilen in 13 h“

  1. avatar klaus sagt:

    Mal wieder großartig geschrieben!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 0

  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Sehr schöner Bericht! Ich liebe sie.
    So lebendig geschrieben, dass der Leser auch gerne dabei gewesen wäre.

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  3. avatar oh nass is sagt:

    Wie kann man sich auch nur auf die Kanister setzen? Unglaublich!!

    🙂
    Schöne Gechichte.

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