Minitransat: Einhandsegler Arthur Leopold Léger erzählt von seinem Mann-über-Bord-Erlebnis

Knapp überlebt

Immer ziemlich rasant auf seinem Protypen 709 unterwegs: Arthur Leger © Arthur Leger

Arthur Leger auf seinem Protypen 709 mit gerefftem Vorsegel.  © Arthur Leger

„Jetzt einfach das Backstag lösen!“

„Ich wurde müde, bewegte mich einige Minuten nicht mehr. Plötzlich sehe ich vor mir das voll unter Spannung stehende Backstag. Ich hangele mich hoch und löse es, in der Hoffnung, ein wenig Druck aus dem Großsegel zu nehmen. In der nächsten Sekunde richtet sich das Schiff auf hebt das Heck und ich werde an der Lifeline nach oben gerissen. Aber einen Moment später krache ich wieder zurück ins Wasser!“ Der Einhandsegler stellt entsetzt fest, dass sein „Manöver“ zum Mastbruch führte. Das Chaos ist perfekt…

Leger hängt jetzt am Heck seines Bootes. Dort gibt es eine Art „Stufe“, mit der man vom Wasser aus ins Boot gelangen kann. Normalerweise. Doch für den Erschöpften ist dieser Absatz zu hoch, um noch einen Fuß darauf setzen zu können.

Nächste Chance: Die Überlebensluke im Spiegel des Bootes. Mit letzter Kraft gelingt es ihm, sie zu öffnen. Doch um von außen ins Bootsinnere zu gelangen, muss er erst das  Rettungsfloß beiseite rücken. Das gelingt nur mit größter Mühe, letztendlich ist der Weg aber frei. Die Luke ist jedoch zu klein, um sich mit Schwimmweste hindurch zu zwängen – und die Schwimmweste lässt sich „unter Zug“, also aufgeblasen, nicht öffnen!

„Später ist mir eingefallen, dass ich eigentlich ein Messer bei mir trage. Ich hätte nur in die Schwimmweste stechen müssen… aber ich habe einfach nicht daran gedacht!“ sagt der Skipper im Interview.

MiniTransat, über Bord

Unterm Strich hat ihn sein Boot aber doch nicht im Stich gelassen. Es war nur etwas zickig! © Arthur Leger

„Verdammt, durch die Luke läuft Wasser“

Er beginnt zu verzweifeln, kann sich vor Erschöpfung kaum noch bewegen. Die Wellentäler kommen ihm riesig vor, er fängt an zu zittern. Nach einigen Minuten stellt er fest, dass sich das Boot seltsam auf die Seite legt, tief krängt. „Die Überlebensluke ist noch offen, jede Menge Wasser im Boot!“ durchfährt es Arthur. „Doch das ist die Rettung: Die Steuerbordseite hängt tiefer im Wasser und irgendwie schaffe ich es, mich ins Boot wuchten!“

In der Plicht angekommen, aktiviert er schnell die Seenot-Signale. Dann will Leger noch den Rumpf vor dem schlagenden Mast-Bruchstücken schützen und beginnt, die Stage zu durchtrennen. Aber er ist so schwach, dass er fast wieder ins Wasser stürzt und kriecht zurück ins Cockpit.

Kurz darauf sieht er in etwa 50 m Entfernung das Topp eines Mini-Segels auf sich zurasen. Es ist Tanguy le Turquais auf seinem Serienboot. Der rollt hektisch den Gennaker ein und fährt nahe an den Havarierten heran. Später berichtet Tanguy: „Als ich Arthurs Gesichtsausdruck sah, wusste ich gleich, dass hier einer heilfroh über meinen Anblick ist!“

MiniTransat

Und das alles mit einem Seenotrettungskreuzer in 10 Minuten Entfernung! © Arthur Leger

„Gibt es einen schöneren Anblick, als einen Serien-Mini?“

Tanguy ruft Hilfe über Funk, gibt genaue Positionen durch und wartet bei dem Havarierten, bis nur 10 Minuten später das Rettungsschiff eintrifft, das die Minitransat-Flotte begleitet. Mittlerweile ist es stockdunkel und der Seegang wird stärker. Aber die Retter schaffen es, Leger auf ihr Boot zu wuchten und das havarierte Schiff zu sichern.

Das Fazit? „Der Trockenanzug hat mich gut vor der Kälte geschützt, die Lifeline hat mich am Boot, die Rettungsweste meinen Kopf über Wasser gehalten, meine Retter haben mich rechtzeitig abgeborgen. Wenn auch nur einer dieser Parameter nicht erfüllt gewesen wäre, hätte ich dieses Interview nicht mehr geben können!“

Mit Material von “Voiles et Voiliers” und Pressemitteilungen der MiniTransat

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

12 Kommentare zu „Minitransat: Einhandsegler Arthur Leopold Léger erzählt von seinem Mann-über-Bord-Erlebnis“

  1. avatar Alex sagt:

    Somit ist auch meine Frage beantwortet: Weste oder Lifeline oder Weste und Lifeline

    Ich hab mich immer gefragt, ob die Weste nicht sogar gefährlich ist, wenn man mit der Leine am Rumpf hängt.
    Also bisher alles richtig gemacht.

    Vom Sofa aus ist es schon kühn, das Backstag zu lösen. Da wird aber deutlich, wie schnell Fehlentscheidungen bei Erschöpfung getroffen werden.
    Das Problem mit der Fernbedinung haben wir die Tage erst diskutiert. Da wäre es sich nicht schlecht, ein Modell das man wie eine Ronstan Startuhr über den Klamotten am Arm trägt.

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    • avatar Dominik sagt:

      Alex, es scheint als ob du über Offshore/Single-hand Erfahrung besitzt. Vielleicht kannst du mir die folgenden Fragen beantworten:

      Gibt es denn keine Automatik die ausgelöst wird durch die Zugkraft die auf die Lifeline wirkt?

      Gibt es überhaupt passive Systeme oder Automatiken?

      Arthur Leopold war sicherlich in einer äußerst prekären Situation, aber was macht man wenn man bewusstlos ohne Rettungsweste über Bord geht?

      Viele Grüße,

      Dominik

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      • avatar Alex sagt:

        @Domink, ich bin nur ne Binnensau. Aber auch da fahre ich mit Pinnenpilot und man kann leicht über Bord gehen. Bei uns scheiden nur solche Wellen in der Regel aus.
        Das Problem ist, ab ca. 4kn erzeugt man eine Bugwelle mit dem Kopf, das Ertrinken droht. Die Weste hält da den Kopf wohl über Wasser. Nur seitlich hochklettern mit Relingszügen halte ich mit Weste für nicht möglich.

        Das Auslösen war hir ja nicht das Problem, sondern das wieder an Bord kommen.
        Ich meine, Ellen Macarthur hatte ein System das auf Entfernung auslöste und das Boot in den Windstellte. Ob man bei 2,5m Welle im Ölzeug und mit Weste 50m zum Boot schwimmen kann?

        Wenn Du bewustlos ohne Weste so über Bord gehst, wirste wohl absaufen.

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        • avatar SR-Fan sagt:

          Nicht nur das. Das in den Wind gestellte Boot dürfte bei 20 kn Wind und Welle auch entsprechend das Driften anfangen. Die Fragen ist dann letztlich Weste und Klamotten aus und schneller schwimmen (und auskühlen) oder sehen, wie das Boot langsam am Horizont davontreibt.
          Wie so häufig, gibt es kein richtig oder falsch. Man hört letztlich immer nur von den “erfolgreich” gemeisterten Situationen und die sind meist sehr individuell.

          VG

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  2. avatar Marcus Mattis sagt:

    Es gab bei einem früheren Minitransat schon einen Toten, der an seiner Lifeline neben dem Schiff hing. Ich denke hier hilft es nur, die Strecktaue möglichst weit mittschiffs zu führen und die Lifelines so kurz wie praktikabel zu halten.

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  3. avatar Scary sagt:

    Das erschreckende ist, dass Leger ohne technischen Defekt oder groben Fehler im Handling beinah ums Leben gekommen ist und vielleicht sein Boot verloren dabei hat (?). Die Erschöpfung hatte anscheinend einen großen Anteil daran, dass er nicht wieder rechtzeitig ins Boot kam. Trotzdem muss man vielleicht mal darüber nachdenken, wie man den Einstieg erleichtert, wenn auch nicht über die Leeseite des wohl stark krängenden Bootes hinein kam (bevor es volllief)..

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  4. Das besondere am Segeln ist das IMPROVISIEREN , da sich selten eine Situation – mit der anderen gleicht !
    Schwierig -Einhand manchmal UNMÖGLICH ist wenn das Wetter nicht mitspielt bzw. ein RACE wo man an Grenzen des Schiffes geht, KÖRPERLICHE GRENZEN bewußt ÜBERSCHREITET und leider die Seemanschaft nicht die ERSTE PRIORITÄT ist,sondern der KAMPF MIT DEN ELEMENTEN – und der SIEGESWILLE stärker als die PERSÖNLICHE Erfahrung bis zu diesen Zeitpunkt ist .
    Unter solchen Gesichtspunkten finde ich es müßig, Über Art und Zustand von Schwimmwesten oder anderen Ausrüstungsteilen zu sprechen!
    GEWINNER SIND ALLE DIE GESUND UND HEIL ANKOMMEN UND NICHT IN EINE ÜBERHEBLICHKEIT VERFALLEN – DEM MEER MIT ALL SEINEN TÜCKEN IMMER UND JEDERZEIT TROTZEN ZU KÖNNEN !!

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    • avatar Alex sagt:

      Netter Link und nettes Winken auf Deiner Klassenseite.

      Nur verstehe ich unter Seemannschaft unter Anderem, einhand nur mit Weste, auch auf einem Binnensee mit überschaubarem Wetter.
      Das Bild passt da nicht wirklich zu Deiner geäußerten Einstellung. 😉

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      • avatar Sailing4Ever sagt:

        Ursprünglich stand Mannschaft für das Zusammenwirken von mindestens 2 Personen. Eine Ironie unserer Zeit ist es, das Wort darauf zu verwenden, wie gut man selber beisammen ist.

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    • Arthur ist wohl – wie die meisten der in ClasseMini vorn mitfahrenden – sehr erfahren und die Situation in der er sich vor dem Überbordgehen befand war auch nicht sonderlich gefährlich – bestimmt 100x gemacht. Immerhin hatte er sich angeleint und damit alles ihm möglich e getan, um nicht vom Boot getrennt zu werden.

      Aber solche Situationen kann und will man nicht trainieren. Und deshalb ist es interessant, solche Berichte zu lesen, denn dann kann man Handlungsabläufe zumindest theoretisch durchspielen.
      Bei ihm führte die Wende, die er selbst ausgelöst hatte (lange Drücken = Wende) mit dem Abfallen auf +/- 120 Grad zur Katastrophe und ein weiteres Problem ist das AnBordKommen, da Minis hinten 3 Relingzüge haben, die Ruderstangen stören und i.d.R. nur eine kleine Aufstiegshilfe da ist. Das Ganze bei einem – in 2..3m Welle – wild stampfenden Boot …
      Aber ich werde im Sommer mal ein paar Tests machen…

      Zum Glück hatte er eine Menge Glück im Unglück sowie die richtige Ausrüstung (Trockenanzug, Weste, Gurt) dabei.

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  5. Hi, Alex , dass würde bedeuten das ich auf Unseren Binnensee immer auch bei 36 Grad Lufttemperatur und unter 1 Bf Wind (Im Konvoi segelnd) immer eine Schwimmweste anhaben sollte. ICH GLAUB DU NIMMST DICH SELBST NICHT ERNST !
    DIES SOLLTE ABER AUF DIESER SEITE NICHT ZUR DEBATTE STEHEN !

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    • avatar Alex sagt:

      Ein guter Richtwert ist: segelt das Boot schneller als Du schwimmen kannst, segle einhand mit Weste!
      Und sorry, das nehme ich recht ernst.

      Nur ein Beispiel, vor ein paar Jahren ist nach der Eisernen auf der Rückfahrt in den Hafen, bei nahezu Flaute und unter Motor und ohne Weste, ein Segler über Bord gegangen. Man hat ihn schon noch lebend gefunden, aber doch zu spät.
      Mit einer Aufgeblasene Weste hätten ihn die vielen Rückkehrer sicher wesentlich früher gesehen. Orange oder gelb leuchtet einfach besser als nur ein Kopf.

      Übrigens, scheinbar geschehen über 80% der tödlichen Unfälle im Bereich von 0-2m zu einem Steg oder ähnlicher Anlage. Ich trage da tatsächlich keine Weste, nur meine Tochter!

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