Minitransat: Ian Lipinski fährt einen Stecker, kentert und überlebt nur knapp

Oberkante Unterlippe

MiniTransat, Kenterung

Er dachte an seine Frau und das ungeborene Baby: “Hier wird nicht gestorben!” © vapillon

Essen war doch in Reichweite!

Lipinski wird herumgewirbelt, Beine nach oben, er schlägt mit dem Kopf auf den Rumpf, ist kurz ohnmächtig. Als er wieder aufwacht steht ihm das Wasser bis zum Hals: „Mein Boot war nicht nur durchgekentert sondern auch noch vollgelaufen und über Kopf liegen geblieben. Es blieben mir nur ein paar Zentimeter, um Luft zu holen.“ Das Ganze fast im Dunklen, eine ziemlich komplizierte Situation.

„Aber ich ließ mich nicht verrückt machen. Mein Boot war zwar gekentert, aber ich fror noch nicht, hatte Luft zum Atmen. Reicht doch!“  Zunächst tastet er nach dem Überlebensanzug aus dickem Neopren, den er sich wassertretend überstreift. Er atmet tief durch und denkt an seine Frau und ihr ungeborenes Baby. „Hier wird nicht gestorben, das wird schon klappen!“

Er setzt aus dem Inneren ein Seenotsignal via Satellit ab und richtet sich auf eine gewisse Wartezeit ein. „Genug essen schwamm ja um mich herum, atmen konnte ich auch noch, alles gut also!“ Außerdem hofft er darauf, dass die Begleitboote der Mintransat merken würden, wenn sich seine Pogo 2„pas d’avenir sans numerique“ nicht mehr auf dem Tracker bewegt.

Eine knappe Stunde nach der Kenterung richtet sich der Serienmini endlich wieder von alleine auf. Als Lipinski nach draußen kommt, bietet sich ihm das klassische Durchkenterungsgrauen: besenrein gefegtes Deck, mit seitlich schwimmenden Mast- und Baumteilen, inkl. treibenden Segeln.

Lipinski findet nun auch das tragbare Funkgerät wieder und funkt seinen Kollegen Eric Cochet an, von dem er wusste, dass er vor der Kenterung in unmittelbarer Nähe war. Der hat ihn logischerweise überholt, aber nichts von Lipinskis Malheur bemerkt, antwortet ihm jedoch trotz der mittlerweile erheblichen Entfernung. Cochet bietet an, zurück zu segeln, aber das will Lipinski nicht, weil er weiß, dass Cochet damit nur unnötig sein Schiff riskiert – gegen den Wind.

Also setzt Lipinski ein SOS über Funk ab, ohne Antwort. Er schießt eine Seenotrakete ab, in der Hoffnung, dass man die nachts – es ist immer noch dunkel – doch eigentlich gut sehen müsse.

Diese erste Nacht war alles andere als toll! Hier der Schweizer Simon Kostner © vapillon

Diese erste Nacht war alles andere als toll! Hier der Schweizer Simon Kostner © vapillon

Und dann noch die lange Wand hoch

Schließlich taucht gegen 8:30h ein großer Frachter am Horizont auf. Lipinski kann sich lebhaft vorstellen, dass man ihn dort aufgrund der vier Meter holen Wellen nicht leicht finden wird und entzündet eine Handsignalfeuer. Später wird der Frachter-Kapitän sagen, dass sie ihn nur aufgrund dieses Leuchtmittels gefunden haben.

MiniTransat

Bei solchen Vollglitsches birgt jeder noch so kleine Fehler eine Katastrophe © vapillon

Der Frachter fährt nah auf und gibt Zeichen, dass ihm ein anderes, kleineres Schiff  folge und dass dieses Lipinski aufnehmen wird.

Er weiß, dass die Sache noch nicht gelaufen ist. Gleich wird er vermutlich eine dünne Strickleiter eine lange, verrostete Seitenwand hinauf klettern müssen…

Der nächste Frachter kommt prompt, manövriert sich in Luv des Mini-Rumpfes. Lipinski sitzt in der Plicht, traut sich nicht nach vorne , weil das Heck des Schiffes heftig und ziemlich nah in die Wellen kracht. Und tatsächlich, einmal wird der Mini unter das bedrohliche Heck geschoben, der 6.50m-Rumpf kriegt ordentlich was ab,ohne Lipinski dabei zu verletzen.

Die Besatzung des Frachters wirft Leinen, die Lipinski auf den Winschen belegt – das Boot ist so etwas stabilisiert. Dann wird das Strickleiter hinabgeworfen. Schwierig, schwierig, in dem Seegang, es muss genau die Wellenhöhe abgewartet werden… und vor allem, vor allem darf Lipinski nicht ins Wasser fallen! Beim dritten Versuch klappt es und er klettert hinauf bis zur Brücke des Frachters. Endlich!

Staatsempfang!

Er wirft einen verzweifelten Blick zurück auf das malträtierte Boot oder das, was von zwei Jahren intensiver Vorbereitung übrig blieb. Dann setzt der Frachter seinen Kurs fort.

Einmal an Bord, wird der Franzose Lipinski aufgrund seines Nachnamens vom polnischen Kapitän wie ein Staatsgast empfangen. Der Mini-Segler bleibt oben auf der Brücke und navigiert ein wenig weiter. Morgen Abend wird der Segler in Sfax/Tunesien von Bord gehen. „Ich werde wohl noch eine ganze Zeit brauchen, bis ich das alles verdaut habe!“ sagt Lipinski am Ende des Interviews des Kollegen von „voiles et voiliers“. „Aber die Minis werden mich wiedersehen! Ich muss mir nur einen neuen Schlachtplan zurechtbasteln!“

MiniTransat

Bei solchen Wellen wird man schnell mal übersehen © vapillon

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

9 Kommentare zu „Minitransat: Ian Lipinski fährt einen Stecker, kentert und überlebt nur knapp“

  1. avatar RVK sagt:

    Was passiert eigentlich mit den ganzen aufgegebenen Minis? Sinken die einfach weg? Werden die gerettet? Treiben die als UFOs weiter rum?

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

    • Manche, wie die Boote von Arthur und Jeffrey werden aufgesammelt und mache treiben noch lange herum bis sie irgendwo angeschwemmt werden. Untergehen tun sie eigentlich nicht, da sie ja dank Schaum quasi unsinkbar sind.

      Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  2. avatar LaserRecke sagt:

    Nach richtig guter Seemannsvhaft Klingen die arg glorifizierten Geschichten nicht….

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 21

    • avatar Sven sagt:

      Joh, die gute alte Seemannschaft muss mal wieder herhalten. War auch unverantwortlich nach 2 Jahren Vorbereitung und den erworbenen Kenntnissen über das Boot in dem Starkwind nicht beizuliegen oder vor dem Wind ohne Segel abzulaufen.
      Glorifizierend finde ich das nicht. Der Mann beschreibt seinen Überlebenswillen und die Widrigkeiten der Rettung mit einem Schuss Ironie. Genauso ist ihm wohl auch zum Heulen zu Mute.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 22 Daumen runter 2

      • avatar Ketzer sagt:

        Das hat hier wirklich nichts mit guter Seemannschaft zu tun, aber damit hat die Veranstaltung auch nichts zu tun. Oder wollen mir die ganzen Minus-Wähler da oben jetzt etwa erklären, dass es sinnvoll ist, bei 5 m Welle und 25 kn Wind mit einem 6,5 m Winzling und Gennaker über den Atlantik zu glitschen?
        Seemannschaft ist was für Hobbysegler, die alleine und auf sich gestellt solche Strecken meistern müssen und da macht sie auch Sinn.

        Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  3. avatar Friedrich sagt:

    Der Junge hat erkennbar sehr viel riskiert – und verloren. Vielleicht hat er das auch nicht so gut gemacht, Segelwahl, Kurs, Einstellung Autopilot whatever. Dafür spricht, dass er schon in den ersten 24h dreimal auf die F…. geflogen ist. Und irgendwie war wahrscheinlich auch Pech dabei. So ist das beim Regattasegeln. Bei Single Handed kann einen das das Leben kosten, das wusste er vorher. Zum Glück hat dann die Rettung relativ gut geklappt. Pech ist für das alles das falsche Wort. Aber er kann einem trotzdem sehr leid tun!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

  4. avatar Chris sagt:

    das auf dem einen Bild ist nicht Simon Kostet der hat die 819 und nicht die 824 als segelnummer. nur so zur Info. Sonst toller Bericht!

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

    • Stimmt – das ist Justine aber trotzdem ein tolles Bild.

      Und an all die Leute mit der tollen Seemannschaft – ja, das ist hier eine Regatta und deshalb bewegen sich die Akteure immer auf einem schmalen Grat zwischen “noch” bester Seemannschaft und “etwas” zu viel Risiko. Im Falle von Ian Lipinksi – der war bei fast allen Regatten im laufenden Jahr sehr weit vorn und beherrscht sein Schiff eigentlich recht gut. Allerdings ist dermaßen tiefes VMG-Fahren bei Sturm und querlaufender Welle auch selten zu trainieren und vielleicht ist der P2 auch unter diesen Bedingungen etwas schwerer zu beherrschen als die Naciras (des Führungstrios). Aber wenn er es nicht probiert hätte, dann würde er wie Jonas (der normalerweise ebenfalls sehr gut segelt) vlt. mit einem Rückstand von 200sm Lanzarote runden … und damit in seinen Augen auch nicht zufrieden sein …

      Und … der Bericht von Ian als auch der von Arthur, Bert, Diane Reid … sowie der unter Notrigg eigenständig weitersegelnden haben gezeigt, dass … ja auch immer etwas Glück im Spiel war und die Handlungsoptionen dramatisch geringer wurden … aber auch, dass das Sicherheitsniveau in der Klasse recht hoch.

      VG, Frank

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  5. avatar Andreas sagt:

    Ich habe mit meiner P2 von null bis über 50 Kn Wind und riesige Wellen alles erlebt. Auf dem Atlantik und im Mittelmeer. Beim MT 2009 war die Biskaya aber die härteste Strecke, obwohl wir keinen schlechten Bedingungen hatten. Was auffiel waren die extrem hohen und steilen Wellen. Nach Madeira hab ich keine mehr von dieser Größe gesehen, In der Biskaya kommt es immer wieder zu Unglücken mit solchen Booten. Bei extremen Wellen sind die Autopiloten an ihrer Grenze. Ich bin auch ein paar mal quer geschlagen, aber war immer weit davon entfernt die Kontrolle über das Boot zu verlieren. Vielleicht auch, weil ich als Familienvater etwas mehr auf Sicherheit gegangen bin. Fiese Wellen und hoher Speed, im Zusammenwirken mit Müdigkeit und einem billigen Autopiloten können dann einen Überschlag bewirken. Die Seemanschaft ist auf MINIs immer vorhanden. Sie sind Weltmeister in dieser Disziplin. Es gibt keine besseren Boote, bezogen auf die Größe. Eigentlich sind es Rettungsboot unter Segeln. Der Fehler war von Anfang an, die Regatta wg. der Strecke in die Hurricane-Gebiete so spät von einem nördlicheren Hafen aus zu starten…

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *