Ocean Race Europe: OTG-Sensation ist perfekt – Stanjek Team gewinnt

Mit einer Bootslänge zum Triumph

Mit einem Nervenspiel im Zweikampf bei leichter Brise vor Genua/Italien ist die Premierenausgabe des The Ocean Race Europe zu Ende gegangen – und wurde vom Offshore Team Germany mit dem Gesamtsieg gekrönt. Während Segel-Deutschland bei den IMOCAs jubelte, feierte Portugals „Mirpuri“-Team den Sieg bei den VO65.

Das Unmöglich möglich gemacht: Als Außenseiter gewinnt das Offshore Team Germany die Europaregatta der IMOCA-Klasse. Foto: sailing energy / The Ocean Race

Hitchcock hätte das Drehbuch des finalen Küstenrennens nicht spannender schreiben können. Erst zehn Minuten vor Fristablauf hatte sich genug steter Wind für einen Start durchgesetzt. Dann sah die deutsche Mannschaft fast eine Stunde wie der sichere Sieger aus. Die letzten Meter jedoch wurden zu einem Matchrace par excellence. Vor dem Wind musste die „LinkedOut“ von Thomas Ruyant aus Frankreich in Schach gehalten werden, die zwischendurch den Bug vorn zu haben schien. Bis zur Erlösung auf der Ziellinie mit gerade einmal einer Bootslänge Vorsprung waren die Fingernägel bei allen Fans im Livestream längst abgekaut. Dann erst kannte die überschäumende Freue in schwarz-rot-gold keine Grenzen mehr.

Der finale Zieldurchgang, der das OTG zum Gesamtsieger des Ocean Race macht. Foto: sailing energy / The Ocean Race

Der Gesamtsieg der deutschen „Einstein“ ist die Überraschung bei diesem Rennen. Doch das vermeintlich benachteiligte Design des Offshore Team Germany war in den vorherrschenden Bedingungen während dieses Europarennens gleichwertig. Der Berliner Skipper Robert Stanjek und seine Crew mit Annie Lush (Pit), Benjamin Dutreux (Navigator) und Phillip Kasüske (Grinder) holten in den drei Offshore-Etappen und zwei Kurzrennen alles aus dem zehn Jahre alten Boot heraus und setzten sich gegen die vier Konkurrenten der neuesten Generation mit einem zweiten Platz im abschließenden Sprintrennen vor Genua durch.

Das Finale nach drei Wochen mit den Etappen von Lorient/Frankreich nach Cascais/Portugal sowie über den weiteren Etappenort Alicante/Spanien schließlich nach Genua/Italien bot noch einmal höchste Spannung. Zunächst einmal wurden die Nerven aller sieben Teams in der VO65-Klasse und fünf der IMOCA-Klasse aufs Äußerste getestet. Vor Genua hatte sich eine Flaue breit gemacht; der Start musste um eineinhalb Stunden verschoben werden. Dann aber ging es mit einer leichten Brise am unteren Limit des Segelbaren auf den Kurs.

Schon beim Start steuerte Robert Stanjek die „Einstein“ als erste vor der „LinkedOut“ über die Linie. Foto: sailing energy / The Ocean Race

Und die beiden führenden Teams in den Klassen, das „Mirpuri“-Team bei den VO65 und das Offshore Team Germany bei den IMOCAs, legten zunächst die Messlatte auf. Nach einem Halbwind-Kurs zur ersten Bahnmarke lagen beide vorn und gingen auf den Kreuzkurs. Während die Portugiesen souverän blieben und ihren Widersachern letztlich allesamt nochmals das Heck zeigte, wurde es bei den 60ern hochdramatisch.

Das OTG konnte nicht beide Verfolger „LinkedOut“ (Frankreich) und „11th Hour Racing“ (USA) abdecken, denn die Konkurrenz segelte ein Split mit „LinkedOut“ auf der rechten und „11th Hour Racing“ auf der linken Seite. Die „Einstein“ ging mit nach rechts zum Hauptgegner und wahrte einen minimalen Vorsprung an der zweiten Bahnmarke. Dort aber misslang das Wendemanöver, der Bug drehte zunächst nicht durch den schwachen Wind. „11th Hour Racing“ zog vorbei und blieb auch auf dem abschließenden Vorwind-Kurs bis ins Ziel schneller.

Das allein jedoch war noch unproblematisch. Schließlich lag Charlie Enright mit seiner Crew vor dem Finale zwei Punkte hinter OTG zurück, das aber zumindest den zweiten Platz gegen „LinkedOut“ verteidigen musste. Doch die moderneren IMOCAs segelten in dieser Phase auf dem tiefen Vorwindkurs schneller. Es entwickelte sich ein Krimi. „LinkedOut“ kam näher und näher, versuchte immer wieder, die „Einstein“ in die Abwinde zu bekommen. Mit Platz zwei würde das OTG den Gesamtsieg verteidigen, Platz drei hätte auch nur Rang drei in der Gesamtwertung ergeben.

Immer vor der „LinkedOut“ bleiben – das war das Ziel der Deutschen, aber wurde am Ende richtig knapp.   Foto: sailing energy / The Ocean Race

Es spitzte sich zu einem Herzschlag-Finale zu. „LinkedOut“ schob den Bug wenige hundert Meter vorbei, doch das OTG hatte den besseren Winkel zum Ziel. Mit mehr Speed zog Robert Stanjek die Yacht auf die Zieltonne zu. „LinkedOut“ musste dagegen immer tiefer gehen, um das Ziel anzusteuern. Die deutsche Yacht hatte Vorfahrt, „LinkedOut“ verlor an Tempo. Der Windschatten konnte nichts mehr ausrichten.

Mit einem Hauch mehr an Speed schob sich „Einstein“ auf den letzten Metern wieder an dem französischen Team vorbei. Die ganze Erfahrung der olympischen Segler an Bord der „Einstein“, die Matchrace-Expertise von Annie Lush, hatten sich ausgezahlt. Nach insgesamt 2000 Seemeilen, drei Etappen und zwei Coastal Races entschieden eine Bootslänge oder zehn Sekunden Vorsprung über Platz eins, zwei und drei. Es war schließlich der vermeintliche Außenseiter, der jubeln durfte.

Mit einem Punkt Vorsprung siegte das Offshore Team Germany mit Robert Stanjek, Phillip Kasüske, Annie Lush und Benjamin Dutreux – unterstützt im Wechsel durch Onboard-Reporter Felix Diemer und Boatcaptain Ian Smyth – bei seinem ersten Regatta-Auftritt in dieser Formation gegen vier der modernsten IMOCAs. „11th Hour Racing“ belegte Gesamtrang zwei vor dem Team von „LinkedOut“.

Team OTG im Freudentaumel. Foto: sailing energy / The Ocean Race

Nach der Zielankunft musste Robert Stanjek eingestehen: „Ich bin völlig fertig. In den letzten Minuten bin ich wohl drei Jahre gealtert. Es hätte gern auch ein bisschen weniger spannend sein dürfen.“ Der letzte Abschnitt bis zum Ziel war auch für den Olympiasechsten von London eine echte Zitterpartie: „Wenn die von hinten mit Speed kommen, ist es unglaublich schwer, das zu verteidigen. Wir wollten daher tief segeln, um uns freizuhalten, aber der IMOCA bremst dann sehr stark ein. Zum Schluss konnten wir dann wieder unsere bevorzugten Winkel fahren. Und wir kamen in eine echte Match-Race-Position, haben geluvt, um ‘LinkedOut’ in die schlechte Position zu bekommen und im letzten Moment die Nase ins Ziel zu drehen. Das hat funktioniert. Ich bin unglaublich glücklich.“

Besonders glücklich war der Berliner, dass es zum Abschluss noch zu einem Rennen kam. Zwar wäre bei einem Rennabbruch wegen Flaute das Offshore Team Germany ebenfalls Gesamtsieger gewesen, aber „es ist schön, das Ganze seglerisch zu Ende zu bringen. Wir wollten beweisen, dass wir mit dem Druck umgehen können. Das ist ein großartiges Gefühl“.

Matchracesegeln auf dem letzten Vorwindgang. Die „LinkedOut“ verliert bei fast achterlichem Wind entscheidend an Speed und hat kein Wegerecht. Foto: sailing energy / The Ocean Race

Vor dem Start in Lorient stand ein Sieg für Robert Stanjek nie zur Debatte, nach der ersten Etappe zeigte sich aber bereits, dass der Nachteil, keine Foils zu haben, nicht so groß sein würde, wenn die Bedingungen stimmen. Und die stimmten im Mittelmeer. „Wir sind sehr glücklich mit dem Gesamtauftritt, haben ein starkes Comeback auf der Etappe nach Alicante hingelegt und einen schönen Sieg in Genua eingefahren. Der Winning-Point war, dass wir eine Topcrew zusammengestellt und auch als Mannschaft agiert haben. Da wirkte sich der kleine Nachteil in der Hardware kaum noch aus.“

Auch von der Teamführung fielen nach drei aufregenden Wochen die Anspannungen ab: „Wir sind unglaublich stolz, vor allem darüber, wie das Team zusammengefunden hat. Unser Plan, olympische Kompetenz mit Offshore- und IMOCA-Expertise zu kombinieren, ist voll aufgegangen. So konnten wir auch als Non-Foiler bestehen. Natürlich haben uns die Bedingungen dabei geholfen. Auf diese Mittelmeer-Bedingungen hatten wir uns eingestellt, hatten die Segel extra dafür optimiert“, sagte Teammanager Jens Kuphal. „Es ist ein großes Geschenk, eine große Freude, das erleben zu dürfen und sich mit solchen Topgegner messen zu können. Auf diesem Weg wollen wir weitergehen bis zum Weltrennen im nächsten Jahr.“

An diesem Ziel, dem Start beim The Ocean Race 2022/23, wird nun intensiv gearbeitet. „Es ist großartig, in welche Position uns das Team mit dieser Wahnsinnsleistung gebracht hat. Das ist die beste Vorgabe für das Ocean Race. Die Bühne ist bereitet für die Fortsetzung der Kampagne unter dem Claim ,Made in Germany’“, sagt Team-CEO Michael End. „Wir haben alles getan, damit die deutschen Unternehmen auf dieses Ereignis anspringen, um mit uns den Weg um die Welt zu gehen. Der Dank geht an das gesamte Team an Land und auf dem Wasser und der Glückwunsch natürlich an Robert, Annie, Benjamin, Phillip, Felix und Ian, die das seglerisch perfekt umgesetzt haben.“

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