MOD 70 Krys Ocean Race: Zukunft der Offshore Multihulls, Cammas meckert

Mit 40 Knoten über den Atlantik

Eigentlich war es egal, welcher der MOD70-Trimarane die Regatta New York-Brest gewinnen würde. Denn es ging einzig und allein darum, der neuen Einheitsklasse bei ihrer Offshore-Regatta-Premiere einen möglichst langen und fleckenfreien Roten Teppich auszurollen.

Dass nun Yann Guichard mit seinem Bruder Jacques und seinen Kumpeln Pascal Bidégorry, Léo Lucet, Jean-Baptiste Levaillant und  Kévin Escoffier, allesamt ausgewiesene Multihull-Helden den Ritt von der Neuen zur Alten Welt für sich entscheiden konnten, ist also eher eine Randnotiz als eine Schlagzeile.

Viel mehr zählen Fakten: Die theoretische Strecke über 2.950 sm schafften die Sieger in ihrem One-Design-Renner in einer Durchschnittsge­schwindig­keit von „nur“ 25,3 kn. Ihre tatsächliche gesegelte Strecke von 3.284 sm mit einem Speed von 28,04 kn.

Guichard: „Teilweise flogen wir stundenlang mit mehr als 40 kn über die Wellen!“ Und das, wohlgemerkt, ohne Bruch!

Spindraft mit Skipper Guichard – Sieger beim 1.MOD70 Ocean Race©Th.Martinez

Vom Tri-Boliden zur Einheitsklasse

Rückblick: In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts legten riesige Multihulls aus bretonischen Werften den Grundstein für einen teils ausufernden Offshore-Speed-Wahn der Franzosen. Die Giganten der Meere waren aber nicht nur extrem schnell und fotogen, sondern auch anfällig und somit teuer.

Außerdem gab es kaum Klassenregeln – man baute, was auf dem Reißbrett schnell erschien. Die Versicherungsprämien schossen in exorbitante Höhen, nach (gefühlt) jedem Törn mussten neue Sponsoren gefunden werden.

Damals wurde der Ruf nach Klassenregelungen laut und später in den 90igern schließlich erhört. Die 60-Fuss-Mehrrumpf-Klasse ORMA (OCEAN RACING MULTIHULL ASSOCIATION) wurde ins Leben gerufen und feierte bis weit ins neue Jahrtausend hinein Triumphe bei den großen Offshore-Regatten (Groupama, Geant, Banque Polulaire, Gitana etc.) Aber schließlich spielte auch hier ein Faktor eine viel zu gewichtige Rolle: Geld!

Im Zuge eines immer weiter fortschreitenden Wettrüstens auf den Multihulls und einer gewissen Sponsoren-Unwilligkeit lag die ORMA-Klasse schließlich am Boden. Es wurden keine neuen Boliden mehr in Auftrag gegeben, die alten fielen und fallen langsam auseinander.

2009 stellte Multihull-Spezi Franck David dem Schweizer Industriellen und Segelfanatiker Marco Simeoni das Konzept MOD 70 vor; eine 70-Fuss-Offshore-Trimaran-Einheitsklasse, die das Prinzip der Gleichheit endgültig auch auf die Multihull-Bahnen der Ozeane bringen sollte.

Die Eckdaten der Boliden: Lüa 21,2 m, Breite 18,1 m, Verdr. 6,3 t, 310 m2 am Wind, 409 m2 auf raumen Kursen.  Genug Potential fürs Spektakuläre!

Simeoni war begeistert und orderte fünf erste MODs – der Beginn einer wunderbaren Lovestory zwischen einem passionierten Segler mit Geld und Berufsseglern, die für ihren Job vor allem Geld brauchen…

Einheitsklasse auf drei Beinen – MOD70 "FONCIA" mit Skipper Desjoyeaux©Th.Martinez

Einheitsklasse auf drei Beinen – MOD70 "FONCIA" mit Skipper Desjoyeaux©Th.Martinez

Schnell segeln, schnell bekannt werden

In 2011 schwammen schließlich die ersten 4 MODs, da waren schon längst hochkarätige Teams und Skipper verpflichtet: Desjoyeaux, Guichard, Josse, Dick… die bekanntesten Hochseehelden sind offenbar gerade gut genug. Ihre Aufgabe: Die neuen Multihull-Boliden so schnell wie nur möglich über die Ozeane zu pushen.

Oder in den Vorhafenbecken mit spektakulären Manövern für höchste Zuschaueraufmerksamkeit zu sorgen. Unterm Strich zählt(e) also bisher nur eines: Möglichst rasch einen hohen Bekanntheitsgrad aufbauen. Und das gelingt, ohne wenn und aber.

Das Krys Ocean-Race von New York nach Brest (wo bei Zielankunft rein zufällig das größte Hafenfest Frankreichs, die Tonneres de Brest stattfand) erreichte höchste Aufmerksamkeitswerte bei den französischen und britischen Medien. Alle segelspezifischen Online-Medien wurden mit Filmen und Fotografien der Regatta täglich „bombardiert“.

Zudem beginnt in Kiel, wo sie bereits im letzten Jahr ein Gastspiel gaben und SegelReporter mitgesegelt ist, vom 29.8.-2.9.2012 eine Europa-Tour aller 7 bisher gebauten MOD 70 (weitere Stationen: Irland, Portugal, Frankreich, Italien), wobei so nahe wie nur möglich am Zuschauer die Klasse „in action“ vorgestellt wird.

In der Hoffnung, dass neben so illustren Namen wie Foncia, Edmond de Rothschild, Mussandam-Oman etc. noch weitere finanziell potente Sponsoren gefunden werden können, die sich für die MOD 70 als Werbeträger und Botschafter begeistern. Potential ist jedenfalls gegeben: Die Vermarkter der Klasse sprechen von einem möglichen Aufmerksamkeitswert in Höhe von 40 Mio. Euro…

KRYS OCEAN RACE 2012 - Ziel in Brest©Th.Martinez

KRYS OCEAN RACE 2012 - Ziel in Brest©Th.Martinez

Eines ist jedoch klar: Noch ist die MOD70 eine reine Show-Klasse, die Regatten eher Geplänkel unter französischen Kumpeln. Selbst der Volvo Ocean Race Gewinner Franck Cammas zweifelt noch an der Attraktivität. Er will zwar im September bei Steve Ravussin’s Race for Water an den Start gehen, sagte aber gegenüber TheDailysail, dass er die Klasse bisher zu französisch und das Onedesign nicht so attraktiv wie die ORMA 60 findet, wo er mit  Groupama erfolgreich war.

“Im Moment kommen die Skipper aus einem etwa 1000 Meilen langen Abschnitt zwischen La Trinite und Port la Foret! Das ist sehr schade für die Organisatoren, weil es ihr Ziel war, das Rennen für Skipper aus anderen Ländern zu öffnen. Das mag ich so am Volvo Ocean Race. Aber wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt.”

Krys Ocean Race

Eventseite MOD70

 

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Michael Kunst

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