Ocean Race Europe: Stanjek und Lush im SR-Interview – selbstbewusst gegen die Foiler

"Wir segeln unser eigenes Rennen"

Trotz eines offensichtlichen Speed-Unterschieds zu den IMOCA-Foilern geht das OTG selbstbewusst und optimistisch in die erste Etappe des Ocean Race Europe. Man zählt auf Teamgeist und die Essenz aus zwei Welten des Segelsports. 

Die Spannung steigt langsam, aber sicher in „La Base“ im südbretonischen Lorient. Die Stege füllen sich mit Booten und Menschen, die Corona-Maßnahmen greifen wie z.B. generelle Maskenpflicht auch im Freien, getrennte Vor- und Zurück-Laufrichtungen auf den (breiten) Stegen. Alles macht einen korrekt geordneten Eindruck, auch wenn Schulklassen sich rund um die Boote tummeln und es mit der Maskenpflicht (zum Leidwesen der genervten Lehrerinnen) nicht immer ganz genau nehmen.

Ehrenplatz für “Einstein” neben Banque Populaire © miku

Die „Einstein“ des Offshore Team Germany hat Mittwoch Abend in La Base angelegt und einen regelrechten Ehrenplatz zugewiesen bekommen – direkt neben dem Eyecatcher „Banque Populaire“, dem nagelneuen Ultim-Trimaran von Armel le Cleac’h. 

Die Stimmung ist locker-lässig: OTG-Seglerin Annie Lush steht vor dem Deutschen IMOCA auf dem Steg und unterhält sich freundschaftlich mit Landsfrau Samantha Davies; OTG-Skipper Robert Stanjek gibt auf dem Steg einer Schulklasse und deren Lehrerin Auskunft, an Bord herrscht entspannte Betriebsamkeit – Vorsegel werden aus und dann „sauber“ wieder eingerollt, unter Deck wird aufgeräumt, das Shore-Team arbeitet emsig, aber locker und Phillip Kasüske macht sich athletisch am Grinder warm.

Im Prinzip ist alles über das Offshore Team Germany vor dem Start des Ocean Race Europe bei SegelReporter gesagt worden. Zuletzt rührte das neue OTG-Teammitglied Benjamin Dutreux bei einer Ocean-Race-Pressekonferenz nochmals die Werbetrommel für die Deutsche Kampagne. Und Foil-Spezialist Martin Fischer ließ sich über den Einsatz der richtigen Foils im richtigen Zeitraum aus. Dennoch konnte es sich SegelReporter miku nicht verkneifen, Robert und Annie ein paar allerletzte Fragen vor dem Start zum Prolog am Freitag und dem Start zum Ocean Race Europe am Samstag zu stellen. 

Korrekter Typ, sehr teamfähig

SegelReporter: In den vergangenen Tagen hat Euer neuer Mitsegler, der Vendée Globist Benjamin Dutreux, euch ja bestens in der französischen Szene vertreten. Wie seid Ihr eigentlich an diesen Shooting-Star in der Szene gekommen?

Robert Stanjek: Wir wollten von Anfang an einen erfahrenen Hochseesegler im Team haben, der uns vor allem navigatorisch weiter bringen kann. Also haben wir uns eine Liste aufgestellt mit Vendée Globe-Finishern, die verfügbar sind oder sein könnten. Benjamin Dutreux war mir während der Vendée Globe sehr positiv aufgefallen, und nachdem wir ihn kontaktiert hatten, „matchte“ das gleich zwischen uns. Ein korrekter Typ, sehr teamfähig, ein Mann mit konkreten Aussagen, die Chemie stimmte rundum.

Essenz aus beiden Welten

SegelReporter: Bleiben wir beim Team und dem mittlerweile häufig „beschworenen“ Olympischen Esprit an Bord. Wie verträgt der sich denn mit dem eher lockeren, häufig ungeordneten Habitus eines Vendée Globe-Finishers wie Benjamin Dutreux? 

Robert Stanjek: Eigentlich ähneln sich Hochsee- und Olympiakampagnen zumindest im Prinzip. Es geht darum: Wer lernt am schnellsten? Nie hat man ausreichend Zeit, und die wenige Zeit muss man effizient nutzen. Es geht zunächst um Organisation: Ziele setzen, Pläne erarbeiten, Zeitrahmen aufstellen, das Können der Einzelnen effizient einbringen und dergleichen mehr. Das ist die Olympische Seite unserer Kampagne.

Das OTG-Team: Annie Lush, Robert Stanjek, Benjamin Dutreux und Philipp Kasüske © miku

Benjamin sieht das alles etwas anders. Der ist mit Segeln aufgewachsen, hat gemeinsam mit seinem Bruder mittlerweile als 30-Jähriger bereits eine eigene Werft und ganz offensichtlich seinen Weg auf die lässige Weise gefunden, ohne großartige Pläne oder System. Bei uns war früher Kader, Trainer, Trainingspläne und dergleichen angesagt; Benjamin war, wie viele andere Franzosen in der Szene, zunächst auf sich selbst gestellt, segelte so viel wie möglich auf unterschiedlichen Bootenund lebte seinen Traum. Aber genau diese Essenz aus beiden „Welten“ funktioniert an Bord der Einstein wirklich gut. Wir haben zum Beispiel totale Ego-Freiheit an Bord: Jeder bringt sich ein, jeder äußert, was besser gemacht werden könnte, jeder lernt vom anderen. 

Annie Lush: Ich sehe im Prinzip gar nicht so große Unterschiede zwischen Olympia-Segeln und Hochsee-Segeln. Wir sollten nicht vergessen, dass wir Volvo Ocean Race Etappen gesegelt sind, bei denen nach Tausenden Seemeilen letztendlich der abstand im Ziel ein paar Minuten betrug. Eine weitere Gemeinsamkeit wäre zum Beispiel die Disziplin: Beim Olympischen Segeln wird trainiert, trainiert und trainiert. beim Hochsesegeln ist Disziplin vor allem als Durchhaltevermögen angesagt. Unterm Strich brauchen beide Versionen vor allem Eines: Disziplin! 

Manöver dauern 45 Minuten

SegelReporter: Aber bei aller Freiheit an Bord, wird doch jeder seine speziellen Aufgaben haben, oder?

Robert Stanjek: Klar, jeder weiß, was der andere macht und kann, aber es werden dann doch Prioritäten gesetzt. Benjamin ist verantwortlich fürs Wetter, fürs Routing und spricht mit mir die Strategien ab. Bei manchen Manövern ist er aber auch der Erste auf dem Vorschiff. Dann dreht er den Bildschirm in die Mitte und übergibt die Verantwortung für den richtigen Moment genau am Waypoint den anderen. Oft bin ich auch mit Ben auf dem Vorschiff und Annie Lush und Philipp Kasüske segeln das Boot. Annie bringt sich zum Beispiel sehr in den Manövern ein, kennt die richtigen Abläufe aus dem Effeff. Solche Manöver dauern ja manchmal 45 – 60 Minuten, da muss alles passen und stimmen. Phillip Kasüske ist wiederum der Typ, der alles kann, nie die Hände in den Hosentaschen hat und – ohne ihn auf seine athletische Statur reduzieren zu wollen – der richtige Mann für fast alles an Bord. 

SegelReporter: Annie, es ist zu hören, Du hättest einige Änderungen an Bord vorgenommen, damit die Manöver schneller durchgeführt werden können?

Annie Lush: Das stimmt. Ein IMOCA ist per se nicht unbedingt für schnelle Manöver gemacht, weil er ja eigentlich einhand gesegelt werden soll. Im Vergleich zu einem Crew-Boot wie dem VO 65 geht das auf einer IMOCA quälend langsam. Wir haben nun eine etwas andere Konfiguration für die Manöver-abläufe gefunden und können jetzt deutlich schnellere Manöver leisten. Allerdings – und das wird sich bei der Inshore-Regatta rund um die Insel Groix am Feitag zeigen – sind wir noch nicht auf dem Niveau der VO65. Aber hoffentlich genauso schnell in den Manövern wie die anderen IMOCA-Crews. 

SegelReporter: Und Robert, wo siehst du deine ganz speziellen Stärken? Machst du als ehemaliger Starboot-Olympia-Segler die IMOCA schnell?

Robert Stanjek: Zunächst möchte ich klarstellen, dass so ein Projekt viel mehr ist als „nur“ das Boot schnell segeln. An mir hängt viel Organisatorisches. Was ich zum Beispiel aus dem Starboot mitbringe, ist der Segeltrimm.

Nochmal eben schnell die Vorsegel checken © miku

Ich weiß, wie ein Segel bei welchem Windeinfallswinkel zu stehen hat und wenn ich nach draußen komme, geht mein Blick grundsätzlich hoch und ich checke, ob alles richtig eingestellt ist. Aber ich kann nur wiederholen: Annie und Benjamin haben deutlich mehr Seemeilen im Kielwasser als ich. Unterm Strich werden wir alle von Etappe zu Etappe von einander lernen. 

Autopilot erlaubt? Nicht ganz so dramatisch.

SegelReporter: Robert, wie siehst Du denn den nun doch erlaubten, vollständigen Einsatz des Autopiloten auf den IMOCA? Geht Euch da nicht eine große Chance verloren, mit guter Seemannschaft und exaktem Steuern euren Speed-Nachteil – weil ihr ohne Foils segelt – auszugleichen?

Robert Stanjek: Also ich sehe das nicht ganz so dramatisch. Oder anders gesagt: Wahrscheinlich stehen wir in einem Jahr, wenn wir neue Foils für das Ocean Race an Bord haben werden, vor dem gleichen Problem wie die Konkurrenten heute. Diese Boote sind auf Foils einfach über lange Strecken hinweg manuell kaum zu beherrschen. 

Ich denke, dass wir trotzdem Vorteile ausspielen können, weil wir als einziger IMOCA ohne Foils tiefer segeln können. Es wird viele Bedingungen geben, unter denen wir manuell besser unterwegs sein werden: Platt vor dem Wind, bei Welle haben wir zum Beispiel beim Fastnet Race gegenüber einigen Foilern richtig Boden gutgemacht. 

SegelReporter: Dennoch, mit dem ältesten IMOCA am Start und auch noch ohne Foils, zählt ihr nun nicht gerade zu den Favoriten. 

Robert Stanjek: Nein, das wohl nicht. Aber wir werden wirklich alles geben, um die Einstein so schnell wie nur möglich zu segeln. Wie gesagt: Es wird bestimmt Bedingungen geben, in den wir konservativere Winkel fahren können oder etwa bei Leichtwindstrecken ohne bremsende Foils unterwegs sein werden.

Der ganze Kinderkram gehört in Frankreich obligatorisch zum Hochseesegeln dazu © miku

SegelReporter: Apropos – habt Ihr Euch taktisch beispielsweise auf extreme Schläge eingestellt, um Euren Speed-Rückstand auszugleichen? 

Robert Stanjek: Nein, extreme Schläge wird es vielleicht geben, aber aus einem anderen Grund: Wir werden unser eigenes Rennen segeln müssen und genau dort segeln, wo es für unser Boot und seine Vorteile gut ist.

Annie Lush: Ich bin der gleichen Meinung. Alles wird auf den Wind und seine Richtung ankommen. Wir werden versuchen, „direkter“ zu fahren, um deutlich weniger Seemeilen segeln zu müssen. Alles wird davon abhängen! Außerdem zähle ich darauf, dass wir ein hervorragendes Team sind – auch weil Robert ein brillanter Team-Manager ist. Ich bin mir sicher, dass wir von Etappe zu Etappe dazu lernen und uns in vielerlei Hinsicht verbessern werden.

Die wollen nur spielen

SegelReporter: Noch eine abschließende Frage – habt Ihr Schiss vor den Orcas?

Robert Stanjek: Wie bitte? 

SegelReporter: Na, die Orcas die vor Portugal und in der Straße von Gibraltar ihr Unwesen treiben. 

Robert Stanjek: Von denen habe ich das letzte Mal im November gelesen…

Nochmal eben schnell die Vorsegel checken © miku

SegelReporter: Mittlerweile zählt man mehr als 50 Angriffe auf Segelboote – ausgerechnet in den Gebieten, durch die ihr segeln werdet. 

Robert Stanjek: Okay, das muss ich dann mal mit unseren Hochsee-Experten an Bord besprechen! 

SegelReporter: Alles Gute für Euer erstes großes Rennen mit der Einstein. Auf dass es viele „tiefe“ Kurse geben wird! 

Epilog: ein paar Stunden nach dem Interview gab die Rennleitung die obligatorisch einzuhaltenden Waypoints für diese erste Etappe des Ocean Race Europe nach Cascais bekannt: Es sind fast nur Reachkurse zu erwarten – wie zugeschnitten für die Foiler.

Freitag: Prolog Rund Ile de Groix

Samstag: Start Ocean Race Europe

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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