Ocean Race: Skipper beim Favoriten Mirpuri – Richommes erstaunliche Profi-Karriere

Know-how, Glück und Vitamin „B“

Er ist einer der talentiertesten Hochseesegler Frankreichs und stand doch nie im Rampenlicht. Bis das Telefon klingelte und ein gewisser Caudrelier ein Angebot machte, das wohl keiner in der Szene ausgeschlagen hätte.

Loick Peyron, einer der erfolgreichsten Hochseesegler aller Zeiten, hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: „Hochseeregattasegler, mögen sie auch noch so viel Talent haben, müssen vor allem eines können – warten! Die vielleicht wichtigste Tugend erfolgreicher Regattasegler ist: Geduld!“

Der Mirpuri VO65-Racer, mit dem Richomme und ine junge Crew um die Welt brettern wollen © mirpuri foundation

Auch wenn man es auf den ersten Blick so interpretieren könnte, spielte Peyron damals nicht auf die Geduld im Rennen, etwa bei Flaute oder bei strategischen Entscheidungen an. Nein, er redete vom Warten auf Sponsoren, Unterstützer, gerne auch Mäzene.  Vom Harren darauf, dass einem endlich die richtige Person im richtigen Moment am richtigen Ort über den Weg läuft. Der oder die es einem ermöglicht, lang erträumte Projekte doch noch zu realisieren, endlich im Rampenlicht zu stehen und für immer das obskure Grau der Kulissen hinter sich zu lassen. 

Aus den Kulissen auf die große Bühne

Es gibt unzählige Seglerinnen und Segler in den Hochsee-Häfen wie Plymouth, St. Malo, Port la Foret, Lorient, La Trinité oder Cascais, die diesen Moment herbeisehnen. Segler mit Talent, die schon tolle Erfolge feiern konnten, die schon x mal Hoffnung schöpften, vielleicht sogar die Anfänge großer Kampagnen miterlebten und die dann doch wieder hinter die Kulissen auf Warteposition geschickt wurden. Entweder weil der Sponsor finanziell nicht ganz so  potent war, wie er sich ausgab. Oder weil anderen, vermeintlich besser Geeigneten, der Vorzug gegeben wurde.

Yoann Richomme war so einer. Und wer ihn kennt der weiß, dass ihm dieses „war“ auf der Zunge zergeht. Denn Richomme darf nun einen der begehrtesten Plätze im Hochseezirkus einnehmen: Ocean-Race-Skipper 2021 beim neuen Favoriten-Team Mirpuri.

Richomme in Siegerpose © zedda

Noch nie von Yoann Richomme gehört oder gelesen? Kann sein, wäre aber doch ein kleiner Faux-pas. Denn der 37 jährige Südfranzose (geboren in Frejus und nun wohnhaft in Lorient) hat seglerisch schon eine Menge erreicht im Leben. Nur steht er dabei nicht allzu gerne im Rampenlicht. 

Techniker ohne Heldenmythos

Richomme ist einer dieser Typen, denen man eher eine Stürmer-Position beim Rugby zutrauen würde: Groß, kräftig „gebaut“, strahlt er die Ruhe eines Menschen aus, der weiß was er drauf hat. Und woran er noch arbeiten muss. 

Richomme machte seine für den Hochseezirkus prägenden Erfahrungen bei einer Atlantiküberquerung gemeinsam mit seinem Vater auf der Familienyacht. Bei diesem Törn entschied sich der junge Segler zu einem beruflichen Schritt, der ihn fortan prägen sollte. Eigentlich wollte Richomme Informatik studieren, doch er änderte seine Vorsätze und schrieb sich für ein Schiffbau-Studium in Southampton/Großbritannien ein. 

Mit dem Diplom in der Tasche machte er keinen Hehl daraus, wohin ihn sein Weg führen würde: Hinaus aufs Meer. Und das bitteschön im Renn-Modus. 

Triumph beim Solitaire du Figaro 2019 © figaro/zedda

Doch der kleine Unterschied zu den meisten anderen, die mit den gleichen Träumen „schwanger gehen“: Yoann Richomme schlug seinen Weg nicht aus emotionalen, sondern durchweg rationalen Gründen ein. Er sei keiner, der dem Mythos „Ozean“ erlegen sei, behauptet er glaubhaft. Und auch Heldengeschichten von sagenhaften Erlebnissen auf dem „Grand Bleu“ würden ihn nicht anziehen.

Es sei ihm von Anfang an eher um die technische Seite des Segelns gegangen, erinnert er sich gerne. „Die Einsamkeit des Einhandseglers“ sei ihm eher lästig gewesen – wenn er auch einhand später brillieren sollte. Vielmehr sei Hochseeregattasegeln für ihn in erster Linie ein technischer Team-Sport, bei dem man als Schiffbauingenieur durchaus Vorteile habe. 

Vom Preparateur zum Figaro-Champion

Folgerichtig debütierte Richomme in der Szene als Preparateur. Drei Monate bei Roland Jourdain und Veolia, eine Saison bei Nicolas Lunven und dessen Figaro 2. Typische Lehrjahre, eben. 2010, im Alter von 27 Jahren, segelte er selbst im wohl anspruchsvollsten Hochseeregattagedöns – dem Circuit Figaro. Er finisht als zweitbester Neueinsteiger (bizuth) – eine Kategorie, die in Frankreich aufmerksam beäugt wird. 

Seitdem sammelte er Trophäen, und zwar als Skipper und Techniker, wie er immer wieder betont: Sieben Jahre im Figaro Zirkus, dabei Sieger der heiß umkämpften Solitaires du Figaro 2016.  Zwei Mal war er Vize-Meister der Französischen Hochseesegler, und beim Transat Jacques Vabre wird er 2013 Zweiter. Insgesamt segelte Richomme fünf Mal die Tour de France a la Voile, zuletzt auf dem Diam-Trimaran.

Yoann Richomme © Mirpuri Foundation

Es lief also nicht schlecht für Yoann Richomme. Besonders nach dem Figaro-Sieg 2016 steuerte auf eine Vendée-Globe-Karriere zu. Er wollte „Vivo E Beira“ einen alten Veolia-IMOCA aus dem Jahre 2004 konkurrenzfähig modifizieren. Aber die Sponsoren-Suche gestaltete sich zäh. Notgedrungen, auch um den Markwert als Profi-Skipper zu verbessern, startete er ein Class40-Projekt für die Route du Rhum 2018, betreute den Neubau eines Designs von Marc Lombard (Lift 40) und gewann überlegen das Einhandrennen über den Atlantik im Feld von 53 Class40s.

Trotzdem kam er an der Vendée-Globe-Front nicht weiter und stand plötzlich ohne Schiff und Segel-Projekt da. Bei dem sportlich aufstrebenden Richomme machte  machte sich Frust breit. Er half ein wenig beim Vorbereiten der neuen Figaro 3 Semi Foiler. Aber auch in diesem Rennzirkus konnte er keinen Skipper-Job ergattern. Dann ergab es sich, dass sein alter Freund, Volvo-Ocean-Race-Sieger Charles Caudrelier, auf den riesigen Rothschild-Trimaran befördert wurde. Plötzlich wurde dessen Figaro-Cockpit frei.

Richomme sprang als Ersatzmann ein, und wieder lieferte er ab. Er feierte einen rauschenden Sieg in einem Feld, das bei der Figaro 3 Premiere so gut besetzt war wie nie. Nirgendwo sonst, wie in diesem Ondesign-Zirkus, kann man zeigen, dass man einer der zurzeit besten Hochseesegler der Welt ist.

Anruf, der das Leben verändert

Prompt begann sich für den Franzosen der Karriere-Weg zu ebnen. Der Zug zur Vendée Globe war zwar längst abgefahren, aber im September vergangenen Jahres kam der Anruf, der die nächste Zeit seines Lebens bestimmen wird.

Am anderen Ende der Leitung war wieder Charles Caudrelier. Ob sich Richomme vorstellen könne, Skipper eines VO65-Youngster-Team-Racers beim Ocean Race 2021 zu sein? Das wisse er ja wohl ziemlich genau, soll Richomme geantwortet haben. Schließlich sei bekannt, dass Richomme eher Teamplayer als Einhandfanatiker sei. 

Hintergrund: Caudrelier berät seit einiger Zeit Paulo Mirpuri, Gründer der gleichnamigen Stiftung, die beim vergangenen Volvo Ocean Race bereits bei Turn the Tide on Plastic eingestiegen war und nun unter der neuen Prämisse „Jugend auf der Hochsee“ groß rauskommen will.

Caudrelier schlug von Beginn seiner Beratung an den Kumpel Richomme als Skipper des VO65 vor, mit dem ein jüngeres Team gemäß der Ocean Race-Regeln um die Welt brettern soll. Wenn es einer schaffe, die Youngster heil und schnell um die Welt zu segeln, soll Caudrelier gesagt haben, dann Richomme. 

Keine Kungelei

Für den begann nach Caudreliers Anruf eine Art Glücksphase. Es soll wenige Telefonate und nur zwei Treffen gedauert haben, bis Geldgeber Mirpuri den Skipper abnickte und dem Vorschlag seines Ratgebers Caudrelier folgte. Man sei auf einer Wellenlänge, wurde im Mirpuri-Team respektvoll erzählt. Einen Besseren als Richomme könne man sich nicht wünschen. Und Technik habe der Ingenieur ja sowieso drauf.

So kam es, dass ein überaus erfolgreicher Hochsee-Regattasegler, der dennoch etwas im Schatten sogenannter Persönlichkeiten im französischen Hochseezirkus stand, einfach mal mit einem Telefonanruf auf einen der gefragtesten, weil prestigeträchtigsten Skipper-Posten der kommenden Jahre gehoben wurde. 

Caudrelier wie auch Richomme betonen übrigens, dass es hier keine Kungeleien gegeben habe. Sponsor Mirpuri will mit seinem Team unter den Top-Booten segeln. Da könne man sich keine freundschaftlichen Blößen erlauben. Caudrelier wird weiterhin als Ratgeber fungieren – übrigens auch in seglerischer Hinsicht. Denn schon in diesen Tagen soll mit dem Training auf See begonnen werden.

Trainieren und Nachwuchs sichten

„Sichtungsphasen“ nennt das Richomme. Sichtung für ihn, den unerfahrenen VO65-Segler, der sich für die nächsten Wochen und Monate mit Spezialisten aus der Volvo-Ocean-Race-Szene umgeben wird. Danach komme die Sichtungsphase für die Crew. 

Noch in diesem Jahr wird Yoann Richomme 15 Crew-Mitglieder unter 30 Jahren aus einer langen Bewerberliste auswählen. Das Sichtungs- und Testsegeln soll schon in wenigen Wochen beginnen. Wobei übrigens keine Nationenquoten vorgegeben seien, betont Richomme. „Ich kann mir meine Leute aus allen Ecken der Welt aussuchen!“ 

Außerdem seien zwei Hochseerennen mit einem ersten Team im VO65-Racer avisiert. Welche Rennen genau, will Richomme erst in einigen Wochen bekannt geben. 

Neben diesem Glück, als Skipper für das Ocean Race eingesetzt zu werden, habe er gleich noch ein weiteres Geschenk mit auf den Weg bekommen, sagte Richomme unlängst. „Zeit!“ Kein anderes Team sei so weit wie Mirpuri, das Boot ist voll einsatzbereit. Und das ergebe einen Trainingsvorsprung, der jetzt schon absehbar sei. 

„Ich hätte niemals gedacht, dass sich das Blatt für mich so schnell wenden würde,“ freut sich Yoann Richomme. „Nach dem etwas zähen Verlauf der IMOCA-Kampagne für die Vendée Globe 2020 kann ich jetzt sogar schon an die nächste Vendée Globe denken!“ Wer weiß, vielleicht wird Richomme bei Mirpuri ja so erfolgreich, dass sogar noch ein neuer IMOCA für die nächste Vendée Globe herausspringt. Die Böotchen kann man schließlich immer gebrauchen. Und sei es für das nächste Ocean Race – dann allerdings nicht mehr im Youngster-Modus. 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Ocean Race: Skipper beim Favoriten Mirpuri – Richommes erstaunliche Profi-Karriere“

  1. avatar Bea sagt:

    Dann drücke ich ihm kräftig die Gaumen und wünsche ihm viel Glück!

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  2. avatar Breizh sagt:

    Mal wieder sehr informativ und interessant zu lesen. Danke dafür.

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