Mini-Transat 6.50: Jörg Riechers beschreibt seinen Leidensweg auf dem Atlantik

"Einige werden mich für irre halten"

Jörg Riechers gab auf den letzten Meilen Vollgas Richtung Brasilien, um den Kiel zu retten. © breschi/www.ricochet17.com

Wenn ich mir das Rennen im Nachhinein ansehe. Gibt es zwei bis drei Schlüsselstellen, die diese Etappe entschieden und mich am Ende das Rennen gekostet haben.

A.  Bei der Passage der Kapverden war ich leicht von der Rolle, da sich in der Nacht vorher die Lithium Batterien im 30 Minuten Takt verabschiedet hatten. Wenn eine Lithium Batterie Unterspannung hat, gibt es einen totalen Black-Out. Diese Situation ging an die Nerven und kostete Konzentration. Ich hätte östlich der letzten Kapverden-Insel Fogo bleiben müssen, dann wäre ich an David Raison drangeblieben.

B.  Der Doldrum Super Gau. Hier habe ich zwei Fehler gemacht. Eine Nacht vor den Doldrums habe ich gepuscht wie ein Irrer, um mehr Abstand auf die Verfolger zu bekommen. Das führte dazu, dass ich leicht angeschlagen in die Doldrums ging.

Dort hatte ich es überraschend mit starkem Süd- statt Ostwind zu tun. Das hat mich komplett aus dem Konzept gebracht. Ich habe immer noch die Regel angewendet South is best und habe CMG (course made good) auf 180 Grad gesetzt ohne darauf zu achten, dass mich das zu weit nach Osten verschlägt.

Die Wende nach Südwest kam dann vier Stunden zu spät. Danach hätte noch die Chance bestanden, bei einem guten Südostwind den Gennker zu ziehen. Aber bevor ich den setzen konnte, entdeckte ich bei einem Routine Check der Kielbolzen den Riss an der Kielvorderkante.

C.  Ich entschied mich für das Laminieren und gegen das Gennaker-Manöver. Ich hätte aber den Gennaker setzten und danach laminieren sollen. Aber der Kiel sah so fies bedrohlich aus. Na ja, danach war er abgefahren der Zug fürs Podium.

Es war hart, danach noch die Motivation aufrecht zu halten. Denn ich wusste, dass sogar die Gefahr bestand, aus den Top 10 zu fliegen. Das zusammen mit dem Kielschaden war tough stuff.

Als ich aber kurz vor dem Äquator merkte, dass ich noch um Platz fünf kämpfen kann, kam die Motivation zurück. Jetzt war es schwer abzuschätzen wie stark ich puschen kann ohne den Kiel zu verlieren.

Kurz vor Fernando de Noronha war ich kurz davor aufzugeben, da die Situation mit dem Kiel sehr bedrohlich wurde. Einige neuen Lashings stabilisierten jedoch die Situation und ab da hab ich mir gesagt “Scheiss drauf – win it (5 Platz) oder break it”. Denn ob man Recife anläuft oder das Boot auf den Atlantik kentert macht eigentlich keinen Unterschied. Das Boot ist auf jeden Fall verloren.

Also bestand die einzige Chance, das Boot zu retten darin, nach Salvador zu gelangen. Und zwar schnell. Denn jede Stunde rutschte der Kiel weiter auf der Kielachse nach unten. Aber je schneller ich segelte, desto größer wurde der Lift von der Kielfinne und das verringerte die Last auf dem Kielkopf. Also Speed was my friend. Einige andere Mini Segler halten mich jetzt zwar für irre, aber es war meiner Meinung nach die einzige Chance.

Was habe ich sonst noch gelernt? Ich glaube, ich kann recht schnell segeln. Ich muss aber weiter an meiner Strategie arbeiten. Ich muss lernen, besser mit meinen Ressourcen umzugehen, mich weniger in den roten Bereich schießen.

Und der fünfte Platz ist zwar nicht mein Traumergebniss aber auch kein Desaster.

Na ja und nun werde ich mich auf den Class 40 konzentrieren und noch zwei oder drei Regatten im Mini in 2012 segeln – einmal Mini süchtig immer Mini süchtig.

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6 Kommentare zu „Mini-Transat 6.50: Jörg Riechers beschreibt seinen Leidensweg auf dem Atlantik“

  1. avatar stefan sagt:

    Ich finde das hast du wirklich sehr gut gemacht!

    Bei so einer Regatta kann (wie man sieht) viel passieren. Dann den Mut (oder die Verzweifelung) zu haben und zu sich zu sagen “Scheiss drauf – win it oder break it”, zeigt Charakter.

    Weiter so!

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  2. avatar Wilhelm Gorbach sagt:

    Das Ergebnis von Jörg Riechers ist wirklich super für den deutschen Segelsport.

    Was mich beeindruckt ist, daß er richtig analysiert und sagt was er gelernt hat und das ist die wichtigste Voraussetzung um noch besser zu werden.

    Weiter so Herr Riechers ich bin und bleibe ein Fan.

    Gruss

    wilhelm Gorbach

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  3. avatar thomas sagt:

    Jörg, ich glaube von Dir können wir noch große Erfolge erwarten. Das Podium wird Dir sicher sein. Mach weiter so. Ich bin auch ein Fan.
    Gruss
    Thomas

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  4. avatar Heini sagt:

    dito

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  5. avatar tom sagt:

    respekt!!

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