Seekrankheit: Ein mehr oder weniger kontrollierter Selbstversuch mit Vitamin C

Pütz, du Bordschlampe!

Seekrankheit, Fahrtensegeln, Vitamin C

Die Jungs und ihre Bordschlampe © draja

Über Prophylaxe bei Seekrankheit, die hohe Kunst des gesitteten Erbrechens und warum zünftiges Gruppen-Kotzen eine Crew verlässlich zusammenschweißt. Ein Törnbericht.

Das Angebot kam gerade richtig: Ende November sollte eine First 47.7 von Portugal nach Gran Canaria überführt werden, wo das Schiff von einer anderen Crew übernommen und später über den Atlantik in die Karibik gesegelt werden sollte. Vier bis fünf Tage auf See – nach einem eher hektischen Sommer genau das Richtige, um wieder „runter zu kommen“.

Der Skipper war schon vor dem Törn ein guter Kumpel, mit den drei anderen, mir unbekannten Crew-Mitgliedern, wie oft bei solchen Überführungstörns, „wird es schon irgendwie klappen“. Und gerade weil es bei geteilten Kojen und gemeinsamen Wachen mit vorerst Fremden eben auf die unvermeidlichen Kleinigkeiten ankommen kann, informierte ich den Skip im Vorfeld über mein kleines Problem, das zu einem großen werden könnte: Kann sein, dass ich seekrank werde. Muss aber nicht…

Tatsächlich ist das mit der Seekrankheit so eine Sache: Ich habe schon öfters bei fiesem Seegang und kernigem Wind ohne jegliche Anzeichen von Seekrankheit gesegelt und bin anderntags unter ähnlichen Bedingungen jämmerlich über der Reling gehangen.

„Wird schon,“ meinte der Skip zuversichtlich und ich sagte mir: „Besser vorbeugen, als sich später über die Reling beugen!“

Heilsbringer Vitamin C?

Zwischen all’ den uralten und brandneuen Theorien und Praktiken zur Vermeidung des „mal de mer“, der „seasickness“, des „el mareao“ oder „mal di mare“, zwischen all’ den bereits probierten Mittelchen, Pflastern, Armbändern, Tipps und todsicheren Geheimrezepten gab es bisher für mich nicht eines, das mich wirklich verlässlich vor Seekrankheit geschützt hätte.

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Und es (er)brach die Nacht an © miku

Bis diese Theorie aufkam, dass Histamine die Auslöser für Seekrankheit seien und man logischerweise alles dafür tun sollte, um die Produktion derselben im Körper zu unterbinden bzw. die Histamine möglichst rasch zu eliminieren. Um es kurz zu machen: Vitamin C ist ein solcher Histamin-Killer, und in großen Dosen bzw. mit einem hohen Vitamin-C-Spiegel werden Histamine perfekt in Schach gehalten – komme, was da wolle.

Ein Mal hatte sich die Vitamin-Kur bei mir bereits bewährt, als ich einer der ganz wenigen Journalisten beim bewegten Start der Vendée Globe war, die von den Dutzenden Presse-Motorbooten nicht mit grüner Gesichtfarbe herunter krochen oder getragen wurden. Also sollte dieser Törn meine guten Erfahrungen mit Vitamin C und der Histamin-Theorie bestätigen, nicht mehr und nicht weniger.

Irgendwann hatten wir auch alle wieder was zu lachen © draja

Irgendwann hatten wir auch alle wieder was zu lachen © draja

Wie sich einen Abend vor dem Ablegen herausstellte, eignete sich der Rest der Crew hervorragend als Kontrollgruppe: Die Herren taten so ziemlich alles, um ihren Histaminspiegel drastisch zu erhöhen. Es wurde beim Steak reichlich dem Rotwein zugesprochen, es gab Käse und schließlich noch die Flasche Portwein vom Wirt…

Dagegen der Autor dieser Zeilen, dessen zweiter Vorname übrigens „Askese“ lautet: Schon seit einer Woche keinen Alkohol, sowieso Verzicht auf die Histamin-Produzenten Fisch, Fleisch, Wurst… und beim Käse hielt ich mich auch wohlweislich zurück.

Kotzwetter

„Macht das nicht!“… sagte der Skip noch vor dem Auslaufen. „Lasst uns lieber morgen auslaufen, wenn wir jetzt direkt nach dem Tief rausfahren steht die alte Welle noch und es ist es in drei Stunden dunkel – Kotzwetter nennt man das!“ Er musste seine auf Tausenden unbeschwerten Seemeilen gezeigte unbedingte Seefestigkeit nicht mehr beweisen. Er war niemals seekrank und wird es wohl auch niemals sein.

Aber wir waren ja alle Helden, die schon zwei Tagen im Hafen abgewartet hatten und jetzt raus wollten, und zwar sofort! 20 Grad Luft- und 22 Grad Wassertemperatur, angekündigter Sonnenschein, okay, ein bisschen ruppige See… das bisschen werden wir schon schaukeln. Und mein Vitamin-C-Level stimmte schließlich!

Fahrtensegeln, Seekrankheit

Grauen am Morgen… und in der Nacht © miku

Uuups, was passiert denn da im Magen?

Ja, geschaukelt wurde, und wie! Auslaufen bei langer Dünung von Westen mit netten, ablandigen Kreuzseen. Vielversprechend, zumindest was meinen Vitamin-C-Test anbelangt! Die ersten zwei Stunden war ich gut auf dem Vorschiff beschäftigt, ein bisschen (unnötigerweise) am Vorsegel zupfen, Holepunkte verstellen, Ausschau nach den zahlreichen Fischer-Bojen halten – die immer genau im Weg lagen, logisch. Wohlbefinden: bestens.

Was weiter hinten passierte, interessierte mich nicht. Noch nicht. Schließlich musste am Baumniederholer eine Leine ausgetauscht werden, nix Besonderes, aber es wurde fummelig, dauernd nach unten schauen, das Boot bockt wie verrückt, … uuups, was meldet sich denn da im Magen?

Schön den Blick zum Horizont, geht schon. Blick zurück zum Downfucker – der Magen zwickt schon wieder so komisch. Blick nach hinten, warum steuert eigentlich der Skip? Und warum grinst der so verzweifelt?

Neben ihm sitzen, mit starrem Blick auf den Horizont, meine drei Crew-Kollegen. Ihre Gesichtsfarbenpalette reicht von zartem Frühlings-Grün bis Geister-Grau, ihre Stimmung: offensichtlich erbärmlich.

Also krieche ich nach hinten, um dem Skip zu zeigen, dass er sich wenigstens auf einen… Heldenhaft das Ruder übernommen, schön den Kurs gehalten, brav den Horizont fixiert, klappt doch!

Schon wird es dunkel, verdammt schnell, wie ich finde. Der Seegang nimmt zu, der Wind auch. Wir laufen platt vor dem Laken. Das mit dem Steuern klappt so einigermaßen, wenn bloß dieses doofe Gefühl im Magen nicht wäre. Zwischenzeitlich gab es einige Oliver-Kahn-verdächtige Hechtsprünge meiner Kollegen Richtung Reling, wo vorerst diskret die Fische gefüttert wurden. Egal, weiter.

Seekrankheit, Fahrtensegeln

Teilweise 35 kn Wind, immer platt vorm Laken © miku

“Willkommen im Club!”

Als sich dann die Wolken vor den grandiosen Sternenhimmel schieben, der Horizont in einem schwarzen Loch namens Nacht verschwindet, schwindet auch bei mir die letzte Hoffnung, heil aus diesem Selbstversuch heraus zu kommen. Gefühlt cool umgedreht (in Wirklichkeit sah es natürlich erbärmlich aus), locker über die Heckreling und raus mit der Pizza, mit dem Frühstück mit was weiß ich allem. Noch ein paar Wellen aussteuern, noch zwei Mal diskret nach hinten gedreht, dann muss der Skipper das Ruder übernehmen. Ich klettere nach vorne zu den Jungs – willkommen im Club.

Der Rest ist rasch erzählt, obwohl sich unsere Leiden episch lange wiederholten. Vier erwachsene Männer zwischen 28 und 56 Jahren sitzen um die eine Pütz herum, schieben sie sich zu Beginn ihres Alptraums noch höflich bei ersten Würgereizen gegenseitig zu, klammern sich später, im Verlauf der Nacht, an ihren Henkel, als wäre der so eine Art Rettungsanker.

Alle Varianten des gesitteten Erbrechens wurden dem Skip als Dauerrudergänger dargeboten: Diskret-verschämtes, nahezu lautloses Übergeben in angespannter Hockstellung; devoter Kniefall vor dem Eimer, Umarmen desselben, lautstarkes Würgen mit anschließendem schwallartigem Abkotzen; akzentuiertes Brüllen vor und nach dem Vomitus in kauernder Haltung. Zwischendurch Wimmern, Fluchen, Verwünschungen gegen alle und jeden.

Kannst du mal eben die Pütz… ? © miku

Kannst du mal eben die Pütz… ? © miku

Doch irgendwann kommt so etwas wie verzweifelter Humor auf, zwischen zwei Mal Erbrechen wird Blödsinn gestammelt: „Was mache ich hier?“ und „wie tief kann ein Mensch sinken?“ aber auch „Pütz, Du alte Bordschlampe, Du lässt aber auch jeden ran!“  Momente, in denen der Skipper wieder Hoffnung schöpft, wie er uns später gesteht.

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Michael Kunst

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19 Kommentare zu „Seekrankheit: Ein mehr oder weniger kontrollierter Selbstversuch mit Vitamin C“

  1. avatar Phil sagt:

    …”lautstarkes Würgen mit anschließendem schwallartigem Abkotzen; akzentuiertes Brüllen vor und nach dem Vomitus in kauernder Haltung”

    Herrlich, anschaulicher kann man das nicht beschreiben 😀

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  2. avatar Martin sagt:

    grandiose schreibe !

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  3. avatar Friedrich sagt:

    Kunst!

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  4. avatar Piet sagt:

    Ein sehr Lustiger Bericht!
    Daumen Hoch!

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  5. avatar Erdmann sagt:

    Man riecht es beinahe beim Lesen

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  6. avatar ActionAndi sagt:

    Hab Tränen gelacht. Herrlich.

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    • avatar Hans sagt:

      Genau so!!! Vor den zweiten Lesen hab ich die Taschentücher geholt. Ging trotzdem in die Pütz. Ich glaub hier werde ich mit Ad-Blocker und ohne Shoppinginteressen Mitglied. Einfach, ehrlich super.

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  7. avatar Uwe Liehr sagt:

    Großartig! Ich glaub’, es würgt schon…..

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  8. avatar o nass is sagt:

    Was auch ungemein hilft (meiner Erfahrung nach): Der ‘Kampf ums Überleben’. Ich bin meine Neigung zur Seekrankheit (Vaterns Cockpit als Kid ständig vollgekotzt) durch intensives Kleinbootfahren (Jolle & besonders Katamaran) los geworden. Da hatte ich gar keine Zeit, seekrank zu werden, egal was für ein Seegang war. Das war dann später wieder auf Dickboote übertragbar: Nie mehr ein Problem gehabt. Ob das nun einen ursächlichen Zusammenhang hat…wer weiß.

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  9. avatar Uwe Kramer sagt:

    „Pütz, Du alte Bordschlampe, Du lässt aber auch jeden ran!“
    wirklich grandios !

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  10. avatar jorgo sagt:

    Klasse Bericht!
    Ich habe übrigens mit der genannten Diät ebenfalls ganz gute Erfahrungen gemacht aber es wirkt natürlich keine Wunder …. mildert nur merklich.
    Eine weitere Erfahrung:
    Vor dem Losfahren zur möglicherweise längeren Überfahrt wenn möglich nicht unbedingt den ruhigsten Liegeplatz wählen. Ein etwas unruhiger Ankerplatz hilft bei der Eingewöhnung!

    Die Strecke von Portugal zu den Kanaren direkt nach einem Sturm habe ich auch als äußerst eindrucksvoll in
    Erinnerung. Wir hatten alte Dünung aus Nordwest und Ost …. zusammen sah das manchmal so aus wie die ägyptischen Pyramiden …. echt eindrucksvoll bei 35-38 Knoten Nordwind.

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  11. avatar Klaus sagt:

    Im Wellenbad der Marine in Neustadt saßen wir in der Rettungsinsel und allen war blümerant zumute. Bis einer Seemannslieder anstimmte und wir alle falsch, aber laut mitsangen. Da war die Flauheit im Magen plötzlich weg.
    Laut Lehrgangsleitung waren wir seit Jahren der erste Lehrgang, der nicht gekotzt hatte.

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    • avatar o.h. sagt:

      Bei uns hat auch keiner gekotzt. 1993 🙂

      Aber der Gummigestank von der Rettungsinsel war schon eklig…

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      • avatar Hans sagt:

        Ja, bei unangenehmen Gerüchen erfährt die Bordschlampe meist noch mehr Zuwendung.

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  12. avatar Hase sagt:

    Hört keiner gerne, aber Amphetamine helfen auch sehr gut. Wenn jemand das ausprobieren will, ist Methylphenidat aka Ritalin Mittel der Wahl. Es ist normal ungefährlich und leicht verfügbar und hilft schon in geringen Dosen. Als ADSler werd ich per Rezept damit versorgt, Reise/Flug- oder Seekrankheit ist seit dem kein Thema mehr. Wer also bei den eigenen Kindern was davon “verwenden” kann, solte es mal ausprobieren, ab 5mg setzt die Hilfe ein, Kinder und auch ich nehmen wesentlich höhere Dosen, 20mg und mehr, die 5er hab ich zum schlafen 😉
    Vorsichtig wäre ich mit Koks oder Speed, denn die beeinträchtigen die Urteilsfähigkeit sehr stark und sind somit auf See gefährlich, wurde den Soldaten im WKII. aber auch gegeben. Möchte ich trotzdem von abraten.

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  13. avatar Christoph sagt:

    Ein toller Beitrag, sehr plastisch geschrieben. Ich muss noch mehr herausfinden, wann mit Vitamin C gestartet werden muss, als Vorlaufzeit. Der Zusammenhang zur Ernährung und zum Trinken ist auch sehr wichtig. Ich selbst bin glücklicherweise relativ resistent, außer wenn ich zuviel gebechert habe! Dezenter als die Gruppenpütz finde ich aber die Kotztüten aus dem Flieger – sammeln und bei Bedarf verteilen. Denn es ist wie mit dem Gähnen – wenn einer kotzt ist das ansteckend. Reling ist gefährlich! Gruß, Christoph

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  14. avatar Arne sagt:

    250mg sind zuwenig !!

    Vitamin C muß in hoher Dosis (Jarisch und BW haben mit 500mg geprobt) und “massiv” zur Verfügung stehen, d.h. am besten über die Mundschleimhaut, also lutschen!

    Man findet diese Präparate wenn man in einem Apothekenportal einfach mal
    Vitamin C 1000
    in die Suchfunktion eingibt.

    Mir hilft eine halbe Tablette etwa 5h lang, brauche also bei einem normalen Törn am anfang 2 pro Tag. Bei einem Biscaya-Törnm sollte man allerdings ein 100er-Pack für die Crew dabei haben 😉

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