OTG beim Ocean Race Europe: “Es kommen viele Glückwünsche” – “Bis ans Limit gepuscht”

"Ganz schön platt"

Der erste Auftritt des Offshore Team Germany beim The Ocean Race Europe endete mit einem furiosen Finale. Trotz technischer Unterlegenheit verlor die Crew um den Berliner Skipper Robert Stanjek den Kampf um das Podium nur um fünf Sekunden. Nach ein paar Stunden Schlaf äußern sich die OTG-Beteiligten zum Rennen.

OTG-Skipper Robert Stanjek © OTG

Robert Stanjek, Skipper:

Ich bin physisch auch ein paar Stunden nach dem Rennen immer noch ganz schön platt und es ist noch viel Adrenalin im Körper. Ich bin glücklich, wie es gelaufen ist. Es kommen viele Glückwünsche aus dem eigenen Land. Es ist schön zu sehen, dass mit der Leistung nun auch die Gesichter hinter der Kampagne sichtbar und wahrgenommen werden.
Wir haben im Rennen super gearbeitet und nach hartem Kampf wieder aufgeschlossen. Das war eine starke Mannschaftsleistung, sich noch einmal in das Rennen hinein zu fahren. 30 Stunden harte Arbeit.

Zur Strategie: Benjamin ist der Navigator. Er legt fest, wie wir uns über den Parcours, durch die Wettersysteme bewegen. Dafür gibt es vor dem Rennen viele Briefings. Auf dem Wasser wird das dann eng mit mir besprochen.

Zu der Situation, als wir die 100 Seemeilen Rückstand aufgeholt haben, kann ich sagen, dass unser AIS nur einen Radius von zehn Meilen anzeigt. Und den Tracker haben wir nur selten hochgeladen. Daher habe ich in der Nacht gar nicht so gemerkt, wie schnell wir mit der Front wieder rangefahren sind. Aber wir waren sehr schnell in dieser Phase – im Durchschnitt 24 Knoten, in der Spitze sogar über 30 Knoten. Als wir dann am frühen Morgen, es war noch dunkel, den Kontakt wieder hergestellt hatten, war das sensationell. Das gab ganz viel Hoffnung.

Die nächsten Etappen werden sicherlich sehr spannend. Durch die Straße von Gibraltar – das habe ich auch noch nicht gemacht. Das Mittelmeer wird etwas sanfter, etwas flacher sein, was unserem Schiff entgegenkommt.

Uns geht es hier noch nicht um das numerische Ergebnis, aber natürlich ist ein Platz auf dem Podium schön. Das werden wir auch noch hinkriegen. Wichtiger ist aber der Lernerfolg, die Kommunikation, die Entwicklung, die wir aus dieser Etappe mitnehmen.

Für die Zukunft kann man feststellen: Wenn man hier ein gutes Foilsystem implementiert, kommt man mit dem Boot sicherlich auf 95 Prozent des Leistungspotenzial der aktuellen Imocas. Der Rest verbleibt bei der Mannschaft. Und man hat ja gesehen, dass wir mit diesem Schiff auch jetzt schon unsere Chancen nutzen können. Es ist eben nicht alles Technik.
 
Phillip Kasüske, Grinder:

Das Ende der Etappe war sehr intensiv, sehr eng. Wir haben voll gepusht. Im Ziel waren wir alle stehend k.o. Aber wir sind sehr gut klargekommen, und nach acht, neun Stunden Schlaf fühlt man sich ganz gut.

Ich habe gut in den Rhythmus an Bord gefunden. Wir haben das System mit drei Stunden Wache und eineinhalb Stunden Zeit für Schlaf auch tagsüber durchgezogen. Unter Deck ist es sehr dunkel, so dass man da auch tags schlafen kann. Bei dem System sind wir gut mit unserer Energie hingekommen.

Auch ohne Foils ist das Offshore Team Germany (links unten) im Feld der modernen Imocas angekommen. © sailing energy/The Ocean Race

Das Rennen war sehr wechselhaft. Erst sehr wenig Wind beim Start, dann haben wir uns am Kap Finisterre etwas verkalkuliert. Als dann nach der Halse bis zum Wegpunkt 690 Meilen gerade Strecke angezeigt wurden, war das schon eine ziemlich deprimierende Zahl. Es war ein langer Schlag mit einigen Segelwechseln, als wir in die Front mit 35 Knoten Wind stießen.

Als wir 100 Seemeilen zurücklagen, hatten wir immer die theoretische Gewissheit, die Flotte wieder einzuholen, solange wir schneller sind als die Front, die mit 17 Knoten nach Osten zog. Wir sind optimistisch geblieben, haben unser eigenes Rennen gefahren. Aber es war schon etwas deprimierend, wie schnell die Foiler weg waren.

Das Finale hat dann aber gezeigt, dass es beim Segeln auf die letzten Meter ankommt. Zum Ende hin haben wir schon gedacht, wenn der Wind bei acht bis neun Knoten bleibt, haben wir eine Chance, sogar zu gewinnen. Dass „LinkedOut“ zum Ende so in Lee durchzieht, war fast nicht möglich, aber auch sehr beeindruckend.
 
Benjamin Dutreux, Navigator:

Wir haben vorher schon gehofft, dass uns das Wetter liegen würde. Als die Foiler dann zwischendurch bis zu zehn Knoten schneller waren als wir, war das eine schwierige Phase. Da haben wir versucht, uns mit den VO65 zu messen. Im Routing war dann zu sehen, dass sich die Windfront nur langsam bewegt und wir am Verkehrstrennungsgebiet wieder gleichziehen würden. Das hat einen großen Motivationsschub für die ganze Mannschaft gegeben. Wir haben das Boot bis ans Limit gepusht und über 24 Stunden alles gegeben. Es war eine starke Leistung.

In den letzten Minuten des Rennens hatten wir nicht nur die Chance auf das Podium, wir hätten sogar gewinnen können. Wir waren voll fokussiert auf die Performance – ein großartiger Teamspirit, voller Adrenalin. Am Ende war es nicht entscheidend, wo wir gelandet sind, sondern dass wir alles gegeben haben.

Wir haben gelernt, als Team zu funktionieren. Ich habe viel Input bekommen. Im Gegensatz zur Vendée Globe kann man sagen: Es ist schön, nicht allein zu sein, sondern auch mal die Gelegenheit zu haben, mit einem Freund einen Kaffee zu trinken. Ich fühle mich in diesem Team gut aufgehoben.
 
Annie Lush, Pit:

Auch wenn diese Etappe nur vier Tage gedauert hat, statt zwei oder drei Wochen beim Weltrennen, war es kein easy going. Oft sind die kurzen Etappen deutlich härter. Es war sehr intensiv und ein unglaubliches Finale. Eine coole Etappe mit vielen unterschiedlichen Phasen.

Auf dem Imoca haben wir während der Manöver im Vergleich zu den VO65 eine sehr kleine Crew. Dafür ist der Wachwechsel einfacher. Man hat nicht so viele Leute auf engem Raum um sich herum.

Ein hartes Stürck Arbeit leistete die Crew, um sich nach einem 100-Seemeilen-Rückstand wieder an das Feld heranzuarbeiten. © Felix Diemer/OTG

Auch nach den Trainings und nach diesem Etappe lernen wir immer noch. Das ist in jedem Team so. Aber wir sind in dieser Woche sehr gut vorangekommen. Es war ein großer Schritt für die nächsten Etappen. Die Art und Weise, wie es an Bord läuft, ist großartig. Jeder bringt seine Kompetenz hinein. Robert ist ein sehr guter Manager, ein sehr guter Skipper.

Jeder hört auf den anderen, jeder gibt wertvollen Input. Und Phillip ist ein echtes Powerhorse. Zudem jemand, der sehr schnell lernt. Wir sind glücklich, ihn an Bord zu haben. Er arbeitet mit mir am Pit, greift ein, wenn es nötig ist. Es ist beeindruckend, wie schnell er alles umgesetzt hat und wie er den effizientesten Weg findet.

Der Zieleinlauf war wirklich verrückt. Wir hatten am Ende drei Neustarts des Rennens. Wir sind drei Inshore-Segler an Bord, und das kam zum Tragen in der Schlussphase. Aber niemand konnte vorausahnen, wie der Wind aus der Front kommt. Es war ein bisschen Lotterie.
Die nächsten Etappen werden vielleicht nicht so viel Wind bringen, aber mindestens genauso intensiv, wahrscheinlich noch nervenaufreibender. Ich hoffe zumindest auf mehr Schlaf.
 
Ian Smyth, Boat Captain:

Es war ein großartiges Finale. Die Performance des Bootes war sehr gut – auch wenn es hart ist mitanzusehen, wie die Foiler davonspringen. In manchen Bedingungen erreichen sie bis zu zehn Knoten mehr Geschwindigkeit. Wir haben ein gute Basis, ein gutes Boot, arbeiten daran, die Foils einzubauen. Die Erfahrung zeigt, dass es möglich ist, auch mit älteren Booten mit aktuellen Foils schneller zu sein als die neuen Boote. Vorausgesetzt man findet die richtige Balance. Mit zu mächtigen Foils kann man auch schnell ins Stolpern geraten.
 
Joff Brown, technischer Projekt-Manager:

Ich bin sehr zufrieden mit der Etappe. Das Boot ist zurück in einem Stück. Wir haben ein paar kleinere Jobs zu erledigen, aber nichts Gravierendes. Es war ein fantastische Job, mit den Foilern ins Ziel zu laufen.

Wir haben 2019 hart gearbeitet, um das Boot vorzubereiten, sind ein gutes Fastnet Race gesegelt. Die Pandemie hat uns dann auf Null gesetzt. Es ist toll, jetzt wieder auf dem Wasser zu sein und zu segeln. Es war viel Arbeit in 2019, und in diesem Jahr kam noch das neue Rigg, der Mast, dazu. Der Einbau der Foils wird noch eine große Aufgabe. Dafür muss noch viel berechnet und vorbereitet werden.
 
Michael End, CEO:

Das war ein Riesenjob. Es macht uns wahnsinnig stolz, weil unser Team super gearbeitet hat. Da war der Beweis, dass wir ein schnelles Boot haben, dass das Boot hält. Und das Finale hat gezeigt, dass es keine reine Materialschlacht ist. Es geht immer noch ums Segeln, um seglerisches Können, um Taktik, Wind, Wetter und Welle. Das ist schön für den Sport.

Ich bin beeindruckt, welche Kraft, welche Macht in dem Wind und in dem Boot steckt. Das kann einen nur begeistern. Das ist Technik und Physik pur. Wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, dann fixt einen das an.

Das Boot ist ein Stück Technik. Wir versuchen es als Basis zu nehmen, um die Message zu transportieren, dass wir mit ‘Made in Germany’ beim großen Ocean Race einmal um die Welt fahren. ‘Made in Germany’ ist in der ganzen Welt bekannt. Das deutsche Ingenieurswesen ist weltweit anerkannt. Für den Technikstandort Deutschland, den deutschen Mittelstand mit dem Boot als Fahne um die Welt zu segeln, das ist unsere DNA, das ist unser Traum. Dieser Traum geht nun langsam in Erfüllung. Wir sind elektrisiert.

Jens Kuphal, Teammanager:

Nach diesem wahnsinnigen Finale hat es bis zum nächsten Tag gebraucht, bevor mein Adrenalinspiegel wieder auf Normalniveau war. Die Mannschaft hat wahrscheinlich mehr geschlafen als ich. Es war sehr aufregend, nicht nur wegen des Rennverlaufs. Denn es kann immer etwas passieren mit dem Schiff oder mit der Mannschaft. Deswegen zittert man bis zum Schluss mit.

Die Aufholjagd nach dem Wegpunkt im Atlantik hat das Potenzial von Boot und Mannschaft gezeigt. Ich glaube, man kann sagen: Deutschland ist zurück im The Ocean Race. Der größte Erfolg ist der ehrliche Respekt der Gegner. Es ist eine besondere Bestätigung und Freude, wenn die Konkurrenz so herzlich gratuliert.

Es war ein weiter Weg bis hierher. Von außen ist es sicherlich schwer zu beurteilen, wie viel Energie es braucht, um solch ein Rennen mitzufahren. Die Vorbereitung braucht wirklich Jahre. Wir haben es geschafft, das Puzzle aus den vielen Einzelteilen zusammenzusetzen. Und wir sind auch stolz darauf, dass es uns gelungen ist, in diesem Team die verschiedenen Länder und Arbeitskulturen zusammenzuführen. Die Teilnahme am The Ocean Race Europe ist eine ganz wichtige Voraussetzung für uns, um im kommenden Jahr am The Ocean Race teilzunehmen. Die Basis dafür ist gelegt.

Quelle: OTG

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

4 Kommentare zu „OTG beim Ocean Race Europe: “Es kommen viele Glückwünsche” – “Bis ans Limit gepuscht”“

  1. avatar Markus sagt:

    Herzlichen Glückwunsch an das OTG! Gewinner des Küstenrennens, wie genial ist das denn!

    Schade nur, auf Instagram und Facebook ist nichts zu sehen! Warum wird da denn überhaupt nichts berichtet vom Team? Keine Storys, nur ein einziger Post auf Insta.

    Müssen nicht alle Teams einen Reporter mit dabei haben? Oder gilt das nur für die VOR65 und nicht für die Imoca?

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  2. avatar ds sagt:

    Stimmt, es ist eben nicht aes technik. Es ist auch Glück, dass zum Beispiel die Fronten wie in diesem Fall liegen.
    Gluckwunsch an das Team! Hab es jeden Tag auf dem tracker verfolgt. Schließe mich aber an, das es mediamaßig dürftig ist.

    Markus, dir und anderen sei gesagt, dass der deutsche on Board reporter Felix diemer heißt und einen Instagram Kanal hat. Der gibt da ein paar Einblicke.

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  3. avatar Sven 14Footer sagt:

    Liebes OTG Team, GLÜCKWUNSCH!
    Es ist toll, dass Ihr an der Linie seid und so ein performantes und kämpferisches Rennen gefahren habt. Am Ende ein bisschen Pech aber Ihr habt auch mit viel Geschick agiert. Euer Team gefällt mir. Es zeigt, dass man auch mithalten kann, wenn man nicht die großen Namen an Bord habt. Von daher habt Ihr wahrscheinlich am meisten vorher gearbeitet um die mangelnde Regattaerfahrung auf nem IMOCA in soviel Performance umzusetzen.
    SEHR SCHÖN!

    • avatar Claus sagt:

      Auch wenn es gut gemeint war.

      Mit Robert Stanjek und Philipp Kasueske sind zwei der bekanntesten deutschen Segler an Bord.

      Robert war Vizeweltmeister im Star und 6. bei den Olympischen Spielen.

      Philipp Kasueske dominiert seit Jahren (neben Max Kohlhoff) die deutsche Finn-Dinghy-Klasse. Er war Junioren-Weltmeister und Olympia-Aspirant.

      Es sind also zwei derm besten Vertreter der Olympischen Bootsklassen an Bord der Einstein.

      Etwas besseres hätte man schwerlich finden können. Dies sieht es ja auch an dem grossartigem Einsatz, der herauragenden Taktik und den tollen Ergebnissen. Als IMOCA ohne Foils schlägt man sich gegen die foilende Konkurrenz bisher unerwartet gut.

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