Rolex Fastnet Race: Mit an Bord bei der Class 40 “RED”

Innenposition am Rock

Kalkulieren des Schiebestroms

Wir haben das auch ganz gut umgesetzt und segelten ungefähr 50 Meter von dieser erkennbaren Grenze bei nahezu spiegelglattem Wasser und mit 16 Knoten Wind. „GDF Suez“ lag zu dieser Zeit 200 Meter hinter uns und platzierte sich wirklich spot-on auf die Grenzlinie: Das war noch besser, sie hatten einen halben Knoten mehr Schiebestrom. Verblüffend, was diese wenigen Meter näher an den Rips ausmachen können.

Blumencron Fastnet Race

Die Class 40 rauschen mit ihrer vier Mann Crew locker an Yachten mit größer Mannschaft vorbei. © Daniel Forster/Rolex

An der südlichen Grenze der Tide Rips wenden wir nach Westen Richtung Portland Bill, und auf „Suez“, die eine Bootslänge Vorsprung hatte, konnten sie jetzt ihren Wohlfühlwinkel segeln. Und waren einfach weg. Absolut frappant, dieses Boot ist höllisch schnell.

Die nächste Schlüsselstelle Portland Bill haben wir sauber mit Schiebestrom erwischt, danach in die Lyme Bay auf Platz 3, wo wir später ein bisschen verloren haben. Wir sind zu weit in die Bay rein, aber das hat nicht viel gekostet.

Bis zu den Scilly Islands war die Sache dann recht simpel, wir haben unser Wachsystem vier Stunden on –  vier off gefahren (Mathias&Hans / Axel&Felix), aber uns den Kopf zerbrochen, wann und wie wir am besten zwischen den Inseln und den drei für uns gesperrten Verkehrstrennungs-Gebieten in die Irische See kommen.

Mehr Wind im Norden

Eine Sache war zunächst aufgrund der vorliegenden Wetterinfo relativ klar: Im Norden ist etwas mehr Wind als im Süden und Westen,…aber der Fastnet Rock liegt deutlich mehr im Westen als im Norden.
Die Optionen waren:
Schlag nach Norden  zwischen Lands End und TSS Lands End: no good…
Schlag nach Norden östlich den Scillies: 1. Wahl…
Schlag nach Norden westlich der Scillies: kein erkennbarer Vorteil gegenüber Option 2…
weiter nach Westen und Schlag nach Norden später: RISKY (nach unseren Meteo Infos)

Blumencron Fastnet Race

Die Class 40s zeigten wieder, wie eng ihre Rennen ohne Vergütung sind. © Daniel Forster/Rolex

Schlussendlich wurde es dann eine situativ-intuitiv-esoterische Entscheidung für Option Scilly-West. Es hat sich gelohnt, dem Gefühl zu folgen: Wir konnten mit dem Schlag auf Vaquita, die die Ostvariante gewählt hatten, fast eine Meile gut machen.
In der Irischen See wurde der Wind dann zunehmend lausig, und hier sind wir sicher etwas zu weit nach Westen gesegelt. Statt die Top-Boote auf dem AIS zu sehen, hatten wir auf einmal Fortissimo, 40 degrees, 40 Shades of Grey (was ein Name für ein Boot…) als Nachbarn.

We were not amused…
Wir haben dann in allerletzter Minute vor dem Flauten-Parkplatz nach Norden gewendet und mit zunehmend Druck und einem immer stärker raumenden Wind den Fastnet Rock anliegen können. Das Wetter verwandelte sich von Sonnenschein ins Irische: feucht bewölkt.

Im Päckchen um den Felsen

Fünf Meilen vor dem Rock tauchten dann auch wieder die „richtigen“ Gegner auf dem AIS auf: „Lord Jiminy“ und „Des Pieds et des Mains“, letztere leider nur außer Konkurrenz dabei.

Die beiden lagen etwas in Lee und reihten sich hinter uns auf. Der Wind raumte immer mehr, weit mehr als vorhergesagt, und wir mussten von der Solent über den Code Zero auf Code Five wechseln, nur um kurze Zeit später zu merken, dass es jetzt, nur noch 1,3 Meilen vor dem Rock, eigentlich der Spi sein müsste. Unsere Verfolger haben das von hinten schön sehen können und hatten sich die Code 5 Phase gespart. Kein Chance mehr für uns ohne Speedverlust zu wechseln, und so trafen drei 40ies kurze Zeit später als Päckchen mit Meterabstand am Felsen ein.
RED lag in der Innenposition mit 50 Meter Distanz zum Rock, aber Damien wollte da unbedingt noch rein. Nerven aus Stahl, Adrenalin pur.

Blumencron Fastnet Race

Die RED ist trotz ihrer höheren Baunummer noch voll konkurrenzfähig. © Daniel Forster/Rolex

Ein echtes Spektakel. Drei Boote dümpeln im Schwell, gurgelnder Strom, drehender Wind wegen der Felsen, die Brandung rauscht, es riecht nach Tang. Über allem der düstere Fastnet Leuchtturm, wie eine Burg des Bösen, Möwen kreischen. Auf allen Schiffen herrscht große Aktion auf Deck durch den Segel- und Kurswechsel, Meterabstände wie bei einem Inshore-Race. Echt Weltklasse.

Und so waren die Schiffe auch besetzt: Auf “Lord Jiminy” segelten Bruno Jourdren (Para-Olympic-Team France), Kito de Pavant (IMOCA 60 “Groupe Bel”), Thomas Ruyant (Winner Route du Rhum 2010 in der Class40), Jaques Caraes (Americas Cup, The Race, Open 60, schlicht eine Legende).
Auf “Des Pieds et des Mains”: Damien Seguin (Para-Olympic-Team France), Yoann Richomme (Vierter Platz Solitaire de Figaro 2013).
Auf RED: Zwei junge und zwei nicht mehr ganz so junge Kerle, die in diesem Moment ganz zufrieden waren, so gut gesegelt zu sein.

Niesel, wenig Sicht

Es folgte ein kurzer Anlieger zur Pantaenius Buoy, die an Backbord gelassen werden muss und dann gings zurück gen England, weg von den feuchten Küsten Irlands. Das Wetter war zu dieser Zeit bescheiden. Niesel, wenig Sicht, um die 20kn Wind aus etwa hundert Grad Windwinkel. Zunächst ging da nur der Code Zero. Der Wind raumte am späten Abend, war aber immer noch an der Grenze, um den Code 5 benutzen zu können, ein etwas größeres und volleres Vorsegel.

Und jetzt haben wir die Zeit liegen gelassen, die uns auf „Vaquita“ und „Lord Jiminy“ später fehlte. Wir zögerten zulange, den Five trotzdem zu setzen oder zunächst ein bisschen tiefer zu fahren und einfach Speed zu machen und die Höhe dann später wieder zurück zu holen. Hier hätten wir schneller und/oder kreativer handeln müssen.

Ab den Scillys war dann nicht mehr viel zu holen, aber noch jede Menge zu verlieren, wenn man nicht aufpasste. Die Haifische sind in der Class 40 nie fern. Das Wetter wurde am frühen Morgen sehr schön und die Strecke zum Ziel ein perfekter Spinnakergang mit ein paar sehr schönen Halsen. Mit voller Crew geht das dann schon flüssiger und sauberer als allein oder zu zweit. Da scheppert es schon mal ein bisschen mehr.

Um 1930 Uhr kreuzten wir die Linie, um 20 Uhr fest, alles top organisiert vom RORC, alle happy, Besuch im Regattazelt für ein (erstes) Bier, Abendessen…um 4h morgens waren dann schlussendlich in der Koje.

RED ist wettbewebsfähig

Das Ranking entspricht in ungefähr unseren Erwartungen. „GDF Suez“ ist auf allen Kursen sehr schnell und wird perfekt gesegelt, „Tales 2“ ist am Wind eine Rakete, die neue Akilaria RC3 kann schnell sein wenn sie gut gesegelt wird „Des Pieds et des Mains“ oder auch nicht („Al Bucq“), „Vaquita“ ist für ein Boot out-of-the-Box schnell, aber fraglich wie sie mit weniger Crew klarkommen, „Lord Jiminy“ langsamer als angenommen aber auch noch in Entwicklung.

RED ist absolut wettbewerbsfähig und  kann immer noch optimiert werden (Segel, Rigg). Auch mit einem älteren Class 40 kann man gut dabei sein: Palanad (Nummer 43, eine Akilaria RC1) war zum Beispiel auf der Kreuz bis zu den Scillies wirklich schnell.

Die Klasse ist sehr, sehr interessant, innovativ und es ist wirklich ein Vergnügen diese Boote zu segeln, wenn auch manchmal sehr physisch.
Ein Top Rennen für uns mit einer Top Crew!
War ein Spass mit dabei zu sein!

Class 40 Ergebnisse Fastnet Race 2013

12 Kommentare zu „Rolex Fastnet Race: Mit an Bord bei der Class 40 “RED”“

  1. avatar SR-Fan sagt:

    Nicht nur schön geschrieben, sondern auch richtig interessant – so was findet man halt nur hier 😉

    Was mich wundert ist der Seitenhieb auf die anderen (IRC-)Klassen:
    “… Ist es die Angst vor dem ehrlichen Leistungsvergleich?…”

    Ich hab da zwar natürlich keine Ahnung von, aber wenn ich mich gerade ein paar Zeilen weiter oben rechtfertige, dass die anderen Boote ja viel neuer sind (und letztlich sprechen wir ja hier von Protos – also mehr oder weniger einer Konstruktionsklasse), reden wir doch auch nicht von (wirklich) vergleichbaren Booten. Selbst bei den “internen” Klassen, wie z.B. Pogo dürften doch weitgehend Modifikationen möglich sein. Wo ist da jetzt der Unterschied, zu z.B. den JPKs und wahrscheinlich auch diversen Firsts in den jeweiligen Gruppen. Und wie ist dann der “Sieg” über die nachfolgenden Class 40, die ja evtl. deutlich älter sind zu werten?
    Wenn ich schon vergleichbar sein möchte, dann wäre die Figaro-Klasse doch wohl eher das Boot der Wahl (zumindest jetzt bei dieser Regatta).

    VG

    • avatar stefan sagt:

      Aber das ist doch genau der charme einer Konstruktionsklasse. Segeln ist auch immer ein Wettstreit der Ideen und das findet in den open-Klassen auch bei den unterschiedlichen Konzepten statt. Jeder Segler oder Konstrukteur hat da so seinen unterschiedlichen Ideen. Neu muss nicht unter allen Bedingungen immer schneller sein. Oft erkauft man sich bessere Raumwind-Eigenschaften mit Schwächen Am-Wind und umgekehrt. Das macht es so spannend.

      • avatar SR-Fan sagt:

        Morgen Stefan,

        so schwer war meine Anmerkung doch nicht?! Du antwortest am Thema vorbei. Ich find Konstruktionsklassen auch ganz doll.
        Unter “ehrlichem Leistungsvergleich” beim Segeln gehts aber nicht um die Konstrukteure – da gehts um die Segler! Was meinst Du, warum beim Matchrace zwei identische Boote gegeneinander antreten (Ausnahme natürlich: ACC)?!
        Kurz: Wenn ich die Leistung zweier Sportler (möglichst ehrlich) vergleichen möchte, dann reduziere ich die Variablen der Fremdbeeinflussung soweit als möglich. Wenn ich z.B. die Treffgenauigkeit von 2 Elfmeterschützen (ehrlich) vergleichen möchte, ist es hilfreich, wenn Bälle, Maßeinheiten und Torspezifikationen möglichst gleich sind.

        So, ich hoffe jetzt ist meine Anmerkung verständlicher 😉

        VG

        • avatar Stefan sagt:

          Du hast natürlich theoretisch recht. Nur schaut das auch in den Einheitsklassen in der Praxis anders aus. Außer in den Klassen oder den Events wo das Material gestellt wird, ist auch in den Einheitsklassen alles nicht so einheitlich wie es theoretisch erscheint. Hier wird mit unterschiedlichen Masten, mit individuell passenden Segelprofilen gearbeitet. Manche Klassen erlauben individuelle Ruder u.ä. Auch lässt sich mit den etwas unterschiedlichen Eigenschaften der unterschiedlichen Hersteller der Einheitsboote das eigene Potential optimieren.

          Genau wie in anderen Sportarten der Sportler in seinen Stärken (und Schwächen) mit dem eigenen Sportgerät verbunden ist, so ist auch in den Konstruktionsklassen das der Weg das eigene sportliche Potenzial zu unterstützen. Was ja zum eigenen seglerischen Vermögen noch eine Steigerung des seglerischen Niveaus ist, da man sich auch mit den grundsätzlichen Eigenschaften seines Sportgerätes beschäftigen muss.

          Abgesehen davon bringen Konstruktionsklassen den Segelsport weiter. Alle bedeutenden Entwicklungen haben nicht über eine neue Einheitsklassen, sondern durch Innovationen in den Konstruktionsklassen das Licht der Welt entdeckt. Grundlegende Sachen wie die Genua oder der Spinnaker gibt es, weil es leute gegeben hat, die in ihrer Konstruktionsklassen über mögliche Innovationen nachgedacht und etwas Neues gewagt haben.

          Beide, Einheits- und Konstruktionsklassen haben nebeneinander ihre Berechtigung im Segelsport. Ich würde hier keine der beiden über den Anderen stellen wollen.

  2. avatar SR-Fan sagt:

    Dear lieber Stefan 😉

    ich bin mit Einheitsklasse aufgewachsen und die letzten Jahre Konstruktionsklasse gesegelt. Ich kenne die Vor- und Nachteile der Systeme und ich gebe Dir sogar vollumfänglich recht. Und bitte, es geht nicht darum, die Konstruktionsklasse abzuschaffen oder ihre “Schaffenskraft” zu schmälern!
    Ich will – und zwar idealerweise von Axel Strauss – wissen, was ER (!) mit SEINER Formulierung aussagen möchte und zwar im Hinblick auf Konstruktionsklassen zu IRC.
    Sprich: Warum glaubt er, dass der Leistungsvergleich der Segler in einer Class 40 ehrlicher als z.B. bei IRC oder auch Figarro ist? (zumindest verstehe ich seine Aussage so)

    VG

    • avatar stefan sagt:

      …das ist doch schön! 😀

      …das mit dem Vergleich zu IRC macht wenig Sinn, denn IRC ist ja (in seinen Abstufungen) keine Klasse, sondern versucht lediglich unterschiedlichen Yachten ein vergleichbares Ergebnis überzustülpen. Was ja, je länger Wettfahrten sind immer weniger funktioniert, weil die Schiffe in komplett unterschiedlichen Wetterbedingungen fahren und so immer die eine oder andere Gruppe oder Teile einer Gruppe benach- oder bevorteilt wird.

      …seine Frage, warum Menschen sich das antun und mit 12-16 Leuten auf Schiffen segeln, die dann einer kleineren Class 40 im Weg stehen, kann man nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Es gibt ja auch noch andere Dinge die man mit einer Yacht machen kann, als sich auf Regatten zu tummeln. Und einen gepflegten Urlaub auf einer Segelyacht würde ich lieber auf so einer IRC-Yacht verleben, als auf einer Class 40, auch wenn ich diese zum Segeln vorziehen würde.

  3. avatar Axel sagt:

    Ich denke, ich muss mich mal kurz erklären, denn der eine kontroverse Satz in meinem Bericht löst die einzigen Reaktionen aus.
    Zunächst mal möchte ich niemanden zu nahe treten oder der Unehrlichkeit bezichtigen…das wäre ja absurd.
    Trotzdem bietet eine Class40 offshore mit kleiner Crew, bresser noch zu zweit (oder für mich persönlich solo) den ultimativen Leistungsvergleich.
    Und macht dazu noch extrem Spass zu segeln und ist schnell.
    Wir haben alle flashy, fully crewed IRC 1 geschlagen, die Top C40 sogar einige IRC Z.
    Warum also mit soviel Aufwand und so teuer segeln, wenn es einfacher, schneller und günstiger geht.
    Klar können jetzt nicht alle mit einer Class40 rumdüsen, erstmal würde dann viel “Crew” arbeitslos, und ich denke es ist auch nicht nach jedermans Geschmack, denn man muss ziemlich schuften und auf Komfort verzichten für den einfachen speed.
    Aber wenn man wissen will wie gut man offshore ist, ist die C40, Mini 650 oder Figaro 2 sicher das Gerät, auf dem man es herausfinden kann.
    Keine Vermessungstricks (oder kaum…), keine Crew die schuftet für den wachfreien Navigator oder Skipper.
    Dafür jede Menge Speed und Spass…und cruisen kann man auch mit dem Teil…zu zweit…schnell…länger schlafen und trotzdem früher ankommen. Ist doch super im Urlaub 😉

  4. avatar Sven sagt:

    Hallo, danke für diesen herrlichen Artikel. Einerseits spannend aber andererseits so detailliert analysiert und auch die Fehler aufgezeigt. Sowas lese ich sehr gerne.
    Ich drücke der Red und Ihrer Crew die Daumen. Dieses Jahr sehr aktiv und doch weit vorne dabei. Einfach Klasse!
    Übrigens der Artikel macht Lust, selber mal mitzufahren.

    Class40: Mir gefällt das Konzept. Ich mags nicht so gern solo, aber zu Zwiet oder Viert so ein Race zu rocken ist ne schöne (und anstrengende) Sache.

  5. avatar Daniel sagt:

    cooler Bericht ueber das Fastnet Race!

    Alle Boote haben Vor und Nachteile – der AUtor hat “vergessen” zu sagen, dass wenn die Class 40 ne richtig heftige Kreuz gehabt haetten und lange dann haetten Sie nict so viele IRC1 geschlagen – haette haette….

  6. avatar Sunshine sagt:

    Lieber Daniel, dass die Class 40 hoch am Wind nicht fahren, ist so nicht ganz richtig. Sie sind halt, natürlicherweise, nicht ganz so flink wie bei 25 Knoten Raumschots-Brise. Die Kreuz ging von der Startlinie bis etwa 30 Meilen vor dem Fastnet-Felsen. Viel länger ging nicht. In dieser Zeit hatten die IRC-Ker 40 – also die schnellsten vergleichbaren IRC-Schiffe – der RED knapp eine Stunde abgenommen. Das war jetzt nicht so wahnsinnig viel für knapp zwei Tage. Und auf dem Rückweg haben sie die Distanz dann wieder mehr als verloren. Bis auf ein Schiff, die Ker 40 Magnum.

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