Santander Worlds: Thomas Plößel über seine größte Niederlage

"Einschneidender Moment"

Thomas Plößel schreibt über den absoluten emotionalsten Tiefpunkt seiner Segelkarriere nach der Verletzung im Santander. Außerdem erklärt er sich in einer Videobotschaft.

Thomas Plößel

Thomas Plößel mit seinem bandagierten Arm in Santander. © heil/plößel

Stell dir vor es ist WM und du kannst nicht dabei sein. Hätte das vor einer Woche jemand zu mir gesagt, ich hätte ihn ausgelacht. Ich war zwar das Bakterium aus Rio fast los, die Schleimhäute meiner Kieferhöhle waren noch etwas geschwollen, aber ich fühlte mich doch körperlich und geistig fit und absolut bereit diese Weltmeisterschaft zu segeln.

Noch wichtiger, ich wollte den Olympia Startplatz im 49er für Deutschland sichern. Denn hier in Santander werden bereits die ersten zehn von zwanzig Olympiatickets für die bestplatzierten Nationen vergeben. Es bestand also eine gute Chance das früh abzuhaken, um sich darüber später keine Gedanken mehr machen zu müssen.

Und jetzt ist Sonntagabend, morgen beginnen die Rennen für uns und ich sitze in der Lobby unseres Hotels. Ich blicke aufs Meer, dorthin wo ich morgen segeln wollte. Meine Linke Hand ist geschient und der Arm vom Daumen fast bis zum Ellenbogen fest eingepackt.

Es gibt diese einschneidenden Momente im Leben, ich glaube jeder kennt das. Bezogen auf den Sport war für mich der mit Abstand größte Moment der Gewinn des Europameistertitels im Juli. Dieser Moment, als wir am Ende ins Ziel gingen, nachdem wir mit drei perfekten Rennen noch zwei internationale Topteams überholt hatten er war unbeschreiblich, unvergesslich.

Das war vor zwei Monaten. Vor exakt fünf Tagen lag ich dann mit dem Kopf im Gras und habe geweint. Ein paar Minuten zuvor war ich gestürzt und hatte meine Hände an herumliegenden Glasscherben aufgeschnitten. Ich wusste weder genau wo, noch wie tief die Schnitte waren. Aber es floss ziemlich viel Blut aus meiner Hand kommt. Und das ist wenige Tage vor einer WM ein verdammt schlechter Umstand. Ich fühlte mich so schlecht wie noch nie. Dieser im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Moment wird für mich genau so unvergesslich bleiben wie der Gewinn der EM.

Zusammen mit Erik habe ich seit 2001 einige Höhen und Tiefen erlebt. Doch war kein Misserfolg für mich eine emotional größere Niederlage, als dieser Ausfall bei  der WM.

Technisch gesehen haben wir jetzt mit dem jungen Fabian Graf kurzfristig einen guten Ersatzmann für mich gefunden. Das Nationenticket können wir auch noch später lösen, falls es hier kein deutsches 49er Team unten den besten zehn Nationen schafft. Auch die Sehne wird bei normaler Heilung in zwei Wochen wieder voll belastbar sein, der Trainingsausfall ist also minimal. Die Haut ist bereits jetzt größtenteils gut verheilt. Das ist das Gute an sauberen, scharfen Schnitten. Die Schiene nehme ich ab heute immer öfter ab und die Fäden werden am Freitag gezogen.

Aber: Jetzt stell dir vor es ist Olympia und du kannst nicht segeln. Die aktuelle Situation hat mich auf jeden Fall extrem sensibilisiert. In dem Moment als ich an die Konsequenzen des Ereignisses dachte, wurde mir die Zerbrechlichkeit hoher Ziele und großer Träume äußerst klar vor Augen geführt.

Wir hätten 2016 in Rio mehr als unser halbes Leben miteinander auf einem Boot verbracht. Wir hätten tausende Stunden in Training, Materialentwicklung, Planung, Optimierung und Gedanken an unseren gemeinsamen Traum gesteckt. Was, wenn uns dann kurz vorher etwas passiert? Diese Vorstellung, alles könnte mit einem Mal umsonst gewesen sein, lässt es mir kalt den Rücken herunter laufen.

Ich will in Zukunft versuchen, Gefahrenquellen besser erkennen und sie dann meiden.

Jetzt wünsche ich Erik und Fabian viel Erfolg für die WM. Ich werde bis zum Ende der Regatta vor Ort bleiben und die beiden unterstützen. Großen Respekt habe ich vor Erik, der nach nur drei Tagen Training mit Fabian in ein Weltklassefeld startet.

Er muss auf dem 49er nun viele meiner Aufgaben mit übernehmen, was viel Konzentration kostet. Das wird hart, aber er ist ein sehr guter Segler. Wenn die Bedingungen passen, haben die beiden gute Chancen. Großen Dank möchte ich Fabian Graf aussprechen, der in Kiel alles stehen und liegen gelassen hat, um mich zu ersetzen.

Beste Grüße aus Santander

Anm. d.Red: Während in Santander heute auf Wind gewartet wird, haben die 49er ein Rennen am Morgen absolviert. Erik Heil und Fabian Graf begannen mit einer Frühstartdisqualifikation.

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2 Kommentare zu „Santander Worlds: Thomas Plößel über seine größte Niederlage“

  1. avatar Super-Spät-Segler sagt:

    Hallo Thomas,

    ich denke nicht, daß der langsam unheimlich wirkende Mangel an Antworten hier ein Mangel an Mitgefühl ausdrückt.
    Eher im Gegenteil. Wir leiden mit Dir, wissen aber nicht, was man Dir schreiben kann, um Dir die Situation erträglicher zu machen.
    Glücklicherweise ist die Verletzung ja nicht schwerwiegend und Du kannst bald wieder segeln.

    Also: Kopf hoch und nach der Genesung weitermachen!
    Ihr beide seid ein tolles Team, echte Sympathieträger des deutschen Segelsportes und wir wollen Euch in Rio auf dem Treppchen sehen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Ich sag mal: Wir wollen Euch in Rio geil segeln sehen und wenn Ihr am Ende auf dem Treppchen steht ist das das I-Tüpfelchenauf Eure klasse Arbeit!

    Ja, Du hast Recht, so ein Unternehmen, solche Ziel können ganz zerbrechlich sein. Mache Dir nicht zu sehr einen Kopf darüber. Auch wenn es jetzt nur ein schwacher Trost sein kann. Es ist bei der WM passiert und nicht bei Olympia. Ich glaube solch ein Schicksal wiederfährt einem nur EINMAL. Das hast Du jetzt und bald hinter Dir. Dann kannst einfach nur noch segeln, Gar geben und die Erfolge einsacken wie im Juli bei der EURO.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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