SR-Interview: Tom Slingsby über den Cup – “Herausgekommen sind diese Ungeheuer”

"Zu viele Kompromisse"

Nach dem Salto rückwärts des America’s Cup von den foilenden Kats wieder hin zu Monohulls hat sich das Spiel ganz neu aufgestellt. Nicht alle Stars schafften es bei dem Umkehrschwung wieder in neue Teams. Tom Slingsby, Laser-Olympiasieger von 2012 und erfolgreicher AC-Stratege beim Team Oracle in 2013, hat sich mit dem SailGP ein neues Spielfeld gesucht und prompt den Auftakt der spektakulären Serie in Sydney gewonnen.

Jetzt wurde er auch für den Cup der RC44 vom russischen Team „Nika“ angeheuert. Für Slingsby ist es nach 2014 ein Comeback in dieser Bootsklasse, und beim Auftritt in der vergangenen Woche in Montenegro plauderte mit dem Segelreporter über seine Pläne für die nächsten Jahre, den AC und Olympia.

Tom Slingsby

Der australische Sail GP Skipper Tom Slingsby im Einsatz auf dem F50 Foiler. © Sam Greenfield AUS Sail GP

„Russell Coutts und Larry Ellison haben mit dem SailGP eine tolle Plattform geschaffen. Wir hatten einen großartigen Auftakt in Sydney, auch wenn der Wind nicht optimal war. Ich habe mich für die nächsten Jahre darauf festgelegt, habe meinen Fokus also auf dieser Serie“, berichtet Slingsby.

44Cup

In der neuen Saison starten neun Boote in der umbenannten Owner Driver Klasse 44Cup© Martinez/44Cup

Das zusätzliche Engagement beim 44Cup, in den die Klasse von RC44 umbenannt wurde, ergänze sich und lasse sich gut kombinieren: „Ich liebe jede Art von Booten. Ich bin sehr stolz, wieder im RC44 zurück zu sein. Es ist sicherlich eine der besten Owner-Driver-Klassen der Welt. Die RC44 bieten eine großartige Möglichkeit, um die Sinne als Taktiker zu schärfen. Es sind unglaublich enge Rennen mit Olympia- und AC-Champions an Bord, und es kann immer etwas passieren.

44Cup

Nika mit Tom Slingsby jagt Charisma aus Monaco. © Martinez/44Cup

Ich kann hier sehr gute Erfahrungen sammeln. Man muss beim Start und in den Manövern sehr aufmerksam sein und kann viel besser auf die veränderten Situationen reagieren als bei den schnellen Foiler-Klassen. Die Kombination aus Profis und Amateuren an Bord verlangt zudem besondere Aufmerksamkeit.“

Wie hart in dem Feld des 44Cups Fehler bestraft werden, musste Slingsby am zweiten Tag der Regatten in der Bucht von Tivat vor dem Porto Mentenegro erfahren. Schlechte Starts verdarben an diesem Tag die Laune in dem Team. Zwar hatte „Nika“ auch drei gute Tage, konnte das siegreiche „Ceeref“-Team (Slowenien) damit aber nicht mehr vom ersten Rang verdrängen und wurde Zweiter.

Mit Blick auf den America’s Cup hat Slingsby einen Strich unter die 36. Auflage im Frühjahr 2021 gemacht. „Mir würde unter anderem die Nationenregelung nicht passen. Ich fühle mich sehr wohl in Australien und würde meinen Wohnsitz derzeit nicht in eines der Herausforderer-Länder verlegen wollen. Und Australien ist nun mal nicht am Cup beteiligt.“

“Herausgekommen sind diese Ungeheuer”

Die Entwicklung nach 2021 müsse man abwarten, so Slingsby, der allerdings den Kurs des AC aktuell nicht nachvollziehen kann: „Man versucht mit den neuen Booten zu viele Positionen zu besetzen. Das geht nicht gut. Wenn man zurück auf die Monohulls will, dann hätte man diesen Weg auch strikt gehen sollen. Jetzt will man aus allen Bereichen etwas haben: Ein Monohull, der foilt, aber auch noch einen Kiel hat. Herausgekommen sind diese Ungeheuer.“

SailGP

Slingsby mit Top-Start beim SailGP in Sydney. © SailGP

Die Entwicklung hin zu den AC75 sei das Produkt aus zu vielen Kompromissen. Neben dem Rumpf-Design erteilt er auch der Segel-Entwicklung eine Absage. „Das ist eine weitere Fehlentscheidung. Auch wieder die Folge von zu vielen Kompromissen – entweder man will ein Wing-Sail oder ein Soft-Segel. Zu glauben, dass es hier einen Drop-Down-Effekt für den normalen Segelsport geben würde, ist Unsinn. Man braucht einen speziellen Mast und zwei Segel. Das ist viel zu teuer – und auch zu kompliziert.“

Slingsby selbst sieht sich mit den Engagements beim SailGP und im 44Cup gut aufgestellt. Auch eine Rückkehr in den olympischen Circuit sei für ihn keine Option: „Ich glaube nicht, dass mich das glücklich machen würde. Ich habe eine olympische Goldmedaille. Es verlangt volle Konzentration auf den Laser, um wieder in die Weltspitze zurückzukommen. Und wenn es dann am Ende zu einer Silbermedaille reicht, wäre es im Vergleich zu 2012 eine Enttäuschung.“

Den Laser sieht er indes als ideale Olympia-Klasse an, die Diskussionen um eine neue Einhand-Klasse eher kritisch: „Der Laser ist weltweit intensiv verbreitet und einfach zu handhaben. Auf ein kleines Plus im Bootsspeed bei einer anderen Klasse kann es nicht ankommen. Wenn alle grundsätzlich gleich schnell sind, kann man das von außen gar nicht wahrnehmen.“

Für Slingsby geht es nun im munteren Wechsel zwischen den foilenden SailGP-Kats und den taktisch anspruchsvollen RC44 weiter. Am 4./5. Mai steht das SailGP-Event in San Francisco an, dann Ende Mai der 44Cup in Rovinj/Kroatien. Es folgen die Stationen New York (SailGP, Juni), Marstrand/Schweden (44Cup, Juli), Cowes/England (SailGP, August), Marseille/Frankreich (SailGP, September), Cascais/Portugal (44Cup, Oktober) und Palma/Spanien (44Cup, November).

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.
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