Transat Jacques Vabre: Welche IMOCA-Crews besonders interessant sind – Start am 27.10.

Kein Kaffeekränzchen

Auf der Kaffee-Route nach Brasilien können 30 IMOCA zeigen, was sie drauf haben. Eine Transat, die als ultimativer Test für die Skipper und Boote gilt. Sind die älteren Boote wirklich chancenlos?

Sie gilt als eine der härtesten Hochsee-Regatten überhaupt, ihr Image reicht von „mast- and ball-breaker“ bis „navigatorisch höchst anspruchsvoll“ – die Transat Jacques Vabre (TJV) schickt alle zwei Jahre ihre Heldinnen und Helden auf der alten „Kaffeeroute“ von Frankreich nach Brasilien. 

Seit 1993 werden mit dieser Transat die jeweils aktuell stärksten Hochsee-Regatta-Klassen im Zweihandmodus über den „Teich“ gehetzt. 

Die Regatta

Entsprechend stehen auch dieses Jahr wieder die IMOCA und Class 40 im Fokus. Sagenhafte 30 IMOCA und 27 Class 40 werden sich spätestens heute im Stadthafen von Le Havre zum Beginn der Vorbereitungswoche einfinden. Der Start ist für Sonntag, den 27.10. 2019 geplant.

Lediglich drei Multi 50-Trimarane sind gemeldet – eine in Frankreich zwar traditionsstarke Klasse, auf internationalem Niveau jedoch ein sinkender Stern. 

Vor zwei Jahren waren noch die Ultim-Trimarane mit dabei. Doch aus Platzgründen (wohin mit derzeit vier regattabereiten, sperrigen 30-Meter langen und 18 Meter breiten Monstern ?) wurde die spektakuläre Klasse gebeten, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Deren Antwort heißt „Brest Atlantique“, eine Rund-Atlantik-Regatta im Zweihand-Modus, die eine Woche nach der TJV mit vier Ultim-Trimaranen in Brest starten und die TJV-Flotte wohl größtenteils noch einholen wird.

Die Route

Die Transat Jacques Vabre – der Hauptsonsor ist bezeichnenderweise ein französischer Kaffeeröster – gilt als navigatorisch besonders anspruchsvoll, da diverse Problemzonen durchquert, umfahren oder zumindest berücksichtigt werden müssen.

Die Route von Le Havre nach Salvador des Bahia

So kann die Biskaya um diese Jahreszeit bereits scharfe Zähne zeigen (siehe auch den wetterbedingt verschobenen Start der Mini Transat). Außerdem wird zu Beginn der Regatta in der Einfahrtszone des Ärmelkanals gesegelt. Selbst im Duo ist dort an Schlaf nicht zu denken, da man sich Tag und Nacht mit Beobachtung des Schifffahrtverkehrs beschäftigt. 

Einmal die Biskaya hinter sich gelassen, folgt ein regelrechts Schachspiel, um von den mit Sicherheit aufsteigenden und sich gen Norden bewegenden Azoren-Hochdruckgebieten an deren Ausläufern zu profitieren. Danach gilt es auf den „Zug“ der nordwestlichen Passat-Winde aufzuspringen, der die Segler im Idealfall bis „kurz vor“ den Äquator schieben wird.

Dort warten die Doldrums, der gefürchtete Kalmengürtel, in dem schon jede Menge Regatten wieder neu aufgemischt wurden. In dieser Zone, die von den Franzosen auch „Schwarzer Topf/Pot au noir“ (warum auch immer) genannt wird, warten Flautenabschnitte, die sich innerhalb von ein paar Minuten mit Gewitter- undRegen-Böen bis zu 34 – 40 Knoten Windstärke abwechseln. Nervenaufreibend, vor allem aber: Unberechenbar!

Die Ersten, die aus diesem Gebiet heraus kommen und den Äquator überqueren, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von den südöstlichen Passatwinden profitieren, die sie bis hinunter nach   Salvador de Bahia begleiten werden. Doch das sind alles Idealfälle und bekanntlich ist das Wetter launig und kann dem Segler übelste Streiche spielen. Ganz zu schweigen von riesigen, dichten Algenteppichen, die auf die Segler ebenfalls im Kalmengürtel lauern. 

SR wird die Begebenheiten bei der Transat Jacques Vabre wie gewohnt verfolgen. Mit den folgenden Zeilen wollen wir einen Blick auf die Teilnehmer in der IMOCA-Klasse werfen. Eine Vorstellung der interessantesten Class 40-Segler folgt in den nächsten Tagen. 

Spannend zu verfolgen

Für die IMOCA-Segler hat die Transat Jacques Vabre in diesem Jahr eine besondere Bedeutung, da sie als letzte lange “Teststrecke“ (4.500 Seemeilen, ca. 8.000 km) vor der in 12 Monaten startenden Vendée Globe (einhand nonstop um die Welt) genutzt wird. Wichtig ist dabei, dass die TJV Route im Prinzip die gleiche wie im ersten Viertel der Vendée Globe ist. Dabei testen die Skipper ihre nagelneuen Foil-Renner, die erst in dieser Saison zu Wasser gelassen wurden, (wie etwa Hugo Boss, Apivia, Advens), erstmals im Regattamodus. Anders dagegen z.B.Charal. Diese IMOCA zählt zwar auch zur letzten Generation, hat aber bereits 12 Monate Test- und Trainingszeit mehr als die neue Konkurrenz im Kielwasser. Unter Insidern gilt das Boot als aktuell am besten aufgestellt für einen Gesamtsieg. Die vorhergehende Generation, die etwa bei der letzten Vendée Globe vor drei Jahren Furore machte, kann bei der TJV wiederum zeigen, was gesegelte Seemeilen und die entsprechende Erfahrung der Skipper am Ruder bedeuten. Hierzu zählen Malizia und Bureau Vallée. 

Unter den 30 Teams in der IMOCA-Klasse, die bei dieser TJV teilnehmen werden, haben wir einige Duos ausgewählt, die u.E. besondere Aufmerksamkeit verdienen. Wohlgemerkt, keine Favoriten-Liste, sondern einfach nur „spannend zu verfolgen“. 

Boris Herrmann/WillHarris. Der Deutsche Skipper tritt mit dem jungen Briten auf „Malizia II“an, mit dem er auch schon beim Fastnet Race überzeugen wollte. Rang Acht dürfte die beiden jedoch nicht zufrieden gestellt haben. Die letzte TJV beendete Herrmann auf dem selben Boot mit Thomas Ruyant als Co-Skipper auf einem respektablen Rang 4 – ein Top-Five -Platz in diesem Jahr wäre klasse! PR-Erfolge mit Greta Thunberg hin oder her: Bei der TJV kann sich Herrmann sportlich beweisen – sein Boot scheint technisch auf der Höhe zu sein, navigatorisch gilt Herrmann sowieso als Spitze.  

 

Isabelle Joschke/Morgan Lagravière. Die Deutsch-Französin Joschke hat sich nach dem totalen Umbau ihres IMOCA „MACSF“ zu einem Foiler einen entsprechenden Foil-Spezialisten an Bord geholt. Im Gespräch mit SR betonte sie unlängst, dass sie die TJV als ultimativen Test für die Vendée Globe sieht – in Bezug auf die Robustheit des Bootes, aber auch auf ihr seglerisches Können mit Foils. Das Potential sei gegeben, sagte sie, um unter die Top Ten zu kommen. 

Thomas Ruyant/Antoine Koch. Der Normanne Ruyant hat bereits die Mini-Transat, die Route du Rhum und die Transat AG2R gewonnen. Bei der letzten Vendée Globe musste er spektakulär abbrechen, weil sein IMOCA auf Höhe Neuseeland delaminierte und quasi auseinander fiel. Bei der TJV ist er nun mit dem nietennagelneuen Foiler „Advens for Cybersecurity“ unterwegs, die erst im Sommer zu Wasser gelassen wurde. Seitdem trainierte Ruyant fleißig und gibt sich zuversichtlich was die Geschwindigkeit des Bootes und seine Robustheit anbelangt. Ob er das Boot jedoch wirklich ans Limit puschen wird, bleibt abzuwarten.

Charlie Dalin/Yann Eliès. Auch die beiden segeln auf einem Foiler (Apivia), der erst vor wenigen Wochen getauft wurde. Der Top-Figarist Dalin hat sich mit Yann Eliès einen der versiertesten Hochseesegler zur Seite geholt. Beide dürften die Foils der neuesten Generation auf Herz und Nieren prüfen und werden mit Sicherheit in den vorderen Rängen zu finden sein. Vorausgesetzt, das Boot hält durch!

Clarisse Cremer/Armel le Cleac’h. Ja, die Reihenfolge der Namen ist richtig – Clarisse Cremer wird als Skipperin der „Banque Populaire“ geführt, ihr berühmter Co-Skipper Le Cleac’h (Sieger der letzten Vendée Globe und Ultim-Trimaran-Bruchpilot) steht der jungen Mini-Transat-Zweitplatzierten für ein Training der besonderen Art in Richtung Vendée Globe Teilnahme zur Seite. Ihr Boot ist nicht mit Foils ausgestattet, was sie per se langsamer als die foilende Konkurrenz einstuft. Doch dass eben Foils allein noch keine gute Platzierung in einer IMOCA-Regatta ausmachen, zeigten sie im Sommer mit einem dritten Rang beim Fastnet Race. Achtung, dieses Schock-Duo könnte viele erstaunen!

Jeremie Beyou/Christopher Pratt. Die beiden segeln mit „Charal“ die derzeit wohl schnellste, weil am besten gepimpte und am meisten gesegelte IMOCA der neuesten Generation. Das VPLP-Design hat sich bei nahezu allen Regatten als „state of the art“ erwiesen und dürfte auch diesmal – Materialbruch einmal ausgeklammert – den Ton angeben. Beyou gilt als „gnadenloser Foiler“ und hat bereits mehrfach erklärt, dass er die „Anhängsel“ nicht nur spazieren fahren, sondern so oft wie nur möglich nutzen werde. Wenn es einen Favoriten gibt, dann dieses Team auf diesem Boot. 

Alex Thomson/Neal McDonald. Der britische Vorzeigeskipper Thomson hat bekanntlich erst kürzlich seine spektakuläre und faszinierende IMOCA Hugo Boss zu Wasser gelassen. Erste Videos zeigen das Boot als stabil foilenden Renner, der mit Sicherheit von seinem Skip versiert und optimal gesteuert wird. Thomson hat seinen „performance manager“ McDonald  an Bord gebeten. Der siebenfache Volvo Ocean Race Teilnehmer gilt als einer der versiertesten Hochsee-Regatta-Skipper Großbritanniens. Zwar hat Thomson verkündet, dass er die TJV lediglich als Trainings- und Testregatta betrachtet, doch die Szene grinst angesichts solcher Thomson-Sprüche nur. Jeder weiß, dass dieses Power-Duo auf der Kaffee-Route kein Kaffeekränzchen abhalten wird – neues Boot, das erst noch eingesegelt werden muss, hin oder her. 

Website Transat Jacques Vabre

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „Transat Jacques Vabre: Welche IMOCA-Crews besonders interessant sind – Start am 27.10.“

  1. avatar H.-U. Lass sagt:

    Den Foilern könnte der Great Atlantic Sargassum Belt (GASB), der sich nördlich des Äquators von Afrika bis Südamerika erstreckt, einige Schwierigkeiten bereiten. Wenn sich das Kraut um die aktiven Foils wickelt, ist die hydrodynamische Auftriebskraft hin und die Crew nur damit beschäftigt das Sargassum von den Foils runter zu kriegen.
    Ich habe das einmal beim Windsurfen auf den Rügenschen Boddden erlebt. Da half nur die Krautfinne mit einem Anstellwinkel von 45°. An der Finne streifte das Seegras automatisch ab.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

  2. avatar meerkater sagt:

    Alex Thonson dürfte nicht vergessen haben das er seinen Neubau vor 4 Jahren beinahe vor Portugal verloren hätte und er per Hubschrauber geborgen werden musste. Schon damals war er nur mit angezogener Handbrese gesegelt weil das Boot noch neu war.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *