Transat Jacques Vabre: Wer schafft’s aufs Podium?– Die Tage vor dem Start

Gerüchte, Orakel und „ganz sichere“ Tipps

Von halbwegs sicheren Prognosen, kaum fehlbaren Orakeln und so manchem Überraschungsei nur zwei Tage vor dem Start zur Zweihand-Transatlantik-Regatta auf der Kaffee-Route

Wofür sind die Tage vor einer Hochseeregatta gut? Wenn alle Boote über eine Woche und noch länger im Hafen an breiten Stegen festgemacht haben? Wenn man zwar noch basteln, aber nicht mehr segelnd ausprobieren darf, ob alles hält? Wenn Zehntausende an den Booten vorbei defilieren, wenn Skipper und Skipperin sich langsam aber sicher wie Tiere im Zoo vorkommen, die  bei allem begafft, beobachtet und taxiert werden? 

Transat Jacques Vabre

Was sind das nur für Tage – die Skipper fühlen sich wie Tiere im Zoo © TJV

Machen wir uns nichts vor: Solche Tage sind essentiell für das wirtschaftliche und mediale Gelingen einer jeden Hochseeregatta. Es ist die Zeit, wenn hundert Journalisten sich regelrecht auf die Pirsch machen, um noch hier und da ein Interview zu ergattern, wenn sich TV-Teams unter den Augen der gestresst-genervt lächelnden Protagonisten in Kojen zwängen, nur um „mal zu zeigen, wie eng es auf so einer IMOCA ist“. Es sind die Tage, wenn zwei Radiosender rund um die Uhr ihr Programm aus dem Race-Village senden, wenn in Dutzenden Zelten, Buden und anrainenden Bistrots rekordverdächtige Umsätze gemacht werden, wenn etwa Hauptsponsoren wie Jacques Vabre hektoliterweise kostenlosen Kaffee ausschenken. Es dauert erfahrungsgemäß bis ins Ziel der Hochseeregatten, bis die Anzahl TV-Hafenstunden von der Anzahl TV-Regattastunden eingeholt wird…  

Doch bei allem Kommerz ist die Zeit vor dem Start auch wichtig für die Gerüchteküche. Jetzt wird sie angeheizt, es wird spekuliert, gewettet, fachmännisch abgeschätzt und wenig professionell einfach geraten. Wobei letztgenannte Version oftmals unterm Strich die erfolgreichste ist. 

Also mitgemacht. Rüber in das gerammelt volle Bierzelt, wo gerade die Klassenvereinigung Class 40 Freibier ausgibt. Logisch, dass alle da sind – klassenunabhängig, wohlgemerkt. Man kann dabei übrigens hervorragend beobachten, welches Boot bereits fix und foxi vorbereitet ist – deren Shore-Teams geben sich bei solchen Gelegenheiten gerne „die Kante“. Bei den weniger gut vorbereiteten wird mehr Alkoholfreies konsumiert. Ganz zu schweigen von den SkipperInnen: Die lassen sich meist brav einen Panaché mixen oder trinken gleich Wasser. Schließlich hat man als SportlerIn gegenüber seinem Körper ein gewisses Verantwortungsgefühl, oder? 

Am meisten brodelt es in der Gerüchteküche natürlich, wenn es um die Podiumsplätze geht. Wer schafft’s, wer nicht? 

IMOCA: Die Szene gibt Boris Herrmann sehr gute Chancen auf einen Podiumsplatz mit seinem Foiler „Malizia“ – nicht zuletzt wegen seinem Mitsegler Thomas Ruyant. Der Vendée Globe-Havarist wird als „heiß“ gehandelt, der noch die eine oder andere Rechnung offen hat und der alles will, bloß nicht verlieren. Die Chancen für das Duo stehen gut bis sehr gut – sagt das Orakel.  

Logischerweise werden den Foilern unter den IMOCA die höchsten Chancen eingeräumt. Neben „Malizia“ wird häufig Jean-Pierre Dick genannt, der mittlerweile über ein anständiges „Foil“-Stundenkonto verfügt und offenbar sein Boot in jeder Situation hervorragend kennt. Auch „Initiatives Coeur“ mit Tanguy de Lamotte und Sam Davies als Mixed-Team, werden gewisse Chancen eingeräumt – obwohl das Boot nicht aus der der neuesten Generation (2015) stammt, ist es für Jeremie Beyous Vendée Globe-Abenteuer mit Foils ausgestattet worden. Bestes Team unter den „Ohne-Foils-Klassikern“ könnte die Deutsch-Französin Isabelle Joschke gemeinsam mit Pierre Brasseur werden. Ein Interview mit ihr werden wir in Kürze bringen. 

Multi 50: Über die sechs rasenden 50-Fußer sind nur wenige Gerüchte im Umlauf. Wait and see lautet die Devise – man ist vor allem auf das Abschneiden des IMOCA-Helden (und Vendée Globe-Unglücksvogels) Vincent Riou auf „FenetreA“ gespannt. 

Ultime: Wie bereits berichtet, will Thomas Coville auf seinem bewährten „Sodebo“-Ultim, mit dem er die Weltumrundung in Rekordzeit geschafft hat, aus dem Vollen schöpfen. Mit einem Sieg des neuesten Bootes unter den gemeldeten, „Baron de Rothschild“, rechnet eigentlich kaum jemand, weil es als offenes Geheimnis gehandelt wird, dass  Sebastien Josse und Thomas Rouxel eher im Test als im Race-Modus unterwegs sein werden. Doch so richtig drauf wetten möchte eigentlich niemand, da nur wenige Informationen aus dem als sehr verschlossen geltenden „Gitana“-Team durchsickern. Wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich der Dritte. Doch bei aller Sympathie für  die Hochseehelden-Urgesteine Bernard Stamm und Lionel Lemonchois: Es müssten schon die beiden erstgenannten IMOCA ausfallen, bis die beiden an der Spitze segeln werden. Auch hier gilt allerdings: Fortuna ist eben die unberechenbarste Göttin im Seglerolymp. 

Class 40: Für SegelReporter fasst Anna-Maria Renken die Prophezeiungen, Orakel und Gerüchte in der Klasse zusammen. Die Bremerin lebt bekanntlich seit Jahren in Lorient und ist voll in der Hochseesegelszene aufgegangen. Nach ihrem „THE TRANSAT“ -Abenteuer im letzten Jahr auf der deutschen Class 40 „Nivea“ (einhand auf der Nordatlantik-Route von Plymouth nach New York; das Rennen beendete sie als erste Deutsche) arbeitet sie derzeit als Boat-Captain für die Class 40 „OMAN SAIL“, mit Sidney Gavignet und Fahad Al Hasni an der Pinne. 

Anna-Maria Renken: „Beste Chancen für den Sieg gebe ich „Imerys Clean Energy“. Ein schnelles Boot mit zwei ausgezeichneten Skippern: Phil Sharp hat sich in den letzten Jahren in jeder Hinsicht bewährt, Pablo Santurde hat so ziemlich alles in der Class 40 einmal gewonnen. 

Auch auf der Höhe: Oman Sail – und das nicht, weil sie derzeit meine Arbeitgeber sind. Sydney Gavignet hat „alles gesehen“, ist ein extrem erfahrener Hochseeregattasegler. Sein Co-Skipper Fahad ist ein sportliches Ass, das „nicht totzukriegen“ ist. Die beiden werden sich hervorragend ergänzen, zumal ihr Boot auf Reaching-Kursen extrem schnell ist. Und genau darauf hoffen ja alle Teilnehmer dieser Transat Jacques Vabre. Ein Podium müsste „drin“ sein, mindestens… 

„Team Work“ rechne ich ebenfalls gute Chancen aus. Bertrand Delesne segelt das Boot schon relativ lange und kennt es aus dem Effeff, die Schweizerin Justine Mettraux hat zuletzt vor allem im Figaro-Zirkus bewiesen, dass sie wirklich was drauf hat. Beide gelten als umgängliche Typen und dürften eine gute Symbiose eingehen. Ein hervorragendes Mixed Team mit echten Ambitionen fürs Podium! 

TJV

“Team Work” in Action © breschi

Louis Duc und Alexis Loison zeigen auf ihrer nagelneuen „Carac“ ebenfalls Potential fürs Podium. Duc hat auf seinem alten Boot bewiesen, dass er richtig schnell segeln kann (Rang 2. Bei THE TRANSAT) und sein neues Lombard Design, gebaut in der kleinen Lorient-Werft „Gepeto“, gilt ebenfalls als extrem schnell auf Reaching-Kursen. 

Auch noch gut für eine Überraschung: „Aina“: Aymeric Chappellier und Arthur LeVaillant gelten in der Class 40-Szene als „angriffslustig“ und könnten auf ihrem nagelneuen Sam Manuard Mach 40 als Überraschungsei: man weiß noch nicht so richtig, was „drin“ ist…“

Blubber, blubber, noch knapp zwei Tage wird es weiter brodeln… bis am Sonntag 13:30 Uhr die Transat Jacques Vabre vor Le Havre starten wird. 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Transat Jacques Vabre: Wer schafft’s aufs Podium?– Die Tage vor dem Start“

  1. avatar breizh sagt:

    Nachdem ich heute Morgen in der FAZ einen Artikel zur TJV gesehen habe, dachte ich schön so langsam schwappt das Hochseefiber auch nach Deutschland. Leider war der Artikel aber eher schwach bis schlecht. Schade eigentlich, dabei hat die FAZ doch einen erfahrenen Hochseesegler in ihren Reihen und könnte sich dem Niveau hier auf SR annähern. Aber gut es gibt ja noch SR als Alternativen.

    Ist es eigentlich, wie bei der Vendee Globe vorgesehen auch hier von den Teilnehmern Bilder und Berichte während des Rennen zu bekommen? Oder bleibt uns nur der Tracker? Bei all den Aktivitäten, die im Moment stattfindenden, wird man gleich mehrere Tracker parallel “schauen” müssen.

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