Transgascogne: Im kleinen Boot auf dem großen Ozean – “Minist” Tessloff in der Biskaya

Der ganz normale Wahnsinn

Transgascogne, Mini 6.50, Oliver Tessloff

Ganz allein auf dem großen Ozean… ganz allein? © tessloff

Zwischen vergammelten Thunfischköpfen, verdammt großen Walen, in langen Flauten auf kabbeliger See und (fast nur) gegenan – die Mini-Regatta-Segelei ist kein Ponyhof. Auch ohne Sturm, Bruch und Seenot. 

Oliver Tessloff ist derzeit der wohl beste Deutsche Mini-Segler in der Serienwertung. Zumindest lassen das seine Ergebnisse in den wichtigsten Mini-6.50-Regatten der letzten Monate vermuten. Rang 10 beim double-handed Mini Fastnet (gemeinsam mit Victor Turpin) und kürzlich Rang 7 bei der Transgascogne (solo, in zwei Etappen quer durch die Biskaya). 

Liest sich das so, als wären Ergebnisse im hinteren Top-Ten-Bereich nicht gerade berauschend? Mag sein, ist aber dennoch extraklasse. Denn in beiden Regatten war unter den Serienbooten die versammelte Mini-Elite inklusive aller Favoriten für die anstehende Mini-Transat am Start. Und so sehr man/frau sich in Mini-Kreisen auch im Hafen oder an Land beisteht und solidarisch zeigt – bei Regatten hat kein Mini-Segler irgendwas zu verschenken. Ganz im Gegenteil… 

Transgascogne, Mini 6.50, Oliver Tessloff

(Fast) allein unter Franzosen: Tessloff (hinten “GER” kurz nach dem Start zur zweiten Etappe) © transgascogne

Eigentlich begann für den 43-jährigen IT-Spezialisten aus Hamburg die “Transgascogne” bilderbuchmäßig. Zumindest beschreibt er das mit Blick zurück so: „Es lief alles wie geschmiert. Nach eher verhaltenem Start war ich relativ schnell unter den Top Five der Serienwertung zu finden. Mein Boot – eine Pogo 3/no. 893 – ist schon seit einiger Zeit in der Liga der Locals angekommen.“ Soll heißen, dass sich Tessloff in Sachen Bootsspeed nach vielen Vergleichsfahrten, langen Trimmschlägen und unendlich wirkenden Bastelzeiten an Land oder im Hafen genau auf einer (technischen) Höhe fühlt mit den französischen Champions. „Sollte ich irgendwann hinten segeln, kann das nur am Skipper oder am Bruch liegen. Das Boot selbst läuft top, da ist nichts dran zu rütteln!“ 

Weht es da vorne mehr als hier?

Und so kam es, dass Tessloff mit seinem „schnellen Boot“ bei Biskaya-untypischem Kaiserwetter tage- und nächtelang unter Spi während der ersten Transgascogne-Etappe von les Sables d’Olonnes (genau, der Ort, wo die Vendée Globe startet) nach Aviles (nördliche spanische Atlantikküste) segelte. Und das mal eben ganz locker auf den Plätzen Fünf bis Zwei. „Es flutschte,“ erinnert er sich heute. „Wenn die eher leichten, mitunter aber stark drehenden Winde taktisch auch viel Aufmerksamkeit erforderten, war die Stimmung doch auf dem absoluten Höhepunkt!“ 

Bis ca 10 – 15 Seemeilen vor dem Etappenziel. „Der Wind schwächelte immer mehr, ich lag auf einem sogar noch ausbaufähigen dritten Rang und rieb mir schon die Hände, als die Situation dann doch sehr tricky wurde!“ Tessloff und seine direkten Konkurrenten in Sichtweite standen oder dümpelten. „Also hielt ich nach Windstrichen Ausschau. Ein paar Hundert Meter weiter im Westen schien mir die Windsituation deutlich besser, also bin ich von der Direktlinie abgebogen und wollte weiter oben mein Glück versuchen!“ Was ihm deutlich misslang: „Zunächst sah alles wie geplant aus, ich segelte deutlich schneller als die Konkurrenten. Doch dann war Einparken angesagt.

Transgascogne, Mini 6.50, Oliver Tessloff

Oliver Tessloff, derzeit hervorragend in der Serien-Mini-Wertung unterwegs © tessloff

Ich stand, und stand und stand…“ Während die anderen von hinten mit einer jetzt deutlich stärkeren Brise aufholten und unter ihm durchfuhren. „Das ist ja das Gemeine in diesen homogenen und leistungsdichten Regattafeldern! Die können alle segeln! Und nehmen jede Chance war, kaltlächelnd an dir vorbei zu ziehen,“ erinnert sich Tessloff heute grinsend. Damals war ihm jedoch alles andere als zum Lachen zumute. „Ich verlor fünf Plätze, was mich mental völlig fertigmachte. Ich war froh, dass ich keine Schusswaffen an Bord hatte!“ Rang Acht war für die erste Etappe, während der Tessloff häufig unter den Top Drei zu finden war, „nun wirklich kein annehmbares Ergebnis!“ 

Von Fischköpfen und schwimmenden Ratten

Danach standen vier Tage Aufenthalt in dem spanischen Flusshafen Aviles an. Tessloff verbummelte die Zeit ein wenig, „versuchte wieder klar zu denken und diese doofe Fehlentscheidung aus dem Kopf zu kriegen,“ sagt er heute. Eine Entscheidung, die aber noch eine weitere Rolle spielen sollte. 

Bei Mini-Seglern ist es (elementar notwendige) Tradition, dass sie bei Zwischenstopps welcher Art auch immer ihren Bootsrumpf sauber schrubben bzw. wienern. Die kleinsten Seepöckelchen oder schon eine hauchzarte Algen- und Schmierschleimschicht am Rumpf bremsen bekanntlich jedes Boot aus. Und ein halber Knoten mehr oder weniger in so einem Regattafeld… 

„Ich also rein in die ausgesprochen dreckige Flussbrühe,“ erzählt der Mini-Skipper. „Natürlich ohne Taucheranzug, wer wird denn so ein schweres Teil auf Regatten mitschleppen!“ Nur dass er wirklich nicht mit einer völlig blickdichten Schmutzbrühe gerechnet hatte. „Es war ekelhaft!“ 

Neben Tessloffs Pogo lag ein Thunfisch-Fischer, der abends seinen Fang an Bord ausnahm und zerstückelte. „Die Köpfe und Schwänze flogen gleich ins Wasser, sanken ab und vergammelten dort.“ Am Abend zuvor hatte ihm Mini-Kollege Lükermann auch noch von schwimmenden Ratten erzählt, die er neben seinem Boot gesehen habe. „Ich hätte am liebsten vor und nach jedem Tauchgang laut aufgeschrien,“ schaudert es Tessloff noch heute. „Also schrubben und gefälligst Maul halten!“ 

Doch wie das (nicht nur bei) Mini Seglern so ist: Was dich nicht umbringt, macht dich hart! 

Und ein gewisses Maß an Härte kann man bekanntlich immer gebrauchen beim Seesegeln.

Graugrüner Schatten – riesig!

Folgte Akt zwei der „Transgascogne“. Tessloff reihte sich rasch nach dem Start dort ein, wo er auch hingehört: In die Top Ten, teilweise auch wieder in die Top Five. Doch diesmal war alles andere als Bilderbuchwetter angesagt. Der Wind kam von gegenan, die See war chaotisch – „nix mit locker Spisegeln und in ein paar Stunden ist das Abenteuer vorbei!“  

„Die Pogo 3 ist bekannt dafür, dass sie Wasser hektoliterweise in die Plicht schaufelt. Wenn ich mir beispielsweise nachts meinen Wecker gestellt hatte, um im 20-Minuten-Rhtymus draußen nach dem Rechten zu sehen, erwischte ich jedes Mal eine Volldusche!“ 

Transgascogne, Mini 6.50, Oliver Tessloff

“Und warum bist Du nochmal abgebogen?” Tessloff kurz nach dem anlegen nach Etappe 1 © transgascogne

Doch das sind Mini-Segler längst gewohnt. „Was ich jedoch nicht kannte,“ erzählt Tessloff weiter, „war dieser riesige grün-graue Schatten, der sich an einem Morgen vor meinem Boot langsam, irgendwie viel zu langsam absenkte!“ Die Pogo 893 rutschte (gefühlt) gerade so über das UFO hinweg, das sich nach dem Auftauchen hinter dem Heck als „waschechter, und zwar wirklich riesiger Wal herausstellte.“ Tessloff war fasziniert und gleichzeitig entgeistert: Was, wenn… und dann?

Es sind jedoch in den seltensten Fällen diese spektakulären Begegnungen oder unerwarteten  Hindernisse, die sich entscheidend auf die Resultate einer Regatta auswirken. Vielmehr sind es die kleinen Details, die einem die Suppe gehörig versalzen. Bei Oliver Tessloff war das jedenfalls das Wetter, die Deutung desselben und, ja, schon wieder dieser kleine Hochdruckkeil, an dem er in der ersten Etappe scheiterte. Und der – obwohl längst weggezogen und woanders sein Unheil treibend – einen Oliver Tessloff zumindest mental maßgeblich beeinflusste. 

Dieser Hochdruckkeil

Kleiner Exkurs. Unter Mini-Transat-Seglern ist es so, dass eine freundschaftliche Rivalität zwischen den einzelnen Trainingsgruppen besteht. Da wären zum Beispiel die Ministen aus Concarneau (zu denen Tessloff seit 1,5 Jahren zählt) und die Ministen aus Lorient (die beispielsweise die Serien-Favoriten wie Clarisse Cremer oder Erwan le Draoulec) stellen. Zum Training in diesen Gruppen gehört auch die Meteorologie, die von einem (meist wirklich bewanderten Spezialisten) vermittelt wird. Ehrensache, dass jede Gruppe auf ihren „Wettermacher“ schwört. 

So kam es, dass sich Tessloff nach einem Drittel der zweiten Etappe zwischen Ministen aus Lorient wiederfand, als eine elementare taktische Entscheidung anstand. Gruppe „Concarneau“  hatte die Empfehlung mit auf den Weg bekommen, zum gegebenen Zeitpunkt rechts von der Ideallinie abzubiegen, um weiter unter Land mit mehr Wind und dem richtigen Winkel Richtung Les Sables d’Olonnes aufzukreuzen. Gruppe „Lorient“ bog dagegen links ab, Richtung Nordwesten, um später (hoffentlich) einen Winddreher nach rechts zu erwischen. „Ich zuckte noch kurz und wäre beinahe den Ministen aus Lorient auf ihre Seite gefolgt. mein Bauchgefühl riet mir jedenfalls dazu. Aber dann dachte ich an meine Dümpelei im Westen während der Ersten Etappe und überhaupt siegte die Gruppensolidarität und ich wendete Richtung Osten!“ 

Transgascogne, Mini 6.50, Oliver Tessloff

Und nur mal so ganz nebenbei: Den Prolog der Transgascogne hat Herr Tessloff auch noch gewonnen (hier mit Mini Kollege Viau) © favreau

Um es kurz zu machen: die „Nordwestlichen“ erwischten ihren Dreher, segelten zwischen 40 und 50 Seemeilen auf Reachkurs, während die „Ostler“ mühsam in Richtung Ziellinie kreuzten und erst auf den letzten zehn Seemeilen „die Blase“ ziehen konnten. 

Muss an dieser Stelle überhaupt erwähnt werden, wie mies die Stimmung auf dem Mini 893 war? 

Epilog. Oliver Tessloff platzierte sich in der Gesamtwertung der Transgascogne auf Rang 7, gerade mal eineinhalb Stunden vom Drittplatzierten entfernt, einem Rang „der drin gewesen wäre“ , wie das Tessloff ausdrückt. Wenn nicht…   

„Aber genau dieses ‚wenn nicht‘ gehört beim Regattasegeln eben dazu,“ sagt der angehende Mini-Transat-Segler schulterzuckend. Jedenfalls wisse er jetzt, dass er auch unter den Top Five segeln könnte. Was eigentlich nur am Bootsspeed liegen kann. Aber manchmal, ein wenig und nur ein kleines Bisschen auch vom Skipper und seinen Entscheidungen beeinflusst wird… 

Sieger der Transgascogne:

Serie Solo: Clarisse Cremer auf TBS (Frankreich)

Serie Zweihand: Chris Lükermann (Deutschland) und Nicolas d’Estais

(Lükermann war bester Deutscher bei der letzten Mini-Transat 2015 und bereitet sich langsam, aber sicher auf seine nächste Transatlantik-Kampagne 2019 vor)

Lina Rixgens und ihr Freund Sverre Reinke (Deutschland) segelten auf Rang 4 (übrigens auf Lükermanns Boot, mit dem er vor zwei Jahren den Atlantik bezwang)

Ian Lipinski (Frankreich) gewann (wie gewohnt, 15. Sieg in Folge!) auf seinem Proto „Griffon“ die Einhand-Prototypen-Wertung

Tracker (zum Nachverfolgen)

Tessloffs Facebook-Auftritt

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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2 Kommentare zu „Transgascogne: Im kleinen Boot auf dem großen Ozean – “Minist” Tessloff in der Biskaya“

  1. avatar Andreas sagt:

    Großartig OLT

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  2. avatar Breizh sagt:

    Vielen Dank für den klasse Artikel und die tollen Insides.
    Wo war eigentlich Jörg Riechers auf dieser Regatter? Wäre doch noch einmal eine gute Möglichkeit gewesen sein neues Design zu testen (gerade mit dem Kreuzkurs zurück).
    Ian Lipinski ist einfach ein Tier! Unglaublich mit welcher Dominants er die Protos anführt. Respekt.
    Aber auch nicht zu verachten wie sich Clarisse Cremer schlägt. Anscheinend kann sie nicht nur zeitgemäße mediale “Vermarktung” sondern auch richtig gut segeln.

    Und sonst gilt in Concarneua gibt es vielleicht die beste Creperie aber dei besten Segler kommen aus Lorient :).

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 1

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