Travemünder Woche: Harter Kampf um die Medaillen

Segeln im Sturm

Der Windgenerator hat mächtig aufgedreht auf den Bahnen zur Travemünder Woche. Schon am Morgen des sechsten Regattatages zogen kräftige Böen über die Lübecker Bucht hinweg, die das Limit der Klassenbestimmungen erreichten.

Voll in ihrem Element: Die Franzosen Lisandru Bunel/Thomas Kuntze rasten am letzten Tag der Feva-WM zum Gold. Foto: segel-bilder.de

Zunächst einmal wurden daher die Boote der Wettfahrtleitungen aufs Wasser geschickt, um die Bedingungen eingehend zu checken. Anschließend fiel die Entscheidung, dass unter intensiver Betreuung einige Wettfahrten möglich seien. Und so wurden zunächst die Goldflotte der RS Feva zu ihrem WM-Finale und anschließend die beiden Goldflotten (weiblich und männlich) der ILCA 4 auf den Kurs geschickt – begleitet von einer Heerschar an Trainer- und Sicherungsbooten. Im Kampf um Gold, Silber oder Bronze bei WM oder EM gilt es eben, auch harte Bedingungen zu meistern. Die Jugendklassen waren schließlich die einzigen Flotten, die sich mit Böen um 30 Knoten auseinanderzusetzen hatten.

 

RS Feva (Weltmeisterschaft)

Die Europameister sind nun auch Weltmeister. Vor zwei Jahren setzte sich das französische Duo Lisandru Bunel/Thomas Kuntze die kontinentale Krone auf, jetzt ließen sie sich vor Travemünde mit WM-Gold dekorieren. In den Starkwind-Wettfahrten des Abschlusstages, die nicht nur zahlreiche Kenterungen in der Flotte forderten, sondern auch zu zwei Mastbrüchen führten, zeigten die Franzosen keine Schwächen. Mit zwei Siegen schafften sie den Sprung auf die oberste Stufe des Siegertreppchens vor den Italienern Francesco Trucchi/Massimiliano Scalzulli und Nojus Volungevicius/Vilius Raciunas aus Litauen.

Für das Team aus Frankreich war der WM-Sieg die Krönung der gemeinsamen Segelkarriere. Sie steigerten sich in den vergangenen Jahren konstant: 2018 wurden sie französische Meister, 2019 Europameister und nun bei der Travemünder Woche Weltmeister. In der nächsten Saison gehen Lisandru Bunel und Thomas Kuntze seglerisch getrennte Wege. Bunel steigt in den 29er und Kuntze in den ILCA 6 um. „Für uns war der stärkere Wind am letzten WM-Tag aufgrund unserer Größe von Vorteil. Das waren gute Bedingungen für uns. Das Ambiente und die Regatta-Organisation in Travemünde haben uns super gefallen“, sagten die beiden nach der Siegerehrung.

Die Zweitplatzierten, Francesco Trucchi und Massimiliano Scalzulli, freuten sich über ihren Erfolg. Ein kleiner Wermutstropfen war der Fakt, dass sie am letzten Tag der WM beim Starkwind die Führung verloren. „Die Bedingungen bei der WM waren sehr schwierig mit vielen Winddrehern, Böen und starkem Wind am letzten Tag, aber es hat trotzdem Spaß gemacht“, ist sich das Team einig. Auch die beiden Italiener steigen zur kommenden Saison um. Gemeinsam werden sie künftig im 29er weiteren Erfolgen entgegensegeln. Nicht nur für Trucchi und Scalzulli verlief die WM erfolgreich, sondern für das ganze italienische Team, das insgesamt fünf Preise in unterschiedlichen Kategorien der Weltmeisterschaft mit nach Hause nimmt. Die Damenwertung gewannen Letizia Angela Tonoli/Annalisa Vicentini, die U14-Wertung Matteo Franciosi/Edoardo Porchera. „Die WM ist der bislang größte Erfolg der italienischen RS Feva-Klasse“, sagten die Coaches des Teams aus Italien.

Die italienische Mannschaft feierte ihren bisher größten Erfolg in der Feva-Klasse und sammelte zahlreiche Trophäen ein. Foto: segel-bilder.de

Die einzigen Deutschen in der Goldflotte, Mats Krüss/Vivien Joost (Plön), schlugen sich wacker bei ihrem ersten gemeinsamen Regatta-Auftritt in der Feva-Klasse und landeten auf Gesamtrang 19. „Heute war richtig Druck. Wir waren am Limit, sind im ersten Rennen gekentert und haben auch nicht immer den Gennaker gezogen. Das waren deutlich die härtesten Bedingungen, bei denen wir bisher gesegelt sind. Aber es hat massig Spaß gemacht, auf dem Reach die Wellen runter zu schießen. Und mit dem Abschluss sind wir sehr zufrieden. Im letzten Rennen haben wir uns noch mal richtig nach vorn geschoben“, berichtete Mats Krüss begeistert vom Auftritt zur Travemünder Woche.

ILCA 4 (Europameisterschaft)

Die Sicherungsboote von allen Bahnen wurden für die ersten EM-Wettfahrten in der Finalrunde zur Bahn der ILCA 4 beordert, um eine intensive Betreuung zu gewährleisten. Und die Nachwuchsathleten agierten an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Das zweite Tagesrennen musste bei den Mädchen ein Drittel der Flotte abbrechen, nur wenige kamen ohne Kenterung über den Kurs. Sturmerprobt präsentierte sich die Niederländerin Annemijn Algra, die mit einem Tagessieg und einem dritten Platz die Führung vor der Italienierin Emma Mattivi und Claudia Adan Lledo (Spanien) übernahm. Für die deutschen Starterinnen blieb da nur die Rolle der respektvollen Mitbewerber. Line-Anneliek Pähler ist die beste auf Rang 24.

Nichts für Zartbesaitete: Die heftigen Böen forderten die volle Athletik der ILCA-Seglerinnen und Segler. Foto: segel-bilder.de

Auch die deutschen Jungs mussten die Überlegenheit der Konkurrenz anerkennen. Batbold Gruner aus Bad Zwischenahn, der im vergangenen Jahr mit dem Sieg bei der Kieler Woche seinen größten Erfolg feierte, kann zur Travemünder Woche als 27. vor dem Abschlusstag nicht mehr in den Medaillenkampf eingreifen. An einem Tag, an dem viele Athleten ihr Streichresultat einfuhren, bewiesen die Griechen ihre Klasse. Athansios Kyfidis mit zwei Tagessiegen und Alexandros Eleftheriadis sorgen für eine hellenische Doppelführung. Can Kaska aus der Türkei kann sich morgen als derzeit Dritter Hoffnung auf eine EM-Medaille machen.

Nachwuchs drängt in den F18

Den sportlichen Eid, stellvertretend für alle Athlet*innen zur Travemünder Woche, hat die Lübeckerin Antonia Tschakert bereits geleistet, auf ihren Regatta-Einsatz muss sie allerdings noch warten. Für heute waren die ersten Wettfahrten der Formula 18 angesetzt, doch die kräftigen Winde mit heftigen Böen ließen keine Rennen in dieser Klasse zu. So dürfte der erste Start der Katamaran-Neueinsteigerin wohl am Freitag anstehen, wenn der Wind etwas nachlassen sollte.

Antonia gehört zu einer Gruppe von Nachwuchsseglern im Lübecker Yacht-Club, die den Sprung aus den Jugendklassen in den Katamaran wagen wollen. „Die Katamarane sind seit Jahren stark vertreten bei uns am Mövenstein“, berichtet LYC-Trainer Arne Holweg. „Und wir haben die Rufe aus der Jugend gehört, die schnellere Boote segeln und Spaß haben wollten. Die F18-Abteilung war da gleich sehr offen, so dass wir ein Nachwuchsprojekt gestartet haben. Zum Tag der Generationen ist jeweils ein erfahrener Steuermann mit einem jungen Mitsegler auf das Wasser gegangen.“

Noch mussten die F18-Kats auf ihren TW-Einsatz in 2021 warten. Aber ab morgen soll es rasant werden auf der Bahn Foxtrott – wie hier in 2019. Foto: segel-bilder.de

Aus dieser Idee ist dann – nach nur wenigen gemeinsamen Trainingsstunden – der TW-Start von Antonia Tschakert an der Vorschot von Thomas Neudahl entstanden. Schon etwas mehr Erfahrung kann Liam Burdon im F18-Trapez von Marc Gleue einbringen. Aber auch er gehört zu den jungen Seglern, die nun den Schritt auf den rasanten Kat wagen. „Das ist jetzt noch gedacht zum Reinschnuppern“, so Arne Holweg. „Für Antonia ist es die erste F18-Regatta. Liam war schon auf der Weltmeisterschaft, will sicherlich performen und angreifen auf der Travemünder Woche.“

Herzlich willkommen ist der Nachwuchs bei den absoluten Kat-Experten. Helge und Christian Sach, 2006 F18-Weltmeister und aktuell WM-Vierte, freuen sich, dass gerade in ihrem Heimatverein das Katamaran-Segeln Fahrt aufnimmt: „Das ist so wichtig, dass wir junge Leute in die Klasse bekommen. International sieht es da anders aus, das haben wir zur WM gesehen. Da sind welche dabei gewesen, die sind noch vor wenigen Wochen gegen meine Jungs 29er gesegelt. Hier bei uns auf dem Mövenstein, dem idealen Katamaran-Liegeplatz, wäre es wichtig, wenn es eine richtige Hochburg geben würde mit jungen Leuten“, sagt Christian Sach, und Bruder Helge pflichtet bei: „Wenn jetzt eine große F18-Szene mit vielen Nachwuchskräften entsteht, wäre das einfach ein Traum. Wir haben das früher im Tornado so sehr vermisst, uns auch mal mit anderen messen zu können. Aber das wird jetzt immer besser.“

Während der Nachwuchs also seinem ersten Einsatz bei der Travemünder Woche entgegenfiebert, schielen die großen Favoriten auf den nächsten TW-Erfolg. Es wäre der 21. für die Zarnekauer, der letzte liegt allerdings bereits sechs Jahre zurück.

Zürcher Yacht Club bei der TW mit im Boot

Erstmals sitzt ein Schweizer Segelclub bei der Durchführung der Travemünder Woche mit im Boot. Coronabedingt mit einem Jahr Verspätung feiert der Zürcher Yacht Club seine Premiere als Mitveranstalter. Das siebenköpfige Team aus der Schweiz betreut bei der 132. Travemünder Woche eine Regattabahn. Hauptveranstalter der TW ist der Lübecker Yacht-Club.

Für vorerst fünf Jahre hat der Zürcher Yacht Club seine Unterstützung als Mitveranstalter der Travemünder Woche zugesichert. Eigentlich wären die Schweizer bereits im Vorjahr zum ersten Mal zum Einsatz gekommen. Da jedoch 2020 pandemiebedingt keine TW durchgeführt werden konnte, sind die Segler aus der Schweiz erst in diesem Jahr an die Ostsee gereist. Sascha Osterwalder, Regatta-Präsident des Zürcher Yacht Club (ZYC), hofft, durch die Zusammenarbeit mit dem Lübecker Yacht-Club die deutsch-schweizerischen Verbindungen in den Bereichen Regatta, Ausbildung und Verbandsarbeit zu stärken.

„Wir betreuen bei der 132. Travemünder Woche eine Regatta-Bahn. Dafür stellen wir zwei Funktionsboote inklusive Fahrer und ein Startschiff“, erklärt Wettfahrtleiter Lionel Büttner vom ZYC. Büttner ist bereits seit fünf Jahren als Wettfahrtleiter bei der Travemünder Woche aktiv und freut sich darüber, dass sein Heimatverein nun als Mitveranstalter mit von der Partie ist. Ein bisschen mühsam sei die Rekrutierung für das diesjährige TW-Team aus den Reihen des ZYC gewesen, was jedoch vermutlich der Pandemie-Situation geschuldet sei, erzählt der Schweizer.

Das Schweizer Team um Sascha Osterwalder (rechts) und Lionel Büttner (Mitte) freut sich, dass es im Kreis der TW mit Gesamtwettfahrtleiter Anderl Denecke (links) so gut aufgenommen worden ist. Foto: segel-bilder.de

Weitere Mitveranstalter der Travemünder Woche sind die Hansestadt Lübeck sowie seit vielen Jahren der Norddeutsche Regatta Verein. „Es ist toll, dass die Stadt und der Lübecker Bürgermeister so stark hinter der Segelwoche stehen und die Veranstaltung einen so hohen Stellenwert in der Region hat“, findet Osterwalder.

Bei seinem Einsatz auf der Travemünder Woche hat das ZYC-Team auch Erfahrungen mit dem neuen selbstfahrenden Tonnen-System Smartmark sammeln können. Unbekannt sind autonome Regatta-Bojen für die Schweizer zwar nicht, da in ihrer Heimat bereits Exemplare anderer Hersteller bei Wettfahrten im Einsatz waren, dennoch zeigten sie sich von den norddeutschen Smartmark-Bojen begeistert. „Tiptop“, antwortet Osterwalder auf die Frage, wie die Bojen auf der Regattabahn funktionieren würden. Er lobte das System als sehr ausgereift und mit guter Software.

Das Fazit der Schweizer Mitveranstalter fällt schon nach der Hälfte der Travemünder Woche sehr positiv aus. „Die Beteiligung des Zürcher Yacht Clubs an der Segelveranstaltung ist eine wirklich gute Sache. Die anderen Schweizer Clubs sind neidisch darauf. Die meisten sind nämlich nur lokal aktiv“, sagt Sascha Osterwalder. Der Zürcher Yacht Club sei aber schon immer etwas internationaler geprägt. „In unserem Yacht Club ist es Tradition, gute Beziehungen zu befreundeten Clubs zu pflegen. Unter anderem ist der ZYC schon seit 1962 gut mit dem Royal Bombay Yacht Club im Austausch“, erläutert der Regatta-Präsident.

Im deutschen Raum ist der Norddeutsche Regatta Verein Partner des ZYC. Im Vorjahr kam es auch mit Seglern aus Lübeck einen Austausch, bei dem der Besuch aus Norddeutschland vom Segeln mit Alpenpanorama beeindruckt war. Momentan ist es eher andersherum: Die Schweizer Crew erfreut sich am Weitblick auf der Ostsee, wo keine Berge die Sicht verstellen.

Regattaprogramm

Meisterschaften:
25.-29. Juli: WM RS Feva
25.-30. Juli: EM ILCA 4 (weiblich und männlich)
27.-31. Juli: IDM Canoe Taifun
28.-31. Juli: IDM Kielzugvogel
29. Juli – 1. August: Musto Skiffs

Ranglistenregatten:
27.-31. Juli: Canoe IC
29.-31. Juli: O-Jollen
29.-31. Juli: Conger
29. Juli – 1. August: Formula 18

Seesegeln:
31. Juli – 1. August: ORC Mittelstrecke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 + 11 =