Ultim-Trimarane: Gitana verlässt die Klasse – Jules Verne-Trophy angepeilt mit Foil-Automatik

… und raus bist Du!

Weil die Klasse sich gegen eine Foil-Automatik ausspricht, verlässt der Protagonist Gitana die sowieso schon kleine Runde. Bleiben Hintertüren offen?

Eine Meldung, die in der französischen Hochsee-Szene für reichlich Aufregung sorgt: Das Team Gitana zieht sich mit seinem spektakulären Foil-Trimaran “Edmond de Rothschild” aus der Ultim-Klasse zurück. 

Auf den ersten Blick erscheint die Entscheidung des Gitana-Teams gelinde gesagt konfus: Gerade erst hatten die beiden Volvo Ocean Race-Sieger Franck Cammas und Charles Caudrelier der Ultim-Klasse (bisher die Vereinigung aller foilenden Ultim-Trimarane) mit einem spektakulären Sieg bei der Atlantik-Rund-Regatta „Brest Atlantiques“ zu dringend benötigtem, medialem Image verholfen. Doch kaum sind die von vielen als übertrieben empfundenen Lobeshymnen über die Vier-Boote-Regatta mit mehreren Reparaturstopps verklungen, zieht sich Gitana nun aus dem Klassen-Gedöns zurück. 

Sicherer mit Foil-Automatik

Hintergrund: Das Gitana-Team ist schon immer bekannt dafür gewesen, dass man an mit den Rothschild-Booten macht, was man will. Oder besser gesagt, das macht, was irgendwie im Rahmen der Regeln möglich ist. Sollte dieser Regelrahmen jedoch zu eng und die visionären Freiheiten des Gitana-Teams eingeschränkt werden, wird Plan B angewendet: Man macht seine eigenen Regeln oder steigt aus dem Regelwerk aus. 

Caudrelier und Cammas feiern ihren Sieg vor Brest © gitana

So ist der Rückzug von Gitana auch in diesem Fall als rein technisch und organisatorisch zu verstehen. Und das gewissermaßen mit Ansage.  Tatsache ist, dass im Gitana-Team schon seit mindestens zwei Jahren mit einem automatischen Foilsystem geliebäugelt wird, das sämtliche Foileinstellungen an Bord des Ultim-Trimarans “Edmond de Rothschild” übernimmt und deutlich exakter mit dem Autopiloten kooperiert als bisherige Systeme. 

Das Prinzip des Systems wurde von der Raumfahrt übernommen und bisher noch nicht auf Ultim-Trimaranen eingesetzt. Das Gitana-Tam sieht hier jedoch die entscheidende Perspektive für die Zukunft. Getreu dem Motto: Je effizienter das Boot auf Foils über den Wassern schwebt, umso größer die Chancen, als Erste ins Ziel zu kommen. Und effiziente Foilarbeit generiert sich eben aus den jeweils richtigen Einstellwinkeln zu den jeweils gegebenen Umständen wie etwa Windwinkel und Wellenrichtung- bzw. höhe. 

Teuer und schwer

Dieses System hat allerdings drei Haken: Es gilt als schwer, energieaufwändig und teuer. Wobei sich besonders letztgenannter Aspekt als gewichtig herausstellt. 

Denn wohl aus finanziellen Gründen beschloss man bei der Ultim Klassenvereinigung, diese automatische Foilanlage ausdrücklich zu verbieten. Das Argument der Ultim Klasse: Eine zusätzliche Automatisierung würde den Sport noch Technik-abhängiger machen, als er sowieso schon ist. Und irgendwann müsse eben immer ein Strich gezogen werden. 

Doch dieser Strich kommt den Gitanas seit jeher wie „ein Strich durch die Rechnung“ vor. Woraus sie niemals einen Hehl machten: Schon bei der „Neu-Orientierung“ der Ultim-Klasse nach dem Banque Populaire-Desaster (als Armel le Cleac’h den spektakulären, neuen Ultim-Foiler  bei der Route Du Rhum zum zweiten Mal kenterte und der Atlantik das Boot zu Klein-Karbon schredderte), zierte sich ausgerechnet Gitana mit einem Eintritt in die Klasse. 

So lange wie möglich fliegen – mit der Foil-Automatik wird’s einfacher © gitana

Seit dem ersten Foil-Flug des Maxi-Trimarans 2017 ist man bei Gitana felsenfest davon überzeugt, dass Hochsee-Segeln auf Foils die Zukunft für den gesamten Sport sein wird. Und da man seit jeher bei Gitana nicht kleckert, machte man gleich allen klar, dass man bei der technischen Entwicklung der Foil-Segelei ganz vorne dabei bleiben will. Deshalb sei es schon aus Sicherheitsgründen enorm wichtig, dass der Trimaran mit der Automatik „fliegen“ werde – aus pekuniären Gründen lasse man sich von diesem Wunsch jedenfalls nicht abbringen. 

Gelder sind vorhanden

So ist es nur folgerichtig, dass Gitana sein eigenes Süppchen kochen wird: Zunächst peilt das Team noch THE TRANSAT an und auf dem Rückweg den 24-Stunden-Rekord, danach wird der Trimaran mit dem neuen System versehen. Im Winter 2020/21 wollen sich Caudrelier und Cammas mit einem Elite-Team auf die Jagd nach der Jules-Verne-Trophy machen. 

Denn was lockt die Medien und Zuschauer in Frankreich mehr als alles andere? Genau: Rekorde! Und was liegt näher, als den Rekord der Rekorde einzuheimsen? Nonstop mit Crew um die Welt rasen – der bestehende Rekord wurde von einem Ultim-Trimaran ohne Foils aufgestellt. Es gilt also, mit Hilfe der Foils und ihres automatischen Regulierungssystems in unter 40 Tagen um die Welt zu brettern. 

Offene Hintertüren

Es liegt in der Natur der Dinge, dass sich Gitana und die Ultim Klasse „einvernehmlich“ getrennt haben. Zumindest wird dies von allen Seiten verlautbart. Gitana wollte zudem einen Fuß in der Tür behalten und bot an, gerne wieder in die Klasse zurück zu kommen, wenn denn das neue System erlaubt werden würde. Doch bei den Ultims wird abgewunken. Man wolle sich nicht erpressen lassen, wird in der Szene gemunkelt. 

Caudrelier und Cammas

Caudrelier und Cammas sind ein Team, auf das Gitana voll und ganz baut © Eloi Stichelbaut / Dongfeng Race Team

Auch für das 2023 anstehende Nonstop-einhand-um-die-Welt-Rennen der Ultim-Klasse wolle man sich noch alle Optionen offen halten, ist aus den Gitana-Reihen zu erfahren. Dafür könne man vielleicht die Foiler-Automatik wieder ausbauen. 

Ein Angebot, auf das die Klasse mit einem Verweis auf ihre Regeln und Statuten verweist: Nur Klassen-Mitglieder können an dem Rennen teilnehmen – Mitglieder, die mindestens ein Jahr vor dem Start in die Klasse aufgenommen wurden. 

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *