VALSO: Jeremie Beyou gewinnt, Dalin und Ruyant knapp dahinter – Pechvogel Joschke

Fast ein Fotofinish

Es wurde nochmal richtig spannend: Die ersten drei IMOCA segelten in Minutenabständen gegeneinander auf der Zielgeraden. Doch letztendlich zählten Abgebrühtheit, Chuzpe und Erfahrung. 

Ein grandioses Finish: Nach fulminantem Endspurt, bei dem sich die ersten drei IMOCA der Einhand-Hochseeregatta Vendée-Arctique-Les-Sables-d’Olonnes VALSO bis auf die letzten Meter duellierten, gewann Jeremie Beyou auf „Charal“ gestern Abend das Rennen. Nach 10:05:14 Tagen, nach 3.284, 32 Seemeilen bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13,39 kn konnte Beyou im Prinzip erst auf den letzten Seemeilen seiner Favoritenrolle tatsächlich gerecht werden. Und das auch nur ausgesprochen knapp: 50 Minuten und 4 Sekunden nach ihm erreichte bereits Charlie Dalin auf „Apivia“ das Ziel – nachdem er an der letzten Wendemarke noch geführt hatte. Nicht mal 20 Minuten später überquerte Thomas Ruyant als Drittplatzierter die Ziellinie vor Les Sables d’Olonnes. 

„Wimpernschläge“ 

50 und 20 Minuten Rückstände unter den Top Drei – das sind Wimpernschläge im Hochseeregattasport. Oder anders formuliert: Wenn die drei Erstplatzierten nach ca. 3.300 Seemeilen innerhalb von 1:10 h die Ziellinie überqueren, zeigt das die unglaubliche technische Homogenität und Reife dieser Boote. 

VALSO-Finish – fast so ein großer Bahnhof wie in Pandemie-freien Zeiten © IMOCA

Paradox: Ging man jahrelang davon aus, dass es beim Hochseesegeln selbst in One-Design-Klassen in erster Linie auf das Design der Boote (und neuerdings Foils) ankommt, kann jetzt davon ausgegangen werden, dass wieder die Skipper und Skipperinnen die Hauptrolle spielen werden. Denn letztendlich hat Jeremie Beyou erst auf der Zielgeraden mit der Nervenstärke des mehrfachen Figaro-Siegers und dank langjähriger IMOCA-Erfahrung das sinnbildliche Blatt wenden können. Vorher liefen die drei IMOCA der letzten Generation im Prinzip wie auf Schienen gleich schnell in allen Wind- und Wetter-Situationen. 

Wie lange sich das jedoch die beiden IMOCA-Rookies Thomas Ruyant und Charlie Dalin in Zukunft gefallen lassen werden, steht auf einem anderen Blatt. 

Nach Ankunft erstmal duschen © IMOCA

Fast schon zähneknirschend gab dann auch Jeremie Beyou bei der obligatorischen Champagnerdusche auf dem Hochseesteg von Les Sables d’Olonnes zu, dass es eine ausgesprochen harte Regatta gewesen sei. Und zwar nicht wegen widriger Wetterbedingungen, sondern weil ihm die Konkurrenz permanent im Nacken saß. Er sei – typisch für ihn – zwar wieder von Anfang an unter Strom gestanden, diesmal habe es jedoch aufgrund der harten Konkurrenz extrem lange gedauert, bis er in das Rennen einfand.

X-tra stark: Samantha Davies Vierte

Gerade weil die ersten drei Boote nahezu gleich schnell unterwegs waren und von ihren Skippern homogen gesegelt wurden, ist vielleicht sogar der vierte Rang von Samantha Davies auf „Initiaitive Coeur“ (drittletzte IMOCA-Generation mit neuen Foils) die eigentliche Sensation dieses Rennens. Denn die Britin mit Wohnsitz im bretonischen Lorient hat mit einem Rückstand von gerade mal 34 Minuten auf Thomas Ruyant gezeigt, dass man auch mit den älteren Designs der IMOCA Klasse Dank neuer, vor allem aber genau konfigurierter Foils im wahrsten Sinne des Wortes vorne mithalten kann. Mal abgesehen davon, dass Davies mittlerweile bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von der internationalen Hochseeszene als ausgezeichnete Seglerin geschätzt wird, konnte sie hier erneut unter Beweis stellen, dass Geld und somit neueste Technik zwar hilfreich, aber eben doch nicht alles sind in diesem Sport.

Richtig klasse: Samantha Davies auf Rang 4 © IMOCA

Entsprechend selbstsicher gab sich Davies nach ihrer Zielankunft: „Ich wusste spätestens vor Island, dass ich in Sachen Bootsgeschwindigkeit überraschend gut mithalten kann. Also kam es von da an nur noch aufs Segeln an. Und das kann ich ja!“ 

Die nachfolgenden Ränge waren ebenfalls hart umkämpft. Zwar sollte man in der ganzen Finish-Euphorie nicht vergessen , dass im Vorfeld dieser Regatta die meisten Teilnehmer von einem reinen Testrennen für Mensch und Material sowie von der letzten Qualifikationsmöglichkeit für die Vendée Globe gesprochen haben.  Ankommen war die Devise, und das bitteschön und wenn überhaupt nur mit kleineren Havarien. Doch auf der Zielgeraden holten dann doch nochmals viele Skipper und Skipperinnen letzte Reserven aus Mensch und Boot. 

Boris Herrmann trotz Havarie respektabel platziert

Kevin Escoffier machte auf PRB kurz nach der Wendemarke noch Ambitionen auf Rang 4 deutlich, musste dann Samantha Davies jedoch ein Stunde lang den Vortritt auf der Ziellinie lassen. Und Yannick Bestavaen, dem man im Vorfeld Einiges zugetraut hatte, brauchte dann nochmals knappe zwei Stunden länger für Rang 6. 

Generalprobe erledigt, versteckte Fehler gefunden: Boris Herrmann © IMOCA

Der Deutsche Boris Herrmann kam mit sinnbildlich gestutzten Flügeln in Les Sables d’Olonnes an. Nach seinen Problemen mit dem Mastschlitten (SR-Artikel) konnte er das Groß nur bis zum zweiten Reff hissen. Was wiederum wenig Spielraum für Aufholjagden lässt. Rang 7 ist unter solchen Umständen sehr respektabel. 

Clarisse Crémer hat nach anfänglich überraschend hervorragender Performance als erste Skipperin auf einem IMOCA ohne Foils während der letzten Tage des VALSO einfach mal ein wenig „rausgenommen“. Auf On-Board-Videos war zu sehen, dass sie sichtlich erschöpft wirkte . Es wird gemunkelt, dass sie „Stallorder“ bekam, bei dieser Regatta nicht alles zu geben. Die Qualifikation für die Vendée Globe und somit ein Finish sind wichtig und damit basta.

Clarisse Cremer kann ebenfalls mit ihrer Qualifikation für die Vendée Globe höchst zufrieden sein © banque populaire

Dennoch muss unterstrichen werden, dass die 30-Jährige bei ihrer ersten Solo-Regatta auf einer IMOCA zeigte, dass sie das Zeug hat, die Vendée Globe zu überstehen. Ein Rang 12 ist schon eine ganze Menge für einen Rookie in der Hochseeszene – erst vor drei Jahren war sie Zweite in der heiß umkämpften Serienwertung beim Mini-Transat. Danach ein paar Auftritte im Figaro-Zirkus plus lediglich eine Transat Jacques Vabre gemeinsam mit Mentor Armel Le Cleac’h – die meisten Karrieren im IMOCA-Geschäft sind mit mehr Erfahrungen gepflastert.

Wann hört Joschkes Pechsträhne auf?

Isabelle Joschke ist – soll man schreiben: mal wieder? – der große Pechvogel in dieser Regatta. Sie humpelt förmlich mit gebrochenem Baum (SR-Artikel)  derzeit noch Richtung Les Sables, die Rangfolge dürfte ihr mittlerweile ziemlich egal sein.

Hauptsache ankommen und somit die Qualifikation für die Vendée Globe erhalten. Alles andere ist zweitrangig. Doch mittlerweile fragen sich nicht nur die Abergläubischen in der französischen Hochseeszene, wann endlich die Pechsträhne der Deutsch-Französin aufhören wird. Bei ihrem Hochsee-Debut Mini-Transat wurde sie in der ersten Etappe Erste, in der zweiten Etappe musste sie wegen Bruch aufgeben. Beim Transat Bakerly fiel ihr in Führung liegend die Class 40 auseinander – sie musste Neufundland ansteuern. Bei der Route du Rhum brach der Mast ihrer IMOCA und bei der letzten Transat Jacques Vabre setzte sie ihre IMOCA ein paar Seemeilen nach dem Start auf einen Felsen. Wieviel von diesem Shit kann frau wohl aushalten? 

Einschlafen oder in Ohnmacht fallen?

Die Boote wurden von den Shore-Teams gleich hinter der Ziellinie übernommen und gen Heimathafen gesegelt. Die Skipperinnen und Skipper transportierte man nach Les Sables d’Olonnes, wo sie unter den (seit gestern in Frankreich wieder leicht verschärften) Hygieneregeln einige obligatorische und meist ziemlich verschlafen wirkende Interviews auf dem Hochseesteg von Les Sables gaben. Für fast alle hieß es dann gleich danach „dodo“ – die französische Bezeichnung für „eine Mütze Schlaf“. Nach 10 Tagen und Nächten auf See mit mehr oder weniger erfolgreichem Schlafmanagement werden die nächsten Stunden darüber entscheiden, wie schnell sich die Körper von den Strapazen regenerieren. 12 Stunden ein- und durchschlafen? Oder weiter im Racemodus alles 30 Minuten aufwachen? Oder statt einschlafen eher in Ohnmacht fallen und erst wieder in 24 Stunden aufwachen? 

Tracker und Ergebnisse

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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