Vendée Globe: Alex Thomsons smarter Auftritt – 20.000 Dinge, die schief gehen können

"Erfahrung und 'Eier' "

Medial und seglerisch ganz vorne dabei – Alex Thomson im Hugo Boss-Outfit bei der Arbeit © boss

Frühstück mit Alex Thomson im stylischen Hugo Boss Shop. Vorhang auf für einen perfekt promoteten Star der Hochseeszene, der reichlich zu erzählen hat!

Alex Thomson den SR-Lesern vorzustellen wäre in etwa so , als würden wir die berühmten Eulen höchstpersönlich nach Athen tragen (SR-Artikel über den Briten). Lassen wir es also lieber und beschränken uns auf einige Eckpunkte seiner Karriere (nur so zur Erinnerung):

1999 jüngster Skipper (25), der jemals eine Regatta rund um die Welt gewann (Clipper Race); drei Vendée Globe-Teilnahmen (2004, 2008, 2012), davon die letzte auf Rang Drei beendet. Zwei Mal 24-Stunden-Weltrekord für Monohulls. 2008 Zweiter beim Barcelona World Race. Derzeit bekanntester britischer Hochseesegler, nicht zuletzt aufgrund spektakulärer PR-Stunts auf seiner IMOCA Hugo Boss: Keel-Walk, Mast-Walk und schließlich Sky-Walk.

Beim Pressefrühstück zwei Tage vor dem Start zur diesjährigen Vendée Globe zeigt sich Alex Thomson ausgesprochen gelassen, wenn nicht sogar Podiums-sicher. Dabei verweist er immer wieder darauf, dass auch „ankommen“ dafür besonders wichtig sei.

Alex Thomson über…

…eine neue IMOCA , die „Hugo Boss“:

Dieses Boot ist kompetent. Auch wenn ich erst 20.000 Seemeilen auf ihm verbracht habe, bin ich mir sicher: Es ist die beste IMOCA, die ich jemals gesegelt habe. “Hugo Boss” ist in einem hervorragenden Zustand, weil es von der besten Crew der Welt in Schuss gehalten wird. Ein Shore-Team, auf das ich mich zu hundert Prozent verlassen kann…

Ob ICH mit den gesegelten Meilen gut genug vorbereitet bin, ist allerdings eine andere Frage. Nach meinen letzten großen Trainingseinheiten, ab Anfang August vor der portugiesischen Küste, bin ich mir aber sicher, dass ich das Boot „im Griff“ habe. Ich denke, dass wir während der anstehenden Vendée Globe unsere Partnerschaft festigen werden.

Man darf allerdings nicht vergessen: Meine „Hugo Boss“, aber auch Banque Populaire“ und Gitana“ sind quasi nagelneue Schiffe. Und das sind immer irgendwie Prototypen – wir haben das mal hochgerechnet: Es gibt mehr als 20.000 Faktoren, die richtig schief gehen können auf so einem Schiff. Da sind dann also die heiß diskutierten Foils nur zwei unter vielen… Insofern bin ich der Meinung, dass etwa ein Beyou auf seiner “Maitre Coq”, ein bewährtes Schiff, das mit Foils nachgerüstet wurde, eine gute Wahl für diese Vendée Globe getroffen hat!

…Foilen auf seiner IMOCA:

Wer es noch nicht erlebt hat, dem wird es verdammt schwer zu erklären sein. Da wäre zunächst die enorme Beschleunigung, wenn das Boot angehoben wird – atemberaubend! Man könnte wirklich glauben, man sei auf einem Mehrrumpfer. Für mich ist es die schönste Form, so einen Hochseeschlitten zu bewegen, ein reines Vergnügen.

Deshalb bin ich auch nicht der Meinung, dass Foilen ein Sorgenfaktor mehr bedeutet, wie viele behaupten. Mal ehrlich: früher steckten die Schwerter senkrecht in den IMOCA, dann im 45-Grad-Winkel und nun eben nahezu horizontal – Arbeit haben die Dinger immer bedeutet!

Überlegt man sich, welchen enormen Fortschritt Foils in die Klasse bzw. in die Segelwelt gebracht haben, ist mir ehrlich gesagt unklar, warum an deren Anwendung überhaupt noch gezweifelt wird. Obwohl wir Foiler eindeutig noch in einer Testphase sind – es wird in Zukunft keine Alternative dazu geben, wenn man eine Hochseeregatta auf einer IMOCA gewinnen will.

vendée Globe, Alex thomson

Smarter Abenteurertyp © boss

…die Besonderheiten seiner Foils:

Es ist in der Tat so, dass wir auf der Hugo Boss die Foils anders einsetzen als etwa auf BP, Gitana und Maitre Coq. Unsere Foils wirken eher auf dem „Shaft“, also auf der Länge der Foils. Sie tragen im Prinzip das ganze Boot auf dem „Shaft“. Banque Pop und Gitana arbeiten mehr auf den „Tips“, den gerundeten Enden der Foils. Das war auch der Grund, warum mir im Frühsommer ein Foil gebrochen ist – die nötige Struktur, um das Gewicht zu tragen, war noch nicht ausgereift. Jetzt sind wir aber so weit.

…das „andere Gefühl“, wenn er auf Foils segelt:

Neben dem wirklich „abgehobenen“ Zustand, der sich auch gleich auf die Emotionen auswirkt, ist es vor allem die Unberechenbarkeit der Bootsbewegungen, die alles anders machen. Früher, ohne Foils, war es so, dass es auf und ab ging, das Boot krachte in die Welle oder auch nicht und der Körper hatte sich nach kurzer Zeit an den Rhythmus mehr oder weniger gewöhnt.

Das klappt auf Foils nicht mehr so richtig, weil man nach dem Abheben im vorderen Bereich nicht mehr weiß, wie das Boot in die nächste, oder vielleicht erst übernächste Welle eintauchen wird. Das ergibt ein instabiles Gefühl im freien Stand – man muss sich deutlich öfter festhalten, alles wird unberechenbarer.

Thomson erklärt das "Tip und Shaft" -System © miku

Thomson erklärt das “Tip und Shaft” -System © miku

…über die Notwendigkeit, die „Bremse reinzuhauen“

Bremsen? Welche Bremsen (lacht) ? Nein, im Ernst: Es gibt auf jedem Boot im hohen Seegang und bei starkem Wind, also hoher Geschwindigkeit, einen Moment, in dem man Speed „rausnehmen“ muss. Dass darüber mit den Foils wieder verstärkt diskutiert wird, ist eigentlich unnötig. Ja, es gibt diesen kritischen Punkt, aber das wird vor Ort unter den jeweiligen Bedingungen entschieden, wie bei allen anderen Booten auch. Man kann nicht sagen, dass man ab soundsoviel Knoten Speed auf die Bremse treten muss.

…das Glück und wieviel man davon braucht:

Für viele sind Glück und Pech essentielle Faktoren beim Hochseesegeln. Ich denke eher: Pech ist oft nur ein anderes Wort für schlechte Vorbereitung. Logisch, wenn man mitten auf dem Atlantik auf eine losgerissene Fischerboje kracht, dann hat das ganz viel mit Schicksal zu tun. Aber wenn mir am zweiten Tag nach dem Start bei 20 Knoten Wind der Mast entgegen kommt, dann…

Überhaupt, die Gefahren, die nach dem Start auf uns lauern. Ich kapiere zum Beispiel nicht, warum es auf den IMOCA bei der VG nicht längst Pflicht ist, eine Radaranlage an Bord zu führen, die automatisch alle 10 Minuten die Umgebung scannt. Dann wäre schon wieder ein weiterer Pech-Faktor reduziert – wie oft krachen bei Überseeregatten Teilnehmer in Fischerboote oder in Cargos! Ich habe jedenfalls so eine Radar-Automatik.

…die anstehende Wetterlage zum Start der Vendée Globe:

Ja, das könnte ein echter Vorteil für die Foil-IMOCA werden. Zuerst hieß es, wir würden zum Start ein Tief auf die Nase kriegen… das hätte mir weniger gefallen. Jetzt sind sich alle einig, dass ein netter Nord-Nord-Ost Wind wehen wird, was wiederum für die Foiler – die am Wind deutlich langsamer sind, als die herkömmlichen IMOCA – mit den raumen Winden bevorteilt. Weil wir dann einfach beim Start losfliegen werden (grinst breit).

Dieses Wetter könnte ein echter Vorteil werden – die Vendée Globe ist bekanntlich ein Rennen, bei dem die Reichen reicher und die Armen ärmer werden im Sinne von: Den Vorsprung, den du einmal hast, kannst du gut beibehalten.

vendée Globe, Alex thomson

Bremse? Welche Bremse? boss

…Erfahrung und „Cojones“:

Du musst die richtige Mischung aus Erfahrung und „Eier in der Hose“ mitbringen. Man darf aber die „Cojones“ nicht überbewerten – und so war ich auch mal, als Jungspund – es ist die Erfahrung, die immer weiter ausgebaut werden muss. Entsprechend fühle ich mich derzeit zwar noch nicht als „Elder Statesman“, aber doch um die eine oder andere Erfahrung im Vorteil!

…Emotionen an Bord und vor dem Start:

Das Schlimmste ist Schlafmangel. Bei der letzten Vendée Globe gab es Situationen, da konnte ich 36 Stunden lang nicht schlafen, so sehr forderte mich das Boot. Ich war am Ende, am Heulen. In solchen Zeiten ist der Kontakt zu meiner Frau und meinen Kindern besonders wichtig. Meine Frau schickt mir dann Mails mit Bildern meiner Kids, aus dem Alltag eben. Das ist das Einzige, was mir an solchen Tagen wirklich hilft. Wenn du ganz unten bist, kann die Familie dein Rettungsanker sein.

Worauf ich mich jetzt aber wirklich freue, ist die Fahrt durch den „Kanal“ von les Sables d’Olonne. Wahrscheinlich wird es noch nicht einmal regnen, also werden eine Menge Zuschauer dort sein. Dieses Anfeuern vom Ufer, diese unzähligen Glückwünsche für die Weltumseglung… das trägt mich sicher hinaus ins Unbekannte. Dafür bin ich den Zehntausenden Fans jetzt schon dankbar!

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Alex Thomsons smarter Auftritt – 20.000 Dinge, die schief gehen können“

  1. avatar breizh sagt:

    Klasse Eure diesjährige Berichterstattung zur VG.
    Man merkt, dass Ihr vor Ort seid. Macht einen neidisch und bestätigt mich in vier Jahren dann auch dort zu sein.
    Sind denn schon deutsche Offshore Helden(innen) gesichtet worden und was sind deren Meinungen? Wieder einmal finde ich interessant, wie “viele” deutsche Unternehmen hier als Sponsoren (mal klein mal größer) aktiv sind. Es aber leider keine deutsche Kampagne gibt.
    Konntet Ihr auch mit den weniger favorisierten Teilnehmern sprechen? Mich würde deren Sicht auf die anstehenden Monate interessieren.
    Sonst bitte weiter so! So kann man den segelfreien Winter gut überbrücken.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 17 Daumen runter 0

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