Vendée Globe: Altstar Jean Le Cam seglerisch und verbal in Höchstform – „Mofa vs. Formel 1“

Yes, he cam!

Noch ein Überraschungsheld an der Spitze dieser Vendée Globe-Flotte: Altstar Jean le Cam, 61 Jahre jung, zeigt den Youngstern wo der Hammer hängt. Vorläufig, jedenfalls!

Vorstellung von Jean Le Cam – in Französisch, nonchalant liebenswert!

Neulich bei der Vendée Globe. Jean Le Cam, 61, hat einen eher suboptimalen Start hingelegt, segelte sich aber rasch „frei“ und fällt als Einziger im Pack schon nach ein paar Stunden deutlich ab. Während alle anderen zunächst die Option West nehmen um aus der Biskaya rauszukommen, wählt „Locke“ Cam gemeinsam mit seinem „Zögling“, Einhandsegler Damien Seguin (SR-Artikel) relativ rasch die südliche Route, brettert auf  „Yes, we cam“ bald auf Nordspanien zu, um schließlich entlang Cap Finisterre das Verkehrstrennungsgebiet an Steuerbord liegen zu lassen. 

Schon nach sieben Vendée-Globe-Stündchen liegt le Cam in den Top Five, nach 16 Stunden positioniert er sich auf Rang 2, nach 19 Stunden übernimmt er die Führung. 

Im falschen Film?

Äh Moment mal? Le Cam führt? Nein, wir haben hier keinen alten Vendée-Globe-Bericht heraus gekramt. Etwa von 2004, als Jean le Cam einer der Favoriten war und das Rennen über weite Strecken dominierte. Tatsächlich stehen auch die ersten Tage der aktuellen Vendée Globe unter dem  Zeichen des alten Haudegens, Salzbuckels, Ausnahmeseglers und selbsternannten Großmauls. Dabei ist der auf einem der ältesten Boote der Flotte unterwegs, „ohne Foiler und dieses ganze ermüdende Gedöns“ (O-Ton).

Vor dem spanischen Finisterre wird le Cam von der Marine Nationale von einem Such- und Aufklärungsflugzeug aus fotografiert. Sublime! © marine nationale

Doch zurück auf Le Cams Boot. Eigentlich schon nach zwei Tagen kurz vor Finisterre ist – sinnbildlich –  für Le Cam  „Ende Gelände“. „Ich konnte einfach nicht mehr, war völlig hinüber, richtig erschöpft!“  Mehr als die meisten seiner Kollegen, hadert Jean le Cam vor allem mit den ersten Stunden, Tagen und Nächten einer Weltumseglung. „Alte Männer haben es schwerer, in den Rhythmus zu kommen,“ verriet er schon vor dem Start augenzwinkernd. „Und überhaupt muss man ja erstmal die ganze Verabschiederei verdauen!“ 

Le Cam ist also noch nicht so richtig „im Mood“, aber im Race-Modus. „Ich wusste, dass ich jetzt erstmal schlafen muss, sonst wird das nix mit einer guten Platzierung,“ berichtet Le Cam später. Also haut er sich aufs Ohr, er sei „richtig KO gewesen“. 

Und schläft und schläft und schläft. 

Sieben Seemeilen vor dem Festland weckt ihn ein ungutes Gefühl. „Verdammte Sch… , oh putain!“ brüllt er vor sich hin. Er droht aufzulaufen, macht eine Chaos-Wende und hat deshalb das ganze Material auf der falschen Seite liegen. Normalerweise lässt er es vor dem Bugwechsel nach Lee rutschen, um es später in Luv als Gewicht arbeiten zu lassen.

Zwei Mal ein Original © le Cam

Nun ist er aber mehr als eine Stunde damit beschäftigt, Zentner um Zentner auf die neue Luvseite nach oben zu wuchten („was hat man nicht alles für einen Blödsinn dabei! Ersatzruder!“). Er flucht „diese Plackerei sollte man in den Klassenregeln verbieten!“ Danach schläft er erschöpft wieder ein. Diesmal allerdings mit Wecker. Damit er nicht auch noch in das Verkehrstrennungsgbiet hineinfährt. Dann wäre eine Strafe fällig.

Chaos = Dauerzustand

Klingt das ein bisschen nach „Chaos“ und „Wirrsinn“ an Bord der „Yes, we cam!“? Mag sein, ist aber eben so mit diesem Jean le Cam: Immer für Überraschungen gut, immer eine Portion lässiger, immer am Rande des Chaos. 

Leiner hat sich diese Heldenpose so verdient wie Jean le Cam! © Le Cam

An Land werden die alten Salzbuckel gefeixt haben. Legenden und ehemalige Mitsegler bzw. Konkurrenten wie Desjoyeaux, Stamm, Riou oder Dick drücken ihrem ganz persönlichen Vendée Globe-Helden sowieso im Dauerzustand die Daumen.

Und lachen sich in solchen Situationen ins Fäustchen: Einer der ältesten Segler der aktuellen Vendée Globe auf einem der ältesten Boote zeigt den Jungskippern, Rookies und Pseudo-Favoriten auf ihren Foils, wie man mal eben schnell das Rennen anführt. „Ich segle ja sowieso im Mofa-Modus,“ tönt es von Bord der „Yes, we cam!“ „Und wer damit auf der Landstraße schneller am Ziel ankommen will als die Formel1-Raser auf der Autobahn, muss schon mal ein bisschen mehr nachdenken und vielleicht sogar Abkürzungen nehmen!“ 

Le Cam wie er leibt und “camt” @ Le Cam

Es muss nicht gesondert erklärt werden, dass einem wie Le Cam solche Situationen und Überraschungscoups „runter wie Öl“ gehen. „Keine Ahnung , was die anderen da gerade backen, bei mir ist jedenfalls alles in Butter!“ grölt er ins Mikrofon bei den täglichen Dialogen mit der Rennleitung. „Ich mache das ja hier nicht zum ersten Mal!“ 

Mehr Erfahrung als die anderen zusammen

Stimmt, in dieser Flotte, bei seiner fünften Vendée Globe Teilnahme, dürfte Jean le Cam der erfahrenste und sowieso gerissenste Segler sein (ausführliches Le Cam SR-Porträt). Was und mit wem hat er nicht schon alles gesegelt! Mit Hubert Desjoyeaux auf dem 420er, mit Eric Tabarly auf dessen Pen Duicks, mit Michel Desjoyeaux auf Formel 40-Multis, im Figaro gegen Poupon, Desjoyeaux, Beyou, Eliés, Le Cleac’h.

Bei der Vendée Globe 2004-2005 führt er bis nach Kap Hoorn das Rennen an und muss sich im Matchrace auf der Zielgerade im Atlantik Vincent Riou geschlagen geben. Vier Jahre später, wieder bei der Vendée Globe, wieder vor Kap Hoorn: Le Cam kentert auf seinem IMOCA, nachdem seine Kielbombe abgefallen war und ist tagelang gefangen in seinem eisigen „Bootssarg“. Gerettet wird er von Vincent Riou – kein Wunder, dass die beiden „dickste Freunde fürs Leben“ geworden sind.

Ab 1:54 min. zeigt Le Cam, wie er Boote tauft! Sehr sehenswert 😜

Zurück in Europa segelt Le Cam mehrere Jahre auf Multis, ist Teil des „Dreamteams“ auf dem Rekordraser „Hydroptère“. Für 2012  stellte er wieder eine Vendée Globe-Kampagne auf die Beine und wird Fünfter. 2013 gewinnt er mit seinem Lebensretter Vincent Riou die Transat Jacques Vabre, 2015 siegt er beim Barcelona World Race gemeinsam mit Bernard Stamm. Und dann, 2016/17, die meisten werden es schon wieder vergessen haben, kommt er auf dem gleichen Boot, auf dem er heute dabei ist, als Sechster ins Ziel der Vendée Globe. 

Finanziell kommt er immer gerade so über die Runden. An seinem Boot hat er zuletzt immer alleine gebaut. Einen großen Sponsor gibt es nicht, eher viele kleine “Mäzenchen”.

Uff, sind das Erklärungen genug, warum ihn die Franzosen ehrfürchtig „König Cam“ nennen? 

Michael Desjoyeaux gewann auf diesem IMOCA die Vendée Globe 2009, Jean le Cam segelte darauf das Barcelona World Race und die letzte Vendée Globe. “Wir sind nicht kleinzukriegen!” © Le Cam

Obwohl, seine Beliebtheit in der Szene hat eher weniger mit seinen Erfolgen in der Vergangenheit zu tun. Vielmehr ist Jean Le Cam einer von diesen Typen, die – egal wo sie auftauchen – erstmal gute Laune verbreiten, mitunter allzu großmäulig in jedes Fettnäpfchen treten, die aufgestellt wurden und zudem mit einem Selbstbewusstsein gesegnet sind, von dem so manche echte Könige nur träumen können. 

Führung abgegeben, aber Hoffnung nicht aufgegeben

Logisch, mit der heutigen 12-Uhr-Mittags-Cartographie hat Jean Le Cam seinen Spitzenplatz wieder abgeben müssen, nachdem die „Formel 1-Raser auf der Autobahn“ von Norden kommend auf seine „Landstraße“ eingebogen sind und nun ihr Speedpotential voll ausfahren können.

Und mit hoher Wahrscheinichkeit wird er so schnell nicht wieder an die Spitze einer Vendée Globe segeln. Aber das scheint le Cam ziemlich egal zu sein. „Ich mache das hier ja nicht zum Spaß, sondern aus Leidenschaft!“ dröhnt er. „Und da muss man mal die eine oder andere Finte aus dem Schatzkästchen auspacken!“ Wer weiß also, vielleicht werden wir noch von ihm hören und lesen, vor allem in den Leichtwind-Doldrums, wo „Foil oder nicht Foil“ bekanntlich eine große Rolle spielen wird. 

Doch bis zu diesem Showdown à la Jean Le Cam sind noch ein paar Seemeilen zu absolvieren. Wer weiß, was bis dahin noch passieren wird. Bei den anderen passieren wird – chez Le Cam ist Chaos sowieso schon Dauerzustand!

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Vendée Globe: Altstar Jean Le Cam seglerisch und verbal in Höchstform – „Mofa vs. Formel 1““

  1. avatar eku sagt:

    lehne mich hier mal aus dem Fenster …
    Alex T. wird diese VD gewinnen – der geht da echt überlegt ran

    I.Joschke: Ich habe sie bemerkt, weil sie echt kein Pardong bei den AmWindKursen kannte – totaler Respekt! Das muss man erstmal können! (Bei einer TS nach Kanada)
    Insofern: Super wie Sie sich zurückhält (damit nicht wieder das Boot kaputt geht)

    Boris: Toll, wie er mit der Sache umgeht!
    Jup! da hat er ein paar Meilen nicht schnell genug reagiert …
    Diese Regatta wird nur durch “weniger Fehler als die anderen” gewonnen

    S.Davis: die ist auch erfahren genug, um den Kahn um die Welt zu bringen – kann aller Wahrscheinlichkeit deutlich besser segeln als alle die diese Webseite lesen

    Wir werden am Ende sehen was passiert ist

    Und der “bescheuerte Wuschelkopf” … da ist meine Sympathie nicht teilbar
    der scheint zu wissen, was er tut

    LG eku

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