Vendée Globe: Ari Huusela auf „Stark“ als Letzter im Ziel – in 116 Tagen bedächtig um die Welt

Starker Typ

Auf seiner 14 Jahre alten IMOCA „Stark“ zeigte der Finne Ari Huusela, dass man die Vendée Globe auch anders angehen und dennoch zum Liebling in der Heimat avancieren kann. Segeln auf die finnische Art: Ruhig, gelassen… und manchmal ein wenig verrückt! 

“Für mich war schon der Start ein Sieg”: Ari Huusela, letzter Finisher der Vendée Globe 2020/21 © Favreau/Vendée Globe

Finnen sind bedächtige Charaktere. Sie sind allgemein dafür bekannt, dass sie so ziemlich allen möglichen abenteuerlichen Blödsinn mitmachen, sich das Ganze aber gerne vorher in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Um etwaige Probleme möglichst weiträumig zu umgehen, um mit dabei zu sein, aber eben nicht um jeden Preis und natürlich um sicher wieder nach Hause zu kommen. Dass dabei der Spaß an der Sache, in die man gerade verstrickt ist, nicht zu kurz kommen darf, versteht sich von selbst. Und wenn’s allzu verrückt wird – gerne, aber immer schön cool und gelassen bleiben. Schließlich warten zuhause die Familie und/oder die Lieben. Die im Leben des gemeinen Finnen eine ähnlich gewichtige Rolle spielen, wie etwa bei den Sizilianern oder Ungarn. Von denen die Finnen ja angeblich abstammen sollen – aber das ist eine andere Geschichte. 

Knapp vier Monate allein auf See

Heute Morgen segelte nun der Finne Ari Huusela über die Ziellinie der Vendée Globe vor Les Sables d’Olonnes. Auf Rang 25 beendet er die Regatta seines Lebens und setzt gleichzeitig einen Schlussstrich unter eine Vendée Globe-Ausgabe, die in die Hochsee-Annalen eingehen wird. 

 

116 Tage, 18 Stunden und 15 Minuten brauchte der 58-jährige Huusela für die Weltumrundung auf  seinem betagten (Bj.2007), aber buchstäblich robusten IMOCA „Stark“ – benannt nach Huuselas Hauptsponsor, einem dänischen Baustoff-Riesen (5,6 Milliarden Euro Umsatz).  Das Boot wurde von Owens Clarke gezeichnet und für die britische Ausnahmeseglerin Dee Caffari gebaut. Eine Art  Panzer im Vergleich zu den filigranen IMOCA-Neubauten. Aber trotz einer Schlankheitskur im Jahr 2018 eben stark genug, um zum vierten Mal erfolgreich um die Welt zu segeln (3 Vendée Globe, 1 Barcelona World Race). 

Ari Huusela machte nie einen Hehl daraus, dass ihm eine Platzierung schlicht egal sei. Sein von Beginn an gesetztes Ziel, war das Erreichen des Ziels! Und das bitteschön mit einem intakten Boot und erhobenen Hauptes. Beide selbst gesetzten Vorgaben konnte Huusela heute um 8:35 h abhaken und somit seinen Zehntausenden Fans in der Heimat zurufen: „Ich bin zwar geschafft, aber ich habe es geschafft!“ 

Beruf: Pilot. Passion: Segeln!

Es war kein leichter Törn für den Finnen, der im „normalen Leben, wenn ich nicht gerade auf den Sieben Meeren mit den anderen Verrückten unterwegs bin“ (O-Ton Huusela) Linienflugzeuge über die Ozeane steuert. Es gibt ja viele die behaupten, dass Hochseesegeln und die Fliegerei einige gemeinsame Komponenten haben: Man muss sich auf seine fliegende oder segelnde „Maschine“ verlassen (können), sollte immer mit mindestens einem Auge auf das Wetter achten und ist letztendlich doch ein Spielball der Elemente. 

Zwischendurch dann doch mal “Komfort”-Zone © Huusela

Eine fast schon philosophische Anschauung, die sich Ari Huusela schon vor Jahrzehnten zu eigen gemacht hat. 1999 segelte der Pilot ein erstes Mal bei der Mini-Transat mit. Während dieser ausgesprochen zermürbenden Ausgabe der legendären Einhand-Atlantikregatta, konnte der Finne zum ersten Mal überprüfen, wie weit Selbstkasteiung sowie mentale oder physische Grenzgänge alleine auf See wirklich Spaß machen. Seine Antwort: Eine zweite Mini Transat, danach die Route du Rhum auf Class 40 und schließlich die Aufnahme in den IMOCA-Zirkus mit seiner Manegen-Attraktion Vendée Globe.

Um bei dieser Regatta überhaupt mitmachen zu können, sind bekanntlich einige Hürden zu nehmen, bevor man sich um das Wesentliche – nämlich die Hochseesegelei – kümmern kann. Wie gut oder schlecht Huusela diese Hürden nahm, lässt sich wohl mit folgenden erschwerenden Umständen erklären: Ari Huusela musste sich für den Kauf des Bootes verschulden und für eine Versicherung seiner „Stark“ reichte das Budget nicht mehr. 

Nach knapp vier Monaten im Ziel © favreau/vendée globe

Nun braucht man kein bedächtiger Finne zu sein (hilft aber!) um nachzuvollziehen, dass man auf einem betagten, nicht versicherten Boot, für das man bei der Bank in der Kreide steht, die Strategie für eine Weltumseglung ein wenig ändert: raus aus dem Renn-Modus, rein in die vorsichtige Komfort-Zone. 

Obwohl, ganz so einfach ist sowas nun auch wieder nicht. Denn die rasenden IMOCA sind gerade für Einhand-Segler immer für Überraschungen gut und von Komfort kann darauf nun wirklich keine Rede sein. 

Am Anfang war die Kenterung

Entsprechend hoch war der Bastel-Einsatz des erklärten Pragmatikers Huusela, adäquat häufig rutschte demselben das „Herz in die Hosentasche“, wenn mal wieder ein Tief oder sogar ein Sturm seine Route kreuzten. Nicht zuletzt, weil sich seine „Stark“ gleich im ersten Tief dieser Vendée Globe, sozusagen noch in Sichtweite der Startlinie, aufs Ohr legte. Angesichts seines Mastes auf den Wellen dachte Huusela, dass nun, am fünften Tag seiner Traumregegatta, bereits alles vorbei sei. Doch die „Stark“ reagierte ähnlich gelassen wie ihr Skipper es noch x Male im Verlauf dieser Vendée Globe machen sollte und richtete sich in aller Ruhe wieder auf. Wurde ja schließlich schon mehrfach im Hafen geübt! 

So segelte Ari Huusela also vorsichtig und zurückhaltend um die Welt. Fast jedes Mal, wenn meteorologischer Ärger drohte, machten Boot und Skipper die notwendigen Umwege, um auszuweichen. Mitunter wurde auch der „Fuß vom Gas“ genommen, um einem Tief die Vorfahrt zu lassen.

Energieriegel Finnischer Art © Huusela

Mit seinem ansteckenden und sympathischen Enthusiasmus berichtete der Finne von Bord seiner durch extremes Chaos richtig gemütlich wirkenden Stark in die Welt und speziell nach Hause. Seine Video-Botschaften inszenierte er finnisch-cool und skandinavisch-zurückhaltend. Erst bei seinen letzten Videos wurde deutlich, dass der Skipper gelinde gesagt die Faxen dicke hat vom Segeln und der 58 Jahre junge Körper nach fast vier Monaten auf See schlicht erschöpft ist. 

Bis Kap Hoorn habe er sich noch stark auf der Stark gefühlt. Das legendäre Kap sei so etwas wie ein Kindheitstraum für ihn gewesen, berichtete Huusela von Bord. Doch der „Aufstieg“ im Atlantik, zurück Richtung Europa, sei qualvoll gewesen. „Ich habe wirklich versucht, jeden Tag meiner Reise zu genießen, jedem Tag möglichst viel Positives abzugewinnen. Aber fast alle meine schlechten Tage habe ich bei dieser letzten Atlantik-Querung erlebt,“ zitiert Huusela aus seinem Logbuch. „Die Einsamkeit wurde immer belastender, es wird Zeit, dass ich nach Hause komme!“

Maximal minimierte Risiken

Die letzten Tage in der Biskaya und die letzten Stunden auf See versöhnten den Finnen dann aber wieder mit dem Atlantik. Nur lächerlich niedrige Wellen, moderate Windbedingungen; zwar hoch am Wind, aber was soll’s – irgendeinen Stein muss die See den Vendée Globisten ja schließlich in den Weg legen. 

Zuhause in Finnland stehen sie jedenfalls angesichts des ersten finnischen Vendée Globe Finishers „kopf“.  Ähnlich wie die Deutschen nach Boris Herrmanns spektakulärem fünften Rang, freuen sich die Finnen nun auf „ihren“ ganz speziellen Sieger. Mehrere TV-Sender haben bereits Interviews, Gesprächsrunden und Berichterstattungen zu Prime-Zeiten angekündigt. Und die skandinavische Segelszene feiert ihren neuen Hochsee-Star sowieso schon seit Wochen enthusiastisch. Platzierung hin oder her. 

„Minimiere maximal die Risiken und bring’ das Boot und dich heil nach Hause“, soll Huuselas Partnerin Niina vor dem Start gefordert haben. Ari Huusela hat sich als bedächtiger Finne genau daran gehalten.

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Vendée Globe: Ari Huusela auf „Stark“ als Letzter im Ziel – in 116 Tagen bedächtig um die Welt“

  1. avatar PL_m-z sagt:

    Immer wieder vielen Dank für die Berichte über die äußerst sympathischen Teilnehmer. Dass jede Ankunft gefeiert wird, ist großartig

  2. avatar PL_frikosail sagt:

    Schön dass dieser Held auch noch gefeiert wird

  3. avatar RKo sagt:

    Ein echter Sportler.
    Es war wunderbar daran teilhaben zu dürfen.

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