Vendée Globe: Clarisse Crémer zeigt, wie cool Segeln sein kann – beste Frau der Flotte

Die Sympathieträgerin

Mal eben hoch in den Mast und sich die Lippen blutig schlagen? Öfter mal den Pausenclown spielen? Lieber gelassen und glücklich, als zu ehrgeizig und schlecht gelaunt? Clarisse Crémer macht es vor bei dieser Vendée Globe!

Neulich bei der Vendée Globe. Clarisse Crémer zeigt sich zum vielleicht ersten Mal bei dieser Vendée Globe zu Beginn eines Videos mit trauriger Miene. Sie werde nun einen harten, und für sie sehr bedeutenden Moment mit ihren Fans teilen. Es sei wirklich nicht leicht für sie – blitzte da gerade ein Grinsen auf? – „aber jetzt ist der Moment gekommen, in dem ich meine letzte Grapefruit essen werde!“

Und zack, strahlt sie wieder über das ganze Gesicht, zeigt sich frisch wie eh und je, riecht an der aufgeschnittenen Hälfte ihrer heißgeliebten Frucht. Hinter ihr das rauschende Kielwasser ihres IMOCA Banque Populaire, um sie herum der tiefblaue Südatlantik, über ihr der klare Himmel. 

Eine 40-Sekunden-Video-Sequenz die viel mehr über Clarisse Crémer aussagt, als so manches Action- oder Jubel-Filmchen, von denen sie übrigens auch nicht wenige produzierte. Was auf den ersten Blick an einen 70iger-Jahre-Werbespot für Südfrüchte erinnern mag, ist bei Clarisse Crémer im gewissen Sinne Programm. Das Programm einer Regatta um die Welt, die ihr (erklärtermaßen) wie ein besonders intensiv gelebter Traum vorkommt. „Kneift mich Leute, segle ich wirklich bei der Vendée Globe mit?“ 

Alles locker, alles cool

Clarisse Crémer ist ein Phänomen. Sicher, sie kann sich mittlerweile zu den talentiertesten Hochseeseglerinnen zählen, ohne dabei rot zu werden. Was ihr übrigens immer noch passiert, wenn die Sprache auf dieses Thema kommt. Doch was Clarisse Crémer zu einer der wichtigsten und inspirierendsten Sympathieträgerinnen der Hochseeszene macht, ist weniger Ihr seglerisches Können. Sondern schlicht und einfach sie selbst – eine junge Frau, die mit einer unglaublichen Lebensfreude, einer für dieses Alter erstaunlichen Gelassenheit und einem derart lockeren Esprit einhand und nonstop auf einem IMOCA um die Welt segelt. Im Rennmodus bei der härtesten Regatta der Welt. 

Immer in Action auf ihrer “Banque Pop” © banque populaire

Natürlich steckt sie den knochenharten Job an Bord, die angstvollen Stunden in Stürmen, die nervtötenden Flauten und die nagende Einsamkeit nicht einfach mal so „weg“. Aber kaum eine(r) ihrer Konkurrenten ist per se derart cool und, ja, glücklich unterwegs, wie die mittlerweile 31-jährige Clarisse Crémer. Sie segelt ein Rennen, wie man es eher einer Sam Davies mit ihrem großen Erfahrungsspektrum zutrauen würde, als einer Vendée Globe-Newcomerin, die 2017 erstmals bei einer internationalen Langstreckenregatta auf sich aufmerksam machen konnte. 

31 Jahre jung am 30. Dezember © clarisse cremer

Die drei wichtigsten Regeln, die sich„Clacla“ (Spitzname) für diese Vendée Globe aufgestellt hatte, befolgt sie von der ersten Stunde bis zum heutigen Tag ohne wenn und aber: 1. Respekt, 2. Respekt, 3. Respekt!

Respekt vor den Naturgewalten, Respekt vor dem Können ihrer Konkurrentinnen und Konkurrenten, Respekt vor dem, was ihr Boot leisten muss.  Dazwischen hat sie freien Spielraum, den sie voll nutzt. 

Emotional, trotz aller Coolness

Sie lässt ihren Emotionen freien Lauf, wann immer es nur geht. Sie hadert mit sich selbst, wenn mal was nicht so geklappt hat. Sie freut sich wie Bolle über die ersten Albatrosse, jubelt pflichtgemäß beim Runden der drei großen Kaps – und sagt dann hinterher, dass sie schon bessere Momente als diese erlebt habe. Sie redet mit ihrem Boot, als wäre es ihr bester Kumpel (Clacla: „Ist er ja auch!“), spricht dem Boot Mut zu („komm’ ey, lass’ nicht nach, ich brauch dich noch!“) und sie kommt immer wieder zurück in den Glücks-Modus.

Ganz nebenbei segelt sie taktisch gut, blieb mit ihrem nominell schnellsten Nicht-Foiler der Flotte (ex SMA) zuletzt lange an Armel Tripons Neubau-Flieger dran.  Gibt aber nur dann Gas, wenn sie es für richtig und machbar hält. Pushen auf Deibel komm’ raus, bloß um den einen oder anderen Platz nach vorne zu kommen, dabei aber das ganze Rennen gefährden, das sei nicht ihr „Ding“. Frau Crémer weiß, was sie vom Boot, ihrem besten Kumpel, erwarten kann und was nicht! 

Clarisse Crémers Facebook-Seite:Strahlefrau allerorten! © clarisse cremer facebook/banque populaire

Für die SR-Leser ist Clarisse Crémer längst keine Unbekannte mehr. Rund um die Mini-Transat 2017 spielte sie erstmals ihre ganz spezielle Rolle als Clacla Clarisse. Damals noch mit einem eher jugendlichen Verve gesegnet, ermöglichte sie ihrer rasant anwachsenden Fangemeinde einen völlig anderen Blick auf die Mini-Szene, als man es bis dahin gewohnt war. Mit kleinen Videos „Clarisse sur l’Atlantique“ , die sie gemeinsam mit einer (nicht-segelnden) Freundin produzierte, zeigte sie, dass man nicht alles ganz so bierernst nehmen muss vor den Küsten der Bretagne oder auf dem riesigen Atlantik. 

Prompt wurde sie Zweite bei den Serien-Minis – eine Art Freifahrtschein für Frauen mit weiteren Ambitionen in der Hochseeszene. Zunächst gab es einen „entre-acte“ bei den Figaros (nicht zuletzt wegen ihres Figaro-segelnden Partners), bis sie bald darauf ein Angebot erhielt, von dem viele meinten, es sei fast schon unmoralisch. 

Ahnungslos zur Kampagne 

Als Armel Le Cleac’h, seines Zeichens Vorzeigesegler bei Banque Populaire, die letzte Ausgabe der Vendée Globe gewonnen hatte und zwei Jahre später den Ultim Trimaran der französischen Volksbank in den Atlantikwellen schredderte, fragten sich die Bank-Bosse, wer die nun entstandene Image-Lücke füllen könnte. Bis zum Bau eines neuen Ultim-Trimarans musste die Werbetrommel weiter gerührt werden – erst recht in Zeiten der Vendée Globe! 

Viel Respekt vor den Naturgewalten © banque populaire

Also ging man einen für den finanzstärksten Sponsor der Szene eher atypischen Weg und hielt Ausschau nach einem jungen Talent, dem man eines der besten Shore-Teams der Welt zur Seite und dem man ein finanzierbares Gebrauchtboot guten Gewissens zur Verfügung stellen würde. 

Der Rest ist Geschichte. Clarisse Crémer wurde gefragt – es gab wohlgemerkt kein Auswahlverfahren – und sie nickte nach kurzer Bedenkzeit ab. Zu groß war damals schon der Respekt vor IMOCA, Weltumseglung und dem Southern Ocean. 

Die Szene jaulte auf. So viele vermeintlich bessere Segler, die schon jahrelang auf eine derartige Gelegenheit warteten, so viele vermeintlich geeignetere, weil härtere Typen zeigten sich gelinde gesagt neidisch. Doch die Volksbank-Bosse blieben stur. Nicht zuletzt, weil sie fest daran glaubten, dass sich Clarisse Crémer reinhängen würde wie kaum eine andere. Das wurde ihnen übrigens auch von Claclas Mini-Trainer Tanguy Leglatin geflüstert. Der hatte sich immer schon über Clarisses immensen Trainingseifer und Arbeitswillen gefreut. Keine schlechte Voraussetzung für einen Rookie in der IMOCA-Szene. 

Starker Allrounder

Entsprechend zeigte sich die „Anmutige, immer Fröhliche und Grazile“ (wie Clacla in den französischen Medien genannt wird) zunächst als Arbeitspferd. Sie ackerte auf ihrem IMOCA, den das Shore Team ganz bewusst nicht mit Foils ausstattete, obwohl die Gelder vorhanden waren, vor ihrem Heimathafen Lorient, Tag und Nacht. Training ohne Ende war angesagt. Zudem segelte sie das Fastnet Race und die Transat Jacques Vabres mit ihrem Mentor Armel Le Cleac’h und lernte, lernte und lernte (O-Ton Crémer).

Starker Allrounder: die ex Macif = Banque Populaire © banque populaire

So ganz nebenbei festigte sich das Verhältnis zwischen Frau und Boot. Armel Le Cleac’h zeigte sich begeistert von dessen Performance und Robustheit – die wohl wichtigste Voraussetzung für eine Weltumseglung. Was wiederum kaum verwundern dürfte, denn das Boot hatte bereits erstaunliche Karriere gemacht. Als Macif siegte es bei der Vendée Globe 2012/13 mit Skipper Francois Gabart. Die beiden Triumphierten ebenso bei der Route du Rhum, was Paul Melhat zwei Jahre darauf mit diesem IMOCA wiederholte. In der Szene gilt das Boot als derzeit bester Allrounder, der mit allen Situationen zurecht kommt. Und dabei richtig schnell bleibt. 

Die paar tausend Meilen

Jetzt also Zielgerade bei der Vendée Globe. Alle drei Kaps sind gemeistert, Clarisse Crémer und ihre Banque Populaire liegen auf Rang 12, ca 1300 Seemeilen hinter den Führenden. Und: Clacla Crémer ist erste Frau der Flotte! Nach den Aufgaben von Samantha Davies und Isabelle Joschke eine Position, mit der Clarisse Crémer überhaupt nicht gerechnet hatte.

Liebe Grüße vom Kap Hoorn © clarisse crémer

Sie nimmt weiterhin alles  auf ihre coole und irgendwie so frische Art hin. „Es sind ja noch ein paar tausend Meilen zu segeln“, sagte sie neulich nachdenklich. „Es kann so viel passieren. Wenn ich nur an die Angst denke, die ich hatte, als Kevin Escoffiers IMOCA innerhalb von Sekunden sank. Wäre ich da wirklich rausgekommen?“ Doch sie schiebt solche Gedanken schnell beiseite. Der Alltag, der Job wartet: Frau muss in den Mast – wobei sie sich Lippen und Nase blutig schlägt – muss Manöver fahren und zentnerschwere Segel schleppen, will Videos für ihre Fans drehen (allein auf Facebook mittlerweile knapp 60.000).  Und sie will das T-Shirt-Wetter und die hohen Temperaturen genießen, bevor sie im europäischen Winter anlandet. Obwohl der ja auch gewisse Vorteile bietet. Zitrusfrüchte, zum Beispiel. 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Clarisse Crémer zeigt, wie cool Segeln sein kann – beste Frau der Flotte“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    vielen Dank Segelreporter für diesen vielen Hintergrundberichte. Toll es werden wirklich viele Starter näher betrachtet. Das hat was.

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