Vendée Globe: Deutsch-Französin Isabelle Joschke erleichtert – kein Bruch in den Tiefs!

Wieviel Havarie-Pech kann frau aushalten?

Obwohl sie eigentlich als kernige Draufgängerin bekannt ist, begann die 43-jährige, gebürtige Münchnerin die Regatta ihres Lebens eher zurückhaltend. Aus gutem Grund!

Neulich bei der Vendée Globe. Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke hält sich auf ihrem Foil-IMOCA MACSF in den ersten Stunden und Tagen des „rund-um-die-Welt-Rennens“ auffällig zurück. Was so gar nicht ihre Art ist, zumindest wenn sie im Regattamodus unterwegs ist.

Isabelle Joschke mit ihrer neu beflügelten MACSF. © Ronan Gladu

Zuletzt bewies das die 43-Jährige deutlich bei der Generalprobe zur laufenden Vendée Globe, der Corona-bedingt im Hauruck-Verfahren aufgelegten Regatta „Les Sables-Arctique-Les Sables“. Damals segelte Isabelle auf ihrem IMOCA MACSF Seite an Seite mit Samantha Davies vielen der großen (männlichen) Helden zumindest während der ersten Hälfte der Regatta auf dem Weg Richtung Island um die Ohren. Ihr durchaus betagter IMOCA (Riss Verdier-VPLP, Bj. 2007 Als „Safran“ State of the Art unter Marc Guillemot und Yann Elies) zeigte dank seiner nachgerüsteten, neuen, langen Foils, dass immer noch eine Menge Potential in ihm steckt. Von der Skipperin ganz zu schweigen (SR-Artikel: Powerfrauen überholen Boris).

Wieviel Pech hält frau aus?

Doch nach dem Start der Vendée Globe, der Regatta, die seit mehr als einem Jahrzehnt das erklärte und vor allem ersehnte Ziel der Deutsch-Französin ist, legt sie ein ganz anderes Verhalten an den Tag. Isabelle versteckt sich im letzten Drittel der Flotte, kommuniziert nur das Nötigste mit der Regattaleitung und hält sich auch bei ihren Fan-Posts in den sozialen Medien eher zurück.

Das Wichtigste ist geschafft: Isabelle kurz vor dem Start © martinez

Irgendwann fragten sich die ersten Follower:„Warum kommt sie nicht in die Gänge?“ Einige befürchteten sogar das Schlimmste respektive Übliche bei Isabelle: Irgendeine Havarie, ein Problem an Bord, ein technisches Malheur oder was auch immer.

Das Übliche? Tatsächlich wird Isabelle Joschke seit Jahren von einem außerordentlichen Regattapech heimgesucht. Bei der Mini Transat 2006 kam – in Führung liegend – auf ihrem Prototypen die Palme von oben. Beim Transat Bakerly 2016 lag Isabelle auf ihrer Class 40 in Führung, als der Rumpf ihres Bootes delaminierte und Isabelle einen Nothafen auf Neufundland anlaufen musste. Bei der Route du Rhum 2018 brach auf ihrem neu erworbenen IMOCA nach einem Autopilot-Ausfall mit anschließender, unkontrollierter Wende der Mast; bei der Transat Jacques Vabre 2019 touchierte sie kurz nach dem Start mit dem Kiel einen Felsen und musste aufgeben. Und bei erwähnter Regatta Les Sables-Arctique-Les Sables brach ihr – bestens platziert – im letzten Drittel der Wegstrecke der Großbaum. 

Meistens konzentriert bei der Sache © gladu

Stellt sich die Frage: Wieviel Havarie-Pech kann frau aushalten, ohne dass sie abergläubisch repektive panisch wird, wenn auch nur der kleinste Hauch möglicher Schwierigkeiten buchstäblich am Horizont auftaucht?

Respektvoll und devot

Der Autor dieser Zeilen hat sich mit Isabelle Joschke im vergangenen Sommer mehrfach über genau dieses Thema unterhalten (SR-Interview „Du fühlst Dich wie ein Crepe“). Und jedes Mal machte Joschke deutlich, dass sie die Vendée Globe anders als ihre bisherigen Regatten angehen werde. „Weil es für mich nichts Erstrebenswerteres als ein Finish bei der Vendée Globe gibt,“ sagte sie.

„Diese Weltumseglung ist das Nonplusultra. Auf diese Regatta habe ich seit mehr als einem Jahrzehnt hingearbeitet. Und die Erfüllung dieses Traums werde ich wegen ein oder zwei besseren Plätzen in den Rankings keineswegs in Gefahr bringen!“

Keine Angst, sondern Respekt! © martinez

Nein, zwischen den Zeilen ist hier keineswegs „Angst“ oder „Furcht“ zu lesen. Vielmehr will Isabelle Joschke damit vor allem eine große Portion Respekt zum Ausdruck bringen, den sie mit schrägen, aber viel mehr noch mit positiven Erfahrungen gegenüber allen Ozeanen und Meeren dieser Welt aufgebaut hat. „Natürlich segelt man nie risikofrei bei so einer Regatta, auf solchen Booten,“ unterstrich Isabelle in diesen Gesprächen. „Doch wer auf einem 13 Jahre alten IMOCA nonstop und einhand um die Welt segeln will, muss dieses Abenteuer vor allem mit Respekt und – warum nicht?– devot angehen!“

Und so sind die ersten Tage, die ersten Manöver der Deutsch-Französin bei dieser Regatta besser verständlich. Schon beim Anrücken von Tief Nr. 1 wählte Joschke den vorsichtigen Weg, wich mit einem Schlenker Richtung Süden aus und „pfiff“ auf die Anderen, die eine – für Skipper/Skipperin und Boot – deutlich belastendere Route gewählt hatten. Dass sie dabei vier bis sechs Plätze verlor war bedauerlich, aber auch Programm, da vorhersehbar. Als kurz darauf der Sturm „Theta“ auf die Flotte zuwirbelte, wich Isabelle ebenfalls respektvoll im weiten Bogen aus. Plätze verloren? Klar, aber der Weg ist noch ein weiter… Es wird noch viele Gelegenheiten geben, aufzuholen.

Bisher nur ein Problem’chen

Doch ein Mal zuckten dann selbst die treuesten Fans von Isabelle Joschke zusammen, als sie in einem ihrer ersten Videos, das sie von Bord sandte, „von einem Problem“ redete und gleich mal zeigte, wie sie selbiges beheben konnte (siehe Video oben). Isabelles relativ entspannter Gesichtsausdruck bei der Aktion zeigte jedoch sogleich auf, dass es sich wirklich nur um ein Problemchen handeln konnte – das Fallenschloss am Großsegel hatte sich mit dem Fall „verheddert“ und Joschke durfte nach rascher Reparatur gleich wieder „in die Pedale“ treten.

Seit gestern segelt Isabelle Joschke nun mit frischem Wind auf der Rückseite von „Theta“ und holt, langsam, bedächtig Plätze nach vorne auf. 24 Stunden segelte sie auf gleicher Höhe (Platz 16) wie Kollegin Clarisse Cremer, die auf ihrer IMOCA “Banque Populaire” ohne Foils in und am Rand der beiden Tiefdruckgebiete reichlich Nerven gelassen hatte.

Mit den anstehenden Passatwinden dürfte Isabelle Joschke jetzt, ab Höhe Kapverden, weiterhin „Boden gutmachen“. In ihrem letzten Video sieht man sie jedenfalls mit entspanntem Gesichtsausdruck im Cockpit sitzen. Ihre MACSF hat sich auf die Foils gehoben und macht bei relativ ruhiger See ordentlich Speed.

Kollegin Davies segelt 200 sm voraus

Auch wenn es ein wenig „wehtun“ dürfte, dass Samantha Davies als erste Frau und „Isas“ Dauerkonkurrentin schon rund 300 Seemeilen voraus segelt und sich daran in den nächsten Tagen, vielleicht Wochen erstmal nichts ändern wird, so ist Isabelle Joschke doch sichtlich zufrieden mit sich und der Welt: „Ich bin unendlich erleichtert, dass ich die erste Woche mit all’ ihren Schwierigkeiten ohne Havarie und Bruch überstanden habe.“ Eigentlich kann dann jetzt die Regatta für Isabelle beginnen!

Isabelle Joschke – zur Person: 

Geburt: 27. Januar 1977 in München

Vater Deutscher, Mutter Französin – Isabelle hat die französische und deutsche Staatsbürgerschaft

Die ersten Schläge auf einem Optimist segelt sie als Sechsjährige auf österreichischen Seen, wo sie mit ihren Eltern Urlaub machte. 

Als 15-Jährige absolviert sie einen Segelkurs auf den berühmten Glenans-Inseln (SR-Porträt der Segelschule)

Isabelle Joschke studiert Französisch an der Sorbonne in Paris und in Freiburg/Deutschland. Sie lässt sich zudem zur Sportlehrerin und Skipperin ausbilden. Ihre ersten Törns führen sie zu den Antillen, die USA, durchs Mittelmeer

In Lorient entdeckt sie die Minis, auf denen sie ihre Hochsee-Regatta-Karriere einläutet. Weitere Stationen: Figaro, Class 40 und schließlich IMOCA. Erklärter Höhepunkt ihrer Karriere: Ihre jetzige Teilnahme bei der Vendée Globe.

Isabelle Joschke wohnt in Lorient.

Vendée Globe Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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