Vendée Globe: Isabelle Joschke im Interview – fast neues Boot mit Foils und Outrigger.

„Wie neu!“

Isabelle joschke, IMOCA, Vendée Globe

Ziemlich entspannt auf den neuen Foils: Isabelle Joschke © miku

Sie ist eine der wenigen Frauen, die sich im IMOCA Zirkus behaupten. Für die Vendée Globe 2020 wurde nun ihr Boot mit Foils bestückt – eine neue Ära beginnt für Joschke. Ein Gespräch über Risiken, Erfahrungen, Geduld und Träume, die wahr werden (können). 

SegelReporter: Isabelle, Dein IMOCA wurde vor wenigen Tagen nach langer Umbauphase wieder zu Wasser gelassen. U.a. hat das Boot nun einen neuen Mast, ein neues Riggsystem und wurde mit Foils ausgestattet. Beginnt jetzt eine neue Ära für Dich oder ist das Business as usual für eine Profiseglerin wie Dich?

Isabelle Joschke: Das ist fast so, als hätte ich ein völlig neues Boot bekommen. Es wird sich jetzt völlig anders verhalten, ich muss seglerisch andere Prioritäten setzen. Früher war ich bei leichten Winden – ohne Foils – richtig schnell unterwegs und hatte bei mehr Wind auf Reachkursen gegen die Foiler eigentlich kaum eine Chance. Mit den Anhängen wird sich das logischerweise genau umkehren. Aber auch das Handling des Bootes wird nun durch die Foils deutlich stressiger werden. Außerdem reagiert so ein IMOCA „hektischer“ und auf Foils für mich noch unberechenbarer. Die Gefahr, dass man sich verletzt, ist deutlich höher.

Einmal hab ich mit einem meiner Ruder irgendein Treibgut berührt und der Autopilot leitete gleich darauf eine Wende ein. Unter Deck fällst Du dann von einer Seite zur anderen – fünf Meter freier Fall mit netten Ecken und Kanten auf der anderen Seite. Mein Mediamann hat sich auf die Weise zwei Rippen angebrochen und hatte noch Glück im Unglück.

 

SegelReporter: Und mit der Foilerei dürfte das Risiko noch höher werden, weil Du deutlich schneller unterwegs sein wirst. 

Isabelle Joschke: Klar, und vor allem jetzt in der Anfangsphase – ich muss das Foilen ja erst noch lernen. 

SegelReporter: Hast Du gar keine Foil-Erfahrungen?

Isabelle Joschke: Kaum. Auf kleineren Booten wie Katamaranen und auch auf der Moth. Aber hier auf den IMOCA ist das was ganz anderes und kaum vergleichbar. 

Isabelle joschke, IMOCA, Vendée Globe

“Es könnte deutlich hektischer werden mit den Foils!” © martinez MACSF

SegelReporter: Also stehen Dir spannende Trainingswochen bevor. Wie werden die ablaufen – hast du spezielle Trainer für die Foilerei?

Isabelle Joschke: Ich werde mit einem Trainer zusammenarbeiten, der viel Erfahrung mit dem Foilen auf großen Katamaranen, beispielsweise auf dem Genfer See hat. Zudem coacht mich der ehemalige Trainer von Yann Elies, der Vorbesitzer meines Bootes. Und last, aber not least Morgan Lagraviere, mit dem ich die kommende Transat Jacques Vabre im November segeln werde. Morgan hat reichlich Erfahrung mit Foils auf IMOCA. Ich bin also von sehr guten Leuten umgeben.  Das Wichtigste wird sein: Segeln, segeln und nochmals segeln. Man muss vorsichtig sein, aber auch die Limits kennenlernen. Erfahrung ist hier alles. Ich muss ein Gefühl für die neuen Geschwindigkeiten bekommen. Und die werden beeindruckend sein, glaub’ mir. 

SegelReporter: Auf Deinem Boot thront auch ein neuer Mast und ein anderes Riggsystem, im Vergleich zu vorher.

Isabelle Joschke: Ja, wir haben nun die langen, seitlichen Outrigger statt der Salinge am Mast. Zudem steht der Mast auf einer Kugel, so dass er sich jeweils auf jedem Bug ca. 50 Grad mitdrehen kann. Das System als solches ist einfacher zu handhaben. Denk’ nur mal ans Reffen: Wenn Du alleine etwa vor oder bei raumem Wind segelst, sind auf dem IMOCA die Reff-Manöver sehr wichtig für die Sicherheit und den Bootsspeed.  Und die klappen, mit dem Mast, der sich quasi mit dem Baum mitdreht, richtig gut. 

Isabelle joschke, IMOCA, Vendée Globe

“Mit den Foils beginnt so etwas wie eine neue Ära für mich” © Isabelle Joschke

SegelReporter: Wann geht’s mit dem Training los? 

Isabelle Joschke: In wenigen Tagen schon. Und in zwei Wochen ist die Azimuth-Zweihand-Regatta, die segle ich dann mit Morgan Lagraviere. Training im Regattamodus für die TJV.

SegelReporter: Wenn Du vor so viel Neuem und in gewisser Hinsicht ja auch Unberechenbarem stehst – schläft frau da noch gut? 

Isabelle Joschke: Ich habe nun seit mehr als 15 Jahren einen ziemlich stressigen Job. Mini Kampagne, sieben Jahre im Figaro-Zirkus, Class 40 und nun die IMOCA – das härtet ab. Klar, niemand kann wissen, was morgen passiert. Und auf diesen Booten kann viel passieren. Aber sie sind auch mit guter Vorbereitung zu beherrschen. Ntürlich bin ich nervös, aber nicht übermäßig. Nur gerade so viel, dass ich einen guten „Drive“ habe. Und, ja: Ich schlaf’ gut! 

SegelReporter: Bleiben wir noch bei stressigen Momenten. Zum Beispiel bei Deinem Mastbruch während der Route du Rhum. Wie kam es eigentlich dazu? 

Isabelle Joschke: Ich fuhr relativ hoch am Wind, ungefähr 60 Grad. Es wehte mit ca. 30 Knoten, was für die IMOCA zwar schon ganz ordentlich ist, aber durchaus beherrschbar. Wasserballast und Kiel in Luv. Ich zog mich unter Deck gerade um, es war mitten in der Nacht, ca. 3 Uhr, als mein Autopilot aus völlig unerfindlichen Gründen beschloss, eine Wende zu fahren. Und zack – das Boot lag auf der falschen Seite: Mehr als eine Tonne Wasser, der Kiel, das ganze Material wie Segel etc. alles drückte jetzt nach Lee. Vorsegel und Großsegel back, Backstag auf der falschen Seite angezogen – Mast und Groß auf dem Wasser. Um nun wieder ein wenig Fahrt aufnehmen zu können, damit sich das Boot aufrichten kann, muss auch der Backstag gefiert werden. Und dabei verhakte der sich wohl der Backstag  in der Saling, zumindest nehme ich das an. Sicher bin ich mir nicht. Das Boot richtete sich auf, es kam wieder Druck in die Segel, in den Backstag, der die Saling mitriss… dann gab es dieses grauenvolle Geräusch und knack, war der Mast gebrochen. Es war furchtbar. Der Rest geht automatisch: Eisensäge greifen und sofort anfangen, die Wanten und den Vorstag abzuschneiden. Nur weg den Mast vom Rumpf. Dabei musste ich immer aufpassen, dass ich nicht vom Segel oder von den Mastresten über Bord geschleudert werde. Irgendwann war ich so kaputt, dass ich mich erstmal schlafen legen musste. Und am nächsten Morgen stellte ich fest, dass immer noch das Rigg an einem Vorstag hing. Dafür musste ich auf den Gennakerbaum raus – es war zum Verzweifeln und hat echt lange gedauert. Als ich dann alles „los“ war, konnte ich vor dem Wind mit fünf Knoten Speed Richtung Bretagne „segeln“. 

Isabelle joschke, IMOCA, Vendée Globe

Foils neu, neuer Mast, neues Branding © macsf/gladu

SegelReporter: Hört sich wirklich stressig an. Aber ist ja zum Glück alles ohne Verletzungen abgelaufen. Denkst du noch oft an dieses Desaster?

Isabelle Joschke: Nein, sowas muss verarbeitet und dann ausgeklammert werden. 

SegelReporter: Wir haben ja bereits öfters bei SegelReporter darüber berichtet – Du engagierst Dich besonders für Frauen im Segelsport. Steht das auch bei Deiner Vendée Globe Kampagne im Vordergrund? 

Isabelle Joschke: Das Thema ist mir wirklich sehr wichtig. Mit „Horizon Mixité“ will ich erreichen, dass sich mehr Frauen für den Segelsport interessieren. Derzeit legen wir den Fokus auf Mädchen und junge Frauen und versuchen mit meinem Beispiel sie zu ermutigen, sich in vermeintlichen Männerdomänen zu engagieren. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass je mehr Frauen an Rennen wie der Vendée Globe teilnehmen, auch mehr Beispiele für andere gegeben werden, sich an das angeblich „Unmögliche“ heran zu trauen. Das formt und schult fürs Leben. Insofern ist es wichtig, dass wir mehr Frauen am Start großer Hochseeregatten haben.

SegelReporter: Reist Du dann von Schulklasse zu Schulklasse und hältst Vorträge?

Isabelle Joschke: Ja, durchaus. Aber es gibt auch Klassen, die mich sozusagen „aus der Ferne“ begleiten und die ich mit Mails, Telefonaten, kleinen Videos versorge. Am spannendsten sind aber natürlich die direkten Kontakte. Wenn du Mädchen oder jungen Frauen in der Pariser Banlieue oder den Marseiller Vorstädten Mut machen und Selbstvertrauen geben kannst, dann ist das etwas ganz Besonderes. Aber auch außerhalb der sozial schwächeren Bereiche ist Horizon Mixité etwas Besonderes. Es geht einfach darum, Frauen zum Segeln zu ermutigen. Grade in Frankreich gibt es  viele Frauen, die den Segelsport mögen, aber sich nicht an die Pinne trauen. Ich weiß nicht wie es in Deutschland ist, aber wenn Frau und Mann aufs Boot gehen, sitzt immer der Mann am Ruder. Die Girls brauchen einfach mehr Selbstvertrauen – und Frauen wie Sam Davies, Justine Mettraux oder eben ich helfen da viel weiter. 

Isabelle joschke, IMOCA, Vendée Globe

“Wagt es” oder “traut Euch” steht unter dem Rumpf. © lanic sport team

SegelReporter: Schon mal etwas vom deutschen „Helga Cup“ in Hamburg gehört?

Isabelle Joschke: Ein wenig ist davon zu mir durchgesickert. Soll der Welt größte Frauenregatta sein, oder? 

SegelReporter:  Stimmt. Großer Erfolg, auch bei Frauen aus anderen Ländern als Deutschland.

Isabelle Joschke: Wir machen mit dem Women’s Cup in Pornichet was Ähnliches. Auch auf J 70, haben aber nicht so einen großen Erfolg. Liegt vielleicht daran, dass wir auf der See und nicht auf einem Binnenrevier unterwegs sind. Bei uns ist jedenfalls richtiges Segeln angesagt. 

SegelReporter: Kann frau Deiner Meinung nach überhaupt über die J 70 zum Hochseesegeln kommen?

Isabelle Joschke: Das ist ja auch nicht unbedingt das Ziel solcher Veranstaltungen. Es geht eher um die Begeisterung von Frauen fürs Segeln. Wenn sich Frauen wirklich im Hochseesegelsport engagieren wollen, kann ich nur den „klassischen Weg“ empfehlen: Erst eine Mini-Kampagne, dann Figaro, vielleicht danach Class 40 und relativ rasch auf eine IMOCA. 

SegelReporter: Dafür braucht man aber finanzkräftige Sponsoren. Die laufen einem ja auch nicht überall über den Weg. 

Isabelle Joschke: Ich denke, dass es derzeit Frauen einfacher haben, einen Sponsor zu finden, als Männer. Das Thema „Frauen im Hochseesegeln“ liegt sehr im Trend. Und die Konkurrenz unter Männern ist ungleich größer. Aber die Frauen müssen Geduld haben. Ein Fall wie Clarisse Kremer, die einfach mal so vom Mini auf die IMOCA kommt, ist eher selten. Bei Clarisse mag das funktionieren, mir wäre das jedenfalls zu schnell gegangen. Letztendlich kommt es darauf an, sich segelnd zu empfehlen. Das heißt: Viel Zeit beim Segeln verbringen, gute Resultate einfahren und nie die Zuversicht verlieren. Ich bin  überzeugt, dass alle Frauen, die wirklich im Hochseesegeln Fuß fassen wollen, das auch schaffen können und werden! 

SegelReporter: Merci Isabelle, für dieses Gespräch. Und toi toi toi für die nächsten Wochen und Monate auf Deinem nun foilenden IMOCA. 

Website Isabelle Joschke + Horizon mixité. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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