Vendée Globe: Isabelle Joschke im Wechsel der Gefühle – Himmel und Gemüt klaren auf!

Wellen voller Emotionen

Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke segelt seit dem Abbruch ihrer Freundin und Konkurrentin Samantha Davies konsequent als bestplatzierte Frau in den Top Ten. Und fühlt sich nun endlich bei der Vendée Globe „angekommen“! 

Auf dem Gennaker-Spriet

Neulich bei der Vendée Globe. Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke kriecht fluchend auf allen Vieren durch ihren IMOCA MACSF. Zum x-ten Mal öffnet sie wasserdichte Seesäcke, in denen ihre „persönlichen“ Dinge verstaut sind. Sie wühlt sich durch Taschen, auf denen fett „Essen“ mit dem Marker geschrieben wurde, hebt Säcke an und schaut darunter, dreht Beutel um und kramt zwischen herumliegenden Leinen. „Et merde, irgendwo muss das Ding doch sein! Es kann sich nicht einfach so in Luft auflösen!“ 

Isabelle sucht nicht nach dem einen, wichtigen Bolzen, hält nicht Ausschau nach dem unersetzlichen Werkzeug für irgendeine Reparatur. Auch ihre dritte Winschkurbel sucht sie nicht, von denen sie übrigens schon zwei abgebrochen hat und nun nur noch eine in Reserve mit sich führt. Nein, Isabelle fahndet schon seit Tagen nach ihrer „liseuse“, ihrem E-Book-Reader. „Das Teil ist einfach nicht aufzutreiben. Endlich hätte ich mal ein wenig Zeit, um mich gedanklich abzulenken, aber immer wenn man etwas wirklich braucht, hat es sich irgendwo versteckt!“ 

Auf gutem Weg

Was sich für unsereinen eher banal darstellen mag, ist für eingefleischte Joschke-Fans, die es mittlerweile gelernt haben, Informationen „zwischen den Zeilen“ zu lesen oder aus einer bestimmten Tonlage heraus zu hören, eine sehr positive Nachricht. Denn wenn Isabelle endlich, endlich Zeit für sich findet, dann ist sie wieder auf einem guten Weg.

Auch wenn es erstaunlich klingt, aber Isabelle Joschke beginnt erst und ausgerechnet jetzt, nach dem Passieren des australischen Kap Leuwin und somit vor den Toren des Southern Ocean, nach eigenen Aussagen „in dieser Regatta anzukommen“. 

Im Manöver

Das mag wiederum daran liegen, dass sie mit ganz anderem Wetter in diesen Breitengraden empfangen wurde, als sie eigentlich befürchtet hatte. Nach langen, grauen und tristen Tagen scheint plötzlich die Sonne auf MACSF und ihre Skipperin; Albatrosse fliegen majestätisch, ohne Regung in ihren Schwingen um den IMOCA herum und das Boot läuft cool, bei lockeren 15 Knoten Wind wie auf Schienen.

Die letzten Reparaturen sind erledigt, die nächsten kommen bestimmt, aber hoffentlich erst in ein paar Stunden. „Ich habe tatsächlich endlich die Zeit gefunden, mich zurückzulehnen und aufzuatmen,“ sagt sie mit offensichtlich erlöster Stimme in ihrem letzten Podcast – Isabelles liebstes Medium für die Kommunikation mit den Daheimgebliebenen. Nur, was jetzt eben fehlt ist die vermaledeite „liseuse“. 

Jedes seltsame Geräusch erzeugt Argwohn

Tatsächlich stand Isabelle Joschke seit Beginn dieser Regatta unter Strom. Und das paradoxerweise nicht, weil sie etwa mit schweren Schäden am Boot zu kämpfen hatte. Sondern eher, weil sie genau diese befürchtete. 

Stolz am zweiten der drei großen Vendée Globe-Kaps vorbei © joschke/MACSF

Kunststück, Isabelle Joschke zählt bis dato zu den größten Pechvögeln im Hochseezirkus. Viel zu oft wurden ihre meist hervorragenden seglerischen Leistungen durch Bruch oder Materialermüdung geschmälert (SR-Interview). Zuletzt machte sie bei der Quali-Regatta Les Sables Acores Les Sables von sich reden, als in den Top Five segelnd der Baum brach. 

Und genau solche Malheurs galt und gilt es zu vermeiden

Vielleicht kann dies der eine oder andere Leser aus eigener Erfahrung nachvollziehen: Obwohl das Boot von einem der solidesten Shore-Teams der französischen Atlantikküste bestens präpariert wurde, obwohl längst andere, deutlich besser „Betuchte“  wegen schwerer Schäden aufgeben mussten, obwohl Isabelle mit Alain Gautier einen der erfahrensten Vendée Globe-Spezialisten als Mentor im Team weiß,  hat frau „als gebranntes Kind“ weiterhin reichlich „Mores vor der Streichholzflamme“.

Obwohl zuhause nicht gerade als sehr bastelfreudig bekannt, schlägt sich Isabelle an Bord hervorragend © joschke

Oder um an Bord der IMOCA zu bleiben: Isabelle hört seit dem Startschuss mit Argwohn und fast schon manisch auf noch so leise neue Geräusche, checkt alles doppelt und dreifach und repariert lieber viel früher als etwaig zu spät. 

Turnen auf dem Gennaker-Spriet

So kam es, dass Isabelle Joschke im Prinzip seit Beginn der Regatta immer etwas zu basteln hatte, wenn sie nicht gerade aufgrund von Schwerwetterlagen eingekeilt vor dem Bildschirm saß oder stundenlang Manöver vorbereiten und durchführen musste. 

„Als hätte ich nichts anderes zu tun, bin ich derzeit nur mit Reparaturen beschäftigt,“ stöhnte Isabelle Joschke in mehreren ihrer Short-Videos, die sie der Vendée Globe Organisation zur Verfügung stellt. Und ihr dabei ziemlich angespannter Gesichtsausdruck lässt ahnen, dass sie nicht gerade gnädig mit ihrer Shore-Crew daheim in Lorient umgeht, wenn sie mal wieder anruft, weil dies oder jenes kaputt gegangen ist und sie Erklärungen für die Reparatur benötigt. 

Nein, kein Covid19-Test auf Hoher See, sondern Isabelle Joschke in Arbeitsmontur © joschke

Ihr größtes Problem bis dato war wohl, als ihr ein Großteil der Heckreling abgerissen wurde. Somit musste sie bei jedem Gang nach draußen angeleint bleiben.  Brecher hätten sie sonst über Bord gespült. Nach mehreren Tagen Reparatur in voller Fahrt (und Montur) war auch das erledigt.

Ganz zuletzt turnte Isabelle sogar auf dem Gennakerspriet herum – immerhin eine Reparatur, die bei der Organisation wegen erhöhtem Risiko angemeldet werden muss. 

Doch noch etwas anderes fällt gerade von der 43-Jährigen wie der vielzitierte Stein vom Herzen: Angst! 

Eine Angst, mit der die Deutsch-Französin kommunikativ völlig offen umgeht; eine Angst, bei der ihr vor allem schwer auf den „Keks geht“, dass sie sich deswegen – zum Beispiel auf ihrer Facebook-Seite – dauernd rechtfertigen soll. „Es hat mich wirklich schwer getroffen, als ich die Nachricht von Kevin Escoffiers Havarie hörte, als man mir mitteilte, dass sein IMOCA ohne Vorwarnung auseinander gebrochen war und er stundenlang im Rettungsfloß saß. Und um ganz ehrlich zu sein: Es war nicht nur Angst um Kevin, sondern auch die Angst, dass mir Ähnliches passieren könnte.“ Entsprechend berührend klang ihr Podcast, den sie nach Kevins Rettung durch Jean le Cam für ihre Fans vor Erleichterung aber auch ein wenig vor Angst weinend aufgenommen hatte.

Bestplatzierte Frau 

Bei alledem segelt Isabelle Joschke, die erfahrene und erfolgreiche Mini-, Figaro-, Class40 und IMOCA-Seglerin, ein klasse Rennen. Nach anfänglicher, vorsichtiger Zurückhaltung, nach einem taktischen Fehler beim Vermeiden des ersten Sturms im Atlantik (was sie einige Rangplätze kostete), kämpfte sie sich unaufhaltsam nach vorne.

Mit dem Kap der Guten Hoffnung querab, hatte sie ihre große Konkurrentin und gute Freundin Samantha Davies auf Rang 10 fast eingeholt, als diese nach Havarie aufgeben musste. Kurz nach Bekanntgabe von Davies’ Schlamassel kreuzten sich die Routen der beiden Boote in Sichtweite. Davies: „Isabelle, ich bleibe in Gedanken bei Dir!“

Aufatmen bei freundlicherem Wetter © joschke/MACSF

Seitdem segelt Isabelle Joschke beständig in den Top Ten. Sie lieferte sich Races mit Landsmann Boris Herrmann (der jedoch mittlerweile wieder einen Vorsprung von knapp 200 Seemeilen heraussegeln konnte) und hielt sich bisher ihre direkten Verfolger Maxime Sorel und Giancarlo Pedote erfolgreich von der Pelle. Dazwischen jedoch immer wieder: Reparaturen, Basteleien und Tiefdruckgebiete, denen clever und dennoch vorsichtig ausgewichen werden musste. Während andere einfach durchfuhren. 

Never change successful plans

„All’ das sind Gefühle und Emotionen, die mich auf dem Boot in dieser Einsamkeit logischerweise den ganzen Tag begleiten. Und die man nur schwer wieder loswird, ganz zu schweigen davon, dass man sie noch schwieriger in so etwas wie Glück umwandeln kann.“ 

Isabelle Joschkes IMOCA © Martinez/MACSF

Doch genau das scheint sich jetzt gerade bei Isabelle Joschke abzuspielen, ausgerechnet (oder folgerichtig?) vor dem gefürchteten Southern Ocean. „Klar, ich werde vorsichtig weiter segeln, so wie bisher. Und trotzdem ein Maximum von mir einbringen!“  Aber sie werde eben nicht das Maximum aus der MACSF herausholen, sondern immer noch etwas übrig lassen für schwierigere Zeiten.

„Damit bin ich bisher ganz gut gefahren!“ Never change successful plans, könnte also ihr Motto lauten. Bleibt zu hoffen, dass sie auch im Southern Ocean immer einen Weg zwischen den üblen Wettersystem erkunden wird. Und dass sie endlich diese „liseuse“ findet!

Race-Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

2 Kommentare zu „Vendée Globe: Isabelle Joschke im Wechsel der Gefühle – Himmel und Gemüt klaren auf!“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Ein schöner Artikel.
    Es sind halt alles Menschen auf diesen IMOCAs. Auch wenn ich mir nur schwer vorstellen kann, wie Mensch dass auf diesen Kisten im Southern Ocean wochenlang aushält.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. SR sollte sich ne bessere SW zulegen, so wird es langsam nervig mit den Alfa Typen hier, bei VOR war ich kostenfrei mit guten Videos (vimeo) nicht YouTube versorgt…

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