Vendée-Globe-Letzter: Wo ist eigentlich Sebastien Destremau angetrieben?

Gefangener der See

Sebastien Destremau segelte bei der Vendée Globe chancenlos hinterher und strandete in Neuseeland. Er schickte wunderliche Videos von Bord. Nun lässt er sich treiben. Wohin, das weiß er noch nicht so genau.

Jede Sportart hat bekanntlich seine „bunten Vögel“. Menschen, die nicht unbedingt durch Erfolge glänzen, aber der Szene das vielgerühmte „Menschliche“ verleihen. Und damit, ganz nebenbei, meistens wunderbar unterhalten.

Beziehen wir diese Erkenntnis auf die vergangene Vendée Globe, stellt sich stante pede die Frage: Was macht eigentlich Sebastien Destremau</a

Ein Leben mit Höhen und Tiefen

SR-Leser wissen längst, dass der segelnde Tausendsassa aus Toulon unter den SegelReportern reichlich Sympathie genießt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er uns als Sportjournalist mit seinen Destopnews jahrelang Informationen aus der französischen und anglophilen Szene lieferte.

Sebastien Destremau im Indischen Ozean während der Vendée Globe © destremau

Man kann jedoch vor dem quirligen Segler auch sportlich den Hut ziehen! Denn immerhin hat er in den guten alten Zeiten als FD-Vorschoter während seiner Olympiakampagne auch kurzzeitig als Sparringspartner SR-Chefredakteur Carsten Kemmling hin und wieder den Spiegel gezeigt, das Sydney Hobart-Race gewonnen, beim Volvo Ocean Race mitgesegelt, war beim America’s Cup sechsmal dabei und versucht nun seine zweite Einhand-Weltumseglung im Rahmen der Vendée Globe irgendwie und in allen (südfranzösischen) Ehren zu Ende zu bringen.

Die Cockpitabdeckung aus Naturfasern war schon früh zerstört. © Destremau / Merci

Denn nachdem Sebastien Destremau zwar die Vendée Globe 2016/17 als mit Abstand Letztplatzierter aber doch immerhin gefinisht hatte, waren ihm die Meeres- und Technikgötter bei der vergangenen Ausgabe der Weltumrundungsregatta nicht gerade wohl gesonnen.

Sébastien Destremau schreit beim Mast-Klettern seinen Frust heraus. © Destremau / Merci

Obwohl auch das eine Frage des Blickwinkels sei, erklärte Sebastien Destremau neulich durchaus selbstkritisch in den Sozialen Medien. Denn bei einer derart schlechten Vorbereitung einer Nonstop-Weltumseglung, bei solch einem desolaten Zustand seines Bootes schon vor dem Start, sei es eigentlich ein Wunder, dass nichts Schlimmeres mit ihm oder seiner IMOCA „Merci“ (Baujahr 2005, Riss und Werft Artech do Brasil) passiert sei.

Manchmal konnte man nach den ersten Monaten der Vendée Globe etwas Angst bekommen, wenn man Destremaus Onboard-Videos sah. Er filmte sich schon mal, wie er schreiend im Mast hängt:

 

Die französischen Segelmedien berichteten schließlich nur noch mit gemischten Gefühlen über den Vendée Globe Nachzügler. Zuletzt hieß es bei Ouest-France: “Merci Sebastien, aber nun es ist Zeit, nach Hause zu gehen…” Sie nannten seine Cockpitabdeckung eine “lächerliche Pappmütze” und forderten ihn auf, den “Blinker links” zu setzen als er mit seinem kaputten Boot auf der Höhe von Neuseeland 7000 Meilen hinter den Führenden der Regatta hertrieb. Nach 65 Tagen segelte der nächste Konkurrent Ari Huusela – mit dem er sogar fast einmal zusammengestoßen wäre – mehr als 1.500 Meilen voraus.

“So wie es aussieht, ist Sébastien Destremau nicht in der Lage, das Abenteuer ohne Risiko für sich selbst fortzusetzen. Er sollte niemanden in Gefahr bringen, der ihn im Notfall retten müsste.”

Die Probleme waren nicht das Problem

Sebastien Destremau hatte am 16. Januar ein Einsehen und gab die Vendée Globe auf – „nur“ wegen der schieren Anhäufung mittelschwerer technischer Probleme. In der Masse wären die Reparaturen zu aufwändig gewesen, um einen Pit-Stop einzulegen und später im Rahmen der Regatta weiterzusegeln. Risse im Bugspriet, Brand im Motor, Probleme mit dem Rudersystem, ein zickender Autopilot, Schäden an der Hydraulik des Pendelkiels… die Liste war lang, letztendlich viel zu lang.

War schon ganz oben und hat ebenso tiefe Abstürze erlebt: Destremau im Mast seiner “Merci” © destremau

Am 18. Januar legte sich Sebastien Destremau im Handelshafen von Christchurch auf der Südinsel von Neuseeland ordnungsgemäß an die „Check-In-Boje“ und wollte seine Einreiseformalitäten erledigen, um so schnell wie möglich mit den Reparaturen an Bord beginnen zu können. Doch die Neuseeländer hatten gerade ihre zweite Corona-Welle gemeistert und wollten keinerlei Risiko eingehen.

Für Pechvogel Destremau hieß das: 10 Tage strikte Quarantäne. Ganz egal, ob er schon wochenlang zuvor ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen auf dem Atlantik und Indischen Ozean unterwegs gewesen sei. Tag und Nacht unter Aufsicht der Zollbehörde – das war gar nicht nach dem Geschmack des „freiheitsliebenden“ Sebastien. Entsprechend schlecht gelaunt wirkten seine Nachrichten aus Kiwi-Land.

Die Merci an der Boje vor Noumea – Luvtonne für die Opti-Kids © destremau

Nach dem Ende der Quarantäne konnte der Südfranzose endlich mit den Reparaturen beginnen. Sebastien rechnete mit ca. zwei Wochen, doch ein Teil machte Schwierigkeiten: Ein Lager im Rudersystem, das die korrekte Funktion des Autopiloten ermöglicht, musste in Frankreich gebaut und von dort aus verschifft werden – Transportflüge nach Neuseeland waren pandemische Seltenheit geworden.

Zu spät fürs Kap Hoorn

Weitere sechs Wochen später kann Sebastien Destremau ablegen. Doch es ist längst zu spät, um wie vorgesehen die Weltumseglung alleine, nonstop und somit in Ehren zu beenden. Gerade am berüchtigten Kap Hoorn sind im frühen Winter der Südhalbkugel miserable Wetterbedingungen zu erwarten. Stürme, die „Merci“ niemals aushalten würde. Und auf die Destremau per se gar keine Lust hat.  

Destremau, Vendée Globe, Letztplatzierter

“Ich würde wieder rausfahren!” tönte er 2017 schon Stunden nach seiner Ankunft. Nicht alle glaubten ihm © vendée globe

Also segelte der Franzose in zumindest sprachlich bekannte Gefilde weiter nach Neukaledonien. Auf der Überfahrt ging erneut einiges zu Bruch – Destremau macht sich nicht einmal mehr die Mühe seiner Fangemeinde Details mitzuteilen – doch schließlich landeten „Merci“ und Skipper an einer Muringboje in der Bucht von Nouméa, der Haupstadt Neukaledoniens/Melanesien.

Wo das Boot wohl einige Zeit bleiben wird, denn die Wetter-Aussichten im Winter der südlichen Breitengrade machen auf vieles Lust – bloß eben nicht auf lange, einsame Schläge durch den Southern Ocean.

Destremau, Buch, Vendée Globe

Keel walk, keel sit… kann Destremau auch alles! © vendée globe

So tingelt der Mann, dessen Segelkarriere alle Höhen und Tiefen gesehen hat, der als Hafen-Kneipenwirt Streitereien mit Fäusten und Pumpgun-Luftschüssen beendete, dessen Boot bereits mehrfach von Vandalen geplündert und der sogar von Piraten aufgebracht wurde , der bereits eine Bestseller-Autobiografie schrieb und über dessen Leben und Abenteuer ein zweibändiger Comic-Band in Frankreich erschien… dieser Held des Segelns tingelt nun von Zwergschule zu Zwergschule auf den Neukaledonischen Inseln und erzählt den Kindern von seinen Abenteuern. Um ihnen die Faszination der See näher zu bringen. Genau das, was ihn – allen Rückschlägen zum Trotz – immer wieder zum Horizont und weitertreibt.

Ankommen, aber wo?

Keine schlechte Art, nach einer Pechsträhne wieder „runter zu kommen“. Und wenn es mit der Melancholie und Sehnsucht nach dem „Grand Bleu“ ganz schlimm wird, dann singt Sebastien Destremau Lieder mit Texten, die seine Tochter geschrieben hat (Video oben). Von süßer Gefangenschaft auf See chansoniert Sebastien, von der Weite des Ozeans, von Albatrossen, dem Gesang des Meeres und den Geräuschen des Bootes.

Und davon, dass er irgendwann ankommen wird. Nur wo, das weiß er eben noch nicht so genau.

Sébastien Destremau schickte erstaunliche Videos von Bord:

Rundgang auf dem kaputten Boot zu Beginn der Vendée Globe:

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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