Vendée Globe: Louis Burton verblüfft alle – Chaot zwischen Regatta und Autorennen

Der Speedfreak

Darf’s ein bisschen mehr sein? Louis Burton wollte sich mit seinem siebten Rang bei der letzten Vendée Globe nicht zufrieden geben. Also besorgte ihm sein Sponsor das Siegerboot von 2017.

Louis Burton wie er das Segeln liebt: In Action © Burton(La Vallée

Neulich bei der Vendée Globe. Auf Höhe der Kanaren wabert ein fettes Hoch und versperrt den führenden Booten den Weg Richtung Ziel. Erklärte Leichtwindspezialisten und Viel-Manövrierer wie Spitzenreiter Dalin halten selbstbewusst drauf zu – Louis Burton entscheidet sich für eine andere, ziemlich radikale Lösung: Er segelt Richtung Nordwesten, weit außen um das Hoch herum. So ist ihm auf dem längeren Weg auf den Rückseiten des Hochs der Wind immer sicher. „Wenn ich eines weiß, dann dies: Bei ordentlichem Wind bin ich richtig gut. Ich kann schnell segeln, mein Boot hält das in jedem Seegang durch und wir beide hassen schwache Winde,“ berichtet Burton später. Und tatsächlich, die Rechnung geht auf, Burton bleibt bleibt vorne dabei, trotz enormem Umweg. Ein paar Tage später eine ähnliche Situation: Kurz vor Einfahrt in die Biskaya wartet wieder eine Schwachwindzone. Burton optiert erneut für den Schlenker außen herum – diesmal ziehen direkte Konkurrenten wie Ruyant und Bestaven hinter ihm mit. Kurz vor dem Ziel scheint sich das Manöver auszuzahlen: Burton segelt auf Rang Zwei. 

Hauptsache schnell

Die IMOCA-Szene runzelt die Augenbrauen. Moment mal, Louis Burton? Loulou, wie er mitunter etwas verniedlichend genannt wird, segelt um den Sieg? Ausgerechnet Louis, nicht gerade bekannt für knallhartes Durchhaltevermögen, absolviert hier die Regatta seines Lebens? 

Tatsächlich zählt Louis Burton ohne wenn und aber zu den ganz großen Überraschungen dieser Vendée Globe. Und das eben vor allem, weil er einen unglaublichen Biss gezeigt hat und aus ausweglos erscheinenden Situationen immer wieder nach vorne preschte. Tiefpunkt für Burton: Im Southern Ocean musste er südöstlich von Tasmanien den Windschatten einer felsigen, unbewohnten Insel suchen, um mehrfach für Reparaturen in den Mast zu steigen. Dabei verlor er Hunderte Seemeilen zur Spitze – segelte aber zum großen Erstaunen vieler Couchpotatoes dennoch weiter. Mit einer fulminanten Aufholjagd, bei der er größtenteils gefühlte zwei Meter neben der Eisgrenze entlang schlitterte, schaffte er vor Kap Hoorn den Anschluss an die Top Five und segelte auf Höhe Brasilien schon Top Drei. Typisch Burton: Immer wenn es kernig wurde mit Wind, Wellen und überhaupt dem Wetter, griff er an. 

Es gab viel zu reparieren – Burton hat alles geschafft. Wer hätte das zuvor gedacht? © burton

Kein Wunder, werden jetzt viele sagen. Schließlich hat der Mann ein gewisses Potential unter dem Hintern: Louis Burtons „Bureau Vallée“ ist die ex „Banque Populaire“, unter Armel Le Cleac’h Siegerboot der letzten Vendée Globe. Ein bewährtes Boot also, obwohl die Szene-Spatzen damals beim Weiterverkauf von den Dächern sangen, dass es sich bei der Banque Pop’ um einen IMOCA handle, der eben nur für den Sieg bei dieser einen Regatta gebaut wurde. Ob so ein Boot nochmals eine schnelle Vendée Globe durchhalten würde?  

Doch zurück zu Louis Burton. Der 35-Jährige erstaunt die Szene mit seinem „Biss“ deshalb, weil er sich „unterm Jahr“, zwischen den Regatten, ausgesprochen rar macht. Gelinde gesagt: Louis Burton zählt zu den weniger Trainingsfleißigen. Das mag einerseits an seinem Heimathafen St. Malo liegen, wo im Gegensatz zu Trainingszentren wie Lorient oder Port La Foret Tiden-Schleusen den Trainingsverkehr regeln und erschweren. 

Durchhaltevermögen gezeigt

Andrerseits weiß man, dass Louis Burton per se eher zur großen Action neigt, als zu akribischem Trimm-Training oder theoretischen Seminaren, wie sie in den typischen IMOCA-Trainingsgruppen durchgeführt werden. 

Auch was das buchstäblich Sportliche im Sinne der körperlichen Fitness anbelangt, geht und ging Burton schon immer seinen eigenen Weg. Obwohl er als Mittdreißiger durchaus eine gute Figur macht, sollte man ihn weder zu den hart trainierenden Ausdauer-Typen wie Pedote, Ruyant oder Dalin zählen, noch zu den nicht weniger hart arbeitenden Eisenstemmern wie Beyou. Nein, der starke Zigarettenraucher Burton steht konsequent auf Speed, Geschwindigkeit, Rasanz und fährt lieber „sportlich Auto“. Nicht mehr und nicht weniger. 

Nicht umsonst erstaunte er etwa 2019 bei den wohl einzigen, direkten Speedvergleichen, die er mit seiner Bureau Vallée vor Lorient mit Charal segelte, dass er dem damaligen State of the Art-Boot mitunter die Show stahl. Zwar gelang ihm bei den letzten IMOCA-Regatten, die er segelte, nicht unbedingt der große Wurf. Aber Louis Burton ist einer dieser Typen, die in Sachen Segeln nur das eine im Kopf haben: Vendée Globe! Vielleicht noch Route du Rhum, bei der er 2015 auf seinem alten Boot immerhin sehr respektabler Fünfter wurde. Im Weiteren: Die große Runde zählt, alles andere sind Nebensächlichkeiten.

Bei der Vendée Globe reihte er sich folgerichtig schon als 27-Jähriger erstmals ein. Auf einem IMOCA, der zudem schwer und „behäbig“ (O-Ton) war. Drei Tage nach dem Start der VG 2012 rammte er einen Trawler vor Portugal. Danach versuchte er zwar noch für eine Reparatur nach les Sables umzukehren, doch im spanischen La Coruna musste er schließlich aufgeben. 

Burton gibt im Sturm immer mächtig Gas © Stephane MAILLARD

Was macht Louis Burton kurz darauf, während seine Segel-Kollegen auf den Wasserwüsten um die Welt brettern? Er meldet sich noch rasch fürs Africa Eco Race (ein Nachfolger der Paris-Dakar)  an und rast auf einem Buggy durch die Sandwüsten der Sahara. „In den Dünen war es fast so gut wie zwischen den Wellen!“ schwärmt er später im Interview mit „Le Monde“: „Wenn das mit dem Segeln nicht geklappt hätte, wäre ich Autorennfahrer geworden.

Dass Louis Burton aus einem finanziell gut aufgestellten Hause kommt, soll hier nur am Rande erwähnt werden.

Zwei Partner, die sich wunderbar ergänzen

Apropos, zuhause ist das Leben des Louis Burton, mittlerweile Vater von zwei Kindern, jedoch nahezu ausschließlich auf „Segeln“ eingestellt. Was nicht erstaunen dürfte, denn er ist mit Servane Escoffier verheiratet. Die Tochter von Bob Escoffier, ein bekannter Hochsee-Regattier der Achtziger- und Neunzigerjahre aus St. Malo und stolzer Klassiker-Restaurateur, beispielsweise der Dreimastbark „Francais“, gehört einer alten St.Malo-Dynastie an. 

Die Cousine von Kevin Escoffier – ja, ja, genau: Dessen Boot „PRB“ bei der aktuellen Vendée Globe absoff und der von Jean le Cam gerettet wurde – macht familiengetreu keinen Hehl daraus, dass Hochseesegeln ihr Lebensinhalt ist und wohl bleiben wird. Sie selbst segelte mehrere Transats (solo und im Team), machte beim Barcelona World Race mit, segelte im Figaro -Zirkus. 2019 schaffte sie mit ihrem Gatten den 4. Rang beim Fastnet Race. 

Burton mit seiner Frau und Managerin Servane Escoffier. © Buro Louis Burton

Nun könnte man meinen, dass zwei starke Segler in einer Ehe… Doch hier ist sich die Szene einig: Das Paar gilt als komplementär, ergänzt sich also bestens. Sie als coole und bedachte Frau, die ein Grundvertrauen in das Potential ihres Ehemannes hat. Er als liebenswerter Chaot mit seinem Hang zum Speedfreak. Unnötig zu erwähnen, dass Servane Escoffier seit drei Monaten jede Stunde, jede Minute bei ihrem Mann „an Bord“ ist. Erst recht jetzt auf den letzten Meilen. 

Wie auch immer Louis Burton die letzten Stunden dieser Vendée Globe meistern wird – er hat bereits alle Erwartungen übertroffen. Seine eigenen lauteten: Besser finishen als bei der letzten Teilnahme 2017, als er immerhin Siebter wurde. Auf einem „schweren, viel zu langsamen Kahn“ (Burton) ohne Foils. Und die Erwartungen seiner Frau, die sich vor allem wünschte, dass er endlich mal zufrieden von einer Vendée Globe zurückkehrt. 

Darf’s auch ein bisschen Glücksrausch sein?

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Michael Kunst

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