Vendée Globe Porträt: Novize Charlie Dalin wird als Favorit gehandelt – kann das gutgehen?

„Du musst Dir auch mal was Gutes tun!“

Noch vor zwei Jahren war dieser Segler nahezu unbekannt, jetzt gilt er als einer der Favoriten für die anstehende Vendée Globe. Porträt eines wahren Ausnahmeseglers. 

Von außen betrachtet dürfte es eher erstaunlich bis seltsam wirken, dass man einen gerade mal 36-jährigen Segler, der erst eine Langstreckenregatta alleine auf einer IMOCA hinter sich gebracht hat, gleich als einen der heißesten Favoriten für die wohl härteste Regatta der Welt bezeichnet. 

Insofern sind Charlie Dalin und seine IMOCA der letzten Generation „Apivia“ für die Vendée Globe wohl eher das, was man als willkommenes Aushängeschild für jüngere Zielgruppen bezeichnet. 

Oder ist da doch was dran? An diesem schlaksigen, aber gleich auf den ersten Blick sympathischen Typen, der eines der heißesten Boote im IMOCA-Zirkus segelt und mit seiner Ausstrahlung und seinem manchmal etwas impulsiven Charakter schnell die Leute um ihn herum in seinen Bann zieht?

Klar, vor zwei Jahren war Charlie Dalin höchstens Insidern der französischen Hochseeszene bekannt. Er hatte zwar schon beachtliche Regattaerfolge erreicht, war aber international und in der IMOCA-Szene eher im Hintergrund aufgetreten. Doch wer näher hingeschaut hätte, dem wäre aufgefallen, dass Dalin – wie viele andere im französischen Hochsee-Zirkus – einen klassischen Weg beschritten hatte, um letztendlich bei seinem erklärten Ziel anzukommen: einer Teilnahme bei der Vendée Globe. Nur dass er dabei eben nicht medienwirksam und lautstark auftrat, sondern im Stillen mit hervorragenden Ergebnissen glänzte. 

Es mag also von außen betrachtet erstaunlich wirken, dass „Apivia“ (Versicherungskonzern, Tochtergesellschaft von Macif) als einer der finanziell potentesten Sponsoren im französischen Regattazirkus ausgerechnet für Charlie Dalin eines der heißesten Boote der Szene bauen ließ. Für alle, die Einblick hinter die Kulissen vom Geschehen im legendären Trainingszentrum Port la Foret an der bretonischen Küste hatten, war dies jedoch so etwas wie „der logische Weg“. 

Konsequent seinen Weg gegangen, pardon: gesegelt

Neulich hat Dalins Großmutter ein altes Grundschulheft ihres Enkels rausgekramt, das sie vorausschauend aufbewahrt hatte. Darin schrieb Charlie, dass er später mal Erfinder, Bootskonstrukteur und Hochseesegler werden wolle. Für was anderes würde er sich eben nicht interessieren – Hauptsache Meer und Technik!

Nun ist das nicht unbedingt erstaunlich für einen Jungen, der seine Kindheit in Le Havre verbrachte, der gemeinsam mit seinen Eltern jede freie Minute am Strand oder auf Segelbooten verbrachte, und der schon als Sechsjähriger seine ersten Regatten auf dem Optimist segelte. Doch was Charlie Dalin von anderen unterscheidet ist eine fast schon sture Konsequenz, mit der er sich diesen Berufswunsch und Lebenstraum tatsächlich erfüllte. 

Auf der richtigen Welle: Charlie Dalin und seine Apivia © liot

Im Prinzip habe er seine Kindheit und Jugend auf Jollen und in den Schulen verbracht, sagte Dalin in einem seiner Podcasts, die sein Sponsor regelmäßig ins Netz stellt. Der Opti war dabei prägend für ein ganzes Leben: „Was mich wirklich an dieser Kiste faszinierte,“ erinnert sich Dalin, „war dieses Alleinsein, auch wenn du mit Dutzenden anderen Optiseglern in ihren Booten auf dem gleichen Kurs gesegelt bist.“

Alleine, eigene Entscheidungen fällen, alleine und nur auf sich selbst gestellt sein, das habe ihn früh geprägt, berichtet Dalin weiter. Und später, auf dem 420er, waren es seine  schönsten Momente, wenn er bei eher leichtem Wind das Boot für sich alleine hatte. Einfach los und mal für eine oder zwei Stunden Richtung Horizont segeln. „Einhandsegeln war von Anfang an mein Ding!“ 

Was die berufliche Laufbahn anbelangt, gab es jedoch zunächst einen Haken. Für die Zeit nach dem Abitur hatte sich Dalin einen der besten und herausforderndsten Schiffbau-Ingenieurs-Studiengänge Europas ausgesucht: Die Universität in Southampton/GBR.

Nur mit dem Englisch haperte es bei Dalin offenbar gewaltig. Seine Mutter triezte ihn schließlich so lange mit Sprachkursen, Schüleraustausch-Ferien in England und mit einem mehrwöchigen Aufenthalt auf der Isle of Wight, damit das mit der Kommunikation und dem Verständnis auf der Uni auch tatsächlich klappt. Eine typisch mütterliche Initiative, von der Charlie Dalin bis heute profitiert: Als einer der wenigen Franzosen in der Hochseeszene kann er korrekt bis sehr gut in Englisch kommunizieren, bespricht seine Videos selbst auf Englisch.

Von der Elite aufgenommen

Bleiben wir noch ein wenig bei der Konsequenz, mit der Dalin durchs Leben geht. Nach dem Schiffsbau-Diplom 2006 bastelte er ähnlich zielgerichtet an seiner Karriere als Hochseesegler wie zuvor an seiner Berufslaufbahn. Er wird sein eigener Preparateur  auf dem Mini und Gesamtzweiter bei der Mini-Transat 2009 (1. Etappe zweiter, 2. Etappe Rang 1).

Kurz darauf debütiert er in der Figaro-Szene. 2011 wird er in den elitären Trainingskreis des Pôle Finistère Course au Large in Port La Forêt aufgenommen und reüssiert entsprechend in der Königsklasse des Seesegelns. 2012 gewinnt er gemeinsam mit Gildas Morvan die Transat AG2R, zwischen 2014 und 2017 stand er beim Solitaire du Figaro vier Mal auf dem Podium; 2014 und 2016 wurde er Französischer Meister im Einhand-Seesegeln. 

Vendée Globe-Favorit, Familienvater, Bootskonstrukteur: Charlie Dalin © curutchet

2015 dann Dalins erster Auftritt in der IMOCA-Szene. Im „Pole“ von Port la Foret hatte er sich mit Yann Elies angefreundet, der ihm einen Platz auf seinem IMOCA für die Transat Jacques Vabre 2015 anbot. Die Beiden wurden starke Dritte. So ganz nebenher arbeitete Charlie Dalin auch an diversen Bootsprojekten mit, engagierte sich als Ingenieur und „lernte, wie man Boote von vornherein schnell konstruiert“. 

Das sollte sich 2017 im gewissen Sinne auszahlen. Apivia, ein Tochterunternehmen vom langjährigen Gabart-Sponsor Macif, bot Charlie Dalin einen Vertrag über vier Jahre und den Bau eines völlig neuen IMOCA-Foilers an. Bedingung: Dalin sollte selbst bei der Konstruktion und beim Bau des 60-Fußers mitwirken. Ziel: Teilnahme an der Vendée Globe 2020.

Nichts wäre Charlie Dalin lieber gewesen. Er „hängte sich voll rein“ in das wohl wichtigste Projekt seines noch jungen Lebens. Heraus kam ein Renner, der bei vielen Konkurrenten, auch solchen mit ebenfalls neuen Booten, Neidgefühle weckte. Der Verdier-Riss wurde bei CDK Technologies in Lorient gebaut und sieht nicht nur rasant aus, sondern zählt eindeutig zum Allerschnellsten, was die Szene zu bieten hat. 

Nur drei Monate nach seiner Fertigstellung im Frühsommer 2019, mit gerade mal 3.000 Seemeilen in den Foils, wagte sich Dalin gleich an die Transat Jacques Vabre. Mit einem Augenzwinkern lud diesmal Charlie seinen Freund und IMOCA-Mentor Yann Elies auf „sein“ Boot. Die beiden siegten überlegen in der stark besetzten Transat-Regatta.

Erste Auftritte mit Apivia sind gleich Erfolge

2020 setzte Charlie Dalin schließlich endgültige Akzente für die anstehende Vendée Globe, indem er während seines ersten Soloauftritts bei einer IMOCA-Langstrecken-Regatta den anderen Helden zeigte, dass „die Jungen“ nicht nur im Kommen sind, sondern auch gewinnen können. Oder beinahe gewonnen hätten: Bei der Sables-Arctique-Sables führt Dalin häufig das Regattafeld an, und muss sich erst auf der Zielgeraden noch dem IMOCA-Fuchs und Vendée Globe-Mitfavoriten Jeremie Beyou auf Charal geschlagen geben. Egal, denn mit einer derart guten Platzierung hatte keiner gerechnet. Oder doch? 

Rasen bis die Wellen dafür zu hoch sind © liot

Fragt man Charlie Dalin nach dem Grund für seine derzeitigen Erfolge, erhält man immer die gleichen Antworten. Er sei im Idealfall zwar alleine auf See unterwegs, doch sei jede so gesegelte Seemeile die Frucht eines fantastischen Teamworks. Damit meint er zum Einen sein ausgesprochen fähiges Shore Team aus Preparateuren, Riggern und Komposit-Spezialisten. Doch viel wichtiger noch erscheint Dalin die Zusammenarbeit mit Yann Eliès, Pascal Bidégorry und Francois Gabart. 

Die drei Spitzensegler sind seit der Erstwasserung von „Apivia“ bei nahezu jeder Trainingsausfahrt dabei gewesen, coachen Charlie Dalin und beraten ihn für seinen Törn um die Welt. Jeder bringt wertvolle Erfahrungen ein, jeder ist auf bestimmte Schlüsselthemen spezialisiert. Segeltrimm, Foil-Techniken, Schlafmanagement aber auch die richtigen Verhaltensweisen im Southern Ocean – Tipps und Informationen, die für Vendée Globe Rookies wie Charlie Dalin von unschätzbarem Wert sind. 

Tipps vom Sieger

Und vielleicht sind es ja auch gerade diese Berater und Mentoren, die Charlie Dalin am besten einschätzen können. Denn der Vendée Globe-Novize freut sich zwar wie ein kleines Kind auf die endlosen Wochen alleine auf den Ozeanen dieser Welt, doch fühlt er sich weit von der Perfektion für ein solches Rennen nonstop um die Welt entfernt.

So rät ihm beispielsweise Yann Elies ganz profan, dass er während der Manöver unbedingt eine Lifeline tragen soll (was eher unüblich ist auf IMOCA). Charlie würde sich oft zu weit „vorwagen“, schätzt Elliès. Außerdem müsse er besser mit seinen Kräften und Energien haushalten, qualitativ besser schlafen. Man müsse immer eine Reserve Schlaf in petto haben, sagt Eliès. 

Pascal Bidégorry, Navigator beim Volvo-Ocean-Race-Sieger Dongfeng, ist sich sicher,  dass er bei den vielen hundert Seemeilen Trainingsausfahrten seinen Adepten Charlie ziemlich genervt hat. „Ich habe ihn immer wieder auf sein noch mangelhaftes Schlafmanagement aufmerksam gemacht, und auf den Fakt, dass er zu hart mit sich umgehe. Bloß um ein paar Hundert Gramm Gewicht zu sparen, sollten beispielsweise seine Essenrationen nicht nur aus gefriergetrockneten Menüs bestehen. „Man muss sich einfach mal was Gutes zwischendurch gönnen, etwas, das wirklich schmeckt, mit dem man sich belohnt! Egal, wieviel so etwas Schönes wiegen mag!“ 

Eine Frage der richtigen Freunde und Berater: Dalin (vorne) mit Pascal Bidégorry und Francois Gabart © curutchet

Und Francois Gabart hat Charlie Dalin vor allem auf den Rhythmus „geeicht“, der bei einem Nonstop-Rundum-Rennen extrem wichtig ist. „Es mag sich profan anhören, aber ohne Lebensrhythmus an Bord hält sowas kein Mensch durch. Charlie solle immer bestmöglich konzentriert und darauf vorbereitet sein, dass zu jedem Zeitpunkt lebenswichtige Entscheidungen auf ihn zukommen können“. 

Doch Gabart, Vendée Globe-Sieger 2013, ist sich sicher: „Auch ich habe bei meiner ersten Weltumseglung und Vendée Globe gleich gesiegt, und war sogar noch jünger! Charlie Dalin hat das Zeug, meinen Coup von damals zu wiederholen!“ 

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Michael Kunst

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