Vendée Globe: “Studenten-Meister” Dutreux mit altem IMOCA in Spitzengruppe – Porträt

Junger Rookie auf altem Renner

Benjamin Dutreux segelt seinen alten Nicht-Foiler OMIA/Water Family bei der Vendée Globe seit 14 Tagen nahezu gleichauf mit Boris Herrmann. Was ist das für ein Typ?

Mal was anderes aus dem Indischen Ozean 

Neulich, am Rande der Vendée Globe. Mangels geöffneter Kneipen treffen sich die (selbsternannten) allerbesten Hochseesegler dieses Planeten, Trainingsweltmeister und geborenen Alleskönner zur Apéro-Zeit auf dem IMOCA-Steg von La Base in Lorient. Dort, wo jetzt gähnende Leere herrscht, weil die meisten der 60-Fuß-Renner mit ihren Skipperinnen und Skippern gerade durch den Indischen und Southern Ocean segeln. 

Brav hinter der Maske werden die News über die Top Ten der Regatta ausgetauscht, letzte Schäden an den Booten von der Ferne analysiert und selbstverständlich verbal gleich im Handumdrehen repariert, die Befindlichkeiten der Skipperinnen und Skipper besprochen und belächelt.

Über jeden und jede gibt es was zu sagen und zu feixen: Dalin, Ruyant, Bestaven, Herrmann, Joschke etc. Und dann erwähnt einer, dass dieser Dutreux jetzt schon verdammt lange vorne mitsegelt auf seiner alten Kiste – Schweigen in der Runde. Dutreux? Benjamin? 

Selten gehört

Tatsächlich ist der erst 30-jährige Benjamin Dutreux selbst unter den jungen, vermeintlichen Szenekennern eher unbekannt. Was daran liegen mag, dass er nur wenig bis gar keine Zeit in den Trainingszentren von Lorient oder Port la Foret verbracht hat.

Außerdem hat er keine Duftmarken bei den Minis hinterlassen und setzte bisher weder bei Class 40 noch bei den IMOCA irgendwelche Akzente. Lediglich solche, die seit Jahren die Figaro-Szene beobachten, können mit dem Namen etwas anfangen: „Stimmt, ein Dutreux, der war mal Fünfter bei der Solitaire du Figaro, 2018 oder so. Aber sonst?“

Die aktuelle Position von Benjamin Dutreaux auf Rang acht (dunkelblau)

Natürlich hat Benjamin Dutreux mehr „auf dem Kasten“, als ihm hier von der alleswissenden Szene attestiert wird. Denn der Skipper aus dem dem Norden Frankreich – ein Sch’ti also, was ungefähr den Ostfriesen in Deutschland gleichkommt – hat einen anderen Parcours gewählt, als die meisten seiner Konkurrenten bei der aktuellen Vendée Globe.

30 Jahre jung und schon Schrecken der Top Ten © dutreux

Obwohl im Norden geboren, verbrachte Benjamin im kleinen Häuschen seiner Großmutter auf der Insel Yeu seine Kindheit, 20 km vor der französischen Atlantikküste des Departements Vendée. Wer „mitten im Atlantik“ lebt, wird zwangsläufig mit der Segelei konfrontiert – und Benjamin war ein besonders wissbegieriger und gelehriger Schüler. Er segelt Jolle und Strandkat, galt als sportlicher und besonders ehrgeiziger Segler. 

Studenten-Weltmeister

Als Student für Werkstofftechnik nimmt er an den Universitäts-Segelmeisterschaften teil, wird Französischer, Europa- und Weltmeister der segelnden Studenten und macht erste Figaro-Erfahrungen auf alten, abgerockten Booten. 2015, als 25-Jähriger, wird Dutreux (enttäuschter) 29igster bei der Solitaire du Figaro.

Der Techniker erklärt © dutreux

Beruflich läuft es erstmal besser. Schon gegen Ende seines Studium erhält Dutreux erste , verlockende Angebote in der Automobil- und Yachtbau-Industrie. 

Logisch, dass Benjamin Dutreux bei dieser Wahl seinem Sport treu bleibt. Er wird mit Ende Zwanzig schon technischer Leiter bei der Katamaran Werft Sirena Voile und stürzt sich so ganz nebenbei in die Hochseesegelei.

Mittlerweile war er im Figaro-Zirkus aufgenommen, die „großen Namen“ werden auf ihn aufmerksam, geben Tipps, leihen Material und Benjamin fährt drei Jahre lang eine eigene Kampagne. Es folgt ein Aufstieg in kleinen Schritten: 2016 wird Dutreux 14ter bei der Solitaire, 2017 12ter und 2018 – auch für ihn überraschend – Fünfter. 

Engagierter Umweltaktivist

Exkurs. Neben Job und Segelei engagiert sich Dutreux für den Umwelt- und Meeresschutz, fordert härtere Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel und profiliert sich als kompetenter Aktivist. Folgerichtig landet er 2018 bei der Umweltschutz-Association „Water Family“, die in Frankreich viele Unternehmen, Gruppierungen, Städte und Departements im Kampf gegen die Umwelt-, insbesondere Wasserverschmutzung zusammenführt. Im Gegensatz zu einigen anderen Skippern der Vendée Globe-Familie, kam Benjamin Dutreux zu diesem Sponsor also nicht wie die „Jungfrau zum Kinde“. 

Apropos Sponsor. Als sich 2018 Frankreichs auch das führende Unternehmen für die Fertigung von Automobil- und Yachtlackierkabinen OMIA (Stichworte: Master der Werkstofftechnik) für den jungen Segler zu interessieren begann, rückte Benjamins Traum von einer Teilnahme bei der Vendée Globe (dessen Realisierung er eigentlich erst für die zweite Lebenshälfte geplant hatte) plötzlich greifbar nahe. Die Budgets der Sponsoren wurden addiert und nach einigen Sitzungen war klar: Finanziell sollte es reichen, wenn nicht gerade ein nagelneuer Foiler für die Kampagne gebaut wird. Also: Boot kaufen ja, aber bitteschön zum Spottpreis.

Endlich eine bezahlbare IMOCA

Also reiste Benjamin Dutreux 2019 nach… Japan! Denn im Land der aufgehenden Sonne stand die FRA 09 zum Verkauf – Kojiro Shiraishis IMOCA, mit dem der aktuelle DMG Mori-Skipper bei der letzten Vendée Globe 2016 bis zu den Toren des Indischen Ozeans kam, wo er Mastbruch erlitt. 

Mal eben schnell die Drohne fliegen lassen um zu sehen, ob alles ok ist im Masttopp © dutreux

Benjamin Dutreux untersuchte das Boot fachmännisch und kam zu dem Schluss: Der IMOCA ist völlig okay, es gibt lediglich „kosmetische Reparaturen“ und Ergänzungen zu erledigen. Der Rest ist die Geschichte von einem teils haarsträubenden wirtschaftlichen Auf und Ab der Kampagne – bis zuletzt war nicht klar, ob er die Vendée Globe wirklich finanzieren kann und ob Dutreux tatsächlich über die Vendée Globe-Startlinie segeln wird.

Doch Beharrlichkeit zahlt sich bekanntlich aus. So kam es, dass einer der jüngsten Teilnehmer der Vendée Globe auf einem der ältesten, noch aktiven IMOCA derzeit eine Performance an den Tag legt, die sich gewaschen hat. 

Dutreux Platzierungen im Verlauf des Rennens im Vergleich zu Boris Herrmann.

Der junge Franzose mischt seit Beginn der Regatta die Top Ten förmlich auf. Gleich zu Beginn machte er sich ganz vorne breit, im südlichen Atlantik zeigte er leichte Schwächen und fiel bis auf Rang 13 zurück. Doch seit Eintritt in den Indischen Ozean, also erneut unter widrigen Wetter- und See-Umständen, zeigten Boot und Skipper mit konsequenten Top Ten-Platzierungen bis hinauf zum fünften Rang ihr volles Potential. Dabei lieferte sich der „uralte“ Non-Foiler aus dem Jahr 2007 teils spektakuläre Kopf-an-Kopf Rennen mit Foilern der neueren Generation – u.a. mit Boris Herrmanns „Sea Explorer/Malizia“.

Just do it

Benjamin brachte sich ein, indem er relativ unbekümmert, ohne großen Druck wie ein selbstbewusster Figarist „einfach mal drauflos segelt“. In den Videos von Bord nennt Dutreux seine „OMIA Water Family“ liebevoll „Papa“ und spielt damit auf das Vertrauen an, das er in das Boot hat.

Was wiederum nicht erstaunlich ist, denn die FRA 09 hat einiges „auf dem Buckel“ und zählt längst unter (wahren) Spezialisten als eines der robustesten Boote der Klasse. Kein anderes Boot dieser Vendée Globe hat übrigens so viele Seemeilen absolviert wie die OMIA Water Family. Allein drei Weltumrundungen hat der IMOCA im Kielwasser!

Selfie muss sein! © dutreux

Mitte 2007 in Cowes zu Wasser gelassen, gilt das Bruce Farr Design damals als Nonplusultra der IMOCA-Szene. Doch es wird zunächst vom Pech verfolgt. Beim Barcelona World Race brettern Altadill und der Amerikaner McKee auf ein UFO – zwei Ruderblätter kaputt, Aufgabe. Sebastien Josse muss bei „The Transat“ ein Jahr später wegen einem defekten Großsegel dasselbe streichen. Und es geht weiter mit Chaos: Kenterung vor Neuseeland, Wassereinbruch bei der TJV mit Cuzon als Skipper – Aufgabe! 

Höchststrafe: Das „techscnisch ausgereifteste“ Boot der damaligen Zeit  ist nun drei Jahre alt und hat noch keine Hochseeregatta gefinisht. Dann endlich geht’s voran: 2010 nimmt Roland Jourdain den IMOCA unter dem Namen „Veolia“ unter seine Fittiche und gewinnt die Route du Rhum. Ein Jahr später werden Thomson und Altadill darauf Zweite bei der TJV.

Und Thomson schafft noch mal eben schnell damit den Solo-Transat-Rekord (8:22 Tage). Er behält die „Hugo Boss“ und wird darauf Dritter bei der Vendée Globe 2012 und unter spanischer Flagge wird der IMOCA mal noch eben schnell Zweiter beim Barcelona World Race 2015. Kurz darauf in den Händen des „Samurais“ Kojiro, Resultat: siehe oben. 

Mit Respekt und Lässigkeit

Seit mehr als vier Wochen segeln Boot und Skipper nun schon den foilenden Konkurrenten regelrecht um die Ohren. Gemeinsam mit den Non Foilern „Groupe Apicil“ des einarmigen Damien Seguin und mit „Yes We Cam“ des Urgesteins Jean le Cam entwickeln sie sich zu einer Art Alptraum für alle Foiler der Klasse.

Und mittendrin Benjamin Dutreux, der ziemlich unbekümmert und – nach eigenen Aussagen – mit dem Glück des Klasseneinsteigers einfach mal so segelt, wie man es ihm beigebracht hat: Mit Respekt vor Wind und Wellen, mit Vertrauen in das Boot und gesegnet mit einer Lässigkeit, um die man den jungen Skipper nur beneiden kann. Weiter so, Mann und Boot!

Race-Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Vendée Globe: “Studenten-Meister” Dutreux mit altem IMOCA in Spitzengruppe – Porträt“

  1. avatar breizh sagt:

    Danke für das Spotlight auf Benjamin Dutreux. Beim Studium des Tracker war er mir auch schon positiv aufgefallen (insbesondere wenn man bedenkt, wo gerade bekanntere Namen platziert sind) und so richtig konnte ich ihn nicht zuordnen. Das hat sich jetzt ja erledigt.

    Wenn wir schon dabei sind, zu Damien Seguin hätte ich gerne auch mehr Infos. Würde mich brennend interessieren, wie denn seinen Bordalltag meistert.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

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