Vendée Globe: Vom Abenteurer zum Segelathleten – was eine Ärztin Solo-Seglern empfiehlt

Mit Helm und Brustpanzer

 

medizinische Vorbereitung, Hochsee, Einhand

Die Bewegungen werden brutaler, die Geräuschwelt noch lauter: IMOCA auf Foils © gitana

Es kommt auf die richtige körperliche Vorbereitung an – das behauptet die spezialisierte Ärztin Laure Jacelot. Und fast alle Hochsee-Helden folgen ihren Richtlinien. Über richtige Verdauung, Infektionen an Händen, Brustpanzer gegen Rippenbrüche, Helme gegen Gehirnerschütterungen und Hörschütz bei Foil-Lärm. 

Im Laufe der Jahre hat sich das Profil der Vendée Globe-SkipperInnen stark verändert. Die Abenteurer und „Meilenfresser“, die sich vor Jahrzehnten mitunter lässig mit „Fluppe im Mund“ ablichten ließen und/oder bei denen durchaus das „eine oder andere Kilogramm zuviel“ konstatiert wurde, machten AthletInnen Platz, die in physischer und mentaler Bestform antreten. Wer bei Einhand-Nonstop-Weltumseglungs- und Transat-Regatten auf IMOCA und ähnlichen Boliden heutzutage vorne mitsegeln und nicht „nur“ ankommen will, muss die körperlichen Voraussetzungen schaffen, um so lange wie nur möglich in allen widrigen Situationen im Vollbesitz seiner Kräfte zu bleiben. Man/frau muss immer in der Lage sein, komplexe Sachverhalte zu entschlüsseln, technische Probleme zu lösen und Stresssituationen jeder Art cool zu begegnen. 

Zudem werden die SkipperInnen während der Vorbereitungsjahre zu den langen Hochseeregatten immer häufiger von Coaches begleitet, die den SeglerInnen in ihren jeweiligen Spezialgebieten mit Rat und tat zur Seite stehen.

Als Krankenhaus-Ärztin im Städtchen Quimper im bretonischen Hinterland arbeitet Laure Jacelot zwar nicht gerade an der „Seglerfront“, sie begleitet jedoch einige der Hochseeregatta-Teilnehmer bereits seit Jahren und gab in verschiedenen französischen Hochsee-Trainingszentren wie etwa in Port la Foret Seminare und Workshops zur physischen Vorbereitung für anstehende Hochseeregatten. Zudem wertete sie Daten und Erkenntnisse vergangener Rennen wissenschaftlich aus.

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Medizinische Vorbereitung für die Einhand-Stars im Pole Finisterre (ältere Aufnahme) © pole finisterre

Den Medienbeauftragten der Vendée Globe beantwortete Laure Jacelot kürzlich einige Fragen. 

Sie betonen die Bedeutung einer langfristigen, physischen Vorbereitung auf ein Rennen wie die Vendée Globe…

In der Tat. Je mehr man vor einem Rennen an sich arbeitet, desto geringer ist das Risiko von Traumata und Verletzungen. Die meisten der registrierten Verletzungen an Bord sind Stoßverletzungen – gegen die man sich hauptsächlich mit Vor- und Umsicht schützen kann – und Sehnen- sowie Bänderläsionen, die häufig auf mangelnde körperliche Vorbereitung zurückzuführen sind. In der Konsequenz muss verstanden werden, dass die physische Vorbereitung auf so ein Rennen wie z.B. die Vendée Globe zu gleichen Teilen aus aerober, ausdauerfördernder und aus kraftaufbauender Arbeit am Körper bestehen sollte. Es muss also eine Art Grundlagenarbeit am Körper vorgenommen werden . Zudem muss natürlich berücksichtigt werden, dass jeder einzelne Segler bzw. Jede Seglerin ihre eigenen physischen Charakteristika aufweisen. 

Es handelt sich also eher um eine individuelle Arbeit, die Sie zum Beispiel mit den Seglern im Trainingszentrum Finisterre Course au Large durchführen?

Stimmt. Wir versuchen, alle Parameter zu berücksichtigen, die das jeweilige Profil des Seglers ausmachen. Zuerst einmal gibt es den Morphotyp jedes Einzelnen (ähnliche, aber morphologisch unterscheidbare Einheiten) und die instrinsische physische Eigenschaft eines jeden Seglers (eigener Antrieb, Quelle der Motivation).

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Es gibt viel zu lernen, packen wir es an © pole finisterre

Dabei ist es auch hilfreich, das Boot und seine Ergonomie zu berücksichtigen. Um zu prüfen, ob alles ergonomisch richtig und funktionell an den Stil des Soloseglers angepasst ist. Die SeglerInnen an Bord bei der Arbeit zu beobachten, ist also essentiell wichtig. 

Wie organisieren Sie konkret ihre medizinische Betreuung, wenn Sie Solosegler auf ihrem Weg zur Vendée Globe betreuen?

Zuerst machen wir eine ganze Reihe von Tests, die es uns ermöglichen, eine genaue Herz-Kreislauf-Bilanz durchzuführen. Ergänzt wird diese Arbeit durch eine Bewertung des morpho-skelettalen Potenzials jedes Seglers. Dann, bevor wir einen konkreten Plan erstellen, verbringen wir Zeit mit den SeglerInnen, um deren Vorlieben besser kennenzulernen. Wer eine effektive körperliche und medizinische Vorbereitung wünscht, sollte nie den Spaß an alledem verlieren. 

Heute sind sich alle einig, dass die IMOCA der neuesten Generation immer physischer zu handhaben sind. Wie hat sich die Situation in Ihren Augen verändert?

Es ist klar, dass die Bewegungen der Boote brutaler werden. Einige Segler beginnen, sich mit Helmen auszustatten, wenn sie im Inneren des Bootes arbeiten. Auch der Schutz des Thorax wird in Betracht gezogen. Mehrere Segler haben sich bereits Rippen gebrochen: Einerseits ist es extrem schmerzhaft und behindernd, andererseits kann es dramatische Folgen haben, wenn eine Rippe das Pleura (Rippenfell) durchbohrt. 

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Erholung an Bord wird immer schwieriger © vendée globe

Wir unterrichten die HochseeseglerInnen auch in Methoden der Kriegsmedizin. Das hören die natürlich nicht so gerne, aber ich denke, es ist notwendig, dass sie sich der Risiken, die sie eingehen, bewusst sind.

Dann gibt es noch spezifische Entscheidungen zu treffen. Heute empfiehlt eine föderale Richtlinie den Ausschluss von Morphium aus der Bordapotheke, da es von den Zollbehörden einiger Länder als Betäubungsmittel angesehen wird. Persönlich werde ich sie jedoch angesichts der von mir beobachteten Unfälle, wie etwa den von Yann Eliès bei der Vendée Globe 2008 oder Paul Meilhat bei der Transat zwischen Saint-Barth und der Bretagne, weiterhin verschreiben.

Ändert das Aufkommen von Foils die Art und Weise, wie Sie mit Seglern arbeiten?

Klar, mit den Foils kommen neue Parameter ins Spiel. Ihr Einsatz erzeugt teils höllischen Lärm. Bisher haben wir noch keine expliziten Hörschäden aufgrund von Foils bei SeglerInnen feststellen können, aber die Geräusche sind wirklich unbequem – eine zusätzliche Quelle für Müdigkeit und Stress, die Erholung wird so immer schwieriger. Foils werden so auch für uns zu einem der Hauptthemen für die nächsten zwei Jahre. 

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So sah Yann Elies aus, als er mit Rippenverletzungen von Bord seiner IMOCA vor Australien abgeborgen wurde © vendée globe

Welche anderen Präventionen empfehlen Sie Einhand-Hochseeseglern?

Ich persönlich möchte drei Punkte hervorheben, die mir grundlegend erscheinen. 1. Stellen Sie eine gute Ernährung sicher, mit der Sie die Verdauung erleichtern. Damit steigern Sie Wohlbefinden und Leistung – das übersehen einige Segler gern. 2. Natürlich ist vor dem Ablegen eine gründliche zahnärztliche Untersuchung erforderlich. Damit sollte rechtzeitig begonnen werden, einige Behandlungen dauern mitunter lange. Stress und schlechte Flüssigkeitszufuhr können Krankheiten „aufwecken“, von deren Existenz wir noch nicht einmal etwas ahnen. Und 3. ist es abschließend wichtig, einen Dermatologen zu konsultieren. Einige Personen sind empfindlicher als andere gegenüber Hautverletzungen und sollten sich entsprechend schützen. Holen Sie mal auf See ein Segel mit infizierten Händen ein. Dann wissen Sie, was ich meine! 

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Michael Kunst

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