Vendée Globe: Wie es Clarisse Cremer ins BP-Team schaffte – glückliche Zufälle?

„Ich schaffe das!“

Clarisse Cremer hat „ihren“ IMOCA (ex SMA) übernommen und nach Lorient überführt – unter Motor, ohne Mast und Segel. Kam die junge Hochseeseglerin zur Banque Populaire-Partnerschaft tatsächlich wie die „Jungfrau zum Kinde“? 

Die Nachricht schlug in der französischen Hochsee-Szene ein wie eine „Bombe“. Die allerdings mit Konfetti und Luftschlangen gefüllt war: Clarisse Cremer (29), allzeit sympathische, immer erfrischend auftretende Zweitplatzierte der letzten Mini Transat, wird für den Edel-Rennstall Banque Populaire schon im nächsten Jahr die Vendée Globe segeln. 

Moment mal, die junge Frau, über die wir noch (gefühlt) vor Kurzem berichteten, wie sie ihre ersten Solo-Regatten auf ihrem Serien-Mini mit Ach und Krach absolvierte? Die vermeintlich unbedarfte Seglerin, die in ihren höchst professionell gedrehten Videos gerne ein wenig naiv daherkam und bevorzugt von kleinen Segeldesastern berichtete („Shit, schon wieder die Halse versaut!“)? Oder die mit ihrer Freundin daheim auf dem Sofa lümmelte und im Trockenen von der großen weiten Segelwelt träumte, um dann – wie nebenbei – bei nahezu allen Regatten im Vorfeld der Mini Transat unter den Top-Platzierten zu landen? 

Tatsächlich kommt es Insidern der Französischen Seesegelszene merkwürdig vor, dass eine Frau einen der begehrtesten Team-Plätze im internationalen Hochseesegelsport erhält, nachdem sie zwar Rang Zwei beim Mini-Transat vorweisen kann aber sonst wenig. Der Sprung vom Mini-Transat (auf Mini 6.50 Meter Yachten) zur Vendée Globe (auf 60-Fuß-IMOCA), ohne dazwischen nennenswerte Ergebnisse abgeliefert zu haben, ist gewaltig.

Keineswegs so naiv, wie gedacht

Doch auch im Segelsport ist eben nicht immer alles so, wie es den vordergründigen Anschein hat. So zählt Clarisse Cremer – im Gegensatz zu der lockeren und herzigen Art, die sie in ihren Videos und bei Medienauftritten hinlegt – als knallharte Kämpferin und nahezu besessene Arbeiterin an sich selbst und ihrem Boot.

Sie und ihr ewiger Kontrahent auf dem Mini, Erwan le Draoulec (der die letzte Mini Transat schließlich gewann), gaben sich über zwei Vorbereitungsjahre hinweg auf dem Mini dermaßen die Kante, dass man selbst im trainingsaffinen La Base- Hafen von Lorient mitunter den Kopf schüttelte. Keine Situation war Clarisse Cremer zu haarig, keine Wetterlage zu bedenklich, um nicht doch noch ein paar Trainingsstunden zu absolvieren.

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Lasst Euch nicht von diesem harmlos wirkenden Lächeln täuschen © banque populaire

Abends oder spätestens am nächsten Morgen dann genaue Berichterstattung über die letzten Trainingsstunden auf Facebook, Twitter oder auf ihrer Website. Und in regelmäßigen Abständen die von Tausenden Fans erwarteten Videos über „Clarisse auf dem großen Ozean“. 

Kurz: Wer Clarisse Cremer ein wenig näher kannte, der wusste, dass es sich bei ihr schlicht um einen Workaholic handelt. Zwar in einem durchweg sympathischen Metier, aber eben doch „immer am Anschlag“. 

Was sich übrigens nicht erst beim Segeln zeigte. Clarisse Cremer stammt aus einer französischen Mittelstands-Business-Familie, in der beide Elternteile berufliche Erfolge pflegen. Entsprechend landete Clarisse auf einer Elite-Business-Hochschule (HEC), durch die sie – und das ist jetzt auch wieder typisch Französisch – überhaupt erst zum Hochseeregattasport kam.

Einige Unterstützer der Hochschule sponserten auch Regatten, und schon landet man als junge, engagierte Studentin beispielsweise bei der Tour de France à la Voile (2010 auf einer Farr 30). Damals lernte sie auch ihren Partner Tanguy le Turquais kennen, an dessen Seite sie immerhin seine zwei Mini-Transat-Kampagnen 2013 und 2015 erlebte. Die wurden übrigens mit äußerst bescheidenen finanziellen Mitteln gestemmt. Unterm Strich war Clarisse also keineswegs so unbedarft in den Mini-Zirkus eingestiegen, wie es oft den Anschein hatte. 

Erstmal Figaro 3

Was jedoch nichts daran ändert, dass sich Clarisse als eine brillante und hart arbeitende Seglerin entpuppte. Nicht zuletzt deshalb vertraut ihr der seit Jahren treue Sponsor Everial eine Foil-Figaro 3 an, mit der sie dieses Jahr die heiß umkämpfte Figaro-Szene aufmischen soll. Bis zum „Solitaire du Figaro, dem Vier-Etappen-Einhand-Spektakel entlang der französischen Atlantikküste, wird sie noch mitsegeln. Danach stehen die Zeichen auf Vendée Globe-Vorbereitung. 

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Typische Clarisse-Lache © keruzoré /BP

Mehr oder weniger nebenbei gründete Clarisse Cremer schon vor Jahren gemeinsam mit ihrem großen Bruder die Website kazan.com, auf der man unterschiedliche Outdoor-Aktivitäten buchen kann. Es ist bis heute ein erfolgreiches Business. Und Ihre medialen Auftritte, sei es als „Produzentin“ ihrer eigenen kleinen Videos, als Interview-Partnerin in TV-Talkshows oder in den einschlägigen Segel-Medien und Segel-affinen Tageszeitungen Frankreichs, werden längst als hoch professionell bewertet. Obwohl sie dabei oft wie die junge, manchmal etwas unbedarft wirkende, vor allem aber immer motivierte Seglerin auftritt. 

Hauptsache medienwirksam

So erstaunt es nicht, dass die Verantwortlichen bei Banque Populaire freimütig in jedem ihrer jüngsten Interviews zugeben, dass sie Clarisse Cremer nicht hauptsächlich wegen ihrer Segelleistungen ins Team gebeten haben. Sondern in erster Linie wegen ihres kommunikativen Talents. Dieser Weg ist unüblich, kann aber auch erfolgreich sein, wie die Karriere von Alex Thomson zeigt.

Tatsächlich passt derzeit niemand so gut in das etwas hastig aufgestellte, neue Konzept des Hochseeregatta-Sponsors Banque Populaire wie Clarisse Cremer. Zuvor hatte der Edel-Rennstall spektakulär seinen Vorzeige-Ultim-Trimaran während der prestigeträchtigen Route du Rhum verloren. Und nach einigen Wochen Meditation über den Sinn und Unsinn von solch teuren Abenteuern zur See, hatte sich der Vorstand der französischen Volksbank doch entschlossen, sein Geld in weitere Regattaprojekten zu investieren. 

Nur eben unter anderen Voraussetzungen. 

Klar war, dass Armel le Cleac’h wieder ein neues Ultim-Spielzeug bekommen soll. Während der auf ein Jahr angesetzten Bauphase wird nun Le Cleac’h auf einem Figaro 3, u.a. auch bei der Solitaire du Figaro, weiter das Foilen üben. 

Summa sumarum blieb da kein Geld mehr übrig, um ein aufwändiges Vendée Globe-Projekt zu sponsern. Und schon gar nicht im herkömmlichen BP-Stil, der grundsätzlich auf Sieg programmiert war, wie zuletzt mit Armel le Cleac’h. 

Die Vendée Globe nicht anderen überlassen

Bei Banque Populaire steckt man nun interessanterweise den Kopf nicht in den Sand und überlässt das Spielfeld „Vendée Globe“, auf dem man zuletzt so erfolgreich gewesen war, den anderen. Sondern die BP-Macher sagen sich, dass man die bisher bei der Einhand-Nonstop-Weltumseglung gewonnene Popularität von Banque Populaire auf andere Weise pflegen will. 

So kam es, dass man sich unter jungen Talenten umschaute, wobei Clarisse Cremer schnell eine Spitzenposition auf der Liste einnahm. „Wir wollen dem Nachwuchs eine Chance geben,“ war in mehreren Interviews mit den Entscheidern des BP-Teams zu lesen. „Und ganz nebenbei von deren Popularität profitieren!“ 

Also fragte man schon im November bei Clarisse Cremer an. Und die reagierte keineswegs spontan positiv und überglücklich, wie es heute in den Medien gerne dargestellt wird. Sondern sie erbat sich einige Wochen Bedenkzeit. „Eine Weltumseglung auf so einem Geschoss ist was anderes als mal eben schnell in drei Wochen mit dem Mini über den Atlantik hüpfen,“ sagte Clarisse kürzlich in einem Interview. „Und es gab die eine oder andere schlaflose Nacht, in denen nochmals die dramatischen Ereignisse bei so mancher Vendée Globe-Kenterung im Southern Ocean im Kopfkino abspielten!“ 

Dass sich Clarisse letztendlich zu einem „Ja“ entschloss, lag nach ihren Aussagen an dem Umstand, dass sie eben nicht auf für eine Bestplatzierung, sondern für ein Finish in Ehren an den Start der Vendée Globe gehen soll. Was sich nicht zuletzt auch in der Wahl des ihr zugedachten IMOCA, der ex SMA äußerte. Das Siegerboot der letzten Route du Rhum wurde 2012 zu Wasser gelassen und nun von Mer Agitée, unter der Direktion von Michel Desjoyeaux, für zwei Jahre gemietet.

Es siegte 2014 erstmals bei der RdR und triumphierte mit Francois Gabart als Skipper bei der Vendée Globe 2012/13. Die ex SMA gilt als schnellster IMOCA ohne Foils auf dem Markt, wird derzeit vom versierten BP-Team aufgepäppelt und soll… KEINE Foils erhalten. Angeblich war dies auch eine Bedingung von Clarisse, sich auf den Deal mit Banque Populaire überhaupt einzulassen. 

Verheizt für ein bisschen Medienaufmerksamkeit?

Doch trotz all’ dieser ausgesprochen vernünftig und positiv wirkenden Umstände, sind aus der französischen Szene auch kritische Töne zu vernehmen. Es gibt nicht wenige Stimmen, die Bedenken äußern, man würde Clarisse Cremer verheizen. 

Und tatsächlich wird das Programm, das die Ende dieses Jahres 30-jährige Clarisse Cremer (Banque Populaire feiert dieses Jahr 30 Jahre Segel-Sponsorship) vor sich hat, von vielen als mörderisch bezeichnet. 

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Clarisse wird viel zuhören müssen, in den nächsten Monaten © keruzoré/BP

Anfang Juli soll Clarisse mit dem Training auf ihrer IMOCA beginnen. Gemeinsam mit Armel le Cleac’h wird sie im August das Fastnet Race segeln, im November dann die Transat Jacques Vabre (ebenfalls mit le Cleac’h). Das soll genügen, um im April nächsten Jahres die Transat Bakerly alleine zu bestreiten. Ob sie auch die Rückregatta von New York nach Les Sables segeln wird, ist noch nicht klar. Und im Herbst 2020 dann der Start zur Vendée Globe. 

Zudem muss sich Clarisse Cremer noch für die Vendée Globe qualifizieren, was wiederum bei höchst kompetenter Konkurrenz in der Klasse nicht einfach werden dürfte. Zwar hat Banque Populaire noch die Möglichkeit, sich für eine Wild Card bei der VG zu bewerben, doch davon will man zunächst nichts wissen in den Entscheider-Etagen der Bank. Clarisse soll den normalen Weg gehen… und der ist nun mal steinig respektive wellig. 

„Ich glaube mittlerweile fest daran, dass ich es schaffen kann“, schrieb Clarisse Cremer kürzlich in den Sozialen Medien. „Und ich will – einmal zugesagt – niemanden enttäuschen. Also bleibt mir nur harte Arbeit. Aber die kenne ich ja schon zur Genüge!“ 

Für uns Vendée Globe-Fans ist die Teilnahme einer Kommunikationsfreudigen wie Clarisse ein Glücksfall. Und wenn sie sich nun noch entschließt, ihre Videos zumindest in Englisch zu untertiteln, wird sie auch in Deutschland weitere Fans für sich gewinnen. Spätestens ab Sommer 2019 dürfte es mit „Clarisse auf der IMOCA“ jedenfalls wieder richtig spannend werden. 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Vendée Globe: Wie es Clarisse Cremer ins BP-Team schaffte – glückliche Zufälle?“

  1. avatar christian1968 sagt:

    Danke MIKU, für diesen tollen und informativen Artikel.
    Diese Frau ist schon der Hammer und wenn sie bei der Vendee starten sollte, wird sie zwar nicht um den Sieg mitfahren können (in ein paar Jahre aber vielleicht schon), aber die Vendee wird durch sie bestimmt noch mehr Menschen interessieren.
    Solch ein schönes Aushängeschild, dass nicht nur besser segelt, also die alllllllermeisten von uns und noch wunderbar kommunizieren kann, das wird unserem (Rand)Sport sicher nicht schaden.

    Ich freu’ mich drauf, jetzt wieder mehr von ihr zu hören.

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  2. avatar breizh sagt:

    Danke für den informativen und umfassenden Bericht. Hat Spaß gemacht zu lesen .
    Jetzt ist also klar, wo Clarisse die nächsten Jahre Akzente setzen wird. Bin weiter sehr gespannt, welche Entwicklung sie nehmen wird. Denn nur Engagement und hartes Arbeiten reicht ja nicht sondern können, muss ja auch noch dazu kommen. Aber mit dem Figaro zu starten, um weitere Erfahrungen zu sammeln, ist vielleicht nicht die schlechteste Entscheidung und danach hat sie ja noch Rennen mit Armel le Cleac’h zusammen, wo sie bestimmt viel Handwerkzeug für das Handling eines IMOCA erlernen kann.
    Aus BankPop Sicht macht der Deal durchaus Sinn, wenn sieht, wie offensiv sie ihr bisheriges Segelengagement vermarktet haben, werden sie mit der smarten Clarisse bestimmt richtig liegen. Sie hat ja bewiesen, wie die neuen Medien/Kanäle bespielt werden und neue Interessengruppen fürs Segeln erreicht werden. In der Selbstvermarktung ist sie ein Profi.Aber wie gesagt jetzt muss natürlich auch der nächste segelerische Erfolg kommen bzw. ansprechende Ergebnisse.
    Jetzt fehlt nur noch das Erwan le Draoulec auch noch auf einem IMOCA vielleicht von Macif in den IMOCA Zirkus einsteigt, dann wäre die Öffentlichkeitswirksamkeit perfekt. Warten wir einmal ab.
    Ich wünsche ihr auf jeden Fall viel Glück.

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