Knarrblog

Premiere beim Drachensegeln

Das Bier und die Zigarette danach. © C.Kemmling

Wann ist man alt genug zum Drachensegeln? Ich befürchte, es ist so weit. Mit 44. Erstmals habe ich mich an der Pinne eines dieser Bleitransporter versucht.

Dabei weiß ich noch, wie ich mich als Laser-Youngster über die Herren Drachensegler aufgeregt habe. Beim Pfingstbusch in Kiel steckten sie tatsächlich Pfingstbüsche ins Achterstag. Sie saßen bei Flaute tief im Boot und hoben bei der Wende die Pinne über den Kopf. Mehr nicht.

Ich verfolgte noch die Mission, Nichtwissenden erklären zu müssen, dass Segeln auch körperlicher Sport sein kann. Es war ein regelrechter Kreuzzug, seit ein Mitschüler gefragt hatte, was ich so in meiner Freizeit so mache. Die Antwort “Segeln” konterte er mit: “Toll, ich Angele auch.”

Das Problem: Der Junge meinte es ehrlich. Ohne Ironie, ohne Boshaftigkeit. Der Typ äußerte die Meinung des Volkes über meinen schönen Sport. Er meinte tatsächlich, Segeln sei so ein Wassersport wie Angeln. Dabei trainierte ich damals tagaus, tagein im Kraftraum und auf dem Wasser, um dieses Sportgerät Laser einigermaßen in den Griff zu bekommen. Wie sollten Mitschüler und besonders -innen je den harten Segel-Typen in mir sehen, wenn die Pinne über den Kopf hebenden Drachensegler das Image des Sports prägen?

Nun sitze ich selber auf so einem Teil. 1,7 Tonnen schwer, Langkiel, spitzer Bug, weit überhängendes Heck. Es geht um eine Clubregatta auf der Alster. Der Drachen gehört einem Sport-Kumpel. Beim Bier nach einer intensiven Hallenfußball-Einheit entstand die Idee, seinen Oldtimer etwas regelmäßiger über die Alster zu bewegen. Was mir nicht so bewusst war: Die Drachenszene in Hamburg ist unglaublich aktiv. Bei der Frühjahrsregatta starteten 47 Schiffe. Fast alle vom See!

Staunend sitze ich mit Kumpel Dirk im Schiff. Noch eine Stunde bis zum Start. Wofür sind diese ganzen Strecker? Dirk hat immerhin schon dreimal auf so einem Gerät gesessen. Aber auswendig kennt er die Funktion der rund 30 Bedienelemente auch nicht mehr. Besonders beindruckend: Es gibt ein Jumpstag, das den Masttop auf jedem Bug individuell nach Luv ziehen kann. Der Respekt vor diesen schweren Schiffen wächst. Die Trimmanleitung von Fritz-Segel (PDF) umfasst fast 30 Seiten.

Kein Wunder, dass Erfahrung nicht unerheblich ist. Kein Wunder, dass die Sieger besagter Frühjahrsregatta schon einige Jährchen auf dem Buckel haben. Der Deutsche Meister von 1987 Hans Werner Zachariassen (66) gewann vor Gerd Zachariassen (67). Beide Boote lagen zwölf und zehn Punkte vor der Konkurrenz.

Unsere Premiere verläuft viel versprechend. Wider Erwarten lassen sich auch Drachen um die Ecke steuern. Und wenn das Schiff einmal läuft, dann läuft es. Wenn nicht, dann nicht. Eigentlich wie immer. Aber die Auswirkungen sind noch erstaunlicher. Da wird man auch schon mal auf einem Anlieger in Luv überlaufen, auf dem eigentlich nicht überholt werden kann. Normalerweise verhindert ein rechtzeitiges Luvmanöver solche Überholer. Aber geht der Schwung verloren, geht gar nichts mehr. Mit zappelnden Segeln liegen wir hilflos in Lee. Die Parade in Luv nimmt Sonne und Wind. Es rauscht und rauscht. Es tut weh…

“Wisst ihr eigentlich, wie der Spi runter kommt?” Mitte der ersten Vorwindstrecke, verheißt die Stille als Antwort auf die Frage nichts Gutes. Immerhin ist das Problem ist erkannt. Wie zieht man die Blase eigentlich in die Trompete am Bug? Wo verläuft der Tampen? Bei Ankunft im Dreilängenkreis ist das Problem aber nicht gebannt. Der Spi wird per Hand in den Bug gestopft, die Genua kommt eher schleppend dicht, das Achterliek krallt ein wenig, weil der Spibaum nach der Halse noch in Lee steht. Das Groß sieht auch komisch aus. Das Leebackstag zeichnet sich fies im Profil ab. Welcher Tampen war das nun wieder?

Alles in allem wird ein Drachen wie jedes andere Boot von so einem Manöver nicht gerade beschleunigt. Aber wir halten uns trotzdem gut. Irgendwo in der Mitte des Feldes. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut und das Beste kommt ja noch: Nach dem Rennen muss man nicht groß slippen, den Mast legen, oder sich aus dem Neopren-Anzug pellen. Einfach das Schiff in der Box parken, Persenning drüber, Bier bestellen und genießen. Wenn man das gut findet, ist man wohl alt genug zum Drachensegeln.

Carsten Kemmling

Spenden
https://yachtservice-sb.com

Ein Kommentar „Knarrblog“

  1. avatar Drachen-Dödel sagt:

    ….das waren noch Zeiten, als ich das Kat-Buch von Helge und Dir verschlungen habe und es 15 Jahre auf einem F18 versuchte, es den beiden Brüdern gleich zu tun. Sitze auch bereits seit 5 Jahren in einem Drachen auf der Alster (bin ja auch schon 46…Vor allem das mit “einparken, Plane drüber und Bier bestellen” gefällt mir da so gut..!

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *