Porträt: Star-Konstrukteur Gerard Dykstra und seine „Bestevær 2“

Seglerischer Unruhestand

Der holländische Konstrukteur Gerard Dykstra (69) ist ein glücklicher Mann. Seit seinem dem Yachtentwurf gewidmeten Arbeitsleben geht er segeln. Und er hat eine Frau, die zu praktisch jeder Jahreszeit überall hin mitkommt.

Dykstra

Das Boot als Skihütte. Loon Dykstra im Dezember auf dem Achterdeck von ‘Bestevaer 2‘ vor Tromsö Dank Golfstrom ist nur das Deck gefroren. © Gerard Dykstra

Es ist eine große Herausforderung des Lebens, die Träume seiner Jugend nicht zu vergessen. Gerard Dykstra, von Atlantik-Regatten oder dem Whitbread bekannter Hochseesegel-Veteran und Yachtkonstrukteur aus Amsterdam, bleibt mit dem 53-Füßer „Bestevær 2“ im Thema. Seit der Übergabe seiner Firma segelt er gemeinsam mit Ehefrau Loon vier bis fünf Monate im Jahr.

Die Dykstras machen das seit zehn Jahren. 30.000 Meilen segelte das Paar auf dem Atlantik mit ihrem eigens für den seglerischen Unruhestand entwickelten Boot.

Kurs Hurtigroute

Nach einer Wintersaison auf dem IJsselmeer zur Erprobung des Neubaues ging es Kurs Hurtigroute in den einsamen, klaren und kalten Norden Norwegens. Nach einigen Wochen entlang der spektakulären Inselgruppe der Lofoten steuerte „Bestevær 2“ via Spanien, Portugal, Madeira und die Kanaren mit Brasilien wärmere Gewässer an. Da blieb die rote Schneeschippe in der Achterpiek.

2007 segelte das Paar nordwärts zu den Azoren, später weiter nach Irland, zur schottischen Westküste und bis Grönland – unterbrochen von Stippvisiten in Amsterdam. Nach ausgiebiger Erkundung Islands steuerten die Dykstras mit den Lofoten wieder vertraute Gewässer an. Danach ging es via Nordkap durch das weiße Meer zurück.

Boot als Berghütte

„Meine wilden Jahre als Hochseeregattasegler sind vorbei. Wir brauchen keine Herausforderungen oder Rekorde, halten uns an das Motto der Hudson Bay Company: There is no reason for travelling tough just for the sake of being tough” faßt Dykstra in gewohnt bescheidener Art zusammen. „Für die Törns im Norden nahmen wir die angenehmste Jahreszeit.“

Und weil sich sein Boot im Dezember auch als schwimmende Berghütte mit Bullerofen genießen läßt, ging es auch zwischendurch mal an Bord. „Wir haben die Wochen in der Nähe von Tromsö sehr genossen“ berichtet der Holländer.

Mit dem Vorschiff aus zehn Millimeter dickem Aluminium hat „Bestevaer 2“ leichte Eisklasse. Wie isländische Fischerboote ist sie ohne Seeventile und Schläuche unterwegs, stattdessen mit angeschweißten Bordwanddurchführungen aus extradicken Wandungen. Die Motorkühlung ist frostsicher wie beim Auto. Sie erfolgt mit einem geschlossen System per Wärmetauscher im Kiel und trockenem Auspuff.

Just the right tool

Seit der ersten Begegnung vor zwei Jahrzehnten, damals noch in Dykstras Wohnung, wo er nach der Rückkehr von einem Entwicklungshilfeprojekt in Indonesien seine „Ocean Sailing Development BV“ rasch zum international gefragten Yachtkonstruktionsbüro Dykstra Naval Architects aufbaute, kenne ich Dykstra als zurückhaltend ernsten Mann. Als einen, der den Ball flach hält.

Auch bei späteren Interviews gab er stets sachlich Einblick in seine Arbeit als Konstrukteur spektakulärer Schiffe wie der J-Class, ansehnlicher Fahrtenschoner, großer Dreimaster, die Entwicklung von „Maltese Falcon“ mit Dynarigg-Prototypen oder „Hetairos“. Vieles, was der Autodidakt gemeinsam mit seinen Kollegen gemacht hat, war Neuland. Manches Projekt begann er mit eigenen Machbarkeitsstudien, Modellen für den Windtunnel oder segelnden Miniaturen.

„Ich möchte mal wieder ein bisschen segeln gehen,“ meinte Dykstra Ende der Neunziger und kündigte beiläufig ein Boot nach eigenem Gusto an. „Es wird ganz einfach, denn ich segele lieber als zu basteln.“

Brutale Zweckmäßigkeit

Als er wenige Jahre später mit stillem Stolz die „Bestevær 2“ in ihrer ganzen brutalen Zweckmäßigkeit zeigte, machte er kein großes Aufheben um sein Schiff. Beinahe lapidar erklärte er die angeschweißten und garantiert Elektrolyse-freien Poller, die angeschweißten Alubügel, das ringsum schützende Deckshaus samt Dachüberstand, das Skylight für den Blick vom Kartentisch zum Verklicker und manche verblüffend preiswerte Lösung aus dem Baumarkt.

Jetzt, zehn Jahre später, fasst er zusammen „Bestevær 2“ sei „just the right tool“ und er „könne ein Buch schreiben, was sich bewährt hat und welche Kleinigkeiten ich ändern würde“. Mit den 2,60 m Tiefgang des Festkiels hat er angesichts flacher Reviere oder Liegeplätze unterwegs gehadert. Obwohl die Systeme im Vergleich zu üblichen Booten leicht zugänglich sind, würde er da noch einen Schritt weiter gehen. Die einzige Farbe an Deck, den Antirutschbelag findet er entbehrlich. Das Heck könnte eine Idee breiter sein.

Segeln statt reparieren

Wichtiger als Einzelheiten zum „tool“ aber ist ihm das Segeln und sind die angesteuerten Reviere. „Wir haben die nördlichen Gewässer sehr genossen. Die Nordwestküste Schottlands, Spitzbergen und Grönland fanden wir klasse, aber auch Bahia oder Fernando de Noronha“. Beim Spitzbergen Törn war für den Holländer ein Abstecher zur Insel Amsterdam und der einstigen Smeerenburger Walfangstation obligatorisch.

„Die Azoren mochten wir und La Graciosa im Norden von Lanzarote. Nur in den Marinas der kanarischen Inseln fühlten wir uns nicht wohl. „Je weiter Du nordwärts segelst, desto interessanter und günstiger wird es. Und in den hohen Breitengraden ist es kein Problem, das Boot für eine Weile allein zu lassen.“

Im Herbst letzten Jahres kehrten die Dykstras mit ihrem Schiff wieder nach Holland zurück. Der Törn hatte sie von den Lofoten um das Nordkap ins weiße Meer nach Archangelsk, zu den Solowezki-Inseln und durch die Kanäle zum Finnischen Meerbusen, über St. Petersburg quer durch die Ostsee bei normal viel aus Südwest zum IJsselmeer geführt.

Praktisch wartungsfrei

„Von der üblichen Pflege abgesehen hat sich das Boot als praktisch wartungsfrei erwiesen. Leider kann das von seiner Besatzung so nicht behauptet werden“ berichtet der drahtig sportliche Dykstra trocken. Er wird im Sommer 70.

Und nun? So ein Fern- und Vielsegler kann unmöglich zur Landratte werden, die ein bißchen auf dem sommerlich überlaufenen IJsselmeer herum schippert. Vor einigen Jahren mußte Dykstra aus beruflichen Gründen von Brasilien wieder zurück, obwohl das Paar eigentlich nach Patagonien wollte.

„Wir versuchen das später nochmal“ hatte er damals nebenher erwähnt. Wie geschildert ist Dykstra keiner, der so eine Reise ankündigt. Er wird ablegen, wenn es soweit ist. Die Frau und das Schiff dazu hat er.

Warum das hier erzählt wird? Ganz einfach. Fast jeder  Bootskäufer behauptet irgendwann einmal für den richtig langen Törn ablegen zu wollen. Und 98 Prozent aller Boote sehen ziemlich anders aus wie Dykstras No nonsense Boat. Irgendetwas stimmt da nicht.

 

„Bestevær 2“

Konstruktion: Gerard Dykstra
Werft: K & M Yachtbuilder Makkum
Länge über Alles: 16,17 m
Breite: 4,52 m
Verdrängung half load: 18,5 to
Segeltragezahl: 4,8
Ballast: 5 to
Wasserballast           : 1,2/1,8 to
Tiefgang: 2,60 m
Kuttertakelung: 155 m2
Maschine: Nanni 65 PS/48 kW
Interieur: Mahagoni, weißgraue Vertäfelung
Heizung: Zentralheizung und Kamin

 

„Bestevær 2“ ist Dykstra-typisch nach dem Motto „Einpacken kannst Du immer“ generös besegelt damit es bei Leichtwind läuft. Bei unwirtlichen  Bedingungen bleibt der Klüver aufgerollt und es wird mit einer an Stagreitern gesetzten Fock gesegelt. Mit dem kleinen Tuch vorne und entsprechend über drei Reffreihen reduziertem Groß verträgt die kuttergeriggte Slup eine Menge Wind, mit den zur Schiffsmitte hin konzentrierten Tüchern viel Seegang.

Das Schiff mit dem markanten Vorsteven sieht behäbig aus, hat dank deftiger Achterlieksrundung im Groß und 155 Quadratmetern am Wind die für ein Fahrtenboot ordentliche Segeltragezahl von 4,8 und macht mit insgesamt 270 qm raumschots reichlich Dampf. Das Ehepaar segelte mühelos und ohne Gennaker 200 sm Etmale.

 

Gerard Dijkstra

Der Konstukteur, der seinen Namen für seine internationale Kundschaft vor einigen Jahren in Dykstra änderte, ist eine vielseitige Kapazität. Von günstigen indonesischen Kanus und Fischerbooten bis hin zu Megayachten wie dem 90 m Dreimastschoner „Athena“ oder dem 88 m Segelroboter „Maltese Falcon“ hat er ganz unterschiedliche Boote entworfen. Er beschäftigte sich vertieft mit Selbststeueranlagen und gehört als Praktiker zu den unbeirrten Verfechtern des Aeroriggs.

Nach einer Ausbildung zum Segelmacher und abgebrochenem Studium an der TU Delft segelte Dykstra zwei mal das OSTAR – hier ein Video (http://www.youtube.com/watch?v=l9M31a0y1tE#t=22) von 1972 – und trug als Navigator und Wachführer zum Sieg der „Flyer“ bei der Whitbread Regatta um die Welt 1977/8 bei. 1979 und 81 segelte er mit Oliver de Kersauson mit „Kriter VI“ und dem Trimaran „Jacques Ribourel“ zu zweit Atlantik Regatten.

Dykstra zeichnete vom ansehnlichen Daysailer wie der „Eagle 44“ bis hin zur „Stad Amsterdam“ (1999) oder „Cisne Branco“ dreimastige Schulschiffe.

Bekannt wurde er mit der yachtbaulich anspruchsvollen Modernisierung der J-Class „Endeavour“ Ende der Achtziger Jahre. Dieses Projekt gilt als Relaunch des Bootstyps, dem das Refit von „Shamrock V“, die Modernisierung von „Velsheda“, die Überholung von „Ranger“, die Repliken „Hanuman“, „Rainbow“ und „Yankee“ mit Dykstras Expertise folgten.

Sein Büro zeichnete große Fahrtenschoner wie „Athena“, „Bokumriff IV“, „Meteor“ oder „Windrose of Amsterdam“ und zahlreiche mittelgroße Fahrtenboote der sogenannten Bestevær-Serie, meist von K&M gebaut.

Sein Umgang mit Klassikern wie „Adela“ ist umstritten. Das Büro entwickelte auch das Greenpeace Schiff „Rainbow Warrior III“ und ist derzeit mit dem 141 m Viermastschoner „Dream Symphony“  beschäftigt. Das neunköpfige Konstruktionsbüro wird von Thys Nikkels geleitet. Als Senior zieht Dykstra nach wie vor im Hintergrund die Strippen. Website

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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http://nouveda.com

4 Kommentare zu „Porträt: Star-Konstrukteur Gerard Dykstra und seine „Bestevær 2““

  1. avatar Bluemotion sagt:

    Das mit der Topqualität und Einfachheit dieser Schiffe stimmt zu 100 %. Leider ist ein Einstandpreis von über 1,0 Mio Euro kein Klacks und da ist die Zahl der Käufer auch dann nicht ganz so hoch. Und der zu erwartende Werteverlust wird wohl auch seinen Teil dazu bei tragen.

    Aber sind echt tolle Schiffe-Neid…

    Bluemotion

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar micha sagt:

    Mein Traumboot.
    In Holland besichtigt, bei K+M nette Gespräche geführt, super Schiff, leider nicht meine Preisklasse.

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  3. avatar Jan-X sagt:

    Im April ist bei K&M übrigens Open Door, am 19. mein ich…
    Übrigens: Das mit dem Wertverlust glaub ich eher nicht, zumindest nicht bei den Alu-Schiffen. Das ist aber auch egal, das sind Schiffe zum Vererben…

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  4. avatar Micha sagt:

    Ob oder welche Wertverluste bei der Bestevær 2 vorhanden sind, ist reine Spekulation. Eine verlässliche Größenordnung bei so wenig bebauten Schiffen zu ermitteln, ist sehr schwer.
    Vor ein paar Jahren bei der open Water in Ijmuiden waren 3 gebrauchte Bestevær 2 zu verkaufen. Alle für rund 1 Million Euro, alle haben ihren Käufer gefunden.
    Ladenhüter sieht anders aus.

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