Knarrblog: Berliner Match Race Meisterschaft. Es soll nicht sein.

Nach Euphorie kommt Ernüchterung

Von Carsten Kemmling

Segelduell auf glitzerndem Wasser. Die Berliner Match Race Meisterschaft genoss schönstes Herbstwetter. © Annette Gullinger

Es ist ein schöner Start am Pin End. Etwas hoch gequetscht an der Tonne, aber die Marke nicht berührt. Meister liegt nach Luv versetzt sauber im Abwind. “Start frei” heißt es an Bord nach einem Blick zum Startschiff. Meister fällt zurück, sackt achteraus, greift aber nicht an. Komisch.

Erst auf dem letzten Vorwindkurs versucht er drüber zu rutschen. Die Verteidigung per Luvkampf glückt. Er schreit etwas herüber. Wir gehen zuerst ins Ziel. Nicht gewertet. Frühstart! Komisch! Wir haben doch beim Start zum Schiff gesehen. Keine Flagge bemerkt. Aber alle sagen, sie hing dort.

Es ist ein blöder Auftakt der Berliner Match Race Meisterschaft, die seit vielen Jahren vom Berliner Yacht Club ausgerichtet wird. Bei dem Grade 3 Event sind fünf polnische Teams, ein Italiener, ein Holländer und fünf deutsche Mannschaften am Start.

Lange Zeit wurde die Regatta mit H-Booten bestritten, nun hat der Verein erstmalig eine Laser SB3 Flotte vom Scharmützelsee gechartert. Die ersten beiden Teams qualifizieren sich für das Grade 1 Berlin Match Race in der ersten Novemberwoche.

Ich bin guter Dinge. Bei der SB3 Weltmeisterschaft am Gardasee haben wir die Tiefen erlebt aber auch Erfahrung mit dem Boot gesammelt. Und neben Stammvorschoter Peter Stein ist “Trivia”-Spi-Trimmer Sven Gauter mit an Bord, der regelmäßig SB3 segelt die Manöver drauf hat und den Altersdurchschnitt fast um die Hälfte senkt.

Aber nach der ersten Niederlage stehen wir unter Druck. In zwei sechser Gruppen kommen drei Teams in die nächste Runde. Wieso haben wir diese blöde Flagge am Startschiff nicht gesehen? Es ist ein Rätsel.

Im zweiten Rennen gegen den Polen Patryk Zbroja gewinnen wir den Start, verlieren aber das erste Wendeduell. Die Luvtonne rundet er knapp vor uns. Aber da ist dieser Bugspriet. Ich will hinter Zbroja zur Halse durchschwingen, und rasiere ihnmit dem Pinökel fast vom Deck. Penalty.

Aber wir bleiben dran. Das Wendeduell auf der zweiten Kreuz endet mit einer zu knappen Wende von ihm. Er legt sich auf der Anliegelinie direkt vor uns, so dass ich ausweichen muss. Penalty für ihn. Die Strafen heben sich auf. Blöd nur, dass ich nach Lee in seinen Windschatten ausweiche. Er erwischt knapp die Anliegelinie, wir müssen noch zwei Wenden fahren.

Fü solche Fälle gibt es die rote Flagge. Sie wird gezogen, wenn jemand durch eine Regelverletzung einen zu großen Vorsprung bekommt. Man nennt es auch “professional foul”. Aber da müssen die Schieris schon sehr gewieft sein, um eine solche Situation zu erkennen. Meine Lehre: einfach nicht nach Lee sondern nach Luv ausweichen bei der Wende. Dann hätten wir uns wohl auch noch um die Tonne quetschen können.

Nach 0:2 ist klar, dass alle folgenden Rennen gewonnen werden müssen, um noch weiterkommen zu können. Es gelingt. Nach einem dramatischen Überholmanöver auf dem letzten Vorwindkurs gegen den Holländer retten wir eine Länge Vorsprung ins Ziel und sind euphorisiert.

Abklatschen, weitermachen. Wir haben ein gutes Gefühl für die nächste Runde. Bei diesem Event ist etwas drin. Wir entwickeln uns mit jedem Rennen. Die Manöver, die Absprachen, alles klappt immer besser.

Die sechs Boote treiben um das Startschiff herum. Die nächste Runde soll wohl gleich starten. Sechs Teams sind raus, sechs dürfen weitermachen. Wir müssen noch gegen die Gegner aus der anderen Sechser Gruppe segeln. Da hat der favorisierte Pole Tarnacki 5:0 gewonnen vor dem Kollegen Szymik 3:2 und dem Italiener Ramirez 3:2.

Hektische Betriebsamkeit auf dem Startschiff. Gibt es da noch einen Protest zu verhandeln? Einige Skipper werden von Motorbooten eingesammelt. Wieso sagt uns niemand, was los ist? Stefan Meister ruft vom Startschiff: “Habt ihr gegen den Polen verloren?” “Yep”. Mehr sagt er nicht.

Hmm, langsam kommt uns die Erkenntnis. Sollte unser 3:2 etwa nicht fürs Weiterkommen reichen? So ist es. Der Holländer hat blöderweise alle seine Rennen bis auf unseres gewonnen, liegt also mit 4:1 vorne. Der direkte Vergleich gegen ihn hilft uns nicht. Meister und Zbroja weisen wie wir ein 3:2 auf haben uns aber jeweils geschlagen. Was für eine untypische Konstellation! Was für ein Mist!

So schnell wird aus Euphorie Niedergeschlagenheit. Das Spiel ist aus, aus, aus. Wie ungerecht! Aber was lernt man daraus? Es hätte geholfen, mehr Rennen zu gewinnen und noch besser zu segeln. Dann muss man nicht rechnen, hoffen, zittern. So einfach ist das.

Ergebnisse der ersten sechs:

1. Tarnacki (POL)

2. Feitsma (NED)

3. Meister (GER)

4. Zbroja (POL)

5. Ramirez (ITA)

6. Szymik (POL)

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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