Video Fundstück: Zwölfer “Anita” im Sturm. Sanierung der Yacht hat begonnen

"Anita" im Orkan. "Wir waren relativ vergnügt"


Der Zweimaster taumelt. Mit kleinster Fock läuft er vor dem Sturm ab. Brecher rollen unter dem Rumpf durch. Er scheint kaum manövrierbar zu sein. Niemand ist an Bord zu sehen. Dabei kauern zehn Menschen in seinem Leib.

„Wir waren relativ vergnügt“, beteuert Skipper Manfred Ernst im Rückblick. „Wir hatten zwar elf, zwölf Windstärken, aber das Schiff hält das ja normalerweise aus.“ Aber dann „stolpert“ der Zwölfer in der Nähe von Esbjerg über eine Welle.

Zwölfer "Anita" unter Spi. Der zum Zweimaster umgebaute Klassiker wird saniert. © freundedersyanita.de

Ein Kaventsmann habe sie erwischt. Er sei von hinten durchgelaufen und beim „Runterschießen ins Tal“ habe das Schiff quer zur Welle gestanden. „Wir wurden von der Welle getroffen und kenterten. Gott sei Dank nicht voll, sonst wäre der Großmast im zwanzig Meter flachen Wasser verloren gegangen.“

Der Mast soll etwa zehn Grad unter Wasser gedrückt worden sein, dann richtete sich das Schiff wieder auf. Allerdings lief viel Wasser ins Schiff und der Skipper befürchtete den Bruch einer Planke. Deshalb setzte er ein Mayday ab.

Der Seenotkreuzer „Wilhelm Kaisen“ wird verständigt. Nach fünf Stunden trifft er bei der „Anita“ ein. Aber der Wassereinbruch ist gestoppt. Die DGzRS muss nur noch Geleitschutz nach Helgoland geben.

"Anita" zeigt ihre Schokoladenseite. Bald soll sie wieder glänzen. © freundedersyanita.de

Selten ist ein Seenotfall so gut wie dieser vom 2. Oktober 1997 dokumentiert. Die Video-Aufnahmen von Bord der „Wilhelm Kaisen“ geben ein Gefühl dafür wie sich der Zwölfer in der aufgewühlten Nordsee bewegt.

Dabei stellt sich die Frage, ob man nicht einmal mit dem Urteil aufräumen muss, dass Langkieler im Sturm besonders liebenswerte Geschöpfe sind. Dieses langsame Ablaufen vor dem Wind sieht extrem ungesund aus. Das Schiff ist kaum steuerbar und die Brecher laufen schnell unter dem Rumpf durch.

So droht scheinbar ständig ein erneutes Querschlagen. Moderne Yachten dagegen, die sich wie ein Open 60 auf die Welle setzen können und den sichersten Kurs zum passenden Wellenbild ermöglichen, scheinen gerade solche Bedingungen beim Ablaufen vor dem Wind erträglicher und kalkulierbarer zu machen.

Der Schönheit des zur Fahrtenyacht umgebauten Zwölfers „Anita“ tut das allerdings keinen Abbruch. Das 73 Jahre alte bei Abeking und Rassmussen gebaute Schiff harrt zurzeit im dänischen Gilleleje der nötigen Sanierung.

Der Förderverein „Freunde der SY ANITA e.V.“ hatte bis Ende des Jahres versucht, die geschätzten 400.0000 Euro für die Erhaltung des Yachtklassikers einzusammeln, und ist offenbar dabei erfolgreich gewesen.

Der alte Betreiber, die Segelkameradschaft Ostsee war allerdings mit den Kosten überfordert und löste sich auf. Neuer Besitzer der Yacht ist die Segelvereinigung Rheingau. Ziel ist es, das Schiff besonders für das Jugendsegeln zu nutzen. Im Gegensatz zu früher soll die Yacht jetzt auch eine Hilfsmaschine erhalten.

Anfang April beginnen die Arbeiten an dem lecken Holzrumpf. Im Winter sollen sie abgeschlossen sein.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
http://nouveda.com

5 Kommentare zu „Video Fundstück: Zwölfer “Anita” im Sturm. Sanierung der Yacht hat begonnen“

  1. avatar Addi sagt:

    Sieht wirklich ziemlich beängstigend aus, z.B. bei ca. 3:35 min
    Sind diese Langkieler bei solchen Bedinungen vielleicht gar nicht die “besonders liebenswerte Geschöpfe”, wie man sonst überall hört?
    Sind die modernen Bauarten vielleicht doch überlegen? Einer der wenigen, den ich bisher darüber sprechen hörte, ist Minitransat Teilnehmer und führender Kopf hinter der Seascape18 Andraz Mihelin. In einem Vortrag in Norwegen sagt er, dass er moderne Boote wie die Class 40 als am sichersten zum Segeln ansieht. Und dass breite, leichte Boote die Zukunft des Segelns seien.
    http://translate.google.com/translate?js=n&prev=_t&hl=en&ie=UTF-8&layout=2&eotf=1&sl=no&tl=en&u=http%3A%2F%2Fwww.seilas.no%2Fwip4%2Fdetail.epl%3Fid%3D580937&cat=6027

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar Ketzer sagt:

    Die Aufnahme ist ja schon älter und auch damals fragte ich mich, woher dieses Argument “Langkieler sind im Sturm die besten Boote, da sie so kursstabil sind” kommt. Nachdem man sieht, wie sich die Anita hier wie ein Schweinchen im Schlamm suhlt und nicht auf Kurs zu halten ist, fühle ich mich in der gegenteiligen Ansicht bestärkt.

    Ob jetzt eine leichte Regattabratze, die die Welle runter surft und dank ihres dicken Hinterns wilde und harte Bewegungen macht die bessere Alternative ist, bezweifle ich, doch ich denke, dass jeder Kurzkieler, der fix auf’s Ruder reagiert in diesem Fall einfach die bessere Alternative ist.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  3. avatar Grenå sagt:

    Modern & leicht = besser? Ja, wenn man selbst noch aktiv steuert. Aber wer macht das dann noch, rund um die Uhr, bei kleiner Crew? Und ist der Kurzkieler im beigedrehten Zustand immer noch besser? Ich glaube nicht.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

    • avatar Ketzer sagt:

      Mit einem schnell ansprechenden, modernen Boot kommt eine Windfahnensteuerung gut klar und ein moderner Autopilot exzellent. Und bei dem Geeier was die Anita hier zeigt wird sicherlich auch jemand wie wild am Rad kurbeln, bzw. wären alle automatischen Steuerungen wohl heillos überfordert.

      Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  4. avatar Olli sagt:

    Man kann wohl schon verallgemeinern, daß moderne open class Boote vom Konzept her seetüchtiger sind. Daß dort desöfteren was kaputt geht, liegt am Gewichtsminimalismus. Wer nicht aufs Gramm achtet, käme mit einem Class40 wohl sicherer durch die brüllenden Vierziger, als mit einer Island Packet, oder was es sonst so langkieliges gibt.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *