Abgeborgen: Boris Herrmanns Vater vor Mauritius gerettet – Stahlyacht versenkt

"Ich spüre, wie etwas in mir bricht"

Einhandsegler Moritz Herrmann (74), der Vater von Profi-Segler Boris, ist in Seenot geraten. Eine gebrochene Rollfockanlage und beschädigte Steuerung führten zum Verlust seiner “Fidel”.

Rettung Herrmann

Das zerfetzte Vorsegel der “Fidel”. © Herrmann

Herrmann war alleine mit seiner Reinke Stahlyacht “Fidel” im Indischen Ozean unterwegs, als Probleme mit seinem Vorsegel auftraten. Die neu installierte Rollreff-Anlage riss aus dem Deck.

Im Blog des Selbststeueranlagen-Herstellers Windpilot berichtet der erfahrene Einhandsegler über das Drama auf See. “An der Mastspitze hängend schleuderte der schwere Rollkorb und die ganze Anlage mit dem Segel weit nach Lee, um dann immer wieder, wie eine Abrissbirne gegen das Boot zu donnern.”

Herrmann beschreibt den Versuch, die massive Trommel am Ende der Rollanlage einzufangen, als “lebensgefährlichen Kampf”. Im Wellengang schleuderte das Vorstag mit Wucht über das Deck.

Wunden an Füßen und Händen

Der Segler wurde vom Stag im Gesicht getroffen und blutete aus der Nase wie auch aus Wunden an den Füßen und Händen. Schließlich gelang der Fang mit einer Leine und er konnte die Trommel an der Reling fixieren. Aber die Reste des Vorsegels hingen im Rigg und zerrten im Wind unkontrolliert am Masttopp, der nun nicht mehr durch das Vorstag gesichert war. Es drohte der vollständige Verlust des Riggs.

Rettung Herrmann

“Fidel” vor Anker. © Herrmann

So entschied sich Herrmann, das Segel weiter zu zerfetzen, um den Druck aus dem sich immer wieder aufblähenden Tuch zu nehmen. “An einen scharfen Fischhaken band ich ein langes Aluminiumrohr und versuchte, mit diesem schweren Ding in das Segel zu hacken.” Dabei wurde er von dem bockenden Schiff aufs Deck geschleudert und konnte sich nur im letzten Moment mit einem Griff zur der Reling den Sturz ins Wasser verhindern.

Schließlich verfing sich auch noch eine Leine in der Schraube, und der Skipper tauchte mit einem Messer bewaffnet im Wellengang unter das stampfende Heck. Nach großer Anstrengung gelang es Herrmann, seine “Fiedel” wieder auf Kurs zur Insel Rodrigues vor Mauritius zu bringen, und für den Moment kam er mit seiner gestutzten Segelfläche wieder einigermaßen voran.

“Frische, würzige Luft”

20 Tage berechnete er nun für die Ankunftszeit bei drei Konten Speed, und er konnte die Zeit auf See wieder genießen. “Wieder das Hochgefühl, mit Blick über die lebende, immer bewegte Weite des Ozeans, wo du die Wetter kommen und wieder abziehen siehst, hinter dir der Sonnenaufgang, vor dir Ihr Untergang. Du hast all dieses, den Tagesablauf, den Blick zum Horizont, das Wetter, den Wind und die ewige See für dich, unverstellt durch Reklamewände, ungestört von Beschallungen und immer frische, würzige Luft, die zu atmen eine Lust ist.”

Aber dann der nächste Rückschlag: “Ich drehe energisch am Steuerrad, es geht verdächtig leicht, das Boot reagiert nicht mehr. Ich robbe zur Achterpiek und klettere rein: überall Öl! Die Hydraulik ist hin, alle Dichtungen tropfen. Wie kann das sein, nach all den Reparaturen?”

In den Monaten zuvor hatte Herrmann häufiger Probleme mit der Hydraulik der Ruderanlage gehabt und sich deshalb in Bali zu einem Umbau des Ruders entschlossen. Es sollte leichter drehen. Und dafür wurde die Hydraulik noch einmal generalüberholt. Aber nun war das System dennoch kollabiert.

“Das ist das Ende”

“Ich spüre, wie etwas in mir bricht: das ist das Ende”, schreibt der Blauwasser-Segler, der schon so viele Meilen im Kielwasser hat.  “Ich schaue über das nächtliche Meer. So lebendig und schön siehst du aus, denke ich, aber im Hintergrund meines Bewußtseins quillt wie eine giftige Wolke der Gedanke auf: Moritz, du hast verloren.”

Er kontaktet seinen Sohn Boris an, und der vermittelt den Hilferuf an die Seenotleitstelle in Bremen, um die Rettungschleife in Gang zu setzen. Schließlich trifft der 295 Meter lange unter der Flagge Hong Kongs fahrende Massengutfrachter “Pacific Spirit” bei der “Fidel” ein.

Nach einem dramatischen Manöver klettert Herrmann mit letzter Kraft per Strickleiter an der Bordwand hoch, nicht ohne vorher die Seeventile seines geliebten Stahlschiffes geöffnet zu haben. Er wolle nicht, dass seine Yacht als Geisterschiff auf den Meeren umhertreibt und andere gefährdet.

Die chinesische Crew nahm den Deutschen herzlich auf, brachte ihn nach Mauritius, von wo aus schließlich das Konsulat den Rückflug in die Heimat organisierte. Herrmann hat nun endgültig sein Zuhause verloren.

Rettung vor drei Jahren

Vor drei Jahren hatte er das Schlimmste noch knapp verhindern können. Damals war bei seiner 18-Tonnen-Yacht das Ruder gebrochen. Der Oldenburger trieb fast 20 Tage mit seinem zwölf Meter langen Zweimaster manövrierunfähig auf hoher See , und gleich drei Yachten scheiterten beim Schleppversuch des schweren Schiffes.

Rettung Herrmann

2013 hinter der “Tres Hombres” im Schlepp. © Herrmann

Der damals 71-Jährige war erschöpft, ohne Hoffnung und stand kurz davor, das Schiff aufzugeben. Aber am zweiten Weihnachtsfeiertag meldete sich der niederländische Zweimaster ‘Tres Hombres’, der Frachtschiffahrt unter Segeln betreibt. Er änderte den Kurs auf die “Fidel”, nahm sie auf den Haken uns lieferte sie mit seinem Skipper in Barbados ab.

Aber nun ist das Schicksal der treuen Yacht doch besiegelt. “Eine schmerzhafte Lücke klafft noch neben mir”, sagt Herrmann. “Da ist kein Boot mehr, das so viele Jahre meine Heimat gewesen ist.” Nun sucht er nach einer Wohnung und versuche einen Neuanfang.

Tipp: Uwe Röttgering

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Abgeborgen: Boris Herrmanns Vater vor Mauritius gerettet – Stahlyacht versenkt“

  1. avatar Markus sagt:

    Ojee, so etwas schmerzt in meinem Seglerherz.
    Ich wünsche dem Moritz einen guten Neustart am Land, wobei das sicher nicht einfach für ihn wird…

    Eine sehr traurige Geschichte…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 18 Daumen runter 0

  2. avatar CrunchySkippy sagt:

    Schade und sicher eine schwere Entscheidung. Alles Gute Moritz!

    Eines finde ich allerdings bedarf noch ein paar mehr Erklärungen. Wenn die Rollanlage aus dem Bug gerissen ist, wieso konnte die dann “wie eine Abrissbirne” pendeln? Waren Holeleine und beide Schoten denn mit abgerissen, denn an denen hätte man doch die Anlage zurück holen können? Nur mal aus Interesse daran aus dem betrüblichen Ereignis zu lernen.

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