Anders arbeiten: Traumjob Bootsmann? Nachgefragt bei Liam Domizlaff

"Immer Einsatz zeigen!"

Die Bootsmänner Liam (links) und Autor Hinnerk bei der Überführung einer TP52. Ausnahmsweise im Pausen-Modus © stumm

Die Bootsmänner Liam (links) und Autor Hinnerk bei der Überführung einer TP52. Ausnahmsweise im Pausen-Modus © stumm

Wohl viele von uns träumen davon, dem tristen Nine-to-Five-Job zu entfliehen und das Hobby „Segeln“ zum Beruf zu machen. Aber Bootsmann, wie wird man das eigentlich? Was macht die berufliche Betreuung von Yachten aus? Und ist das wirklich alles Gold, was glänzt?

SegelReporter hat Liam Domizlaff befragt, ein Urgestein der Szene, der seit Jahrzehnten Yachten beruflich betreut.

SR: Liam, nach zig Stationen betreust Du momentan eine Club Swan 42 bei New York. Wie kamst Du eigentlich zum Job „Bootsmann“?

Liam: Naja, ich kam schon familiär bedingt früh zum Segeln. Und habe da dann auch schnell Spaß an der Sache entwickelt, speziell am Regatta-Segeln. Über meinen Vater, der länger mit dem Hamburger Modeunternehmer Thomas Friese zusammen Regatten segelte, kam ich auf dessen „Thomas-I-Punkt.“ Sie war eigentlich das erste Boot, das ich mitbetreut habe. Kleinigkeiten wie Putzen, Winschen warten, Bootstransfers, halt das Schiff für Regatten in Schuss halten. In der folgenden Saison kam dann mit der ILC 40 „Omen“ ein weiteres Schiff dazu, mit dem mein Verantwortungsbereich stieg. Später wurde er so dann ja auch Weltmeister (1994 vor Key West, Anm. d. Red.) in der Mumm 36-Klasse (lacht).

Betreuungsobjekt "Platoon" © stumm

Betreuungsobjekt “Platoon” © stumm

SR: Beschreibe doch mal den Berufsalltag. Was macht die Betreuung von Yachten aus?

Liam: Das hängt ganz vom Boot und davon wie es genutzt wird ab. Aber grundsätzlich geht es darum, Eigner möglichst viel abzunehmen: Vom Saubermachen, Warten der Trimminstrumente und Bordelektronik über die Organisation von Liegeplätzen, Törnplanung, Überführungen bis hin zur Kinderbetreuung. Alles ist möglich, man sollte flexibel sein und eigenverantwortlich handeln können.

SR: Du hast vom innovativen Einzelbau über Fahrten-Yachten im Highend-Segment bis hin zur reinen Regatta-Yacht wie der TP 52 „Platoon“ von Harm Müller-Spreer, schon einige Yachten betreut. Gibt es da Unterschiede? Wo liegen die?

Definitiv, im High-End-Regattasport ist alles gewichtsoptimiert. Der Rumpf einer TP wiegt nicht viel mehr als die Miele-Waschmaschine auf einer Fahrtenyacht. Ähnlich wie im Motorsport werden die Boote bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit gesegelt. Mit bis zu 80 Regatta-Tagen im Jahr ist Wartungsstau der größte Feind. Es ist kein Geheimnis, dass bei einem erfolgreichen Abschluss einer Regatta-Saison auch die Shore-Crew mit Bootsbauern, Segelmachern, Tender-Fahrern und shore-managern ihren Anteil hat.

SR: Manch einer träumt davon, das Hobby Segeln zum Beruf zu machen. Aber in fast jedem Job heißt es ja auch „dealen mit Kompromissen“. Welche Kompromisse muss man als Bootsmann eingehen? Oder wo siehst Du die Schattenseiten?

Liam: Das fängt schon mal mit dem Standort an: Die Jobs in Deutschland sind an einer Hand abgezählt. Das Mekka heißt Mittelmeer oder im Winter: Karibik. Traumspots, hört sich gut an, oder? Aber man ist fernab von Freunden, Heimat und Familie. Nicht jeder kann das. Ein Boatcaptain als glücklich verheirateter Familienvater ist eher die Ausnahme. Viele haben Stress, leben in einer On-Off-Beziehung oder sind wieder geschieden. Letztlich ist es auch bloß ein Job, man ist ein Dienstleister.

Immer Verantwortung übernehmen © stumm

Immer Verantwortung übernehmen © stumm

SR: Ob Mittelmeer-Regatten oder Überführungen in anderen Traumrevieren, sicherlich gibt es ja auch Momente, die einen entschädigen. Wo siehst Du die positiven Facetten?

Liam: Klar, man soll ja auch nicht nur meckern. Eigenverantwortlich eine Highend-Yacht über längere Distanzen, oft hunderte, bei einer Atlantikquerung mehrere tausend Meilen, von A nach B zu bringen. Der Erfolg für viele Mühen durch eine gewonnene Regatta. Ein glücklicher Eigner in seinem Jahresurlaub auf dem Boot. Meist bewegt man ja auch Yachten, die einem Großteil der Segler leider verwehrt bleiben: Einen 60-Fußer im Surf zu erleben, ist ja auch nicht schlimm… .

SR: Auch längere Überführungen von Revier zu Revier sind part of the job. Was macht so eine Überführung aus?

Liam: Eine längere Überführung findet ja fast immer ohne Eigner statt. Man stellt sich eine Crew zusammen und segelt los. Aber die Vorbereitung fängt viel früher an: Yacht präparieren, Einkauf, Törnplanung und so weiter. Geht´s dann endlich los, ist man froh, aber auch angespannt: Schließlich trägt man Verantwortung für eine Yacht, deren Wert meist im mehrstelligen Millionenbereich liegt. Eine hochgerüstete Fahrtenyacht wie eine Swan oder Oyster hat von Air-Condition über Watermaker bis hin zur Hydraulik, ohne die sich die riesigen Segelflächen gar nicht mehr eintrimmen lassen, zig Systeme, die am Laufen gehalten werden müssen.

Rumpf abtauchen – Alltag auf der TP 52 © stumm

Rumpf abtauchen – Alltag auf der TP 52 © stumm

Aus kleinen Fuck ups an Bord kann schnell Größeres auf Langtörn entstehen. Es gilt wachsam zu sein und antizipierend zu handeln: Wetterbericht checken und daraufhin die Segel für die nächsten Stunden oder die kommende Nacht wählen. Crewführung, Wacheinteilung und so weiter. Als Schiffsführer hat so ein Langtörn zwar durchaus auch positive Facetten, ist aber letztlich ein Job mit viel Verantwortung.

SR: Ist der Job Bootsmann mehr Beruf oder Berufung? Kann man davon leben?

Liam: Wohl eher Berufung. Man muss damit leben können, wochenlang fernab von Family & Co. zu sein. Andererseits wird man ja auch durch besondere Erlebnisse mit besonderen Booten auf dem Meer entlohnt. Und natürlich kann man davon leben, aber nicht immer von Anfang an. Wie in jedem Job, fängt man ja klein an. Aber ein Boatcaptain auf einer Swan 66 verdient schon seine 5.000 Euro netto. Auf einem 90 Füßer, mit Hostess und zweitem Bootsmann doppelt sich das, aber bis dahin ist es ein weiter Weg.

SR: Was würdest Du jungen Leuten empfehlen, die einen derartigen Job in der Branche anstreben? Kann man den Werdegang forcieren?

Überführung der Swan 66 Planeta © Stumm

Überführung der Swan 66 Planeta © Stumm

Egal, wie klein die Yacht oder das Regatta-Projekt: Man sollte immer Einsatz zeigen. Wenn man auf der Mittwochsregatta als erster an Bord ist und als letzter die Segel verstaut, putzt und die Bilge von Seewasser befreit, während die Crew and der Club-Theke feiert, wird dies von jedem Eigner honoriert. Später auch finanziell. Weiterhin lernt man auch immens über die zukünftige Arbeit: Letztlich steckt in der 30-Fuß Dehler-Winch dieselbe Technik wie in der familienpizza-grossen Keramik-Carbon-Winch einer 100-Fuss-Wally.

Der Markt ist härter geworden. Früher galt schon ein „Yachtmaster Offshore“ als eine gewisse Eintrittskarte im Scheinwesen. Heute machen die Jungs diverse Zusatzausbildungen: Vom „Maschinen-Wartungsschein“ über „Notfall-Kurse“ bis hin zu Seminaren über Bordelektronik. Der Markt hat sich professionalisiert. Über Agenturen wie die P.Y.D. (Professional Yacht Deliveries) kann man sich von einfacher Deckshand bis hin zum Boatcaptain hocharbeiten. Es gibt immer mehr Segler/ Enthusiasten, die den Job des Boatcaptains anstreben, aber es gibt auch mehr Jobs denn je in diesem Bereich. Die Krise der Bootsbranche liegt ja im Mittelstand, nicht in der High Society.

SR: Wir danken für das Gespräch.

 

Zur Person: Liam Domizlaff, 42, kommt aus einer alteingesessenen Segeldynastie: Schon Opa Hans Domizlaff segelte in den 20er Jahren auf der „Dirk III“ als erster Deutscher zum Nordkap. Vater Svante Domizlaff gilt als renommierter Segel-Journalist, der sich als Yacht-Redakteur und durch zahlreiche Publikationen wie „Yachten im Orkan“ (über das Fastnet Race 1979, an dem er selbst teilnahm) einen Namen machte. So ist Liam selbst früh zum Segeln gekommen und betreut seit mittlerweile fast 20 Jahren Yachten im Highend-Segment.

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Hinnerk Stumm

... segelt seit Kindertagen, von Jolle bis Dickschiff. Sein Motto: „Segeln ist letztlich völlig überbewertet!“ Weiteres ...
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Ein Kommentar „Anders arbeiten: Traumjob Bootsmann? Nachgefragt bei Liam Domizlaff“

  1. avatar Backe sagt:

    Schöner, sehr informativer Artikel!

    Der Sohn eines guten Freundes war gerade für ein Jahr (nach dem Abitur) als Deckhand auf einem größeren Motorsegler eines deutschen Eigners, mit Liegeplatz in Palma …
    Er ist über eine Vermittlungsagentur an den Job gekommen und hat für einen Berufsanfänger sehr gut vierdient. Aber leider kam das Segeln wohl ziemlich zu kurz. Ab 15 Knoten wurde (auch aus Angst ums Material) da prinzipiell nur noch motort, und das Fahrtgebiet und auch die Anzahl der Törns waren äußerst begrenzt. M.a.W.: das Ding wurde von der Eignerfamilie ein paar Wochen im Jahr als (riesiges) Badeboot benutzt. Den Rest der Zeit war für ihn und die drei anderen Crewmitglieder (Skipper, dessen Frau als Köchin und eine Hostess) im Wesentlichen Maintenance und Niro-Polieren angesagt.
    Sein Fazit: Ganz ok das mal gemacht zu haben, speziell nach dem Abi, aber für länger war’s für ihn dann definitiv “zu wenig”.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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